5. Februar 2023

«Die dümmste Hochschulreform aller Zeiten»

Mit dem «Bologna-System» an den Schweizer Universitäten geht der Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey hart ins Gericht. Diese europaweite Vereinheitlichung der Studiengänge durch ein Punktesystem verleite zur Passivität statt zum Denken, sagt er im Interview mit dem «Nebelspalter». Frey ist einer der meistzitierten europäischen Ökonomen. 26 Jahre hat der Professor Dr. Dr. h.c. mult. an der Universität Zürich doziert und ist heute Ständiger Gastprofessor für Politische Ökonomie an der Universität Basel. Wir bringen ein Interview, das Daniel Wahl für den Nebelspalter geführt hat.

«Die Studenten sind der Möglichkeit beraubt, eigene Gedanken entwickeln zu können.» Uniprofessor Bruno S. Frey spart nicht mit Kritik an den Schweizer Hochschulen.
Daniel Wahl, Journalist Nebelspalter

Herr Frey, Sie haben kürzlich in einem Referat das Bologna-System als die dümmste Hochschulreform aller Zeiten gebrandmarkt. Das Vereinheitlichen der Ausbildungsstandards an den Hochschulen und das System der Punktesammlerei durch Studenten stand schon bei seiner Einführung in der Kritik. Warum kommt Ihre scharfe Kritik erst jetzt?

Bisher ist die Kritik am Bologna-System schlicht zu wenig zur Kenntnis genommen worden. Ich bin dezidiert der Meinung, dass das Studium das Denken ausweiten und zu neuen Gedanken anregen sollte. Was passiert aber in Wirklichkeit? Nach jeder Veranstaltung werden die Studenten zu schriftlichen Prüfungen geladen, wo sie gemäss auswendig Gelerntem Multiple-Choice-Fragen lösen müssen. Da ist kein Diskurs möglich. Von neuen Gedankengängen kann keine Rede sein. Die Studenten sind der Möglichkeit beraubt, eigene Gedanken entwickeln zu können. Auf diese Weise werden sie zu passivem Verhalten angeleitet. Sie lernen bloss noch Folien auswendig, um Punkte nach dem «European Credit Transfer System» (ECTS) zu sammeln, im Wissen, dass sie damit durchkommen. Mit Verlaub: Das ist keine Universität, das ist normale Schule.

«Eine gute Universität würde jene Studenten aussuchen, die sich im kreativen und originellen Denken auszeichnen.»

Bruno S. Frey, Wirtschaftswissenschaftler 

Die Probleme, die Sie beschreiben: Sind die wirklich dem Bologna-System geschuldet? Oder tragen nicht einfach faule Professoren dazu bei, Prüfungen vorzulegen, die billig und einfach zu korrigieren sind?

Man kann nicht den Professoren die Schuld geben. Das ist systembedingt. Bologna ist zwar ein offenes und weit gefasstes System, das aber von den Hochschulen auf verschiedensten Ebenen im engen Korsett umgesetzt wird. Es geht in erster Linie darum, das Punkteziel zu erreichen – für den Bachelor 180 ECTS-Punkte, für den Master nochmals 90 bis 120 Punkte. Danach richten sich alle aus; und die Studenten reagieren darauf völlig rational: Sie überlegen sich, wie sie die Punktezahl mit möglichst wenig Aufwand erreichen können. Darüber hinaus nehmen die Universitäten zu viele Studenten auf, weil sie vom Bund nach Quantität und nicht nach Qualität subventioniert werden. Das bringt auch jene Studenten an die Universität, die im Kern kein Interesse am Denken und am Studieren zeigen. Sie schreiben sich an den Hochschulen nur ein, weil sie es können, weil sie die Matura im Hosensack haben. Und weil sie glauben, mit einem Studium ein höheres Ansehen in der Gesellschaft zu bekommen.

Bologna hat die älteste Universität in Europa
Bild.Pixapay

Wie sollte mit diesen «teilnahmslosen Studenten» verfahren werden?

Sie sollten an die Fachhochschulen verwiesen werden. Aber das geschieht leider nicht, weil die Rektoren, Pro-Rektoren und Dekane, ja die ganze Administration glücklich sind, wenn ihre Universität immer mehr wächst und sich immer mehr Studierende einschreiben. Eine gute Universität würde jene Studenten aussuchen, die sich im kreativen und originellen Denken auszeichnen. Es sollten jene hellen Köpfe selektioniert werden, die sich wirklich dafür eignen.

Das Medizinstudium schiebt diesem quantitativen Wachstum mit dem Numerus Clausus einen Riegel. Sollte er für alle Studiengänge eingeführt werden?

Den Numerus Clausus halte ich nicht für das Beste. Er bringt nur jene Studenten an die Spitze, die die besten Prüfungen abgeliefert haben, jedoch nicht die kreativsten.

Wie sollte man solche Studenten selektionieren?

