Nachdenken über die Zeit danach!

Pierre Dillenbourg ist Professor an EPFL (Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne). Er plädiert für einen Mittelweg zwischen Digitalisierung und Präsenzunterricht. Sein Beitrag ist am 11. Mai 2020 im BOLD (Blog for learning and Development) erschienen.

Homeschooling: Was kommt danach?
Pierre Dillenbourg: Digitalisierung und Normalunterricht kombinieren.

Viele Eltern haben es auf die harte Tour erfahren: Hausunterricht ist keine Sonntagsschule! Unzählige Medienberichte beschreiben die Schwierigkeiten und Frustrationen, denen Kinder, Eltern und Lehrer während des Homeschoolings begegnet sind. Werden wir aber nach der Krise einfach so in die Schule zurückkehren können, die wir vor März 2020 kannten? Die meisten Menschen würden sagen: Aber natürlich! Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer müssen dringend die gleiche physische Umgebung teilen!

Schulen spielen eine entscheidende Rolle

Sich gegenseitig auf einem Bildschirm zu sehen, ist natürlich besser, als sich überhaupt nicht zu sehen, aber es ist keineswegs dasselbe. Auch wenn es politisch vielleicht nicht korrekt ist, darauf hinzuweisen, so ist doch die Rolle, die Schulen bei der Betreuung von Kindern spielen, während ihre Eltern arbeiten, für eine funktionierende Wirtschaft von entscheidender Bedeutung.

Wie geht es weiter?

Doch wie geht es weiter? In Bälde werden Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger analysieren, inwieweit der Fernunterricht während der aktuellen Pandemie erfolgreich war und wo er an seine Grenzen gestossen ist. Und natürlich sind sie bestrebt aufzuzeigen, über welche Instrumente für den Fernunterricht wir fortan verfügen müssen, damit wir auf eine ähnliche Krise reagieren können.

Wenn Schulen systematisch digitale und Präsenzveranstaltungen kombinieren, müssen sie im Krisenfall nur den relativen Umfang des Präsenz- und Fernunterrichts anpassen und keine radikalen Veränderungen vornehmen.

Wer einfach auf Reaktivierung setzt, erlebt ein böses Erwachen

Programme veralten schnell.

Wenn Schulen und Universitäten jedoch bei der nächsten Krise einfach auf die Reaktivierung von IT-Lösungen setzen, werden sie feststellen, dass diese Lösungen in einigen Jahren überholt sein werden. Die Lizenzen werden nicht verlängert worden und die Inhalte veraltet sein. Wir könnten durchaus einer Situation begegnen, die mit dem Mangel an persönlicher Schutzausrüstung vergleichbar ist, mit dem so viele Länder in den letzten Wochen und Monaten zu kämpfen hatten.

Ein anderer Ansatz wäre sinnvoller: Wenn Schulen systematisch digitale und Präsenzveranstaltungen kombinieren, werden sie im Krisenfall nur die relativen Anteile von Präsenz- und Fernunterricht anpassen müssen, anstatt radikale Veränderungen vorzunehmen.

Quizlet wird schon lange eingesetzt.

Homeschooling ist im Prinzip nicht neu

Viele scheinen zu denken, dass das Lernen zu Hause ein völlig neues Konzept ist. Aber haben die Studierenden nicht schon immer abends und an den Wochenenden zu Hause Aufgaben erledigt? Und nutzen die Lehrer nicht bereits Online-Aktivitäten im Klassenzimmer? Studenten bilden WhatsApp-Gruppen, um Aufgaben zu teilen, Lehrer stellen Übungen auf Dropbox ein, benutzen Kahoot und Quizlet oder Google forms und so weiter.

Die Lösung besteht nicht darin, den Einsatz digitaler Werkzeuge zu vermeiden, sondern vielmehr darin, Wege zu finden, wie solche Werkzeuge zur Verringerung der Ungleichheit eingesetzt werden können.

An der Digitalisierung führt kein Weg vorbei

Die Post-COVID-Schule wird teilweise digital bleiben müssen, da das Lernen zu Hause schon immer Teil der schulischen Ausbildung eines Kindes war, und das wird auch weiterhin der Fall sein. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Hausaufgaben, ob digital oder nicht, die sozialen Ungleichheiten verstärken. In der COVID-19-Krise wird dieses Problem durch den ungleichen Zugang zu digitaler Technologie sowie durch Unterschiede in der Aufmerksamkeit, die Eltern den Schularbeiten ihrer Kinder widmen können, noch verschärft.

