- Einleitung: Wider das Transformationsgerede
„Die Schule brennt“ – unter diesem Titel klopft seit einiger Zeit ein aktueller Bildungspodcast die Missstände im Schulwesen ab. Und man mag diesem Bild spontan zustimmen: Wenn man an einer Schule mit Sozialindex 9 unterrichtet, in einer Klasse mit 30 Kindern, also 25 Muttersprachen; wenn man ständig zusätzlichen Vertretungsunterricht geben muss, weil notwendige Lehrkräfte nicht nur zu Zehntausenden fehlen, sondern auch zu Tausenden kündigen (wie etwa 2024 in Berlin und NRW); wenn man sich die seit 2012 stark abgefallenen Schulleistungen laut PISA-Erhebung 2022 oder IQB-Studie 2024 vor Augen führt. Andererseits: Bundesländer wie Bayern oder Sachsen schaffen einen Landesschnitt, der an die PISA-Siegerländer heranreicht. Und auch andernorts gibt es Regionen, in denen gute Leistungsergebnisse erzielt werden, in denen Schule funktioniert. Ist der Alarmismus also übertrieben, gar selbst das Problem?

Alarmismus – Teil des Problems?
Tatsächlich ist Lehrersein vielerorts über die Maßen anstrengend geworden, sind die Ergebnisse der Bildungsprozedur zunehmend bescheiden. Zu den Hauptgründen der Misere zählt der Input ins System: die höchst mäßigen finanziellen Ressourcen, vielfach heruntergekommene Schulbauten sowie die völlig verschlafene Frage des personellen Nachwuchses. Hinzu kommen die neuen Belastungen von Lehren und Lernen – durch die laienhafte Sprachintegration von Zuwandererkindern ebenso wie durch die konzeptlose Inklusion mittels Brechstange und Sparbuch.
Nicht zu vergessen: die zunehmende Erwartungshaltung vieler Schüler und Eltern, in der Schule müsse sich alles an den momentanen Bedürfnissen der Sprösslinge orientieren. Dies alles noch getoppt durch das zunehmende Wegdriften vieler Heranwachsender in digitale Parallelwelten. „Hurra, die Schule brennt“ – so scheinen indes diejenigen zu denken, die das gängige System Schule schon seit Längerem und aus prinzipiellen Gründen beargwöhnen. Wider alle Evidenz plädieren sie für neue pädagogische Mentalitäten: Nur ‚eine Schule für alle‘ sei heute noch vertretbar; die Grenzen der Unterrichtsfächer müssten endlich gesprengt werden; Lehrkräfte seien höchstens noch als Lernbegleiter akzeptabel; und dass jeder Schüler stets sein persönliches Arbeitsblatt bekomme, sei ja nachgerade ein Menschenrecht.

In der neuen Unübersichtlichkeit von Alarmismus und tatsächlichem Reformbedarf gelingt es aktuell allerlei Heilsangeboten, bis in renommierte Talkshows vorzudringen. „Unterricht ist aller Übel Anfang“– unter diesem Motto tourt etwa ein ehemaliger Schulleiter aus dem Schwarzwald durch die Lande. Ein ‚Erklärbär‘ aus dem Norden (auch als „Bildungsvordenker“ tituliert, nach früherem Bekunden aber weder„richtiger“ Journalist oder Dozent noch Wissenschaftler) will mit dem Buch Schule 2035 in eine Zukunft blicken, in der es angeblich nur noch auf die 4Ks ankäme (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken). Ein selbsternanntes ‚Institut für neue Prüfungskultur‘ fordert „neue Prüfungsformate“ (also Leistungsnachweise zum selbstgewählten Zeitpunkt, in kooperativen Settings oder als Medienperformance mit beliebigen Hilfsmitteln) – was mittlerweile schon manchen Schulministerien imponiert. Und eine Schulleiterin plädiert per Blog für eine „Grundgelassenheit gegenüber Rechts- und Verwaltungsvorschriften“, in den entsprechenden Kommentaren werden dann Begriffe wie „brauchbare Illegalität“ oder „produktiver Regelbruch“ gefeiert. Gewiss, pädagogisches Handeln erfordert stets eine gesunde Portion Skepsis gegenüber politisch-normativen Wünschbarkeiten, bisweilen wohl auch eigensinniges Handeln – das steht außer Frage. Erschreckendist indes, wie selbstbewusst Staatsdiener mit der Rhetorik der Systemfeindlichkeit flirten und den Popanz ‚System Schule‘ frontal angreifen.
