15. Oktober 2026
Die abnehmende Lesekompetenz

Der innere Bildschirm

In seiner Kolumne im Sonntagsblick zerlegt der Publizist Frank A. Meyer die linksgrüne Bildungspolitik, deren Konsequenzen sich unter anderem in den abnehmenden Schulleistungen zeigen. Aber er nimmt auch die bürgerlichen Politiker ins Visier, die diese Allotria-Politik viel zu lange akzeptiert haben.

Die «Neue Zürcher Zeitung» beschreibt das Problem reichlich unterkühlt als «Rückgang der Grundkompetenzen». Die Schweiz schnitt in einem elementaren Punkt beim weltweiten Pisa-Schulleistungstest nicht gut ab: Fast jeder dritte Schüler tut sich schwer mit Lesen und Schreiben – eine Bildungskrise, die nicht allein die Schweiz betrifft, sondern vor allem die klassische Bildungsnation Deutschland.

Man reibt sich die Augen.

Frank A. Meyer, Publizist: Den Spielereien selbstverliebter Jungpädagogen tatenlos zugesehen.  

Aber weshalb? Kein gesellschaftlicher Bereich ist seit Jahren so sehr Experimenten ausgesetzt wie die Schule. Leistung ist out, Selbstverwirklichung im Klassenzimmer ist in; Noten gelten als antiquiert, Qualifikation in Gruppen gilt als modern; der Lehrer ist nicht mehr pädagogische Autorität, sondern betreuender Sozialarbeiter.

Allotria statt Unterricht.

Was die linksgrüne Kulturrevolution unserem Schulsystem eingebrockt hat, muss die Wirtschaft ausbaden: Economiesuisse, Gewerbeverband und Arbeitgeberverband klagen über die Bildungslücken der Lehrlinge. Nur wenn die Kompetenzlücken in der obligatorischen Schulzeit geschlossen würden, sei die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe langfristig gesichert.

Ein frommer Wunsch.

Und er kommt von der falschen Seite: vom Wirtschaftsbürgertum, das den Spielereien selbstverliebter Jungpädagogen tatenlos zugesehen hat – wie es ja überhaupt den Gesellschaftsexperimenten juveniler Hochschulabgänger kaum Widerstand entgegensetzt. Das Bildungsdesaster steht für die kulturelle Selbstaufgabe des Bürgertums. Schule und Schüler büssen für die Nachsicht von Eltern und Grosseltern gegenüber den Revolutionsspielen ihrer verwöhnten akademischen Abkömmlinge – der neuen Herrschaftsschicht in praktisch allen kulturellen Belangen.

In der Schule wird die Freiheit des jungen Menschen konfrontiert mit der Freiheit der anderen Schulkameraden. Die Schulklasse ist die erste formierte Gruppe jeder neuen Generation.

Was aber ist die Schule?

Der Ort bürgerlicher Gleichheit und bürgerlicher Leistung. Der Ort, an dem der junge Mensch zum Bürger wird. Deshalb ist die Schule auch verbindlich für alle – für sämtliche sozialen Schichten und Kulturen. In der Schule trifft der Knabe, trifft das Mädchen auf die Gesellschaft: auf deren Angebot an Bildung. Und auf deren Forderung nach Leistung.

In der Schule wird die Freiheit des jungen Menschen konfrontiert mit der Freiheit der anderen Schulkameraden. Die Schulklasse ist die erste formierte Gruppe jeder neuen Generation.

Voraussetzung für dieses Hineinwachsen in die Bürgerschaft: Lesen und Schreiben.

Lesen und Schreiben ist das Gegenteil vom Starren ins Smartphone, das Guckloch der geistigen Abwasserkanäle. Dies nämlich ist ein weiterer Grund für das Bildungsdebakel: der starre Blick auf den Bildschirm, möglichst jederzeit, im Unterricht und auf dem Pausenplatz, auf dem Nachhauseweg und im Kinderzimmer. Die Freiheit zur Unfreiheit – unwidersprochen von Lehrern und Eltern.

 

Die Schulklasse ist die erste formierte Gruppe jeder neuen Generation.

Was wird dadurch ausgeschaltet? Der innere Bildschirm, den das Lesen aufleuchten lässt, den jede gelesene Geschichte, jeder gelesene Gedanke in Form ganz und gar eigener Bilder freisetzt. Einst lasen Kinder Johanna Spyris Geschichte vom Heidi – und jedes von ihnen hatte seine ganz persönliche Vorstellung von der Heldin dieser Romane – sein eigenes Heidi, im Kopf selbst entworfen, eine literarische Kreation, zum Leben erweckt durchs Lesen. Später ist für Klassik-Leser Clawdia Chauchat, die zauberhaft türenschlagende Russin in Thomas Manns «Zauberberg» die ganz eigene erotische Figur – eine intime Clawdia, im Kopf entstanden.

Lesen schafft Lebenswelten.

Inzwischen wurden die elitären Ränge der Gesellschaft gekapert durch eine linksgrüne Elite, die dem Diktum des italienischen Marxisten Antonio Gramsci folgt: dass kulturelle Hegemonie gesellschaftliche Macht bedeutet. Und wo setzt diese Machtübernahme an? In der Schule, bei den Kindern.

Schreiben ist die Öffnung hin zum anderen: zum Leser – und sei es nur in Notizen oder Briefen. Zudem ist jedes Schreiben ein Niederschlag des Lesens, denn was geschrieben wird, muss zuerst im Kopf entstehen. Wenn Kinder lesen und schreiben lernen, lernen sie nicht, Formulare zu verstehen und auszufüllen.

Sie lernen Bürger sein. Sie lernen Mensch sein.

Dieses Erbe weiterzugeben, hat die bürgerliche Gesellschaft verlernt. In ihrem engen Blick auf die ökonomische Verwertbarkeit von allem und jedem hat die politische Kultur seit Jahrzehnten keinen Platz mehr. Inzwischen wurden die elitären Ränge der Gesellschaft gekapert durch eine linksgrüne Elite, die dem Diktum des italienischen Marxisten Antonio Gramsci folgt: dass kulturelle Hegemonie gesellschaftliche Macht bedeutet. Und wo setzt diese Machtübernahme an? In der Schule, bei den Kindern.

Zeit zur Umkehr – zu Wandtafel und Kreide.

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1 Kommentar

  1. Und wenn ich als Grossvater und Vater genau das moniere, nämlich dass Linke und Grüne die Bildung sabotiert, ja geradezu in den Dreck getreten haben und die Rechte dabei nur zugesehen hat, weil ihr das Übernehmen der jeweiligen Bildungsdepartemente zu mühsam erschienen ist, dann werde ich exkommuniziert mit dem Hinweis, ich sähe ja nur schwarz und Weiss. Doch die berühmten Grautöne sind es, die hier Wahres neblig einfärben, so dass am Schluss alles ein einziges Grau(en) ist.

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