29. März 2026
Hattie

Gute Pädagogik enthält das Gegensätzliche

Die Vereinnahmung von Hattie durch Promotoren der Bildungsreformen ist offensichtlich. Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz warnt.

Gastautor Hanspeter Amstutz, Starke Schule Zürich: Widersprüche sind eklatant.

Der Bericht über John Hatties Besuch in einer Stadtzürcher Schule hat bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Ich befürchte, dass eine verkürzte Wiedergabe von Hatties Erkenntnissen zu viel Verwirrung und wenig Klärung in den Bildungsdiskussionen führen wird. Die Widersprüche sind teils eklatant, wenn man das Dialektische in der Pädagogik nicht ausreichend berücksichtigt.

  • Hattie, der bisher die direkte Instruktion (Frontalunterricht) als eine der erfolgreichsten Lehrmethoden beschrieben hat, hob bei seinem Schulbesuch das Coaching beim Selbstlernen hervor. Beides ist wichtig, man kann nicht das eine gegen das andere ausspielen.
  • Hattie unterstrich die Bedeutung des Zuhörenkönnens bei einer Lehrperson. Diese pädagogische Grundhaltung aus Geduld und Vertrauen ins Gegenüber war immer Teil einer sensiblen Pädagogik. Beim täglichen Üben, in Diskussionen und Klassengesprächen hat sich eine Lehrperson selbstverständlich zurückzunehmen. Dabei kommt ihr die Funktion zu, mit wenigen Worten geschickt zu lenken und zu motivieren.
  • Hattie selber verfügt offenbar über die Gabe, durch schlichte Sprache die Zuhörer in seinen Bann zu schlagen. Auch Lehrpersonen dürfen und sollen ihre sprachliche Gestaltungskraft in den Unterricht einfliessen lassen. Wer einer Klasse eine Geschichte spannend erzählt oder einen Sachverhalt anschaulich erklärt, kann einen Bildungsprozess anstossen und weiter fördern. Arme Schüler, die das nicht erleben dürfen!
  • Hattie hob hervor, dass die Erwartungshaltung einer Lehrkraft bezüglich der Lernziele von zentraler Bedeutung für den Schulerfolg ist. Diese Erwartungshaltung wird ein Teenager leichter akzeptieren, wenn eine kompetente Lehrpersönlichkeit ihre Begeisterung für die zu vermittelnden Bildungsinhalte sichtbar ausdrückt. Schüler schätzen es, von einer überzeugenden Lehrkraft zu grossen Leistungen angespornt zu werden. Diese soll sich nicht selbst darstellen, aber als Mensch und Kulturträger fassbar sein.
  • Hattie sprach davon, dass es den Mut brauche, in der Pädagogik das für richtig Erkannte umzusetzen. Er hat in seinen Studien immer wieder hervorgehoben, dass die Wirkung äusserer Schulstrukturen im Vergleich zu inneren Schulreformen eher in den hinteren Rängen einzuordnen ist. Die Hervorhebung von Schulmodellen mit Verzicht auf Selektionen stellt seine Wertung jedoch teilweise infrage
  • Hattie erinnerte zu Recht daran, dass gute Bildung ihren Preis hat. Er ist überzeugt, dass sich unser Land mehr finanzielle Mittel für eine gute Integrative Schule leisten kann. Als souveräner Statistiker weiss er natürlich, dass wir bereits eines der teuersten Schulsysteme der Welt besitzen. Das zeigt, wie gewisse Aussagen über Bildung an Wert verlieren, wenn sie mit der politischen Realität konfrontiert werden.
  • Hattie wies nach, dass die Klassengrösse kein wesentlicher Faktor für den Schulerfolg ist. Das beruhigt viele Bildungspolitiker, die Lehrerseite jedoch wird ausgeblendet. Für den Arbeitszeitaufwand spielt es durchaus eine Rolle, ob 18 oder 25 Aufsätze korrigiert werden müssen. Auch die Platzverhältnisse in Standardschulzimmern können bei sehr grossen Klassen recht beengend sein.

Er hat sich mit seiner Schulwahl aber mitten in den Kreis von Wissenschaftern, Schulleitungen und Bildungspolitikern begeben, die eine klare bildungspolitische Agenda verfolgen.

Der Auftritt von John Hattie in einer Schule mit ausgeprägten integrativen Elementen dürfte noch lange zu reden geben. Sicher hat Hattie diese Schule nicht zufällig ausgewählt, um seine bedenkenswerten Aussagen über nachhaltige Bildung zu machen. Er hat sich mit seiner Schulwahl aber mitten in den Kreis von Wissenschaftern, Schulleitungen und Bildungspolitikern begeben, die eine klare bildungspolitische Agenda verfolgen. Entsprechend angepasst, ja leicht einseitig tönen deshalb gewisse Äusserungen, die er im Verlauf seines Schweizer Aufenthalts gemacht hat. Es ist deshalb durchaus gerechtfertigt, seine neusten Aussagen mit seinen eigenen Forschungsergebnissen zu konfrontieren.

 

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