14. August 2026
Scheitert der Integrationsartikel an zu wenig Ressourcen?

Wenn die Antwort immer «mehr Ressourcen» lautet

«Mehr Ressourcen» ist zur Standardantwort geworden, wenn die Schule an ihre Gren-zen stösst. Die neue Studie zur integrativen Schule liefert dafür gewichtige Gründe. Doch Ressourcen sind Mittel, kein pädagogisches Konzept. Der entscheidende Massstab jeder Bildungsreform muss deshalb sein: Hilft sie dem Kind, besser zu lernen?, ist Condorcet-Autor Carl Bossard überzeugt.

Unterschiedlicher könnte das Wording der beiden Hauptexponenten an der Medienkonferenz zur integrativen Schule kaum sein. Urs Bieri, Studienleiter von gfs.bern: «Die Politik hat die integrative Schule bestellt, die Zeche bezahlen die Lehrpersonen.» Dagmar Rösler, Präsidentin des LCH: «Wer Integration bestellt, muss sie auch bezahlen.»

Zwei Sätze, fast dasselbe Thema – und doch zwei völlig verschiedene Blickrichtungen. Bei Urs Bieri klingt eine Diagnose an: Hier wurde politisch etwas bestellt, dessen Folgen nun bei den Lehrpersonen im Klassenzimmer landen. Bei Dagmar Rösler klingt vor allem eine Rechnung an: Wer bestellt, soll bezahlen.

Condorcet-Autor Carl Bossard: Eine Diagnose ist noch keine Therapie.

Man könnte es auch einfacher sagen: Bei Bieri geht es um die Zeche, bei Rösler um die Rechnung. Und damit sind wir bei einem Wort, das im bildungspolitischen Diskurs inzwischen eine geradezu wundersame Karriere gemacht hat: Ressourcen.

Ressourcen sind offenbar die Universalmedizin der Schweizer Schule. Fehlt es an Ruhe und Konzentration? Ressourcen. Sind die Klassen heterogener geworden? Ressourcen. Funktioniert die Integration nicht wie erhofft? Ressourcen. Werden Lehrpersonen überlastet? Ressourcen. Fehlt Zeit? Ressourcen. Fehlt Personal? Ressourcen. Fehlt Geld? Selbstverständlich: Ressourcen.

Ressourcen als Passepartout

Am 13. August war dieses Wort bei Dagmar Rösler wieder auffallend häufig zu hören. Die Studie des LCH und von gfs.bern liefert dafür durchaus Anlass. 10’394 Lehrpersonen, schulische Heilpädagoginnen und -pädagogen sowie therapeutische Fachpersonen wurden befragt. Das Ergebnis ist alarmierend: 51 Prozent stehen der integrativen Schule positiv gegenüber, 48 Prozent kritisch. 41 Prozent erleben deren Umsetzung als Belastung; nur 24 Prozent empfinden sie als erfüllende Aufgabe. Und 57 Prozent beurteilen die vorhandene Unterstützung als ungenügend.

Denn wenn die Antwort auf strukturelle, pädagogische oder organisatorische Schwierigkeiten fast reflexartig «mehr Ressourcen» lautet, wird das Wort irgendwann zur Nebelmaschine.

Das ist ernst zu nehmen. Sehr ernst sogar. Nur: Eine Diagnose ist noch keine Therapie.

Denn wenn die Antwort auf strukturelle, pädagogische oder organisatorische Schwierigkeiten fast reflexartig «mehr Ressourcen» lautet, wird das Wort irgendwann zur Nebelmaschine. Es verdeckt die unangenehme Frage, ob vielleicht nicht nur zu wenig Geld, sondern auch zu viel System, zu viel Reform, zu viel Heterogenität, zu viele Ansprüche und zu wenig Klarheit vorhanden sind.

Die Schweiz gibt für Bildung nicht gerade Taschengeld aus. 2021 waren es 41,3 Milliarden Franken, fast doppelt so viel wie im Jahr 2000. Rund die Hälfte dieser öffentlichen Bildungsausgaben floss in die obligatorische Volksschule. Daraus folgt nicht, dass jede Schule genügend Mittel hätte. Aber Geld allein garantiert noch keine gute Schule. Entscheidend ist deshalb die Wirksamkeit: Was bewirken zusätzliche Mittel tatsächlich?