Verantwortlich sind Lehrpersonen nämlich nicht nur gegenüber ihren Schülern, sondern auch gegenüber den staatlichen Strukturen, die Bildung ermöglichen – und hier entsteht gerade ein Diskurs der Schwarzmalerei von bedenklicher Sogwirkung. Sind wir lost in transformation?
So prägt eine geradezu romantische Sehnsucht nach dem Einfachen und Spielerischen aktuelle Bildungsdebatten – und trotz aller Modernisierung scheinen Negativierung und Empörung allenthalben zu wuchern.
Heilsangebote – von naiv bis bedenklich?
Wandel ist im Schulischen normal. Mit den Impulsen der Reformpädagogik (von Comenius, Rousseau und Pestalozzi bis hin zu Key, Montessori und Steiner) hat sich das öffentliche Schulwesen stetig entwickelt. Aber die Formel „Schule neu denken“, die Hartmut von Hentig vor 30 Jahren prägte, hat in unseren Tagen eine extremistische Steigerung erfahren: „Lernen ganz neu denken“. Und deren Sirenengesang betört durchaus: Die Schüler hätten sich völlig geändert, die Welt sei mit Digitalisierung und KI eine ganz andere geworden, der alte Laden gehöre schlichtweg abgeräumt. Dies betört vor allem diejenigen, die selbst schlechte Erfahrungen mit Schule gemacht haben, ob als frongeplagter Schüler oder als überlastete Lehrkraft. So prägt eine geradezu romantische Sehnsucht nach dem Einfachen und Spielerischen aktuelle Bildungsdebatten – und trotz aller Modernisierung scheinen Negativierung und Empörung allenthalben zu wuchern.

Der Aufruf zum Umsturz – vornehm ‚Transformation‘ tituliert – ist indes geradezu magisch für Menschen, die sich erhoffen, von den aktuellen Missständen zu profitieren. Denn die meisten Propheten dieses Mantras entstammen nicht der Gelehrtenwelt: Neben den offenkundigen Agenten der Bildungsindustrie trommelt da eine wachsende Phalanx von Stimmen, die sich von Technik anscheinend mehr versprechen als von Pädagogik.2 Nicht zu vergessen diejenigen, die sich selbst als Zukunftscoach für die große Transformation empfehlen – oder gar Lehrkräften beim Ausstieg aus der überkommenen Schule behilflich sein wollen. Zynisch gesagt: Es gibt wohl zu viele, die keine Lust haben, sich die Finger im Unterrichtsalltag schmutzig zu machen, aber innere unbeglichene Rechnungen mit dem System Schule mit sich herumtragen oder die Schule zur Reparaturinstanz aller möglichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen umbauen wollen. Ein durch Pragmatismus ausbalanciertes Maß an Idealismus ist sicherlich keiner Lehrperson abträglich, wer aber in naiv-romantischer Manier ‚die Welt verbessern‘ will, sollte prüfen, ob er oder sie damit nicht schon in den Sog der Silicon-Valley-Ideologie geraten ist; deren egalitär-humanistische Rhetorik ist nur der Vorwand, um auf breiter Basis Digitaltechnologie zu implementieren – sprich sie zu verkaufen. Direkt Begünstigte wie indirekte Nutznießer des „pädagogisch-industriellen Komplexes“ (Hermann Giesecke) mehren sich so rasant.
2 Zurecht hinterfragt Jochen Krautz die Naturgesetzlichkeit von schulischen Transformationsprozessen und warnt vor dem Hegemonialwerden bildungsfremderDiskurse wie der Ökonomie in der Schule (vgl. Imperative des Wandels: Schulreform in der Postdemokratie. In: Ders. / Burchardt, Matthias [Hg.]: Time for Change? Schule zwischen demokratischem Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung. München 2018 S. 19–40); unser Fokus liegt hingegen auf der Kritik technodeterministischer Diskurse, die als distant konstruiertes Element durchaus Teil unterrichtlicher Praxis sein sollten. Für die großen ideengeschichtlichen Linien zwischen Kybernetikund Silicon-Valley-Ideologie vgl. Nosthoff, Anna-Verena: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst. Berlin 2026.
