15. Juni 2026
Starke Volksschule Zürich - Newsletter

“Reduce to the max!”

Wenn auch reichlich spät, ist es doch erfreulich, dass diese Schieflage an den Schweizer Volksschulen endlich mehr und mehr Stimme in der Presse findet. Diese Aufmerksamkeit ist wichtig, denn wie die Ursachen sind auch die “mutigen Korrekturen” längst bekannt und vorhanden – sie dürften in den Medien ruhig stärker propagiert werden, schreibt Timotheus Bruderer in seinem Editorial zum Newsletter der Starken Volksschule Zürich.

 

Mit dem Spruch “Reduce to the max!” ruft Philipp Loretz in seinem Interview mit der “Volksstimme” zu einer mutigen Kurskorrektur auf. Seine Diagnose ist nicht neu, wenn er den Sprachzerfall, den überfrachteten Lehrplan und die sinkende Aufmerksamkeitsspanne der Kinder benennt. Auch der Seitenhieb an die Bildungspolitik, die Schule befände sich in einem politisch verordneten “Sightseeing-Modus”, bereitet zwar ein trauriges Schmunzeln, erstaunt aber längst nicht mehr. Gekonnt fasst der Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselbiet seine Beurteilung zusammen: “Die Schule ist nicht die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft.” Jean-Michel Héritier, Primarlehrer und Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er die Ursache für den steigenden Lehrerausfall in seinem Kanton benennt: “Die Gesellschaft übertrage den Lehrpersonen ständig neue Aufgaben und Pflichten.”

Timotheus Bruderer, Starke Volksschule Zürich

Die Suppe löffeln andere aus 

Auf die Frage, warum dieser Zustand akzeptiert wird, nimmt Roland Reichenbach in seinem Interview mit der NZZ kein Blatt vor den Mund: “Weil es die Menschen, die in der Bildungslandschaft die Entscheidungen treffen, nicht direkt betrifft. Ich nenne sie die ‘Bildungsklasse’.” Konkret: Kinder, Lehrpersonen und Eltern löffeln die Suppe aus, welche die Bildungspolitiker und praxisferne Akademiker eingebrockt haben. Es ist das klassische, traurige Bild, das generell unsere Politik leider immer mehr ausmacht. Wie weit dieses Abschieben gesellschaftlicher Aufgaben an die Schule gehen kann, zeigt der “Porno-Fall” im Kanton St. Gallen, wo eine externe Sexualberatung im Klassenzimmer deutlich über das Ziel hinausschoss.

Der Nachteilausgleich wird zum Nachteil 

Wie schief die Lage ist, zeigt mittlerweile auch der ad absurdum geführte Umgang mit dem Nachteilausgleich an den Schulen. In der in der NZZ aufgeführten Familie sieht der Vater durch einen Nachteilausgleich mittlerweile mehr Nachteile für seine Töchter. Treffend beschreibt die Bildungsexpertin Esther Ziegler diese Gefahr: Während die Schule ein Ort sein sollte, an dem man lernen kann, Schwächen aufzuarbeiten, passiere heute das Gegenteil. Die Schulen senken das Niveau, weil sie jedes Defizit, das ein Schüler habe, kompensieren wollten.

Es handelt sich um eine konsequente Rückbesinnung auf altbewährte Erziehung und Pädagogik. Mit diesem “Reduce to the max” könnte die Volksschule wieder Kurs aufnehmen.

 

Wenn der Schuss nach hinten losgeht 

Mit der Individualisierung an den Schulen wollte man die Lernschwachen fördern. Doch führt dieser Ansatz bei vielen Lehrpersonen dazu, dass sie “die Schüler in Einzelarbeiten oder in einer Lernlandschaft sich selber überlassen”, wie Isabelle Mäder-Sigrist in ihrem Leserbrief schreibt. Das grosse “Zwei am Rücken” tragen somit wieder die Lernschwachen davon. Doch auch die Lehrpersonen ziehen den Kürzeren, denn sie verlieren das Gespür dafür, was die Schülerinnen umtreibt, woran sie möglicherweise leiden, wie die eine “Nachteilsausgleich-Tochter” im NZZ-Interview feststellt. Was Kinder benötigen, ist laut Mäder-Sigrist eine gesunde Autorität, die es ermöglicht, dass “eine vertrauensvolle Beziehung [entsteht], welche die Basis für erfolgreiches Lernen, freudiges Entdecken und den wichtigen Gemeinschaftssinn bildet.”

Echter Mut muss das Rad nicht neu erfinden

Wenn auch reichlich spät, ist es doch erfreulich, dass diese Schieflage an den Schweizer Volksschulen endlich mehr und mehr Stimme in der Presse findet. Diese Aufmerksamkeit ist wichtig, denn wie die Ursachen sind auch die “mutigen Korrekturen” längst bekannt und vorhanden – sie dürften in den Medien ruhig stärker propagiert werden. Roland Reichenbach listet in seinem Interview gleich mehrere auf: “…sich auf die elementaren Kulturtechniken fokussieren. […] Das heisst: üben, üben, üben. Zudem braucht es wieder ein Ethos der Anstrengung.” In ihrem Leserbrief beschreibt Isabelle Mäder-Sigrist mit “Autorität in der Pädagogik” die Korrekturen auf der Metaebene. Kurzum: es handelt sich um eine konsequente Rückbesinnung auf altbewährte Erziehung und Pädagogik. Mit diesem “Reduce to the max” könnte die Volksschule wieder Kurs aufnehmen.

Das Redaktionsteam wünscht Ihnen eine spannende Lektüre!

 

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