Man müsste neue Verfahren aushecken. Die neuen Impulse dürften doch mal die Erziehungswissenschaftler liefern.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass die Schweiz – die erste Universität war Zürich – das Bologna-System übernommen hat?

Ich erinnere mich noch genau, weil ich damals an der Fakultät in Zürich tätig war. Irgendein Staatssekretär hat das Papier unterzeichnet; an den Universitäten wurde keine Diskussion darüber geführt, ob das Bologna-System sinnvoll ist oder nicht. Und dann erklärte die Bundesverwaltung der Universität in Zürich: «Wenn ihr Bologna sofort einführt, kriegt ihr Geld vom Bund.» Das war natürlich willkommen. Daraufhin machten es sich die anderen Hochschulen einfach: Sie zogen nach, weil Zürich voranging.

«Der Numerus Clausus bringt nur jene Studenten an die Spitze, die die besten Prüfungen abgeliefert haben, jedoch nicht die kreativsten.»

Die Idee von Bologna war, einheitliche Studienabschlüsse zu schaffen. Damit konnte die Mobilität der Studenten an den Universitäten erhöht werden.

Erstens bin ich nicht für Gleichschaltung, sondern für unterschiedliche Ausbildungen. Das bringt die Gesellschaft vorwärts. Wir müssen uns hier auch fragen, was für die Schweiz nützlich ist. Da gibt es Studiengänge, die beschäftigen sich völlig abgehoben mit internationaler Materie, und die Zürcher Steuerzahler müssen das finanzieren.

«Universitäten haben kein Interesse, für Qualität statt für Quantität zu sorgen. Im Gegenteil sind sie stolz darauf, wenn sich immer mehr Studenten immatrikulieren.»

Bruno S. Frey, Wirtschaftswissenschaftler 

Zweitens ist es eine Illusion zu glauben, die Studenten hätten nun bessere Bedingungen, die Universität zu wechseln. Wenn sie heute an einer Universität Punkte erworben haben, bedeutet das gar nicht, dass sie an der anderen akzeptiert werden. Aber es wird behauptet. Die Studenten berichteten mir von einem riesigen Kampf und dem Zwang, dass sie jenes Modul oder jenen Kurs noch ein zweites Mal belegen müssten. Bologna hat keineswegs dazu geführt, dass vermehrt Schweizer im Ausland studieren. Und drittens ist das Ziel, das Studium zu verkürzen, auch nicht erreicht worden. Es dauert sogar eher länger als vor Einführung von Bologna.

Das System hat sich verirrt

Können die Universitäten die Bologna-Verirrungen rückgängig machen?

Ich bin pessimistisch: Der administrative Wasserkopf der Hochschulen ist zu gross geworden. Während früher eine Universität durch einen Rektor und seinen Stellvertreter geführt wurde, sind heute viele Professoren eingebunden. Es gibt fünf bis sechs Prorektoren, und auf einen Dekan kommen bis sechs Stellvertreter. Mittlerweile ist es  an manchen Universitäten so, dass gleich viel Personal in die Administration eingebunden ist, wie in Lehre und Forschung. Sie haben kein Interesse, für Qualität statt für Quantität zu sorgen. Im Gegenteil sind sie stolz darauf, wenn sich immer mehr Studenten immatrikulieren. Und die Bildungspolitiker im Parlament finden das sowieso gut. Schliesslich sind die Universitäten durch staatliche Subventionen abgesichert. Es besteht keine Notwendigkeit, die Lehre zu verändern.

Es gibt fünf bis sechs Prorektoren, und auf einen Dekan kommen bis sechs Stellvertreter.

Es müsste doch Kräfte in der Gesellschaft geben, die Interesse an der Förderung von Exzellenz an den Universitäten zeigen. Vielleicht eine neue, junge Generation?

Es gibt heute vermehrt Unternehmen, die selbst eine Ausbildung anbieten. Google etwa, oder andere Tech-Unternehmen. Der grosse Nachteil ist, dass diese para-universitären Ausbildungen stark interessengebunden sind. Man müsste neue Akademien gründen; der Begriff Universität ist ja geschützt. Dies möglichst ohne Geld vom Staat und mit dem Gedanken, die Studenten zuerst mit den Fragen der heutigen Zeit zu konfrontieren. Das Führen eines Diskurses will gelernt sein, danach gilt es, sich die richtigen Methoden zur Analyse anzueignen. Ich würde sogar so weit gehen, dass an solch ambitionierten Akademien nicht mit schriftlichem Examen abgeschlossen werden muss. Sondern mit einem Gespräch, bei dem ersichtlich wird, ob der Absolvent in der Lage ist, neue kreative Gedanken zu generieren. Ich bin überzeugt, die Wirtschaft würde schnell realisieren, dass aus einer solchen Akademie wirklich gute Leute auf den Arbeitsmarkt kommen.

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