11. Juli 2026
Interview mit der Bieler Ex-Schülerin Havin Sirma

Strenge Lehrer taten mir gut

Die 20-jährige Bielerin Havin Sirma hat soeben ihr Eidgenössisches Fähigkeitszertifikat (EFZ) erhalten. Sie besuchte das OSZ-Mett-Bözingen als Sekundarschülerin. Unser Condorcet-Autor Alain Pichard kannte die beeindruckende Frau als ehemalige Präsidentin des Schülerinnen- und Schülerrats. Ein Gespräch über Lernen, Fehlschläge, die Bedeutung der Familie und die Chancen, welche unser Schulsystem gerade solchen jungen Menschen bietet.

Condorcet: Havin, so sieht man sich wieder, bei einem Interview!

Hawin: Ja, du hattest mich ja damals als Präsidentin des Schülerinnen- und Schülerrats für die Schülerzeitung interviewt. Ich hoffe, du stellst nicht die gleichen Fragen.

Havin Sirma gab unserem Condorcet-Autor Alain Pichard schon vor 4 Jahren ein Interview.

Nun, damals ging es ja um eine Unterschriftensammlung, mit der ihr euch gegen den Entscheid gewehrt hattet, in der 10-Uhr-Pause auf den Pausenplatz gehen zu müssen…

Es war mehr, dass man uns nicht zutraute, selbst zu entscheiden, wo wir unsere Pause verbringen wollten…

Alain Pichard, ehem. Stadt- und Grossrat der GLP, Lehrer und Publizist: Wie hast du gelernt?

Für unsere Leserinnen und Leser, ihr hattet ja damals erreicht, dass der Entscheid zurückgenommen wurde…

Ja, wir wurden an die Lehrerkonferenz eingeladen. Und anstatt einfach nur zu argumentieren, haben wir den Lehrkräften verschiedene absurde Situationen in Rollenspielen vorgeführt.

Heute kannst du selbst entscheiden, wo du die Pause verbringst!

Ja, aber ich habe nicht mehr so viele Pausen…

Du machtest eine KV-Ausbildung im E-Profil bei welcher Firma?

Bei der T-Systems AG, einer Tochtergesellschaft der deutschen Telekom.

Wie war der Einstieg in die Berufslehre?

Mir gefiel der Job von Anfang an, und ich erlebte eine gute Arbeitsatmosphäre. Aber die enorme Stoffdichte, die vielen Dinge, die ich lernen musste, das hat mich doch schon etwas überfordert.

Wie muss ich das verstehen? War es die Menge oder der Schwierigkeitsgrad?

Eindeutig die Menge. Ich wusste zunächst nicht, wie damit umgehen, wie ich lernen soll. Dann habe ich mich an die Karteikärtchen in der Schule erinnert. Ich habe also viele Kärtchen mit den zu lernenden Inhalten geschrieben.

Und wie hast du sie dann gelernt?

Du wirst dich wundern. Zu Beginn plante ich jeweils eine Stunde Lernzeit ein. Dabei stellte ich jedoch fest, dass meine Konzentration gegen Ende nachliess. Deshalb reduzierte ich die Lerneinheiten auf 45 Minuten und legte danach bewusst eine kurze Pause ein. Auf diese Weise konnte ich konzentriert und effektiv lernen, ohne dass es sich belastend oder ermüdend anfühlte.

Trotzdem hat es nicht ganz geklappt, wie du mir im Vorgespräch mitgeteilt hattest. Du musstest eine Zusatzschlaufe machen.

Ja, im Fach Wirtschaft hat es knapp nicht gereicht. Ich musste die Prüfung wiederholen.

Wie gingst du mit diesem Fehlschlag um?

Du weisst ja, dass ich eine gute Schülerin war. Mir hat das recht zugesetzt.

Wie konntest du dich aufrappeln?

Nun, ich bin sehr ehrgeizig. Aufgeben kam für mich nie in Frage, und ich machte ja diesen Job gerne und dann war ja noch meine Familie.

Meine Eltern leben seit rund 25 Jahren in der Schweiz. Mein Vater arbeitet als Bodenleger und meine Mutter bei JUMBO. Mein jüngerer Bruder und ich sind hier geboren und aufgewachsen. Wir sind Schweizer und schätzen dieses Land sowie die Möglichkeiten, die es uns bietet, sehr.

Wie hat die reagiert?

Sie konnte mich schulmässig nie richtig unterstützen, aber sie stand immer hinter mir, gab mir Vertrauen und ermutigte mich, weiterzumachen, es noch einmal zu versuchen.

Deine Eltern sind Kurden und leben seit 25 Jahren in der Schweiz. Wie lief das so mit der Integration.

Meine Eltern leben seit rund 25 Jahren in der Schweiz. Mein Vater arbeitet als Bodenleger und meine Mutter bei JUMBO. Mein jüngerer Bruder und ich sind hier geboren und aufgewachsen. Wir sind Schweizer und schätzen dieses Land sowie die Möglichkeiten, die es uns bietet, sehr.

Gleichzeitig vergessen wir unsere kurdischen Wurzeln nicht. Unsere Kultur und Traditionen sind ein wichtiger Teil unserer Identität. Uns ist es wichtig, diese Werte zu bewahren und auch an die kommenden Generationen weiterzugeben.

Das Kopftuch war bei uns nie ein Thema.

War das Kopftuch bei euch nie ein Thema

(lacht) Nie, wirklich nie, bei uns zu Hause ist die Mutter der Boss und Vater und Bruder helfen wie ich im Haushalt mit.

