1. August 2026
Gewalttätige Schüler, hilflose Lehrer, verzweifelte Eltern

Wie weiter an der “Problemschule” in Winterthur?

Die Primarschule Wyden geriet im Frühling in die Schlagzeilen – wegen einer Handvoll Kinder, die andere Schüler und Lehrer terrorisierten. Die Schulleitung schaute lange zu. Doch jetzt gab es Konsequenzen. Der Beitrag ist zuerst in der NZZ erschienen.

Abstract illustration of two grayscale fists bumping together on a dark blue diamond against a purple background, symbolizing collaboration.

 

Es müssen unhaltbare Zustände gewesen sein an der Primarschule Wyden in Winterthur Wülflingen. “Körperliche Gewalt gehört zum Alltag” an der Schule, heisst es in einem Brief, den “alarmierte Eltern” Anfang Jahr verfasst und der zuständigen Leiterin Bildung sowie der Stadträtin Martina Blum geschickt hatten, der damaligen Schulvorsteherin von den Grünen. Die Liste der aufgeführten Übeltaten hat es in sich: treten, würgen, Schläge ins Gesicht. Kinder würden regelmässig über längere Zeit in den Schwitzkasten genommen und die Treppe hinuntergestossen. Es komme auch zu Diebstählen und Sachbeschädigungen.

Der Vater eines Fünftklässlers sagt im Gespräch mit der NZZ: Sein Kind sei geschlagen, mit Unihockeyschlägern verprügelt und mit Eisblöcken beworfen worden. Er und seine Frau haben das Schreiben mitunterzeichnet damals, genauso wie etwa 60 weitere Personen. In dem Primarschulhaus mit Kindergarten am Stadtrand gehen 240 Kinder zur Schule. Lehrerinnen und Lehrer bestätigten ihre Wahrnehmungen, schreiben die besorgten Eltern. Ihr Hilferuf dürfte breit abgestützt gewesen sein.

Robin Schwarzenbach, Redaktor Zürich und Region bei der NZZ

Die Winterthurer Schule setzt auf das Prinzip von altersdurchmischten Klassen: Erst- bis Drittklässler werden gemeinsam unterrichtet, Viert- bis Sechstklässler ebenso. Eltern berichten deshalb von einem “strukturellen Problem”: Jüngere Kinder beobachteten, dass Fehlverhalten älterer Schülerinnen und Schüler “ohne spürbare Konsequenzen” bleibe. Lehrpersonen verliessen aus Hilflosigkeit das Schulzimmer, viele Kinder hätten resigniert. Von der Schulleitung, die man bereits mehrfach auf das Treiben einzelner Unruhestifter hingewiesen habe, fühle man sich nicht ernst genommen.

Daher steht für die unterzeichnenden Eltern fest: “Handeln ist aus unserer Sicht dringend notwendig. Es brennt.”

Sozialkompetenztraining

Die Verantwortlichen reagierten. Im Februar teilte die Leiterin Bildung in einem Elternbrief mit, dass die Schule die Probleme mit externer Unterstützung in den Griff bekommen wolle. Die Angeschriebenen wurden gebeten, einen Fragebogen auszufüllen.

Das Ergebnis der Umfrage, das vor ein paar Wochen kommuniziert wurde: Auf dem Pausenplatz fühlen sich viele Kinder unwohl. Also wurde die Aufsicht verdoppelt. Für einzelne Schüler wurde zudem ein Sozialkompetenztraining angeordnet, Schüler und Eltern sollten einen “Wyden-Kodex” unterschreiben.

Und so kam es, wie es in verfahrenen Situationen häufig kommt: Der Brief (eines besorgten Elternteils; Anm. der Red.) wurde den Medien zugespielt.

 

Hinweise auf die Lage an der Winterthurer Schule gibt es auch im Evaluationsbericht der kantonalen Fachstelle für Schulbeurteilung, die die Primarschule im vergangenen Schuljahr unter die Lupe genommen hatte. Bei der Frage, ob die Schüler “freundlich miteinander” umgingen, erzielte die Schule bei Viert- bis Sechstklässlern und Eltern unterdurchschnittliche Werte. Ebenfalls bemängelt wurde, dass es keine klaren Konsequenzen bei Regelübertretungen gebe. Eine einheitliche Durchsetzung dieser Regeln fehle häufig.