Stattdessen hört man von Dagmar Rösler immer wieder: Ressourcen. Das Wort ist inzwischen zum Universalbegriff der bildungspolitischen Debatte geworden. Auffällig ist dabei weniger, dass sie mehr Personal, mehr Zeit und mehr Geld fordert. Das ist angesichts der Befunde durchaus nachvollziehbar. Auffällig ist vielmehr, wie rasch aus einem pädagogischen Problem ein Ressourcenproblem wird. Und manchmal gerät dabei offenbar auch die Sprache etwas unter Ressourcenstress. So war am 13. August zu hören: «Es braucht … ein flexiblerer Umgang mit bereits vorhandenen Ressourcen.»

Man könnte fast sagen: Wenn schon die Grammatik flexibel wird, darf man vielleicht auch bei den Ressourcen etwas flexibler werden. Ironie beiseite: Auch bei den Ressourcen geht es nicht allein um ihre Menge, sondern um ihren sinnvollen Einsatz.

Was macht Unterricht bildungswirksam? Nicht Schule. Nicht Reform. Nicht Organisation. Sondern Unterricht.

Die eigentliche Bildungsfrage

Auch die neue Studie beantwortet das nicht. Sie zeigt vielmehr die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die entscheidende Frage lautet: Was macht Unterricht bildungswirksam? Nicht Schule. Nicht Reform. Nicht Organisation. Sondern Unterricht.

Unterricht ist der Ort, an dem Bildung geschieht. Hier entscheidet sich, ob ein Kind etwas versteht, Wissen aufbaut, Zusammenhänge erkennt, etwas behält, übt und anwenden kann. Hier entscheidet sich auch, ob eine heterogene Klasse trotz aller Unterschiede gemeinsam lernen kann.

Unterricht lässt sich nicht bestellen wie ein neues Schulmodell und nicht einfach mit zusätzlichen Ressourcen ausstatten. Man muss ihn gestalten. Deshalb geht es nicht nur um Fragen wie: Wie viele Heilpädagoginnen stehen zur Verfügung? Wie gross sind die Klassen? Wie viel zusätzliche Zeit gibt es? Sondern auch darum, wie Lernprozesse aufgebaut, neue Inhalte erklärt, geübt und gefestigt werden – und was eine Lehrperson tun muss, damit aus Anwesenheit tatsächlich Lernen wird.

Aber Ressourcen sind Mittel, kein pädagogisches Konzept.

Geld verbessert Rahmenbedingungen

Ressourcen ermöglichen – Unterricht bewirkt

Das sind unbequemere Fragen als die Ressourcenfrage. Geld verbessert Rahmenbedingungen. Es erklärt nicht, strukturiert nicht, führt nicht und motiviert nicht. Ressourcen können guten Unterricht ermöglichen. Guten Unterricht ersetzen können sie nicht.

Genau hier wird das Mantra «mehr Ressourcen» problematisch. Es droht zum pädagogischen Reflex zu werden. Die Perspektive müsste sich deshalb umdrehen: Nicht zuerst fragen, was das System noch braucht, sondern was Kinder brauchen, damit sie lernen.

Dagmar Rösler bezeichnet die integrative Schule als «Baustelle bei laufendem Betrieb». Das Bild ist treffend. Nur sollte man auf einer Baustelle gelegentlich auch überprüfen, ob nicht nur mehr Material angeliefert wird, sondern ob tatsächlich gebaut wird. Dafür braucht es selbstverständlich Ressourcen. Aber Ressourcen sind Mittel, kein pädagogisches Konzept.

Der Massstab muss das Kind sein

Der Massstab jeder Bildungsreform muss sein: Hilft sie dem Kind, besser zu lernen? Alles andere ist nachgeordnet – Reformmodelle, Organisationsformen, Methoden und Ressourcen. Denn die Schule ist nicht dafür da, dass Reformen funktionieren. Reformen sind dafür da, dass Lernen besser gelingt.

Unterricht ist der Ort, an dem Bildung geschieht.

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