9. Dezember 2019

Wettbewerbsdenken funktioniert in der Schule nicht

Condorcet-Autor Felix Schmutz widerspricht den Aussagen von Hans Rentsch “Ökonomisierung nur ein Schlagwort”. Er warnt vor Vermessungswahn und wendet sich gegen den Wettbewerbsgedanken im Schulwesen.

Felix Schmutz, BL, hält schulischen Wettbewerb für schädlich.

Der Artikel von Hans Rentsch zeigt, wie verschieden wir die Welt je nach Standpunkt wahrnehmen. Wir beurteilen und bewerten alles von einer bestimmten Warte aus, die unser Denken kanalisiert. Wo hat Rentsch Recht und wo nicht, wenn er sich zu Tendenzen der Schulpolitik äussert?

Wo Hans Rentsch Recht hat

Recht hat er, wenn er die Kompetenzen zum Wirtschaftsunterricht im LP 21 anzweifelt. Tatsächlich ist auf den ersten Blick festzustellen, dass die Schüler(innen) wenig über die Grundlagen und Organisationsformen der Wirtschaft, dafür umso mehr über die Kritik an der Wirtschaft lernen sollen, was nahelegt, dass es den Autoren eher um moralingetränkte politische Einflussnahme als um objektive Information gegangen ist, etwa so, wie wenn Mediziner im ersten Semester zunächst lernen müssten, welche Nachteile die Schulmedizin hat, obwohl sie noch nicht einmal den Unterschied zwischen Viren und Bakterien kennen.

Rentsch verteidigt den Vermessungswahn

Sein Blick ist hingegen etwas getrübt, wenn er den Vermessungswahn (Standards, Tests, Schulvergleiche) als notwendigen Bestandteil des Bildungswesens verteidigt, in der Meinung, dass dies zu Qualitätsverbesserungen und weniger Analphabeten führen würde. Hier verrät sich eben doch die Perspektive des Ökonomen, denn er kann sich offenbar nicht vorstellen, dass sich Bildungserfolge durch solche Massnahmen, wie sie in der Wirtschaft gängig sind, in der Schule nicht auch einstellen sollten.

In der schulischen Realität verleiten gute Messresultate zum Ausruhen und schlechte Resultate zum Aufgeben.

Die Anhänger des Vermessens sind der Meinung, Messresultate würden aus sich selbst heraus Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler zu vermehrtem Einsatz anspornen, was dann zu höheren Erfolgsquoten führen würde. Dem ist nicht so: In der schulischen Realität verleiten gute Messresultate zum Ausruhen und schlechte Resultate zum Aufgeben. Für Kinder und Jugendliche haben Messresultate nur die Bedeutung, die ihnen das familiäre Umfeld verleiht. Mit allen positiven und negativen Konsequenzen, die aus der elterlichen Einstellung resultieren.

Wettbewerb schadet der Schule Bild: AdobeStock

Das Wettbewerbsdenken, das in der Wirtschaft funktioniert, funktioniert in der Schule nicht. Um den Schulerfolg zu verbessern, braucht es ganz im Gegenteil pädagogische und didaktische Massnahmen im Mikrobereich, d.h. im Klassenzimmer. Anspornen ist selbstverständlich auch im Klassenzimmer möglich, aber die Motivation beruht auf einem grösseren psychisch-sozialen Spektrum. Tests und Noten gehören als Stimulans auch dazu, aber nicht im Sinne von nationalen Standards, sondern als Rückmeldung über individuelle Lernfortschritte.

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2 Kommentare

  1. Da muss ich meinem geschätzten Kollegen und Mitautor Felix Schmutz energisch widersprechen.
    1. Hans Rentsch befürwortet nicht den Vermessungswahn, im Gegenteil. In seinem Beitrag sagt er ausdrücklich, dass er kein Anhänger radikaler Output-Ideen sei.
    2. Hans Rentsch sagt zurecht, dass sich die Schule nicht um gewisse Resultate, wie zum Beispiel die Erhebung der Illetristik-Rate foutieren darf. Das hat nichts mit Vermessungswahn sondern vielmehr mit empirischer Forschung zu tun.
    3. Jahresziele sind auch Standards. Wir brauchen Standards, nicht allzu viele, aber wir brauchen Orientierungspunkte.
    4. Ein gesunder Wettbewerb der Ideen ist erfrischend und schadet nichts. Gerade deshalb wehren wir uns ja gegen unnötige Zentralisierung. Der Förderalismus ist ein Labor für Ideenwettbewerb. Das sieht auch Hans Rentsch so. Ablehnen müssen wir dagegen den Unfug der Rankings.
    Ich denke, dass die Kritiker der gegenwärtigen Bildungspolitik nicht den Fehler begehen dürfen, sich gegen alle Änderungen pauschal zu wehren.

  2. Da hat Alain Pichard wohl einiges missverstanden:
    1. Output-Orientierung meint die Verengung des Unterrichts auf Kompetenzen, was zu Teaching to the Test führt, das lehnt Hans Rentsch ab und ich habe es ihm auch nicht unterstellt.
    2. Die Illetristik-Rate erheben wir schon sehr lange, dagegen wehre ich mich nicht, nur hat das Erheben der Daten bisher das Problem nicht gelöst. Datenerhebung ist keine didaktische Massnahme.
    3. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wettbewerb als wirtschaftlichem Konkurrenzkampf und dem Wettstreit um bessere Lösungen. Der erstere ist ein Verdrängungswettbewerb mit Verlierern. Solches Denken hat in der Bildung nichts verloren. Es hat aber mit der Erhebung von Kennziffern, der Idee von Schulmanagement (“geleitete Schulen”), lohnrelevanten Mitarbeitergesprächen, etc. Einzug in die Schule gehalten. Der letztere hingegen ist Ansporn, diesen habe ich in meinem Beitrag klar befürwortet.
    4. Wenn die Behörden alle zwei oder drei Jahre zentrale Checks durchführen wie in der Nordwestschweiz, dazu noch die landesweiten EDK-Standards und Pisaresultate erhoben werden, Jugendliche bei Stellenbewerbungen ausserdem noch zu Multi-Checks aufgeboten werden, trägt das nichts zur Förderung der Lernenden bei. Das ist jedoch kein Votum gegen Jahrgangsziele: Im Gegenteil, nur braucht es dazu keine zentrale Vermessung durch ein dubioses Institut. Jede ausgebildete Lehrperson kann sehr wohl selbst herausfinden, ob die Ziele erreicht wurden oder nicht.

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