Der Vater des Fünftklässlers beschreibt es so: Ihnen sei immer wieder gesagt worden: Man habe es im Griff. Oder: Die Möglichkeiten der Schulleitung seien erschöpft. Man solle Anzeige bei der Jugendpolizei der Stadt einreichen.

Mit solchen Erklärungen indes wollten sich die Urheber des elterlichen Hilferufs nicht abfinden. Und so kam es, wie es in verfahrenen Situationen häufig kommt: Der Brief wurde den Medien zugespielt. Die Lokalausgabe der Tamedia-Zeitungen schrieb von der “Problemschule in Winterthur”. “Schläge, Vandalismus, Todesdrohungen” lautete die Schlagzeile bei “20 Minuten”.

Dem Nachrichtenportal lag Mitte April auch eine Stellungnahme von Eltern vor. Die Vorfälle an der Schule seien “nicht oder nur lückenhaft” aufgearbeitet worden, heisst es darin. Auch sei man über die Zustände am Schulhaus Wyden nicht ausreichend informiert worden. Das Winterthurer Schuldepartement versuchte zu beschwichtigen: “Wo nötig, wurden disziplinarische Massnahmen angeordnet”, liess man “20 Minuten” damals wissen.

Zu Fragen der NZZ wollten die Schulleitung, die Leiterin Bildung und die neue Schulvorsteherin, Romana Heuberger von der FDP, in der vergangenen Woche keine Stellung nehmen. Gewalt an Schulen sei ein relevantes Thema. Aber es betreffe die ganze Gesellschaft, nicht nur eine einzelne Winterthurer Schule, teilte das Schuldepartement mit.

Neue Schulleiterin, neues Glück?

Gleichwohl gibt es Anzeichen dafür, dass die Schule Wyden den Tiefpunkt dieser Krise hinter sich haben könnte. Der Vater des Fünftklässlers sagt im Gespräch: Seit den Frühlingsferien habe sich die Lage beruhigt. Einer der Unruhestifter sei Ende April an eine andere Schule versetzt worden. In den vergangenen Wochen kamen weitere Strafversetzungen hinzu. Das hat die NZZ von verschiedenen Seiten erfahren. Die Stadt Winterthur wollte sich auch dazu nicht äussern, dies nicht zuletzt aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes, wie eine Sprecherin des Schuldepartements betonte.

Fest steht: Einer der beiden Leiter der Primarschule ist derzeit abwesend. Er könne seine Funktion “vorübergehend” nicht ausüben, heisst es in einer weiteren Mitteilung der zuständigen Leiterin Bildung an Eltern von vergangener Woche. Der Mann war vor Jahren schon einmal für längere Zeit ausgefallen. Seit Anfang Juni stand ihm eine neue Co-Leiterin zur Seite. Bei ihr habe er ein gutes Gefühl, sagt der erwähnte Vater zur NZZ, auch mit Blick auf das neue Schuljahr nach den Sommerferien. Sie höre einem nicht nur zu, sondern lasse Worten auch Taten folgen.

Kurze Wege; ein Schulpräsident, der sich um “seine” Schulen kümmere und die Schulleitungen vor fragwürdigen Verwaltungsaufgaben von oben schütze – das sei vorbei in Winterthur. Und das sei schade, sagt der Lehrer.

 

Eine weitere Erklärung für die schwierige Lage der Schule Wyden könnte sein, dass die von Eltern lange als untätig kritisierte Schulleitung seit der Abschaffung der Schulkreise in Winterthur vor vier Jahren deutlich mehr zu tun hatte als früher – und sich ihrerseits von der städtischen Bildungsverwaltung alleingelassen fühlte.

Beim früheren Schulkreispräsidenten habe man einfach ins Büro laufen im Quartier oder ihm schnell eine E-Mail schreiben können, sagt ein Klassenlehrer, der die Winterthurer Schule vor einem Jahr verlassen hat. In den neuen, zentralisierten Strukturen mit einer Anlaufstelle für alles im sogenannten Superblock im Stadtzentrum sei das nicht mehr ohne weiteres möglich. Kurze Wege; ein Schulpräsident, der sich um “seine” Schulen kümmere und die Schulleitungen vor fragwürdigen Verwaltungsaufgaben von oben schütze – das sei vorbei in Winterthur. Und das sei schade, sagt der Lehrer.

