In der öffentlichen Wahrnehmung galt die Berner Bildungsdirektorin Christine Häsler (Grüne) als eher farblos und unfassbar. In den Medien äusserte sie sich selten, und Medienanfragen wurden eher knapp beantwortet, obwohl Häsler in früherer Tätigkeit Kommunikationschefin der Kraftwerke Oberhasli (KWO) war. Warum scheute sie das Licht der Öffentlichkeit?
So hat die Regierungsrätin regiert
Das liegt an ihrem Regierungsstil. Sie habe die Zusammenarbeit mit Interessengruppen im Hintergrund gesucht, statt sich auf die “grosse Bühne” zu drängen, sagt die abtretende Regierungsrätin.
So habe sie die erarbeiteten Lösungen schliesslich auch im Parlament durchgebracht. “Ich bin glücklich, dass das gelungen ist”, gibt Häsler die Blumen weiter.

Hört man sich um, wird Häslers Selbstbeschreibung bestätigt. Sie wird eine “stille Schafferin” genannt, jemand, der eher im Hintergrund tätig ist. Sie habe immer das Gespräch gesucht und das Wir betont, sagt etwa Stefan Wittwer, Geschäftsführer des Lehrpersonenverbands Bildung Bern. “Christine Häsler arbeitete auf unaufgeregte Art partizipativ und beharrlich.”
Die grössten Erfolge feierte sie an der Volksschule
Das Lob des Lehrergewerkschafters kommt nicht von ungefähr. Christine Häsler legte den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Volksschule – und zwar auf die Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen und Schulleitungen.
Bereits zwei Jahre nach ihrem Amtsantritt 2018 konnte die Regierungsrätin trotz jährlichen Mehrkosten von rund 30 Millionen Franken mit dem Segen des Parlaments die Löhne der Kindergarten-, Primarschul- und Musikschullehrkräfte um eine Gehaltsstufe erhöhen.
Seit 2024 bekommen zudem die Klassenlehrpersonen eine Funktionszulage und eine zeitliche Entlastung für ihre spezifischen Aufgaben. Und schliesslich haben auch die Schulleitungen mehr Stellenprozente bekommen.

Zudem hat Häsler den Einsatz von Klassenhilfen ausgebaut. Schulen können sie unkompliziert beantragen. “Das sind spürbare Entlastungen für Lehrpersonen, von denen wir nicht gedacht hätten, dass der Grosse Rat zustimmen würde”, sagt der Berner Lehrer und Grossrat Manuel C. Widmer (GFL).
Auch in der Lehrerausbildung ist einiges gegangen: Neu- und Wiedereinsteigende haben ein Mentorat zugute. Dieses Mentorat führte Häsler vor acht Jahren als Massnahme gegen den akuten Lehrpersonenmangel ein, damit Studierende der Pädagogischen Hochschule schon während des Studiums die Lücken stopfen konnten. Seither hat sich die Lehrerausbildung zunehmend zu einem berufsbegleitenden Studium gewandelt.
Die grössten Flops in der Bildung
Während die Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen Häsler ein grosses Anliegen waren, hat sie von Bildungsinhalten lieber die Finger gelassen. Der Lehrplan 21 ist zwar zu Beginn von Häslers erster Legislatur eingeführt worden, trotz Kritik fehlt aber bisher eine Evaluation.
“Ich habe wenig Herzblut für den Bilinguisme gespürt.”
Claudine Esseiva, FDP-Grossrätin und Präsidentin von Bern-Bilingue
Auf die verschiedenen Diskussionen um den Fremdsprachenunterricht mochte sich Häsler nicht richtig einlassen. Ging es um die deutsch-französische Zweisprachigkeit, habe Häsler zwar immer betont, wie wichtig diese sei, sagt die FDP-Grossrätin und Präsidentin von Bern-Bilingue Claudine Esseiva, doch sei wenig geschehen: “Ich habe wenig Herzblut für den Bilinguisme gespürt”, kritisiert Esseiva.
Ebenfalls in Kritik geraten ist Häsler wegen Führungskrisen an mehreren kantonalen Berufsschulen. Ein IT-Debakel am Berufsbildungszentrum BBZ Biel endete 2023 für die zuständige IT-Leiterin mit einer Anzeige. Die Rede war von Vetternwirtschaft und dubiosen Beschaffungen.
Der Bericht der Finanzkommission (Fiko) des Kantons Bern kritisiert aber auch das für die Aufsicht zuständige Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) und damit Christine Häsler.
Anfang dieses Jahres ist der nicht lange zuvor angestellte Direktor des Berufsbildungszentrums IDM in Thun freigestellt worden, nachdem beim MBA eine aufsichtsrechtliche Beschwerde eingereicht worden war. Auch in diesem Fall wird die Aufsicht des Amtes kritisiert. Im Februar reichte Grossrat Alain Pichard (GLP) eine Interpellation ein und verlangte Aufklärung.
Was die Regierungsrätin vermissen wird
Bezüglich der Berufsschulen gibt sich Häsler selbstkritisch. Obwohl sie seit längerer Zeit “intensiv” hinschaue, müsse es gelingen, die Berufsschulen “noch besser zu unterstützen”.
Ganz Politikerin, würde sie lieber darüber reden, dass der Kanton Bern in der Berufsbildung “gut aufgestellt” sei: “Die Betriebe leisten hervorragende Arbeit.”
En passant platziert sie eine politische Forderung: “Für die Volksschule hätte ich gern noch etwas mehr rausgeholt.” Im Vergleich zu anderen Kantonen gebe es bei den Löhnen immer noch Nachholbedarf.
Blickt Christine Häsler auf ihre Zeit im Regierungsrat zurück, betont sie vor allem die sozialen Aspekte. “Ich werde viele Menschen vermissen, die ich kennen und schätzen gelernt habe”, sagt sie. Beim Regierungsamt denke man in erster Linie an Aufgaben. Doch ihr Alltag sei vor allem durch zahlreiche Begegnungen geprägt.

Hingegen werde sie nicht vermissen, wie “fremdbestimmt” sie als Regierungsrätin sei. “Es gibt so wahnsinnig viele Termine, die man einfach wahrnehmen muss”, erklärt sie. Sie werde regelrecht “voll gebucht”. Um eine Rede zu schreiben oder sich in ein Thema einzuarbeiten, habe sie sich die Zeit regelrecht “stehlen müssen”.
Gibt es für Häsler ein Leben nach dem Regierungsrat?
In ihrer neuen Lebensphase will sich Christine Häsler wieder vermehrt für soziale Anliegen engagieren. Vor wenigen Wochen ist sie zur Präsidentin der Krebsliga Bern gewählt worden.
“Mein Fokus wird sich wieder mehr auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen, soziale und gesellschaftliche Themen richten.”
Von einer Institution für Menschen mit Beeinträchtigungen sei sie als Mitglied des Stiftungsrats angefragt worden – Häslers jüngste mittlerweile erwachsene Tochter lebt mit einer geistigen Beeinträchtigung. “Mein Fokus wird sich wieder mehr auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen, soziale und gesellschaftliche Themen richten”, sagt sie.
Zudem sei sie froh, wieder mehr Zeit für ihr persönliches Umfeld zu haben, etwa die vier Grosskinder im Alter von 5 bis 18 Jahren oder um ein gutes Buch zu lesen. Für Letzteres habe sie als Regierungsrätin fast keine Zeit gehabt. “Das fehlte mir sehr”, sagt sie.


