11. April 2026
Deutsche Hochschulen

Gleichheit ist der Feind der Exzellenz

Deutschlands Universitäten waren einst das Maß aller Dinge – heute schaffen es selbst die “Exzellenz-Unis” kaum in die Weltspitze. Wettbewerb gibt es woanders, in Deutschland wird er nur simuliert, kommentiert die Publizistin Christine Brinck in der WELT.

 

Nach der besten Uni der Welt gefragt, würde niemand eine deutsche nennen. Aber selbst der Laie nennt dann Oxford oder Harvard. Das war mal anders. Die deutsche Universität humboldtscher Prägung mit dem Prinzip “Forschung aus Lehre” war einst der Neid der Welt. Die Johns-Hopkins-University wurde anfangs auch “Göttingen in Baltimore” genannt. Stanford oder die University of Chicago sind ohne das deutsche Vorbild nicht zu denken. Tempi passati. Mit dem Dritten Reich und der Vertreibung des Geistes begann der Niedergang der deutschen Universität.

Nach dem Weltkrieg mussten sich die Hochschulen erst einmal neu sortieren. Dann kam die Studentenrevolte und in ihrem Gefolge die egalitäre Gruppenuniversität. Wettbewerb war verpönt, wenn auch vom Wissenschaftsrat gern wieder angestrebt. Leistung, deren Prämierung, gar Wettbewerb waren hehre Konzepte. Aber sie entstammten dem Giftschrank mit der Aufschrift “Elite” und wurden darum vermieden oder aufgeschoben. Im Jahre 2006 kam es dann zur “Exzellenzinitiative” von Bund und Ländern, um Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen zu fördern.

Christine Brinck, Publizistin

Der erstaunte Laie mag sich gefragt haben, was denn vor der Initiative an der Hochschule gefördert worden ist, wenn nicht “Wissenschaft und Forschung” – Kernprinzipien. Die egalitäre Massenuniversität war nicht gerade von Leistung und Wettbewerb beseelt. Der alte Trott war doch recht kommod – für Studenten wie Profs. Doch im Jahr 2000 hatte die EU ihre Mitglieder in Lissabon verpflichtet, mehr in Bildung und Wissenschaft zu investieren. Das Ziel: Europa zum wettbewerbsfähigsten wissenschaftsgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Die Initiative setzte auf Konkurrenz, dafür mussten Hochschulen sich erstmal auf einen Platz in der Exzellenz-Klasse bewerben. Die Initiative sollte endlich “Spitzenforschung und Wettbewerbsfähigkeit deutscher Hochschulen international sichtbar machen.” Das ist gelungen. Im Ausland werden die Resultate der Exzellenzstrategie durchaus wahrgenommen.

Weltklasse ist dabei noch nicht ganz herausgekommen. Nach der jüngsten Auswertung der Exzellenzuniversitäten dürfen alle zehn Unis, die 2019 ausgezeichnet wurden, nun ihren Titel weitere sieben Jahre behalten. So sieht Status quo, nicht Wettbewerb aus. Der würde in so einer langen Zeit auch Verlierer und Neugesalbte hervorbringen, nicht nur Besitzstände wahren.

Unter den besten zehn Europäern finden wir sechs britische, zwei aus der Schweiz und zwei aus Deutschland. Warum schaffen es Großbritannien oder gar die kleine Schweiz mit nur neun Millionen Einwohnern besser?

 

Wer sind die glücklichen Wiedergewinner? Die beiden Münchner Hochschulen Technische Universität (TUM) und Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die RWTH Aachen, die Universitäten Heidelberg, Bonn, Hamburg, Tübingen, das KIT Karlsruhe sowie die Allianz der Berliner Universitäten. Sie mögen deutsche Leuchttürme sein, in die Top Ten der Welt, nicht einmal in die Top Twenty, schafft es keine von ihnen. Im “Times Higher Education Ranking” taucht die TUM als erste deutsche Uni auf Platz 27 auf, die LMU auf 34 und Heidelberg auf 49. Im chinesischen QS Ranking ist die TUM auf Nr. 22, die LMU auf Platz 58 und Heidelberg weit hinten auf Platz 80.

Rankings haben ihre eigene Problematik, gewiss, doch tauchen trotz unterschiedlicher Kriterien immer wieder dieselben Verdächtigen unter den Großen Zehn auf. Oxford und Cambridge fehlen sehr selten, Harvard, Princeton, Yale, Stanford, MIT, Chicago sind durchgängig gebucht. Selbst wenn wir nur das europäische Ranking nehmen, leuchten unsere Leuchttürme nicht so hell wie englische. Oxford, Cambridge und Imperial sind die ersten drei. Auf Platz sechs findet sich die TUM, auf acht die LMU. Unter den besten zehn Europäern finden wir sechs britische, zwei aus der Schweiz und zwei aus Deutschland. Warum schaffen es Großbritannien oder gar die kleine Schweiz mit nur neun Millionen Einwohnern besser?