Schüler überwachen?

Die Lösung besteht nicht darin, den Einsatz digitaler Hilfsmittel zu vermeiden, sondern vielmehr darin, Wege zu finden, wie diese Hilfsmittel zur Verringerung der Ungleichheit eingesetzt werden können. Beispielsweise könnten Eltern, die nicht in der Lage sind, physisch anwesend zu sein, um die Hausaufgaben ihrer Kinder zu beaufsichtigen, dies online tun; gemeinnützige Organisationen könnten die Arbeit von Schülern überwachen, die zu Hause keine Unterstützung erhalten; KI-Methoden könnten eingesetzt werden, um Schulen zu benachrichtigen, wenn Kinder gefährdet sind, und so weiter.

Welche Lernplattform?

Nach der Krise wird die nicht enden wollende Suche nach einer idealen digitalen Lern- und Lehrplattform wieder aufgenommen. Es ist jedoch klar, dass es keiner einzigen Plattform gelingen kann, alle Erwartungen zu erfüllen. Ein Schul-Ökosystem nutzt die Vorteile mehrerer Plattformen für die Organisation von Aktivitäten (z.B. Moodle), den Austausch von Dateien (z.B. Google Drive), die Kommunikation (z.B. E-Mail, Zoom, Slack) und die Nutzung interaktiver Anwendungen (z.B. für Rechenübungen und wissenschaftliche Simulationen).

Der Schlüssel zum erfolgreichen Online-Lernen liegt nicht in der Wahl der Werkzeuge, sondern in der Qualität der Lernaktivitäten, die die Studierenden mit diesen Werkzeugen durchführen.

Wochenpläne

Eine schlecht konzipierte digitale Plattform kann ein Projekt ruinieren – aber auch eine gut konzipierte Plattform ist keine Garantie für den Erfolg. Der Schlüssel zum erfolgreichen Online-Lernen liegt nicht in der Wahl der Werkzeuge, sondern in der Qualität der Lernaktivitäten, die die Studierenden mit diesen Werkzeugen durchführen.

Die meisten Lehrpersonen können das

Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass Lehrer nicht ausreichend in der Verwendung digitaler Werkzeuge geschult sind. Aber über welche Fähigkeiten sprechen wir? Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind in der Tat voll und ganz in der Lage, das Internet für Zwecke wie die Buchung von Flügen oder die Einreichung ihrer Steuererklärung zu nutzen. Die pädagogischen Werkzeuge sind technologisch nicht ausgefeilter als die Werkzeuge, die wir für Online-Aktivitäten in unserem täglichen Leben verwenden. Abgesehen von den unvermeidlichen Fehlern liegt die eigentliche Schwierigkeit bei der Verwendung digitaler Lehrmittel nicht in der Frage, “wie starte ich diese Software?”, sondern in der Beantwortung der Frage, “was kann ich mit meinen Schülern online machen?

Es ist nicht die Frage, wie ich diese Software  starte, sondern die Beantwortung der Frage, was kann ich mit meinen Schülern wie online machen und was nicht?

Wenn wir uns die Idee einer systematischen Kombination von digitalen und persönlichen Aktivitäten zu eigen machen, werden wir in der Welt nach dem Coronavirus in der Lage sein, dieselbe Videokonferenz-Software sowohl für eine Vorlesung im Klassenzimmer als auch für ein Physikexperiment, eine Biologiedemonstration oder Präsentationen von Studenten zu verwenden.

Pierre Dillenbourg

Übersetzung aus dem Englischen: Alain Pichard

 

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1 Kommentar

  1. https://www.handelszeitung.ch/people/pierre-dillenbourg

    “Besonders am Herzen liegt ihm die Weiterentwicklung der Berufsbildung. «Digitale Lernmethoden werden einen grossen Einfluss auf die Berufsschulen haben», sagt er. Liefern werden sie die Start-ups aus dem EdTech Collider. Letztes Jahr tourte Dillenbourg durchs Land und hielt 45 Vorträge zu diesem Thema”.

    “Beispielsweise werden auszubildende Gärtner künftig unter anderem mit Augmented-Reality-Programmen lernen. Mittels einer Drohne lässt sich etwa das 3-D-Modell eines Gartens erstellen und simulieren, wie der Garten zu den verschiedenen Jahreszeiten aussieht oder wie stark die Pflanzen in zehn Jahren wachsen werden”.

    Wie heisst es noch: “Den Bock zum Gärtner machen?”.

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