24. August 2026
"Sollten schon Zweijährige können":

Lehrkräfte sind fassungslos, wie wenig Grundschulkinder beherrschen

Kinder entwickeln sich individuell – dass nicht alle Kinder eines Alters auf dem gleichen Stand sind, ist so weit normal. Lehrkräfte und Erzieher schlagen nun allerdings Alarm, dass viele Kindergarten- und junge Grundschulkinder heute oft grundlegende Fähigkeiten vermissen lassen. Dieser Beitrag ist zuerst in der “Frankfurter Rundschau” erschienen.

 

Im Onlineforum Reddit berichtet etwa eine Lehrkraft: “Gestern war ich bei einem Kennenlernnachmittag für zukünftige Erstklässler und habe einem fünfjährigen Kind eine offene Wasserflasche angeboten. Das Kind hatte keine Ahnung, wie man daraus trinkt.”

FR-Redaktorin Sophia Sichtermann

Es habe nicht einmal versucht, sie mit beiden Händen zu greifen oder sie zu neigen. Es habe nur skeptisch geschaut. “Meiner Erfahrung nach sollten Zwei- bis Dreijährige das eigentlich schon können”, meint die Lehrkraft. Weitere Personen berichten im Beitrag von ihren Beobachtungen. “Meine letzte Klasse konnte kein einziges Lied auswendig”, kommentiert eine Lehrerin. Die Kinder seien es nicht mehr gewohnt, Reime oder Kinderlieder auswendig zu lernen. Einer anderen Lehrkraft sei zudem aufgefallen, dass viele Kinder auch keine typischen Tiergeräusche kennen oder nachahmen könnten.

Bildungsforscher: Nur noch zwei Drittel der Kinder beherrschen basale Fähigkeiten

Eine Schulpsychologin, die an einer US-amerikanischen Grundschule tätig ist, zählt gleich mehrere Dinge auf. Zum Übergang auf die Grundschule würden viele Kinder nicht über altersmäßig angemessene “längere Konzentrationsfähigkeit, Selbstregulierung, Impulskontrolle und Artikulation” verfügen. Immer mehr Kinder würden Unterstützung benötigen. Ein weiterer Lehrer nennt als Fähigkeit, die vielen Kindern mittlerweile fehlt, die Feinmotorik. “Früher gab es pro Klasse etwa ein Kind, das keine Schere führen konnte. Mittlerweile sind es mehrere, die eine Schritt-für-Schritt-Anleitung brauchen, wie man sie hält und damit schneidet.”

Ein Experte beobachtet diese Entwicklung auch hierzulande. “Das Halten einer Schere, das richtige Führen eines Stiftes – Dinge, die vor zwanzig oder dreißig Jahren selbstverständlich waren – können heute nur noch etwa zwei Drittel der Kinder”, sagt Marcus Hasselhorn der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Er ist Professor für Psychologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Entwicklung am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) in Frankfurt am Main. Die Unfähigkeit beeinflusst auch andere Bereiche negativ. Zum Beispiel hätten diese Kinder Probleme mit typischen Schulaufgaben wie Lückentexten – das betreffe “viele Kinder, die aus dem Kindergarten kommen, ohne basale feinmotorische und handkoordinative Fähigkeiten zu beherrschen.”

Lehrerin: Kinder bringen immer weniger Fähigkeiten in die Grundschule

Auch eine deutsche Lehrerin teilt die Beobachtung. Simone Fleischmann berichtet, dass viele Kinder inzwischen weniger Fähigkeiten mitbringen: “Früher gingen wir als Lehrerinnen und Lehrer davon aus, dass Kinder im Übergang vom Kindergarten zur Grundschule einfache Dinge können: Schnürsenkel binden, sich anziehen, Nase putzen. In den letzten Jahren nimmt das ab”, sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrinnen- und Lehrerverbands der FR.

“Es gibt keinen Grund, einem Kleinkind ein Tablet oder Smartphone zu geben.”

Rudolf Kammerl, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Pädagogik an der Uni Erlangen

 

Einige Experten sehen den Grund für Veränderungen im Verhalten und der schulischen Leistung von Kindern in einem veränderten Medienkonsum. Tatsächlich kann übermäßige Bildschirmzeit die Entwicklung von Kindern beeinflussen. Rudolf Kammerl, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, sagt der FR: “Das kann sich nicht nur auf die Selbstregulation, sondern auch auf andere Bereiche negativ auswirken.” Etwa auf die Konzentrationsfähigkeit.

Besonders problematisch sei es, wenn Eltern digitale Medien bei kleinen Kindern zur Beruhigung einsetzen: “Medien ersetzen diesen Lernprozess durch äußere Reize, ohne das eigentliche Gefühl zu bearbeiten.” Kinderärztliche Leitlinien empfehlen deshalb, Kinder unter drei Jahren gar nicht und ältere Kinder nur begrenzt mit Bildschirmmedien in Kontakt zu bringen. Sinnvoller seien Bücher, Hörspiele oder andere analoge Medien – “es gibt keinen Grund, einem Kleinkind ein Tablet oder Smartphone zu geben.”

(Quellen: Reddit, eigene Recherche)

 

Sophia Sichtermann ist Redakteurin bei FR X. Ihre Leidenschaft gilt besonders den Themen Arbeit, Bildung und Erziehung, Gleichberechtigung, sowie digitalen Entwicklungen. Sie hat Medienwissenschaft in Berlin und Kiel studiert.

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