19. September 2026
Simone Pfenninger nennt Bedingungen für das Erlernen einer Fremdprache

Nicht wann, sondern wie: Was erfolgreiches Fremdsprachenlernen ausmacht

Kaum ein Thema rund um den Fremdsprachenunterricht wird so intensiv diskutiert wie das Alter, in dem Kinder mit einer zweiten Sprache beginnen. Dahinter steht eine weit verbreitete Annahme: Je früher, desto besser. Auch die frühe Einführung des Englisch-, Französisch- und Deutschunterrichts in der Schweiz beruht teilweise auf dieser Vorstellung, obwohl natürlich zugleich Mehrsprachigkeit als ein zentraler Bestandteil des schweizerischen Selbstverständnisses gilt. Fremdsprachenunterricht ist in der Schweiz nicht nur eine pädagogische, sondern immer auch eine gesellschafts- und bildungspolitische Frage. Doch bringt ein möglichst früher Beginn tatsächlich die erhofften Vorteile für das Sprachenlernen? Die Forschung zeichnet hierzu ein differenzierteres Bild.

Ist es jemals zu spät, eine Sprache zu lernen?

Grundsätzlich: Nein. Die Fähigkeit zu lernen bleibt uns ein Leben lang erhalten, und auch das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter für Sprache anpassungsfähig. Altersunterschiede beim Sprachenlernen spiegeln deshalb häufig nicht nur Unterschiede in den Lernfähigkeiten wider, sondern auch die unterschiedlichen Lebens- und Lernbedingungen, unter denen Menschen eine Sprache erwerben.

Natürlich lernen wir in verschiedenen Lebensphasen auf unterschiedliche Weise. Kinder profitieren beispielsweise stärker von implizitem Lernen und spielerischer Interaktion, während ältere Lernende auf bereits entwickelte kognitive Fähigkeiten (z.B. abstraktes Denken), Lernstrategien sowie Lese- und Schreibfähigkeiten zurückgreifen können. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wann man mit einer Sprache beginnt, sondern v.a. auch wie, wie intensiv und unter welchen Bedingungen man sie lernt.

Dr. Simone Pfenninger, Sprachforscherin, Uni Zürich: Das Alter ist ein schwacher Prädikator.

Wann und für wen ist „je früher“ tatsächlich von Vorteil?

Die Annahme “je früher desto besser” ist nicht völlig falsch. Wenn eine Zweitsprache im Alltag und innerhalb der entsprechenden Kultur erworben wird, haben Kinder und Jugendliche oft besonders gute Voraussetzungen, ein hohes Sprachniveau zu entwickeln. Allerdings gibt es auch dort sehr erfolgreiche Spätlernende, und umgekehrt garantiert selbst der frühestmögliche Beginn – bei der Geburt – keineswegs automatisch eine ausgewogene Mehrsprachigkeit. Entscheidend ist vor allem, wie viel und welche Art von Kontakt ein Kind tatsächlich mit den Sprachen hat.

Anders sieht die Situation beim klassischen Fremdsprachenunterricht in der Schule aus. Wenn Kinder lediglich einige wenige Stunden pro Woche mit einer Sprache in Kontakt kommen (der Fremdsprachenlernende wird oft als Teilzeitlernender bezeichnet), bedeutet ein früherer Beginn nicht automatisch, dass sie schneller lernen oder am Ende der obligatorischen Schulzeit ein höheres zweitsprachliches Niveau erreichen. Gerade das oben erwähnte implizite Lernen, von dem jüngere Kinder besonders profitieren, verläuft unter solchen Bedingungen vergleichsweise langsam, da es auf umfangreichen und wiederholten Sprachkontakt angewiesen ist. Dabei sind zwei Fremdsprachen in der Primarschule aus lerntechnischer Sicht keineswegs grundsätzlich zu viel. Entscheidend ist vielmehr, ob genügend Zeit, qualitativ hochwertiger Unterricht und weitere Lerngelegenheiten zur Verfügung stehen, damit die Kinder die Sprachen tatsächlich ausreichend verwenden und verarbeiten können. Eine wichtige Frage ist daher: Wie viel Mehrsprachigkeit toleriert unser Schulsystem?

Das Alter bei Beginn des Fremdsprachenlernens erwies sich als eher schwacher Prädiktor für den späteren Lernerfolg. Wesentlich wichtiger waren unter anderem die Intensität und Vielfalt des Unterrichts, die Lese- und Schreibkompetenzen in der Erstsprache, ausserschulische Exposition, mehrsprachiger Hintergrund, sowie Motivation und Einstellungen gegenüber der Zielsprache.

Das zeigte auch unsere Langzeitstudie “Beyond Age Effects” mit über 600 Zürcher Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, in der frühe und spätere Englischlernende verglichen wurden. Das Alter bei Beginn des Fremdsprachenlernens erwies sich als eher schwacher Prädiktor für den späteren Lernerfolg. Wesentlich wichtiger waren unter anderem die Intensität und Vielfalt des Unterrichts, die Lese- und Schreibkompetenzen in der Erstsprache, ausserschulische Exposition, mehrsprachiger Hintergrund, sowie Motivation und Einstellungen gegenüber der Zielsprache. Gerade in instruierten Lernkontexten mit begrenzter Unterrichtszeit können solche Voraussetzungen entscheidend sein: Ältere Lernende verfügen nicht nur über ein breiteres Repertoire an Lernstrategien und bereits entwickelte Kompetenzen, sondern können auch eher den konkreten Nutzen der Zielsprache für ihre eigenen Ziele erkennen und diese Einsicht als zusätzliche, instrumentelle Motivation für das Lernen nutzen.

