30. September 2026
Das Missverständnis von Salamanca

Die Integrative Schule – ein Murks mit Ansage

Condorcet-Autor Roland Stark (SP), ehemaliger Grossrats- und Parteipräsident, fasst in prägnanten Sätzen zusammen, wie gross die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Sachen integrative Schule ist und erinnert an das grosse Missverständnis von Salamanca.

«Die Wirklichkeit dringt nicht in die Welt des Glaubens». Dieser Satz von Marcel Proust könnte auf diejenigen Realitätsverweigerer gemünzt sein, die ausgerüstet  mit dichten ideologischen Scheuklappen unsere Bildungslandschaft gestalten.

Wie gross die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist, hat erst kürzlich eine Studie zur inklusionsorientierten Schule des Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag des LCH ergeben: Die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte ist gestiegen, das allgemeine Leistungsniveau ist gesunken, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler kommen ebenso zu kurz wie die Schwächeren. Dazu addieren sich noch die desaströsen Ergebnisse der Überprüfung der Grundkompetenzen an der Primarschule.

Roland Stark, ehemaliger Kleinklassenlehrer und ehemaliger Präsident der Basler SP.

Diese Resultate bestätigen jahrzehntealte Warnungen der Fachleute in den Schulstuben und in der Wissenschaft, die jedoch von einer unheiligen Allianz aus Bildungsbürokratie, schwärmerischen Reformturbos in den Lehrerverbänden (LCH inkl.), politischen Parteien und dem schulischen Alltag entrückten Theoretikern an den Pädagogischen Hochschulen in den Wind geschlagen wurden.

Das Unheil begann schon mit einem Missverständnis. Von den euphorisierten Befürwortern der sogenannten Integration wird gebetsmühlenartig auf die UN-Menschenrechtskonvention von Salamanca aus dem Jahre 1994 verwiesen. Aus diesem Dokument wird dann national das Konkordat Sonderpädagogik abgeleitet, in den Kantonen schliesslich die Anpassungen in den Schulgesetzen und Verordnungen. Und daraus wieder der absolute Integrationsbefehl an die Schulen. Ein geschlossener, widerspruchsfreier Kreislauf. Wir kennen das Muster aus den päpstlichen Enzykliken.

Den meisten Fachleuten, den Pädagogen an der «Front» sowieso, ist klar, dass verhaltensauffälligen, lerngestörten, sozial, oft auch sprachlich und kulturell nicht integrierten Kindern eine besonders geförderte Schulentwicklung zwingend zur Verfügung stehen muss.

Tatsächlich aber ist in dem Text aus der schönen Stadt im spanischen Kastillien-Léon an keiner Stelle die Forderung zu finden, dass Sonderschulen – spezifische Einrichtungen  Kinder und Jugendliche mit Defiziten – vollständig abgeschafft werden müssen. Im Zentrum der Bemühungen um Integration stehen nicht organisatorische oder räumliche Fragen, sondern die Erfüllung der Bedürfnisse aller Lernenden.

Den meisten Fachleuten, den Pädagogen an der «Front» sowieso, ist klar, dass verhaltensauffälligen, lerngestörten, sozial, oft auch sprachlich und kulturell nicht integrierten Kindern eine besonders geförderte Schulentwicklung zwingend zur Verfügung stehen muss. Die «integrative» Schule bietet dafür nur ein ungenügendes, für alle Beteiligten (Lehrer, Schüler, Eltern) oft frustrierendes Angebot.

Den Kindern fehlt eine stabile und vertraute Lernumgebung, wie sie in den  verteufelten, fälschlicherweise als integrationsfeindlich denunzierten Kleinklassen gewährt wurde.

Dazu kommt noch ein unübersehbarer Etikettenschwindel. Die heilpädagogische Betreuung mit einer Vielzahl von Programmen und Personen, ein ständiger Wechsel im Setting, führt zu einer Verzettelung des Unterrichts, zu Unruhe und Konzentrationsproblemen. Die Schüler sind formal «integriert», sie stehen schliesslich auf der gleichen Klassenliste, werden aber häufig separat unterrichtet. Den Kindern fehlt eine stabile und vertraute Lernumgebung, wie sie in den  verteufelten, fälschlicherweise als integrationsfeindlich denunzierten Kleinklassen gewährt wurde. «Ein überschaubarer institutioneller Rahmen ist die Voraussetzung», schrieb Prof. Dr. Bernd Ahrbeck schon 2014, «dass sich intensive Beziehungserfahrungen einstellen, die für eine persönliche Veränderung unabdingbar sind.» Der an eine belebte Bahnhofshalle erinnernde hektische Publikumsverkehr in unseren überbevölkerten Schulzimmern widerpricht jeder pädagogischen Vernunft.

Einreichung der Initiative für Förderklassen. Die Schönfärberei ist vorbei.

Über viele Jahre wurden Kritiker der Integrierten Schule, die sich nicht vorbehaltlos der karitativ-missionarischen Agitation unterwarfen, als Ewiggestrige, mit einem antiquierten Denken geschlagene, intellektuell unbewegliche Randgruppe diskreditiert. Unterdessen hat der Wind gedreht.

Die Oxford Dictionaries haben 2016 das Wort «post-truth» (postfaktisch) zum internationalen Wort des Jahres gewählt. Das Adjektiv beschreibt Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst wird.

Bei der Integrativen Schule funktioniert der Trick nicht mehr. Die Fakten, Klagen der Lehrkräfte, Ergebnisse von Leistungserfassungen, Erfahrungen von Schülerinnen und Schüler, Berichte von Eltern, können nicht länger mit schönfärberischen , Sprüchen aus den Phrasen-Dreschmaschinen von PH oder EDK beiseite geschoben werden. Der Druck, endlich wieder Förderklassen einzuführen, nimmt in zahlreichen Kantonen wieder zu. Basel-Stadt hat – zögerlich – begonnen, Zürich und andere werden folgen.

«Starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass», das Max Weber für die Politik als notwendig erachtete, könnte vielleicht auch in der Bildungspoltik zum Ziel führen. Im Interesse der Kinder und Jugendlichen.

 

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