Die Anhänger des Fussballs wissen es insgeheim schon lange: Fussball ist ein Schatten-Lehrplan, der viele Bereiche des Fächerkanons abdecken kann. Sei es Mathematik, Physik, Kunst, Sprachen usw.

Als Sofa-Fussballer ist es mir nicht entgangen, wie der Video Assistant Referee (kurz auch VAR) den Fussball verändert. Und dies nicht nur positiv: Diese Saison erlebte ich unfassbare Schiedsrichter-Fehlentscheide, die so früher nicht denkbar waren. Klare Elfmeter, klare Offsides, klare rote Karten … Ein Spiel (Aston Villa gegen Newcastle) war besonders bemerkenswert. Doch weil es sich um den FA Cup handelte, gab es keinen VAR, der die Entscheidungen des Schiedsrichters hätte überprüfen und korrigieren können. Deshalb gab es viele Stimmen, die den Einsatz des VAR auch im Cup forderten. Aber meine Schlussfolgerung aus dieser Misere ist genau das Gegenteil: Die Schiedsrichter getrauen sich nicht mehr, riskante Entscheide selbst zu fällen und verlassen sich immer stärker auf das Sicherheitsnetz des VAR. Mit anderen Worten: Die Einführung neuer Technologie zur Unterstützung der Schiedsrichter hat sie unter dem Strich schlechter in ihrem Job gemacht.
Dasselbe Phänomen kann man auch beim Autofahren beobachten: Wenn man unser Leben sicherer macht, gehen wir mehr Risiken ein. Gibt es jemanden, der bezweifelt, dass die modernen E-Vehikel die Fahrer schlechter und unkonzentrierter machen? Umgekehrt führte Schwedens „Högertrafikomläggningen“ im Jahr 1967 – als Autofahrer über Nacht von Links- auf Rechtsverkehr umstellten – zunächst zu einem Rückgang der Unfälle, weil die Fahrer das erwartete höhere Risiko durch vorsichtigeres Fahren ausglichen.
In der Schule gibt es zahlreiche Beispiele, wie sehr wir uns von der Technik und der damit zusammenhängenden scheinbaren Sicherheit abhängig gemacht haben. Wir sind praktisch aufgeschmissen, wenn einmal die Internetverbindung aussetzt und wir unsere Dokumente nicht mehr aufrufen können. Wenn die Wandtafel mal dunkel bleibt, steigt unser Blutdruck ungesund an. Schliesslich noch die wachsende Abhängigkeit von KI. Was für uns Lehrer gilt, ist für unsere Schüler noch viel problematischer. In der Zeitung las ich von Zürcher Gymnasiasten, die nur grinsten, wenn sie auf die Verwendung von KI während Tests angesprochen wurden. Ein Lehrer sagt, ganze Lerneinheiten habe er wegen der KI-Chatbots kübeln müssen, vor allem solche, die auf selbständiges Arbeiten setzten. Und eine Schülerin meint: «Ich merke mega den Unterschied: Wie viel weniger ich jetzt für die Schule mache als früher, als es die Chatbots noch nicht gab.»
Fassen wir zusammen: Technik ist in vielen Bereichen sicher nützlich. In der Schule gibt es aber Hinweise, dass sie Schüler (und evt. auch Lehrer) fauler und effektiv dümmer macht.

