13. September 2026
Zwei Leserbriefe in der NZZ

Priorisieren und weniger Schönreden

Die Ergebnisse der Umfrage des LCH unter seinen Mitgliedern haben einen heftigen Diskurs zwischen Befürwortern und Kritikern der integrativen Schule ausgelöst. Die Redaktion des Condorcet-Blogs veröffentlicht hierzu zwei Leserbiefe, die in der NZZ erschienen sind.

Dagmar Rösler spricht offen aus, was viele Lehrpersonen erleben: Die Umsetzung der integrativen Schule stösst an Grenzen («‹Man kann nicht einem inklusiven Idealbild nachhängen›», NZZ 15. 8. 26). Auffallend ist jedoch, dass die Diskussion erneut fast ausschliesslich um Ressourcen kreist: mehr Heilpädagogen, mehr Geld, mehr Unterstützung. Dabei liegt das eigentliche Problem tiefer. Die Volksschule wurde in den letzten Jahren mit immer neuen Aufgaben und Erwartungen beladen. Der Auftrag wurde stetig erweitert, ohne konsequent zu entscheiden, worauf verzichtet werden kann. Gerade die ersten sechs Schuljahre sollten deshalb einem klaren Ziel dienen: ein tragfähiges Fundament legen. Lesen, Schreiben in der Unterrichtssprache, Rechnen und Bewegung müssen mit genügend Zeit geübt und vertieft werden. Ein starkes Fundament ist keine Einschränkung, sondern die Voraussetzung dafür, später weitere Kompetenzen wie Fremdsprachen oder Medienkompetenz, also den Umgang mit dem Internet und Social Media, nachhaltig aufzubauen. Diese Fokussierung hätte noch einen zweiten Vorteil: Sie würde Zeit schaffen. Zeit für Beziehungen, individuelle Förderung und einen integrativen Unterricht, der den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder tatsächlich gerecht werden kann. Wer den Lehrplan immer weiter ausdehnt, nimmt genau diese Zeit wieder weg.

Priorisierung entsteht jedoch nicht von selbst. Die Verhaltensforschung zeigt, dass Menschen Probleme intuitiv durch Hinzufügen statt durch Weglassen lösen. Gerade deshalb braucht es einen bewussten Gegenprozess. Politik, Pädagogische Hochschulen, Lehrerverbände und

Bildungsbehörden sollten systematisch prüfen, welche Inhalte später vermittelt oder ganz weggelassen werden können. Solche Subtraktionsworkshops, strukturierte Verfahren zum bewussten Entlasten des Lehrplans – wären kein Sparprogramm, sondern eine Investition in Qualität. Denn nur ein Lehrplan mit genügend Freiraum schafft die Zeit, die ein erfolgreicher integrativer Unterricht braucht.

Christian Hafner, Zürich

 

Die neue Umfrage des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) ist kein Stimmungsbild, sondern die nüchterne Inventur eines Systems, das längst kollabiert. Die integrative Schule ist kein Bauprojekt in Verzug, sondern ein Rohbau, der seit Jahren am Einstürzen ist. Wenn die Hälfte der Lehrpersonen das Modell abgeschrieben hat, ist das kein Hintergrundrauschen, sondern ein Totalschaden. Mehr Heilpädagogen klingt da wie ein Reflex, viele dieser Stellen werden ohnehin mit engagierten, aber nicht spezialisierten Lückenfüllern besetzt. Mehr Ressourcen nützen wenig, wenn die Statik selbst bröckelt. Der Lehrerverband hält unbeirrt an seiner Schönwetterrhetorik fest, obwohl in den vergangenen Jahren zahlreiche Lehrpersonen ausgetreten sind. Der Verband vertritt schon lange nicht mehr die Mehrheit, was die tröstenden Formulierungen nicht glaubwürdiger macht. Die Pädagogischen Hochschulen pflegen ihre InklusionsSchönwettertheorie mit einer Weltfremdheit, die staunen lässt. Man gewinnt den Eindruck, sie betrachteten den Schulalltag lieber durch das Fenster des Seminarraums. Während die Praxis längst im Dauerregen steht, predigen sie weiter ideale Lernlandschaften, als wäre die Realität bloss ein störendes Detail. Der Abstand zwischen Theorie und Klassenzimmer ist so gross, dass er nicht mehr überbrückt werden kann. Ein System, das weder stärkt noch fördert und gleichzeitig überlastet, braucht keine politischen Beruhigungstabletten. Es braucht Ehrlichkeit: Die integrative Schule ist gescheitert.

Cäcilia Gmür

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Hinweis: Diese Artikel ist in der Zeitschrift des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB) erschienen (Juni-Ausgabe 2020).

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