7. August 2026
Polarisierte Schulen

Die ganze Hilflosigkeit des Bildungsbürgertums

Linkssein muss man sich leisten können. Gymnasiasten präferieren linke und grüne Parteien, während Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungshintergrund die AfD bevorzugen. Aber was folgt daraus für die Bildungspolitik? Dieser Meinungsbeitrag ist zuerst in der WELT erschienen.

Side profile of a human head with an exposed brain and a yellow padlock over the brain, symbolizing mind security or protection of thoughts

 

Der Klassenkampf ist wieder da. Wenn er je weg war. Das zeigt eine Studie der Universität Konstanz. Denn die besuchte Schulform korreliert stark mit parteipolitischen Präferenzen. Gymnasiasten bevorzugen Parteien des linken, ökologischen und bürgerlichen Spektrums. An anderen Schulformen ist die AfD die dominierende Kraft.

Da die besuchte Schulform in Deutschland in starkem Maße vom Bildungsniveau und sozialen Status der Eltern abhängt, wundert es nicht, dass Kinder aus bildungsbürgerlichem Elternhaus eher links oder bürgerlich wählen, Kinder aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungshintergrund aber AfD. Die Studie belegt ein weiteres Mal, dass die AfD die Partei der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums ist. Anders ausgedrückt: Linkssein muss man sich leisten können.

Alan Posener, freier Autor

Von 2022 bis 2025 wurden etwa 3000 Schüler in Baden-Württemberg, Sachsen und Schleswig-Holstein laufend zu ihren politischen Ansichten befragt. Zu Beginn der Studie waren die meisten Schüler in der 7., am Ende in der 9. Klasse. In dieser Zeit bilden sich bei den meisten Schülern politische Prägungen und Einstellungen heraus, und die korrelieren eben stark mit der realen Situation im Elternhaus. Wie Karl Marx sagte: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.

Die Studie zieht einerseits rechten Ideologen den Teppich unter den Füßen weg, die behaupten, die Jugend werde in der Schule von rot-grün versifften Lehrkräften indoktriniert. Selbst wenn dem so wäre, hätte diese Indoktrination keine Chance gegen die Wirklichkeit, wie jeder aus der eigenen Schulerfahrung weiß. Andererseits zeigt sie linken Ideologen die Grenze erzieherischer Maßnahmen auf, vom Gendern über die Erziehung zum schlechten Umweltgewissen bis hin zum Diversitäts- und Antirassismustraining. Linke, die ihren Marx gelesen haben, dürfte das nicht verwundern.

Aber wenn das darauf abzielt, den Kindern der Unterprivilegierten einzureden, sie sähen die Welt falsch, die Kinder der Privilegierten hingegen richtig, also auf ideologischen Klassenkampf von oben, so haben die Autoren ihre eigene Studie nicht verstanden.

 

Es liegt eben nicht an einem Mangel an solchem Training, wenn Kinder aus kleinen und prekären Verhältnissen Zuwanderer nicht als Bereicherung, sondern als Konkurrenten um Aufmerksamkeit in der Schule und später um Jobs, Wohnungen, Aufmerksamkeit und Sozialleistungen erleben. Wenn sie nicht zuerst nach dem Bio-Label bei Lebensmitteln schauen, sondern nach dem Preis – getreu dem alten Schülerwitz „Was ist der Unterschied zwischen Schule und Lidl? Lidl lohnt sich“. Wenn sie politisch korrektes Reden und Schreiben als eine weitere willkürliche Schranke empfinden, die es ihnen schwer macht, gute Deutschnoten zu bekommen und aufzusteigen.

Pile of political campaign buttons (SPD, CDU, AfD, FDP, Greens) next to a ballot form with circles and a pencil.

Die ganze Hilflosigkeit des Bildungsbürgertums angesichts solcher Ergebnisse offenbart die Stellungnahme der Studienautoren, die für “eine gezielte, ressourcenstarke Förderung der politischen Bildung … mit einem klaren Schwerpunkt auf nicht-gymnasiale Schulzweige” plädieren. Nichts dagegen. Aber wenn das darauf abzielt, den Kindern der Unterprivilegierten einzureden, sie sähen die Welt falsch, die Kinder der Privilegierten hingegen richtig, also auf ideologischen Klassenkampf von oben, so haben die Autoren ihre eigene Studie nicht verstanden.

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