Sie nennen sich nicht exzellent, sondern sind es

Vorweg nennen sich Englands leistungsfähige Universitäten nicht “exzellent”, auch nicht “elitär”. Seit 1994 haben sich die wettbewerbsbereiten Unis in der “Russell Group” (benannt nicht nach Bertrand, sondern einem Hotel) zusammengetan. Diese 24 leistungsstärksten Hochschulen erhalten 70 Prozent aller Forschungsverträge weltweit. 90 Prozent ihrer Forschung werden als führend in der Welt bewertet. Für die 24 gibt es keine Bestandsgarantien; die Plätze auf der Skala verschieben sich.

Nun zum Standort Deutschland. Die Exzellenzstrategie unterwirft die Universitäten einem langwierigen Bewerbungsverfahren. Dies dauert zwei Jahre, bis zur Krönung. Das bindet Kräfte. Forscher, die eigentlich forschen sollten, sind monatelang mit dem Abfassen von Skizzen, Anträgen, Selbstdarstellungen und externen Evaluationen beschäftigt. Daraus folgt: Da alle zehn Gewinner es wieder geschafft haben, besagt das vor allem, dass sie wissen, wie man sich präsentieren muss. Die neuen Bewerber, sieben Unis und vier Verbünde, haben diesen Vorteil nicht. Sie gehen in einen echten Wettbewerb, der tatsächlich selektiv ist. Von den 11 Bewerbern kommen höchstens fünf durch. Die Zahl der Exzellenzuniversitäten ist auf maximal 15 begrenzt. Die Entscheidung über die Neubewerber fällt erst im Oktober. Zeitsparender wäre es, die Universitäten an dem zu messen, was sie bislang geleistet haben.

Der Wettbewerb der Leuchttürme soll ein streng wissenschaftsgeleitetes Verfahren sein, wie stets betont wird. Diese Kriterien sind nicht wissenschaftlich, sondern politisch.

Die Kriterien der “höchsten Qualität” müssen nur festgelegt werden. Welche? Interdisziplinarität, Wissenstransfers, Wirkung nach draußen, Impact, Karriereförderung junger Forscher, Transparenz sind in den Bewerbungen die Treiber gewesen. Der Wettbewerb soll gleichermaßen für Kontinuität wie institutionelle Dynamik stehen. Neue Ideen und Projekte bekommen so eine Chance. Doch geht es in der Forschung nicht stets um neue Ideen und Projekte?

Was eine Universität zum Leuchtturm macht, offenbaren die Daten. Die englische Russell Group schafft es ohne aufwändiges, Personal bindendes Schaulaufen vor Kommissionen und Politikern. Ihre vordersten Plätze im internationalen Vergleich sprechen für die Gruppe. Die Exzellenzinitiative kam spät und hat dem Wettbewerbsgedanken in der Wissenschaft Tribut gezollt. Ob allerdings ihre Strahlkraft auf die gesamte Universitätslandschaft ausstrahlt, um den “happy few” nachzueifern zu wollen, steht dahin.

Internationale Bestenlisten scheinen dem Wissenschaftsrat nicht so wichtig. In seinem jüngsten Bericht redet er lieber von “Gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten”. Sodann von “gesellschaftlicher und politischer Teilhabe”, “Solidarität”, “Gemeinwohl”.

 

Am Ende hängt Qualität am Geld. Die fünf Milliarden Euro, die Bund und Länder über sieben Jahre in die Exzellenz stecken wollen, halten keinen Vergleich mit den Forschungsausgaben in China und selbst im trumpistischen Amerika aus. Doch internationale Bestenlisten scheinen dem Wissenschaftsrat nicht so wichtig. In seinem jüngsten Bericht redet er lieber von “Gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten”. Sodann von “gesellschaftlicher und politischer Teilhabe”, “Solidarität”, “Gemeinwohl”.

Der Wettbewerb der Leuchttürme soll ein streng wissenschaftsgeleitetes Verfahren sein, wie stets betont wird. Diese Kriterien sind nicht wissenschaftlich, sondern politisch. Die Bedienung gesellschaftspolitischer Normen war nicht der Grund für die Gründung der Exzellenzinitiative. Datenbasiert die künftige Entwicklung zu garantieren und die Verwendung der Fördermittel zu belegen sind indes wichtige Forderungen. Flachere Hierarchien tun es auch: Ein Erstsemester am MIT darf nicht nur dem Nobelpreisträger lauschen, sondern mit ihm im Labor forschen. So kann man auch Exzellenz fördern.

 

Christine Brinck ist Publizistin. Sie hat unter anderem vergleichende Hochschulforschung gelehrt.

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