23. Juni 2026
Das Abschiedsfest für Condorcet-Autor Urs Kalberer und die Entdeckung der Älplibahn

Der Milizgedanke fährt bergwärts

Condorcet-Autor Urs Kalberer wird in diesen Tagen pensioniert. Er lud seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu diesem Anlass auf das Älpli (Graubünden) ein. Für Condorcet-Autor Carl Bossard eine Entdeckungsreise in das Herz des Schweizer Selbstverständnisses: Das Milizsystem. Er meint: Auf dem Älpli oberhalb von Malans zeigt sich eine Seite der Schweiz, die das Land geprägt hat: Bürgerinnen und Bürger, die freiwillig Verantwortung übernehmen. Die Älplibahn ist ein Lehrstück über Gemeinsinn.

Mountain restaurant perched on a hillside with a yellow cable car gliding by, solar panels on the roof, and outdoor dining set among trees.

 

Die Einladung kam von Condorcet-Autor Urs Kalberer, der in diesem Schuljahr pensioniert wird. Der Condorcet-Blog hat ja immer noch etwas Anarchisches, weshalb das Gruppenbild auf dem Älpli von der KI leicht angepasst wurde.

Nicht jede Einladung nimmt man gleich gerne an. Dieser jedoch konnte ich nicht widerstehen. Sie führte mich in die Bündner Herrschaft, nach Malans, an den Fuss des Vilan. Es war ein klarer Sommertag. Über den Reben lag jenes milde Licht, das diese Landschaft so besonders macht. Die Dörfer wirkten beinahe mediterran, und der Föhn hatte den Horizont weit geöffnet. Die Bündner Herrschaft zeigte sich von ihrer schönsten Seite.

Condorcet-Autor Carl Bossard: «Eine stille Fahrt, die den Blick öffnet!”

Hinauf zum Älpli 

Viele kommen hierher wegen des Weins – des berühmten Herrschäftlers, der an den sonnenverwöhnten Hängen der Bündner Herrschaft wächst. Andere wegen Heidi und Johanna Spyri. Wieder andere wegen der Geschichte einer Landschaft, die seit Jahrhunderten Grenzraum und Begegnungsort zugleich ist. Mich zog etwas anderes an: eine kleine Luftseilbahn, die sich von Malans hinauf zum Älpli schwingt. (1)

Schon die Zahlen beeindrucken. Fast 1200 Höhenmeter überwindet die Seilbahn in einem Zug. Langsam hebt die Doppelkabine ab. Sie gleitet über Wiesen, Wälder und Felsflanken hinweg. Tief unten breitet sich das Rheintal aus. Die Dörfer werden kleiner, die Geräusche leiser. Irgendwo zieht eine Nussbaumplantage vorbei – Rohstoff für die berühmte Bündner Nusstorte.

Es ist eine stille Fahrt. Eine, die den Blick öffnet. Je höher die Bahn steigt, desto kleiner wird die Welt. Und desto grösser werden die Gedanken.

Eine Seilbahn aus Kriegszeiten

Die Geschichte der Älplibahn beginnt im Zweiten Weltkrieg. Schweizer Grenztruppen mussten damals Munition und Verpflegung mühsam zu den Stellungen an der Grenze hinauftragen. Während auf österreichischer Seite bereits Strassen entstanden, fehlte auf Schweizer Seite eine leistungsfähige Verbindung ins Grenzgebiet.

Die Älplibahn kurz nach der Eröffnung 1941

1939 beantragte der Abschnittskommandant den Bau einer Seilbahn. Das Militär übernahm den grössten Teil der Kosten, die Gemeinde Malans zog mit. Bereits 1941 war die Bahn betriebsbereit. Nach Kriegsende wurde sie für die zivile Nutzung freigegeben. Doch die Erfolgsgeschichte schien nicht von Dauer zu sein.

Als die Bahn beinahe verschwand

1973 musste der Betrieb eingestellt werden. Die Anlage war sanierungsbedürftig, die Kapazität gering, das Geld fehlte. Anfang der achtziger Jahre stand sogar der Abbruch zur Diskussion. Was dann geschah, ist bemerkenswert. Kein Investor sprang ein. Kein staatliches Rettungspaket wurde geschnürt. Sondern es fanden Bürgerinnen und Bürger spontan zusammen. Sie wollten ihre Bahn nicht verlieren.