Anmerkung der Redaktion: Sie haben hier die ersten 5 Seiten der Analyse von Michael Felten und Michael Storch gelesen! Bravo! Wir können Ihnen nur raten, sich das ganze Dokument zuzumuten. Der Erkenntnisgewinn ist hoch, die Analyse treffend.
https://condorcet.ch/wp-content/uploads/2026/05/felten_storch_transformation.pdf


Was Transformations-Propheten nie berücksichtigen: Es gibt kein neues Lernen. Das Lernen der kutlurellen und wissenschaftlichen Errungenschaften funktioniert immer gleich nach den neurologischen Abläufen im Gehirn. Diese setzen Konzentration, Gedächtnis, Motivation, Festigung, Übung und Verarbeitung voraus. Seit Tausenden von Jahren. Kein technisches Hilfsmittel kann dies dem Gehirn abnehmen. So wie die Verdauung, das Zeugen von Kindern, das Schlafen, etc. nach den gleichen biologischen Gesetzmässigkeiten funktioniert. Es gibt keine Transformation des Sehens, des Haltens von Gleichgewicht, des Blutkreislaufes.
Gratulation an die Autoren zur diesem schönen Text (damit meine ich die Langversion mit 32 Seiten), der das ausspricht, was viele denken. Darunter sind einige herrliche Formulierungen wie:
“Aber die Formel „Schule neu denken“, die Hartmut von Hentig vor 30 Jahren prägte, hat in unseren Tagen eine extremistische Steigerung erfahren: „Lernen ganz neu denken“. Und deren Sirenengesang betört durchaus: Die Schüler hätten sich völlig geändert, die Welt sei mit Digitalisierung und KI eine ganz andere geworden, der alte Laden gehöre schlichtweg abgeräumt.”
Geradezu inflationär werden wir mit Forderungen nach einer “neuen Lernkultur” überschüttet, die angeblich wunderbar harmoniert mit der Digitalisierung, der KI und den vielen Lernvideos aus der EdTech-Industrie. Es heißt, dies bringe uns dann endlich die Chancengerechtigkeit und unterstütze dabei auch noch Teilhabe und Demokratie.
“Man meint das Tradierte abschaffen zu müssen – was aber danach kommt, bleibt entweder unklar oder es stellt im Vergleich zum Bestehenden eine Ermäßigung dar.”
Das betrifft alle Schulreformer im Großen und im Kleinen, die stets auf die Vorteile ihrer Reform fixiert sind und deren Nachteile partout nicht einmal ahnen wollen. Sie denken alles zunächst konsequent vom Wolkenkuckucksheim aus, die Nachteile kommen später.
“Viel eindringlicher als dies derzeit geschieht, muss man bedenken, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist, dass also die Freiheitsversprechen, die von der „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) ausgehen, niemals ohne neue Zwänge und Abhängigkeiten zu haben sind. Dieses Problem verschärft sich, wenn man sich vor Augen führt, dass es datenakkumulierende Monopolisten sind, die den freien Markt und die Demokratie abschaffen wollen, von denen man sich in den allermeisten Fällen abhängig macht, wenn man deren Produkte und Denken implementiert.”
Schon jetzt kann man kaum vermeiden (mit oder ohne Cookies), bei Benutzung des Internets persönliche Daten zu hinterlassen, die dann irgendwo gesammelt, ausgewertet und weiterverkauft werden. Kaufen Sie lieber kein Buch oppositioneller Autoren im Internet, gehen Sie in den Buchladen und zahlen Sie in bar, damit keine Spuren hinterlassen werden. Sie könnten sonst leicht auf eine digitale Liste “politisch unzuverlässiger” Leute geraten.
Im Ernst, Herr Kühnel? Wenn ich mir in der UniBib etwas von Bakunin oder Carl Schmitt ausleihe, kann ich digitale Spuren nicht vermeiden. Sollte ich das lieber lassen? Und dumm bleiben?
Gottogott!
Nun, bei einer Uni-Bibliothek gehe auch ich nicht davon aus, dass das “Profil” von Nutzern kommerziell ausgeschlachtet wird, und Autoren, die schon lange verstorben sind, stehen ohnehin nicht im Fokus. Ich meinte das kommerzielle Internet, dessen Verbindung zu der neuen Digitalisierung der Schulen gar nicht so klar ist. Es sind die “Profile”, die kommerzielle Anbieter von Internet-Nutzern anlegen — mit oder ohne Cookies, legal oder nicht. Wissen Sie, was mit den Cookies letztlich geschieht? Ich weiß es nicht. Dass sich alle an Datenschutzregeln halten, ist wohl nicht anzunehmen, die entscheidenden Leute sitzen bestimmt im Ausland, und niemand kann das kontrollieren. Nebenbei: Wie man hört, halten sich die deutschen Tankstellen noch nicht mal an die Regelung, nur einmal am Tag die Preise zu erhöhen.
