24. Juni 2026
"Zu anspruchsvoll und anstrengend":

Die Generation Z interessiert sich immer weniger für technische Berufe. Jetzt schlagen Experten Alarm

Die deutschsprachigen Länder galten als Hochburg der “Tüftler und Erfinder”. Doch die Jungen meiden technische Studiengänge – mit gravierenden Folgen. Dieser Beitrag ist zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erschienen.

Two workers in blue overalls sharpening metal on a bench vise in a workshop with a red background behind them.

 

Findet ein Betrieb keine jungen Ingenieure oder Informatiker mehr, so sind Arbeitskräfte aus Indien oftmals die letzte Hoffnung. Die Zuwanderer kompensieren die fehlende Motivation der inländischen Erwerbstätigen, im Mint-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik) zu arbeiten. Mittlerweile zählt Deutschland 33’000 Inder in Mint-Berufen. Noch im Jahr 2012 waren es gerade einmal 4000.

Die Knappheit wird sich weiter verschärfen: Schätzungsweise 200’000 deutsche Ingenieure gehen in den nächsten zehn Jahren in Pension. Gleichzeitig aber entscheiden sich immer weniger Junge für eine Ingenieurausbildung. Lediglich 80’000 Studenten sind noch für das Fach Maschinenbau eingeschrieben. Vor zehn Jahren waren es die Hälfte mehr, nämlich 120’000. Prekär ist die Lage etwa in der Elektrotechnik oder bei den Bauingenieuren, namentlich im Brückenbau.

Albert Steck, Redaktor Wirtschaft bei der NZZ

Einst brachte das “Land der Tüftler und Erfinder” dank Pionieren wie Carl Benz oder Werner von Siemens bahnbrechende Erfindungen hervor. Nun ist diese legendäre Ingenieurskunst zunehmend am Verschwinden. Derselbe beunruhigende Trend lässt sich ebenso in der Schweiz und in Österreich beobachten.

Die Fachhochschule Oberösterreich hat die beruflichen Interessen verschiedener Altersgruppen untersucht. Dabei zeigt sich: Je jünger die Altersgruppe, desto unbeliebter sind die Mint-Fächer. Bei der Generation Z, sie umfasst die Jahrgänge 1997 bis 2010, stösst ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium mit Abstand auf den geringsten Anklang.

Unter den jungen Männern gelten die Fächer Physik und Chemie als besonders unattraktiv. Bei den Frauen sind Mechanik und Mechatronik am unbeliebtesten. Letztgenanntes besteht aus einer Kombination von Maschinenbau mit Elektronik und Informatik. Gebraucht wird dieses Wissen in der Robotik oder der Medizintechnik.

 

 

Der Statistikprofessor Harald Kindermann, der die Studie geleitet hat, spricht von einem “alarmierenden” Befund. “Das geringe Interesse der jungen Generation an den technischen Berufen gefährdet die künftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.” Besonders aus China habe der Konkurrenzdruck massiv zugenommen. Fehle es an Nachwuchs, so drohe die europäische Industrie ihre führende Stellung zu verlieren.

Sorgen bereitet Kindermann, dass die Attraktivität seit der letzten Befragung vor drei Jahren nochmals gesunken ist. “Dies betrifft beide Geschlechter: Bei den Männern ist das Interesse sogar noch etwas stärker zurückgegangen.” Trotzdem bestehe der traditionelle Unterschied zwischen den Geschlechtern, wonach Frauen die technischen Domänen deutlich stärker mieden, weiter.

Welche Erklärungen gibt es für das wachsende Desinteresse? Kindermann nennt eine Reihe von Faktoren, die er auf seine Studie sowie seine praktische Erfahrung als Dozent abstützt. Ein Mint-Studium gelte als “anspruchsvoller und anstrengender”, was viele abschrecke – trotz den guten beruflichen Aussichten. “Nach meiner Beobachtung ist die junge Generation tendenziell weniger belastbar. Ausserdem hat sie zunehmend Schwierigkeiten, komplexere Inhalte zu verstehen, welche ein logisches Denken erfordern.”