1980 entstanden die Genossenschaft Älplibahn Malans und der Älplibahnverein. Aus ihnen erwuchs eine Gemeinschaft von heute rund 1‘200 Mitgliedern. Innerhalb weniger Monate zeichneten damals Bürgerinnen und Bürger Anteilscheine im Wert von über einer halben Million Franken. Freiwillige leisteten Tausende Stunden Fronarbeit. Das Militär half ebenso wie verschiedene Bahnbetriebe. Bis zur Wiedereröffnung 1982 wurden weit über 6000 Stunden unentgeltliche Arbeit geleistet. Die Bahn war gerettet.

Die Kraft des Citoyen

Im Bergbeizli wird serviert und gekocht, abgewaschen und aufgeräumt. Nicht von Angestellten, sondern von Freiwilligen. Über 200 Frauen und Männer stehen hier im Laufe des Jahres am Herd und Buffet oder an der Kaffeemaschine. Das Bergrestaurant verfügt über eine der grössten Küchenbrigaden der Schweiz! Auch die Bahn selbst wird von ehrenamtlichen, ehemaligen Maschinisten betrieben. (2) Was andernorts eine professionelle Organisation leisten würde, tragen hier Bürgerinnen und Bürger in ihrer Freizeit.

Man könnte die Älplibahn als Tourismusbetrieb bezeichnen. Man könnte aber auch sagen: Sie ist eine Schule der Demokratie.

Auf dem Älpli musste ich an einen alten politischen Gegensatz denken: an den Unterschied zwischen dem Bourgeois und dem Citoyen. Letzterem begegnete ich hier auf Schritt und Tritt. Dahinter steht eine alte Einsicht: Aristoteles nannte den Menschen ein «zoon politikon», ein auf Gemeinschaft angelegtes Wesen. Der Milizgedanke gehört zu den tragenden Pfeilern der schweizerischen politischen Kultur. Er lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen. Nicht weil sie müssen. Sondern weil sie wollen.

Herren und Untertanen zugleich

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht auch nicht. Ausgerechnet in der Bündner Herrschaft begegnet man einem besonders lebendigen Beispiel des Milizgedankens. In jener Landschaft also, deren Bewohner einst Herren und Untertanen (3) zugleich waren – Teil einer politischen Ordnung, an der sie selbst mitwirkten.

Ob darin eine historische Wurzel dieses Selbstverständnisses liegt, sei dahingestellt. Die Älplibahn wirkt jedenfalls wie ein Gegenentwurf zu einer Zeit, in der Verantwortung gern delegiert wird.

Menschen, die sich zuständig fühlen

Als ich auf der Terrasse des Älpli sitze und über die Bündner Herrschaft blicke, wird mir bewusst, dass die eigentliche Attraktion dieses Ortes nicht die Aussicht ist. So grandios sie auch sein mag. Es sind die Menschen: Freiwillige, die ihre Freizeit einsetzen. Die Maschinisten, die den Betrieb sichern. Die Helferinnen und Helfer im Bergbeizli. Die vielen, die seit Jahrzehnten dafür sorgen, dass diese Seilbahn fährt.

Die Älplibahn transportiert Menschen in die Höhe. Als sie in Schwierigkeiten geriet, wartete hier niemand auf einen Retter. Die Leute packten selber an. Darum blieb mir von diesem Tag weit mehr als die Erinnerung an eine eindrucksvolle Landschaft. Ich begegnete einem alten schweizerischen Gedanken, der erstaunlich lebendig geblieben ist:

Der Milizgedanke fährt hier tatsächlich bergwärts.

(1) https://www.aelplibahn.ch/ [abgerufen: 19.06.2026] 
(2) Natürlich gilt auch für die Maschinisten eine obligatorische Weiterbildungspflicht.
(3) Vgl. Bündner Herrschaft https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015287/2009-10-22/ [abgerufen: 19.06.2026]

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