Nehmen wir den Fall, dass ein Journalist islamkritische Seiten durchforstet und dazu noch islamkritische Literatur im Internet bestellt, etwa von Frau Kelek oder von Abdel-Samad. Ein Profil wird über ihn angelegt und kommerziell verkauft. Dann soll er in die Türkei, um von dort zu berichten. Was wird wohl passieren, wenn der türkische Geheimdienst sein Profil hat? Wird er überhaupt akkreditiert? Oder später verhaftet als “Unterstützer von Feinden der Türkei”?
Nehmen wir einen anderen Fall: Ein Exil-Chinese, der mit seiner Regierung über Kreuz liegt, bestellt Literatur, Fahrkarten und Eintrittskarten im Internet und sucht dort auch nach Telefonnummern von anderen Exil-Chinesen. Sein Profil (auch sein Bewegungsprofil) wird angelegt und gelangt über Huawei zum chinesischen Geheimdienst. Was wird wohl passieren? Oder was kann passieren?
Die Details der für Schulen geplante “datengestützte Schulentwicklung” sind bislang eher eine Fata Morgana. Niemand sagt konkret, welche Daten da hinein sollen und wer letztlich Zugriff hat. Es könnte sein, dass Jugendsünden von Schulkindern dort auf ewig drinbleiben, dass dann auch später noch “Profile” damit erstellt werden und — legal oder nicht — vor einer Wahl dann dieses Profil eines Kandidaten mitsamt Jugendsünden in der Presse auftaucht. Etwas Ähnliches geschah ja schon. Zu allem Überfluss gibt es auch Hacker, die versuchen, Daten abzugreifen.
Sie und ich werden kaum ernstlich betroffen werden, und es bleibt Ihnen unbenommen, an die Anständigkeit im Internet zu glauben. Ich glaube daran nicht. Universitätsinterne oder schulinterne Datenbanken sind hier nicht gemeint. Es geht um die allgemeine kommerzielle Datenkrake, die “datenakkumulierenden Monopolisten” (Felten/Storch), um “Big Brother is watching you”.
Der Beitrag ordnet die aktuellen schulischen Reformwirbel durch zwei scharf analysierende Pädagogen wohltuend unaufgeregt ein. Sie entlarven die aktuellen Reformschlagworte, indem sie die neuen Konzepte nicht einfach verunglimpfen, ihnen aber einen bescheideneren Stellenwert zuordnen als dies gegenwärtig in den öffentlichen Diskussionen der Fall ist. Nach welchen Gesetzmässigkeiten Lernprozesse ablaufen, ist recht gut erforscht. Diese Abläufe können zwar optimiert, aber keinesfalls umgangen oder abgekürzt werden, wie gern suggeriert wird. Felix Schmutz hat in seinem Kommentar bereits darauf hingewiesen.
Eindrücklich zeigt sich die ordnende Hand der beiden Autoren bei der behaupteten Überlegenheit eines stark individualisierten Lernens gegenüber der direkten Instruktion in einer Klassengemeinschaft. Die beiden belegen mit überzeugenden Argumenten, dass eine Lehrerin in der Rolle einer führenden Kapitänin und als menschliches Vorbild weit mehr Lernwirkung erzielt als in der Funktion als Lernbegleiterin. Anschauliche direkte Instruktion ist eine äusserst wirksame Methode, wenn anschliessend dialogische Phasen mit gemeinsamem Vertiefen und individuell angepassten Übungsaufgaben folgen. Lehren ist ein zentraler Teil des Lernprozesses, der entscheidend mithilft, das Lernen erfolgreich zu gestalten. Zu frühes selbstorganisiertes Lernen hingegen lässt die Schüler in entscheidenden Momenten allein und kann demotivieren. Doch die Mär von der Schädlichkeit des Frontalunterrichts verbreitet sich trotz Hatties klaren Forschungsergebnissen noch immer ziemlich ungehemmt.
Der Beitrag zeigt auch auf, warum eine ganze Generation junger Lehrkräfte Mühe hat mit der Vorstellung, eine Lehrerin oder ein Lehrer solle engagiert die Führung in einer Klasse übernehmen. Zweifellos hat der Begriff der Autorität einen doppelten Klang, wie man aus der Geschichte zur Genüge weiss. Doch pädagogische Autorität ist nicht das Aufblasen eines Lehreregos, sondern eine aus entwicklungspsychologischer Sicht wichtige Funktion zugunsten lernbereiter Kinder und Jugendlicher. Um erfolgreich zu lernen, sind Schüler auf vertrauenswürdige Lehrpersonen mit fachlicher und sozialer Kompetenz angewiesen. Verantwortungsbewusste Lehrpersonen wissen, dass ihre Zeit als Orchesterdirigent oder Kapitänin zeitlich beschränkt und das selbständige Lernen der Schüler als längerfristiges Ziel anzustreben ist.