Social Media verstärken den Trend

Das liege einerseits am Schulsystem, welches diese Fähigkeiten zu wenig trainiere. Verstärkend wirkten gesellschaftliche Trends: “Die sozialen Netzwerke prägen ein Rollenbild, in welchem sich die Jugendlichen primär mit dem eigenen Befinden beschäftigen anstatt mit ihren Leistungen.” Auch das Ziel, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, scheine etwas an Bedeutung verloren zu haben.

Die Jugendlichen sollten daher in der Schule wieder stärker gefordert werden, meint Kindermann. Ebenso müssten die handwerklichen Berufe und die Lehre an Ansehen zurückgewinnen. “Weil das Gymnasium als der attraktivere Weg gilt, fehlt es an talentiertem Nachwuchs an den technischen Fachhochschulen.”

Statistikprofessor Harald Kindermann: “Die Lebensqualität in Europa hängt entscheidend davon ab, dass wir unsere Spitzenposition bei den technologischen Kompetenzen bewahren können.”

Die Mint-Fakultäten stecken in einem Dilemma: Die Beiträge, die sie von der öffentlichen Hand erhalten, sind an die Anzahl der Studenten gekoppelt. Zudem handelt es sich meistens um teure Lehrgänge, welche moderne Labors und Geräte benötigen. Sobald sich aber weniger Personen für ein Fach einschreiben, brechen die Einnahmen weg.

Das Niveau droht zu sinken

Laut Kindermann verstärke dies den Anreiz, die Prüfungen einfacher zu machen und das Leistungsniveau zu senken, um nicht noch mehr Studenten zu verlieren. Vor allem für kleinere Hochschulen bestehe die Gefahr, unter eine kritische Schwelle zu fallen, ab der sie einzelne Studienfächer ganz aufgeben müssten.

Diese Divergenz lässt sich auch in der Schweiz beobachten. Die ETH Zürich als Spitzenuniversität registriert weiterhin eine steigende Zahl an Studenten – wobei immer mehr aus dem Ausland stammen. Fast die Hälfte der Studenten auf Masterstufe hat inzwischen einen ausländischen Pass.

Bei den Fachhochschulen dagegen verzeichnen die Mint-Fächer eine rückläufige Belegung durch inländische Studenten: Seit 2017 ist die Zahl der Neueintritte um 7 Prozent gesunken. Während die Informatik noch einen leichten Zuwachs erzielte, ist die Abnahme bei den technischen Domänen zweistellig. Die Nicht-Mint-Fächer auf der anderen Seite haben weiterhin einen wachsenden Zulauf.

Stellenabbau bei den Dozenten

Wie bedrohlich sich das gesunkene Interesse auf die technischen Fakultäten auswirkt, hat die Westschweizer Haute Ecole Arc erlebt. Sie ist in den drei Kantonen Neuenburg, Jura und Bern tätig. Bei den Ingenieurwissenschaften sank die Zahl der Bachelorstudenten in nur acht Jahren um 28 Prozent. Noch stärker war der Einbruch bei den Neueintritten. Diese schrumpften um 38 Prozent von 160 auf einen Tiefststand von 100.

Laut Tristan Maillard, dem Generaldirektor der Haute Ecole Arc, musste die Schulleitung schmerzhafte Sparmassnahmen einleiten: “Wir waren gezwungen, uns von mehreren Dozenten zu trennen. Trotzdem haben wir uns bemüht, die besten Professoren zu halten.” Ohne Entgegenkommen der Kantone wären die Kürzungen sogar noch drastischer ausgefallen.

Tristan Maillard: “Wir haben die Bedürfnisse der Studenten eingehend analysiert und festgestellt, dass sie eine stärkere Flexibilisierung wünschen.”

Ausgerechnet der ohnehin schon grosse Mangel an Nachwuchskräften habe den Rückgang der Studenten verschärft, erklärt Maillard: “Die Unternehmen kämpfen darum, ihre Lehrabgänger bei sich zu behalten. Sie zahlen ihnen gute Löhne, damit sie im Job bleiben, anstatt eine Hochschule zu besuchen.”