Das bedeutet nicht, dass früher Fremdsprachenunterricht grundsätzlich keine Vorteile hat. Vielmehr sollte man sich fragen, welches Ziel der frühe Unterricht überhaupt verfolgt. Soll ein möglichst hohes Sprachniveau erreicht werden? Oder geht es mehrheitlich darum, früh Interesse an anderen Sprachen und Kulturen zu entwickeln, sprachliche Vielfalt kennenzulernen und positive Erfahrungen mit dem Sprachenlernen zu machen?

Nicht nur das Alter zählt

Eine Sprache zu lernen bedeutet weit mehr, als Vokabeln und Grammatik zu erwerben. Sprache ist eng mit Kultur, sozialen Beziehungen und der eigenen Identität verbunden. Besonders beim Erwerb einer Zweitsprache spielt deshalb die Möglichkeit, die Sprache tatsächlich zu verwenden, eine entscheidende Rolle. Reisen, Freundschaften, digitale Medien oder der Austausch in internationalen Gemeinschaften können Sprachlernende sprachlich, sozial und persönlich prägen. Gerade deshalb sollte man beim Fremdsprachenlernen nicht zu stark auf das Alter fixiert sein. Wenn die Lernbedingungen ungünstig sind, kann ein früher Beginn diese Nachteile nicht einfach ausgleichen.

Prof. Dr. Simone E. Pfenninger, English Departement, University of Zurich

Dabei gilt es auch, zwischen verschiedenen Fremdsprachen zu unterscheiden. Englisch nimmt als internationale und prestigeträchtige Verkehrssprache eine besondere Stellung ein und begegnet vielen Lernenden ausserhalb des Unterrichts, etwa im Internet, in der Musik, in Filmen, beim Reisen oder sogar in der Alltagskommunikation beim sogenannten Code-Switchen. Im Gegenzug dazu hat Französisch in der Deutschschweiz zum Beispiel diese allgegenwärtige Funktion für viele Schülerinnen und Schüler weniger stark. Dies beeinflusst auch die Lernprozesse stark.

Entsprechend kommt es weniger auf einen möglichst frühen Beginn als auf intensiven und qualitativ hochwertigen Sprachkontakt an.

Was bedeutet das für die Schule?

Die Forschung spricht sich keineswegs grundsätzlich gegen frühen Fremdsprachenunterricht aus. Sie legt aber nahe, die Erwartungen bezüglich der erwünschten Mehrsprachigkeit realistisch zu halten. Alter bedeutet dabei kein grundsätzliches Hindernis für das Fremdsprachenlernen; entscheidender als die Frage, ob früher besser ist, ist vielmehr, unter welchen Bedingungen und warum manche Menschen (egal welchen Alters) neue Fähigkeiten schneller und erfolgreicher erwerben als andere.

Entsprechend kommt es weniger auf einen möglichst frühen Beginn als auf intensiven und qualitativ hochwertigen Sprachkontakt an. Besonders vielversprechend ist der immersive Unterricht, bei dem Fachinhalte in der Fremdsprache vermittelt werden: Er erhöht die Dichte an sprachlichem Input, Output und Interaktion und ermöglicht es den Lernenden, die Zielsprache kontinuierlich zu verwenden, statt sie nur in wenigen Wochenstunden „tröpfchenweise“ zu lernen. Eine solche intensive Auseinandersetzung erleichtert die Verarbeitung und Festigung sprachlicher Strukturen, fördert die Automatisierung und kann zugleich die Motivation stärken, weil Fortschritte unmittelbarer erlebbar werden. Auch das Fachwissen muss dabei nicht leiden: Immersiver Unterricht verbindet fachliches und sprachliches Lernen, anstatt das eine zugunsten des anderen zu opfern.

Der vielleicht wichtigste Punkt lautet deshalb: Wann man mit einer Sprache beginnt, ist weniger entscheidend als die Erfahrungen, die man mit dieser Sprache macht. Wer eine Sprache regelmässig hört, verwendet und mit bedeutsamen sozialen und persönlichen Erfahrungen verbindet, hat bessere Voraussetzungen, sie langfristig zu entwickeln – unabhängig davon, ob dieser Prozess in der Schule mit acht oder dreizehn Jahren beginnt.

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1 Kommentar

  1. Simone Pfenningers überzeugende Analyse hebt drei wesentliche Erkenntnisse zum frühen Sprachenlernen hervor:

    1. Der immer wieder behauptete frühe Einstieg für den Erfolg des schulischen Fremdsprachenlernens ist nicht entscheidend. Stimmen Motivation für das Erlernen einer Fremdsprache, sind gute Kenntnisse der Muttersprache vorhanden und kommt ein Unterricht mit einer kompetenten Lehrperson dazu, ist ein späterer Einstieg genauso erfolgversprechend wie ein früherer Beginn.

    2. Das natürliche Lernen kleiner Kinder in einer zweisprachigen Umgebung (Mutter Spanierin, Vater Deutschschweizer) ermöglicht in der Regel einen guten Einstieg in eine Zweisprachigkeit. Dieses zweisprachige Aufwachsen hat nichts zu tun mit der künstlichen Lernsituation der Primarschule, wo die nötige Dichte an Sprachlektionen fehlt, um drei Sprachen nebeneinander zu lernen.

    3. Eine gelebte Mehrsprachigkeit in der Primarschule wäre denkbar, wenn ein Teil des Unterrichts (Realienlektionen) von sprachlich sehr kompetenten Lehrkräften auf Französisch oder Englisch gehalten würde. Diese Aufgabe würde aber dem Fremdsprachenlernen zeitlich und inhaltlich einen so hohen Stellenwert einräumen, dass der Kulturauftrag der Primarschule neu definiert werden müsste.

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