Mehrere seiner früheren Kolleginnen und Kollegen taten es ihm gleich: Sie haben ihre Stelle an der Schule Wyden per Ende Schuljahr gekündigt.

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4 Kommentare

  1. Wo leben wir eigentlich? Eine “Handvoll” Grundschulkinder terrorisieren eine Schule, und die normalen Strukturen unserer Gesellschaft werden damit nicht fertig? Dem Faustrecht hat man nichts entgegenzusetzen? Diese wenigen Kinder müssten doch namentlich bekannt sein, man könnte sie an ihrer Schule einer Sonderbehandlung zuführen, vielleicht mithilfe von Hilfssheriffs im XXL-Format. Eventuell hat man an Pädagogischen Hochschulen auch bessere Ideen. Ein Forschungsprojekt zur Sonderpädagogik für gewalttätige Schüler könnte man ja auch daraus machen, Arbeitstitel: “Der Widerspenstigen Zähmung”.
    Die KI von Google teilt mir mit:
    “Das Schulhaus Wyden ist eine sogenannte “Quims-Schule” (“Qualität in multikulturellen Schulen”). Das bedeutet, es gibt dort einen höheren Anteil an Kindern aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund. Experten betonen jedoch, dass Herkunft nicht der Hauptgrund für die Gewalt ist. Vielmehr stehen Schulen mit solchen Herausforderungen unter starkem Druck.”
    “Um solche Krisen zu lösen, setzen Experten und die Stadt auf klare Regeln.”

    Dieser “Druck” wird aber eben in der falschen Richtung abgeleitet, nämlich zu Lasten derjenigen Schüler, die sich normal benehmen. Der “Druck” sollte besser die höheren Chargen der Schuladministration treffen, die sollten mal kommen und diese “Handvoll” von Schülern beobachten und dann verbindlich sagen, was zu tun ist.
    Klare Regeln sollte es ja eigentlich geben, aber man ist unfähig sie durchzusetzen. Bei Quims lese ich das übliche Gesäusel von Vielfalt, Kompetenzen und Bildungschancen, aber nichts zu den Konflikten, um die es hier geht:

    https://www.quims.ch/

    Von den realen Problemen wird gar nicht erst geredet, sie werden verklausuliert. Das Gesäusel der “Experten” ist ohnehin bekannt: einfach schönreden, und das Wichtigste: alles “politically correct” mit “Diversity”, Antirassismus und Antidiskriminierung, aber ohne Ehrlichkeit. Dazu eine kleine Kostprobe der Weisheiten von Quims:
    “Eine diskriminierungskritische Haltung unterstützt den konstruktiven Umgang mit Vielfalt und stärkt eine Schulkultur, in der alle Schülerinnen und Schüler respektiert und wertgeschätzt werden. Dies ist zentral für das Lernen, da eine inklusive und diskriminierungssensible Lernumgebung den Schulerfolg mitbedingt.”

    Man könnte Angst bekommen vor einer Gesellschaft, die nicht einmal mit einer “Handvoll” von Kindern fertig wird, geschweige denn mit Korruption, Drogenkartellen, kriminellen Clans usw. Demokratie und Rechtsstaat sind eigentlich das Gegenteil vom Faustrecht.

    1. Ich meinte keine Prügelstrafen, sondern im wörtlichen Sinne eine Sonderrolle im Tagesablauf, speziell dann, wenn es diese Hilfssheriffs gibt, denen diese Kinder direkt zugeordnet werden. Die werden sich schon Respekt verschaffen. Das wäre erstmal temporär mit einer Art von Bewährung. Es geht schlicht darum, die anderen zu schützen. Dann wird die Bewegungsfreiheit der Täter eben eingeschränkt, anders geht das nicht. Das ist nicht diskriminierend, wenn es nur aus dem eigenen aggressiven Verhalten resultiert. Eine konsequenzenlose Pädagogik mit reiner Präventions-Rhetorik haben wir doch schon. Übrigens: Der als Vorbild viel gerühmte Rütli Campus in Berlin hat einen solchen Wachdienst. Allein dessen Anwesenheit senkt schon die Aggressivität.

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