8. September 2026
Der bildungspolitische Diskurs

Mut zu Zwischentönen in der Bildung

Alternativlos – ein grosses Wort für eine kleine Gewissheit. Es verspricht Klarheit, wo in Wirklichkeit Ambivalenz herrscht. Diese Sehnsucht nach Eindeutigkeit prägt auch das Bildungswesen. Doch Bildung beginnt dort, wo Eindeutigkeit endet, meint Condorcet-Autor Carl Bossard.

Der Begriff «Alternativlos» hat politische Debatten geprägt. Prominent gemacht von Angela Merkel, steht das Wort für eine Haltung, die komplexe Wirklichkeit auf eine einzige Lösung reduziert. Der Kulturwissenschaftler Thomas Bauer zeigt in seiner Studie «Die Vereindeutigung der Welt», wie solche Tendenzen Mehrdeutigkeit und Vielfalt verdrängen – zugunsten von Klarheit, Eindeutigkeit und scheinbarer Sicherheit.[1] Wer keinen Spielraum mehr lässt, entzieht sich dem Streit – und damit auch der Reflexion.

Carl Bossard, Condorcet-Autor und Bildungsexperte: Aus dem Sowohl-als-auch wird ein Entweder-oder.

 Vom Verlust des Sowohl-als-auch
Diese Logik zeigt sich auch im Bildungswesen. Lernen gilt heute oft als primär selbstgesteuerter Prozess, die Lehrerin wird zur Lernbegleiterin, der Lehrer zum Coach. Einzelarbeit im Lernatelier verdrängt gemeinsames Lernen im Klassenkontext, Schreiben gelernt wird teilweise noch heute nach Gehör. Was als Fortschritt erscheint, folgt einem klaren Muster: Komplexe pädagogische Verhältnisse werden in eine Richtung aufgelöst. Aus einem Spannungsfeld wird eine Präferenz, aus einem Sowohl-als-auch ein Entweder-oder.

Bildung ist ihrem Wesen nach dialektisch
Doch Bildung entsteht nicht im Entweder-oder. Das zeigt sich in einer alten Frage: «Lebt der Mensch von innen heraus – oder von aussen herein?», wollte man einst von einem Philosophen wissen. Er replizierte mit einem vieldeutigen «Ja!». Seine Antwort irritiert – und erhellt zugleich: Bildung entsteht im Wechselspiel von Gegensätzen. Sie ist ihrem Wesen nach dialektisch.

Die Bildungsforschung bestätigt dies: Der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung, Franz E. Weinert, betont, dass Lernerfolg am wirksamsten dort entsteht, wo hohe Schüleraktivität mit gezielter Lehrersteuerung kombiniert wird – als Zusammenführen von Instruktion und Konstruktion. Das Gleiche zeigt John Hattie in seiner Studie «Visible Learning»: Wirksamer Unterricht liegt gerade nicht im Gegensatz von lehrer- und schülerzentrierten Ansätzen, sondern in der klugen Kombination von Lehren und Lernen.[2] Es ist das Sowohl-als-auch, das Lernen bildungswirksam macht.

Das Fazit ist klar: Gute Bildung lebt vom Spannungsverhältnis.

 Die Versuchung der Eindeutigkeit
Trotzdem folgt ein Grossteil aktueller Entwicklungen einer anderen Logik. Lernziele werden präzise formuliert, Kompetenzen detailliert beschrieben, Prozesse standardisiert, Ergebnisse quantifiziert. Bildung erscheint als planbare Abfolge von Schritten. Man weiss, was am Ende herauskommen soll – und glaubt zu wissen, wie man dorthin gelangt.

Das schafft Transparenz und Vergleichbarkeit. Doch Bildung vollzieht sich nicht im Eindeutigen, sondern im Umgang mit Uneindeutigkeit.

