22. Juli 2024
Caroline Emcke

Das wird Caroline Emcke nicht gerecht

Ein weiterer Artikel in der Rubrik “Grosse Denkerinnen und Denker” gab zu reden. Mit der Kritik an Caroline Emcke ist Condorcet-Autor Georg Geiger überhaupt nicht einverstanden. Er wirft der Redaktion eine verkürzte Darstellung vor und fordert neue Debattenformate.

Ein solch schludriger Verriss ist der Redaktion des Condorcet nicht würdig, liebe Kolleginnen und Kollegen. Süffisant wird der “höchstdekorierten” Autorin Carolin Emcke unterstellt, dass sie den Diskurs meide und in ihrer Bubble bleibe, weil sie sich mit ihren Forderungen und Ideen nicht durchsetzen könne und weil sie es gewohnt sei, dass sie immer Recht habe. Man erfährt nicht, wo Emcke zu wem in welchem Kontext gesprochen hat. Man erfährt nur, dass “Engel durch den Raum schweben”, wenn sie spricht, und Felix Schmutz unterstellt

Georg Geiger, pens. Gymnasiallehrer in Tenniken, Condorcet-Autor: Das war schludrig!

der Totalitarismusforscherin sogar, dass sie mit ihrer Diskussionsverweigerung den Totalitarismus befördere. Meint Ihr das wirklich im Ernst, liebe Condorcet-Kollegen? Setzt Euch doch wenigstens mit dem knapp wiedergegebenen Anliegen von Emcke auseinander: Dass nämlich die Kommunikationsform des Podiumsgespräches mit der simplen Aufteilung in Pro und Contra der Komplexität und Vielschichtigkeit vieler Gegenwartsprobleme nicht mehr gewachsen ist. Denn oft wird klar, dass die Facebook-Kindersprache mit like und dislike einfach nicht mehr genügt. Ich habe das selbst vor etwa einem Jahr erfahren, als ich in Sissach ein Podium zur Frage “AKW Ja oder Nein?” veranstaltet habe. Brav kontradiktorisch und absolut ausgeglichen mit zwei Jungpolitikern der SVP, einer Klimaaktivistin und einer Grünen Nationalrätin. Am Ende des Abends habe ich mir das Gleiche vorgenommen wie Emcke: Nie mehr ein Podiumsgespräch organisieren. Nun, was ist denn passiert? Auf der einen Seite zwei rhetorisch gut geschulte Jungpolitiker der SVP, die mit zwei Argumenten alle Probleme der Atomenergie vom Tisch wischten: Endlager seien nicht die Lösung, da hätten die Gegnerinnen durchaus Recht. Man solle den verstrahlten Müll oberirdisch lagern, denn bald gebe es eine neue Technologie zur sicheren Entsorgung und es sei eine neue, absolut sichere Generation von Atommeilern in der Pipeline, die alle Probleme löse. Schluss, aus, das wars. Da konnte die Gegenseite soviel rudern, wie sie wollte.

 

Da braucht es neue Formen der Debatte und da müssen wir ernsthaft nach neuen Formen der Debatte Ausschau halten.

Die Rhetorik hat den Abend erledigt. Dies in einer Zeit, wo es noch kein einziges funktionierendes Tiefenlager auf der Welt gibt, wo mit Saporischschja der grösste Atommeiler Europas von den Russen als Pfand in ihrer Zerstörungshand dient und wo die Preise für den Bau neuer AKWs durch die Decke schiessen. Der Abend war das Gegenteil eines Gesprächs. Es war ein Schaulaufen und eine narzisstische Inszenierung sondergleichen. Da braucht es neue Formen der Debatte und da müssen wir ernsthaft nach neuen Formen der Debatte Ausschau halten. Oder würdet ihr etwa noch an einem Podiumsgespräch teilnehmen, wo darüber debattiert wird, ob es die menschengemachte Klimaerwärmung gebe oder nicht? Oder würdet ihr auf ein Podium, das die Frage stellt: Hat es den Holocaust wirklich gegeben? Ihr seht, was Emcke anspricht, ist wirklich relevant und ist keine Gesprächsverweigerung, weil Podien meist gar keine Gespräche mehr sind!

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3 Kommentare

  1. Das Beispiel spricht nicht gegen kontradiktorische Debatten, wenn ich auch zugebe, dass das Gelingen stark von den eingeladenen Leuten abhängt. Schliesslich sitzt da ja ein Publikum von denkenden Menschen, die je nach dem auch gewisse Vorkenntnisse und Erfahrungen haben, die beide Seiten hören und sich selbst ein Bild machen sollen. Pointierte konträre Voten können das Denken anregen. Unsere Demokratie mit Referenden und Initiativen funktioniert so. Man kann Ja oder Nein auf den Zettel schreiben. Das Ideale wären natürlich dialektische Gespräche, bei denen sich aus Pro und Kontra eine Art Synthese finden liesse, oder wenigstens ein Abwägen des Dafür und des Dagegen stattfindet. Da ist natürlich auch der Moderator gefragt, der unter Umständen diese Rolle übernehmen muss. Vielleicht wäre es gut gewesen, neben Klima-Aktivisten und Jung-SVP-Vertretern auch noch eine Physikfachperson einzuladen, die wirklich Bescheid weiss über Atomkraftwerke. Solche Debatten haben durchaus auch eine (schau)spielerische Komponente. So ernst, dass man im Innersten verletzt wird, sollte man sie nicht nehmen.

  2. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Man kann doch nicht Politiker und Klimakleber aufs Podium setzen und glauben, dann finde eine sachliche Auseinandersetzung zwischen Experten über Atomenergie statt.

  3. Wenn einem die Argumente nicht passen, neue Debattenformate zu fordern, ist eine fehlgeleitete Motivation. Es gibt bessere Argumente gegen kontradiktorische Formate à la Arena: jede Seite verteidigt mit Zähnen und Klauen die eigene Position. Nie hört man ein Eingeständnis, man könne einem Argument der Gegenseite etwas abgewinnen und müsse noch etwas darüber nachdenken. Und das Publikum will einfach seine Vorurteile bestätigt wissen ( gerade im Bezug auf so moralisch aufgeladene Themen wie die Kernenergie).

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