Erfolg mit Teilzeitstudium

Als Reaktion auf dieses Seilziehen mit der Wirtschaft hat die Haute Ecole Arc im letzten Jahr ihre Mint-Ausbildung reformiert – mit grossem Erfolg: Die Zahl der Neueintritte schnellte wieder auf 130 nach oben, und für das kommende Semester erwartet die Schule eine weitere Steigerung.

“Wir haben die Bedürfnisse der Studenten eingehend analysiert und festgestellt, dass sie eine stärkere Flexibilisierung wünschen”, sagt Maillard. Neu ermöglicht die Schule auf Bachelorstufe ein Teilzeitstudium an drei Tagen pro Woche, so dass sie die übrigen zwei Tage im Betrieb verbleiben können. Dies erleichtere es den Firmen, den begehrten Nachwuchs an sich zu binden. Die Dauer der Ausbildung erhöht sich dadurch von drei auf vier Jahre.

Wo sich bis jetzt nur wenig Erfolge zeigen, ist beim tiefen Anteil der Frauen. Zählten die Schweizer Fachhochschulen vor acht Jahren im Bereich Technik 12 Prozent weibliche Studierende, so sind es derzeit mit 15 Prozent kaum mehr.

 

Als zweite Option wird weiterhin ein Vollzeitstudium angeboten, allerdings mit einer auf vier Wochentage verkürzten Dauer. Ab kommendem Jahr sollen zudem die Wochenstunden von 36 auf 32 sinken. “Wir sind überzeugt, dass wir die Qualität der Ausbildung ungeachtet dieser Straffung bewahren können”, betont Maillard.

Trotz diesem Bestreben, das Mint-Studium attraktiver zu machen: Wo sich bis jetzt nur wenig Erfolge zeigen, ist beim tiefen Anteil der Frauen. Zählten die Schweizer Fachhochschulen vor acht Jahren im Bereich Technik 12 Prozent weibliche Studierende, so sind es derzeit mit 15 Prozent kaum mehr. Nach Einschätzung der Akademien der Wissenschaften ist die Mint-Förderung in der Schweiz an eine “gläserne Decke” gestossen.

Mit dem Wohlstand sinkt das Interesse

Auch die wissenschaftliche Forschung gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich dies bald ändert. Die Daten zeigen nämlich, dass der Frauenanteil in den technischen Berufen in der Regel umso tiefer ausfällt, je reicher und egalitärer ein Land ist. Die Forschung spricht vom “Gender-Equality-Paradox”. Die häufigste Erklärung lautet, dass der wachsende Reichtum und die individuelle Selbstverwirklichung die geschlechtsspezifischen Berufswünsche oftmals verstärken.

So erreicht der Frauenanteil bei den Mint-Studiengängen in Ländern wie Indien oder Algerien 40 Prozent, während er etwa in Skandinavien besonders tief ist. Dasselbe Phänomen lässt sich an deutschen Universitäten feststellen: Laut dem Centrum für Hochschulentwicklung ist bei den Ingenieurwissenschaften nur ein Neuntel der Erstsemestrigen, die aus Deutschland kommen, weiblich. Unter den ausländischen Studenten dagegen stellen die Frauen immerhin einen Viertel.

Das geringe Interesse an den Mint-Fächern sei auch eine Folge des höheren materiellen Wohlstandes, sagt Harald Kindermann. Umso wichtiger sei es, die jungen Leute für diese wirtschaftlichen Zusammenhänge zu sensibilisieren. “Die Lebensqualität in Europa hängt entscheidend davon ab, dass wir unsere Spitzenposition bei den technologischen Kompetenzen bewahren können.”

Schon heute führt der Mangel an technischer Expertise in Deutschland zu einem Wertschöpfungsverlust von 13 Milliarden Euro, wie der Berufsverband der Ingenieure berechnet hat. Und die Pensionierungswelle bei den Fachkräften hat zur Folge, dass künftig noch mehr Kompetenzen ersetzt werden müssen.

 

Legende Beitragsbild: Vielen Betrieben fehlt es an Nachwuchs: Sie zahlen den Lehrabgängern gute Löhne, damit sie im Job bleiben, anstatt eine Fachhochschule zu besuchen. (Foto: DPA)

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