Spannung als Voraussetzung
Wer etwas wirklich versteht, hat zuvor erfahren, dass Verstehen nicht selbstverständlich ist. Wer urteilsfähig wird, hat Widersprüche ausgehalten. Wer beruflich handeln kann, weiss: Die Praxis kennt selten eindeutige Situationen.

Wir bewegen uns vielmehr in Spannungsfeldern; sie prägen den Alltag:

  • zwischen Wissen und Nichtwissen,
  • zwischen Sicherheit und Irritation,
  • zwischen Führung und Selbstständigkeit.

Diese Spannungen sind kein Störfaktor, sondern die Bedingung von Bildung. Ohne Spannung kein Strom. Ohne Spannung kein Licht – und wohl auch kein Lernen.

Hell und Dunkel sind zwei Pole. Dazwischen liegen unzählige Schattierungen: William Turner [1843], «Light and Colour» (Foto: Wikimedia)
Wenn wir kippen
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie sich diese Spannungen auflösen lassen, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Wer nur auf Selbststeuerung setzt, unterschätzt die Bedeutung von verstehender Zuwendung, von Angeleitet-Werden und Inspiration. Wer nur auf Struktur setzt, verliert die Offenheit. Wer nur Kompetenzen betont, vernachlässigt das Wissen, das sie trägt.

Der Versuch, Eindeutigkeit herzustellen, führt nicht zu mehr Klarheit – sondern zu Verengung.

Berufsfähigkeit im Spannungsfeld
Gerade im Blick auf Berufsfähigkeit zeigt sich das besonders deutlich. Oft wird sie als Bündel klar definierter Kompetenzen beschrieben. Doch berufliche Praxis ist geprägt von Zielkonflikten, Ambivalenzen und Entscheidungen unter Unsicherheit.

Berufsfähig ist nicht, wer für alles eine Antwort hat, sondern wer Spannungen aushalten kann – ohne vorschnell zu vereinfachen. Wer entscheiden kann, obwohl es auch anders möglich wäre. Professionalität zeigt sich im Umgang mit Kontingenz.

Mut zur Uneindeutigkeit
Das hat Konsequenzen für die Bildung. Sie muss Räume eröffnen, in denen nicht alles vorstrukturiert ist. Aufgaben sollten nicht eindeutig lösbar sein. Leistungen werden nicht nur an Ergebnissen, sondern auch an den Denkbewegungen gemessen, die zu ihnen führen.

Das ist anspruchsvoll – und widerspricht einem Zeitgeist, der Eindeutigkeit bevorzugt. Doch vielleicht liegt genau hier der Kern pädagogischer Professionalität: im Gespür für das richtige Mass. Im Wissen, wann Führung nötig ist – und wann Zurückhaltung. Wann Struktur trägt – und wann Offenheit weiterführt.

Es ist das, was man früher Urteilskraft nannte.

Wer Bildung vereindeutigt, entbildet sie.

Mut zu Zwischentönen
Und vielleicht braucht es dafür vor allem eines: den Mut, Uneindeutigkeit nicht vorschnell zu schliessen. Hell und Dunkel sind zwei Pole; dazwischen liegen unzählige Schattierungen. Die Aufgabe von Bildung besteht nicht darin, diese Unterschiede aufzuheben. Sondern darin, sie wahrzunehmen – und mit ihnen arbeiten zu können. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, die Vereindeutigung der Bildungsprozesse nicht länger als Fortschritt, sondern als Verkürzung zu betrachten.

Denn was dabei verloren geht, ist nicht ein Rest von Unschärfe, sondern eine zentrale Fähigkeit: die Fähigkeit, im Offenen zu handeln. Oder zugespitzt: Wer Bildung vereindeutigt, entbildet sie.

 

[1] Thomas Bauer (2023), Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Stuttgart: Reclam.

[2] John Hattie (2023), Visible Learning: The Sequel. A Synthesis of Over 2’100 Meta-Analyses Relating to Achievement. London, New York: Routledge.

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