Aber du stehst zu deiner Kultur. Du wirktest in einer kurdischen Kulturgruppe mit. Machst du das immer noch?

Mit Beginn der Lehre hörte ich damit auf, es war einfach zu viel. Dann fing ich wieder mit dem Tanzen in der Kulturgruppe an. Es fehlte mir. Ich kann am Abend all den Druck auf der Bühne beim Tanzen rauslassen. Im Mai haben wir bei einem internationalen Treffen kurdischer Gruppen in Deutschland einen Preis gewonnen.

Hat dich die Schule genug auf die Berufslehre vorbereitet?

Was heisst hier genug? Meine Schule hat enorm viel in die Lehrstellensuche investiert, wir hatten ein sehr umfangreiches Schnupperprogramm, die Lehrer besuchten uns während den Praktikas und sprachen mit den Verantwortlichen. Ausserdem konnten die Schüler immer am Mittwochnachmittag in die Schule gehen, wo ein Lehrer ihnen bei den Bewerbungen half. Deswegen haben auch viele eine Lehrstelle gefunden.

Aber Achtung, mein Klassenlehrer war nicht einfach nur stoffbezogen und streng. Er interessierte sich für uns, förderte uns, wo er nur konnte, hatte viel Verständnis, war aber knallhart in der Sache. Ich habe ihm am Schluss gesagt, dass er eine Art Vater für mich war.

 

Havin Sirma im Restaurant Falken, das von ihrem Onkel geführt wird.

Du sprichst von der Berufswahl. Wie war es mit dem Unterricht?

Meine starken Fächer sind ja die Sprachen. Ich spreche heute Deutsch, Französisch, Englisch, Türkisch und Kurdisch. Wir hatten einen strengen Lehrer, der viel von uns verlangte. Auch die Lehrerin im naturwissenschaftlichen Unterricht war sehr kompetent und verlangte viel. Das gefiel nicht allen. Mir schon.

Das heisst, du ziehst die strengen Lehrkräfte vor?

Ja, ich brauche sie. Aber Achtung, mein Klassenlehrer war nicht einfach nur stoffbezogen und streng. Er interessierte sich für uns, förderte uns, wo er nur konnte, hatte viel Verständnis, war aber knallhart in der Sache. Ich habe ihm am Schluss gesagt, dass er eine Art Vater für mich war.

Das Gymnasium war für dich nie ein Thema?

Nein, ich wollte in die Berufswelt und dort meine Karriere starten.

Aber eine Karriere muss es sein?

Auf jeden Fall. Ich will vorwärtskommen. Meine Zusatzschlaufe hatte übrigen im Nachhinein einen sehr positiven Effekt. Meine Firma nahm mich in ein Praktikumsprogramm, es hiess «Young professionals. Ich durfte ein halbes Jahr im Berner Inselspital ein IT-Projekt begleiten. Da habe ich viel gelernt. Wir arbeiteten unten in einem Bunker bei heissen Temperaturen und Kunstlicht und ich habe die ganze Zeit Updates installiert, Support gemacht, Daten gesichert. Ich hatte grossen Spass. Ausserdem hat mich der Fehlschlag noch etwas gelehrt.

Ich meine Bücher, Literatur! Ich lese wieder Bücher, wie in der Schule. Das muss dich doch freuen!

Ich bin gespannt.

Ich merkte, mein Wortschatz reicht nicht, ich musste wieder lesen…

Wie meinst du das?

Ich meine Bücher, Literatur! Ich lese wieder Bücher, wie in der Schule. Das muss dich doch freuen!

Tut es auch. Was liest du jetzt gerade?

Meine Tante hat mir das Buch von Kafka geschenkt. Es heisst «Verwandlung»!

Das ist aber nicht gerade ein leichter Stoff. Die Verwandlung handelt von einem Mann, der sich in ein ungezieferartiges Wesen verwandelt und dadurch seine Arbeit, seine Beziehungen und schließlich seinen Platz in der Familie verliert.

Ja, genau, es ist das Gegenteil von dem, was ich anstrebe und auch erlebe. Aber es ist auch eine Mahnung, wie schnell es einem schlecht gehen kann. Mein Vater z.B. hat auch gesundheitliche Probleme mit dem Knie. Wenn da niemand ist, der ihm hilft, kann es sehr schnell gehen.

Wie geht es jetzt weiter, mittlerweile hast du ja dein EFZ?

Mir steht die Welt offen. Ich beobachte genau, was rund um mich passiert! Die KI wird unseren Beruf stark verändern. Ich werde jetzt eine Stelle im KV suchen und eine Zusatzausbildung im IT-Bereich machen.

Wir führen dieses Interview im Restaurant Falken, das deinem Onkel gehört, er führt bereits zwei Restaurants und steht kurz vor der Übernahme eines dritten. Der Gastrobetrieb war für dich nie eine Option.

Nein, und in seinen Restaurants arbeiten auch keine Familienmitglieder. Hier im Falken ist die Chefin eine Polin, die beiden Serviceangestellten, die du gerade siehst, sind eine Marokkanerin und ein Portugiese. Das ist Biel!.

Liegt deine Zukunft in Biel?

Eher nicht! Biel macht zu wenig aus sich, Bern, wo ich meine Ausbildung gemacht habe oder die Region Zürich bieten für meine berufliche Entwicklung mehr. Aber ich bin gerne hier und hier lebt ja auch meine Familie, die für mich enorm wichtig ist.

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