28. März 2026
Über das selbstorganisierte Lernen

Lernlandschaften müssen her! – Müssen sie es wirklich?

Am 24. März 2026 berichtete Manuel Rentsch auf Radio SRF: Die Schweiz ist das innovativste Land von Europa, gemessen an den Patenten. Das zeigt die Statistik des Europäischen Patentamtes EPA in München. Schweizer Firmen, Forscherinnen und Entwickler haben im vergangenen Jahr 9914 Patente angemeldet. Pro Kopf sind es so viele wie sonst nirgends. (1). “Weshalb braucht es da Lernlandschaften, die das Lernen völlig umpflügen”, fragt sich Condorcet-Autor Felix Schmutz?

Das ist nun wirklich erstaunlich: Ein Land mit einem Schulsystem, das Noten verteilt, Kinder selektioniert, in Jahrgangsklassen unterrichtet, Zutrittsprüfungen in Gymnasien veranstaltet und Frontalunterricht praktiziert, soll derart kreative Schulabgänger(innen) hervorbringen? Die Münchner müssen sich irren, das kann nicht sein, denn unsere Schulen sind nicht mehr kindsgerecht. Schliesslich wird das System von Fachleuten dauernd kritisiert. Sie können sich nicht irren. Lernlandschaften müssen her.

Der Ausdruck lässt sofort Gebiete am Vierwaldstätter See vor dem inneren Auge erscheinen oder Bilder von Claude Monet oder Caspar Friedrich David: Lernlandschaften, schulische Idyllen! Eine Naturmetapher von starker Wirkung, die gleichzeitig das langweilige Klassenzimmer mit den nach vorne gerichteten Bankreihen und der Wandtafel ins Aus manövriert. In eine solche Lernlandschaft passt natürlich die Vorstellung vom lernwilligen Kind, das in dieser Umgebung wie ein junges Bäumchen aufblüht, während in anderer Umgebung der Lerntrieb schmählich verkümmert.

Felix Schmutz, Baselland: Weder Landschaft noch Lernen.

Wer dann ein Schulhaus mit Lernlandschaften betritt, wird schnell Ernüchterung erleben. Diese

Lernlandschaft ist nicht eine von Pflanzen umgebene Gartenecke mit rauschendem Springbrunnen oder ein Kuschelraum mit Sofas und Coca-Automat, sondern ein Grossraumbüro mit 60 Pulten, die seitlich und hinten mit Trennwänden ausgestattet, verkabelt, mit Tablet-Computern und Kopfhörern versehen sind. Der Ausdruck «Lernfabrik» wäre die angemessenere Metapher. Aber Ehrlichkeit war nie eine Tugend der Pädagogik-Propheten.

Jugendliche sitzen an diesen Pulten mit programmierten Lernaufgaben oder Blättern, die sie bearbeiten und dann abhaken sollen. Viele kommen nicht weiter, warten auf einen Coach (früher Lehrperson), der aber mit andern schon voll beschäftigt ist: Am Pult 23 gibt es keinen Strom, am Pult 47 kann das Programm nicht geladen werden. Pulte 17 und 18 haben ihr Passwort nicht zur Hand. Beim Warten auf den Coach oder die Coachin ergeben sich schnell Unterhaltungen zwischen den Pulten, zuerst flüsternd (es herrscht Ruhegebot), dann mit Gelächter immer lauter.

Das Ganze entpuppt sich als Bluff: Weder ist es eine Landschaft, noch wird hier wirklich gelernt. Im besten Fall wird Fleissarbeit abgearbeitet. Niggli und Kersten stellten schon 1999 fest, dass in einem solchen Setting nur Jugendliche profitieren, die kognitiv ausserordentlich stark sind. (2) Die Einzelbetreuung ist in vielen Fällen schöne Fiktion, weil die Zeit der Betreuenden niemals ausreicht, sich aller Einzelnen anzunehmen.

Lernlandschaften: Programmierte Lernaufgaben abhaken.

Hinter dieser Art Unterricht steckt noch eine andere Metapher, diejenige des «selbstregulierten Lernens», wie es nunmehr genannt wird. Früher hiess es noch «selbstorganisiertes Lernen» oder «erweiterte Lernformen» oder «Wochenplan». Roland Reichenbach hat die Fragwürdigkeit dieser ideologiegeladenen Begriffe schonungslos aufgedeckt. (3). Der Begriff «selbstreguliert» stammt aus der Steuerungstechnik. Schülerinnen und Schüler funktionieren wie Thermostaten an Heizkörpern. Sie organisieren ihr Lernen nicht nur, sie regulieren es neuerdings auch, indem sie im richtigen Moment ihr Gehirn ein- und ausschalten, die Motivation und Anstrengung den Erfordernissen des Lernstoffes entsprechend anpassen, die Lernwege automatisch auswählen, die richtige Menge im Gedächtnis speichern.

Zugegeben: Selbstständigkeit ist ein wichtiges Ziel der schulischen Bildung. Allerdings liegen die Schwärmer falsch, die meinen, Selbstständigkeit lerne man durch Selbstständigkeit. Ebenso falsch oder tödlich wäre: Schwimmen lernt man durch Schwimmen, Autofahren durch Autofahren, Kochen durch Kochen. Alle diese Fähigkeiten lernt man durch Anleitung und allmähliches Übernehmen der Funktionen und der Verantwortung.

Wer Kinder und Jugendliche zu früh sich selbst überlässt, überfordert sie.

Fachliche Kenntnisse und fachliches Können erwerben Schülerinnen und Schüler über 9 Jahre hinweg, denn sie sind anspruchsvoll. Die Lehrpersonen, die die Fächer unterrichten, mussten nach der Maturität ein Studium absolvieren, um sie zu beherrschen. Die Kinder und Jugendlichen bauen schrittweise fachliches Wissen und Können auf. Der Erwerb der Selbstständigkeit im Lernen ist ein langer, ansteigender Prozess und braucht Erfahrung. Es gibt Erfolge und Misserfolge auf dem Weg. Wer Kinder und Jugendliche zu früh sich selbst überlässt, überfordert sie.

Dazu kommt die neurologische Tatsache, dass sich der präfrontale Kortex, der das Handeln der Menschen und ihre Fähigkeit zur Verantwortung steuert, erst im Alter zwischen 16 und 22 Jahren voll entwickelt. Das «selbstorganisierte» Lernen bleibt schon deshalb Illusion. Stattdessen braucht es anfänglich und bei neuen Themen immer wieder enggeführte Anleitung und nach einer Phase der ständigen Begleitung ein allmähliches Übertragen der Verantwortung. Dies funktioniert im Klassenverband durch die Bezugsperson des Lehrers/der Lehrerin, nicht aber im Grossraumbüro der Lernfabrik.

Statt der gesetzlich vorgeschriebenen Lektionenzahl pro Fach wird die Lernzeit auf kurze Inputlektionen und Arbeit im Lernbüro verteilt.

Eine Schule, die Lernlandschaften einrichtet, zwängt den Unterricht und die Lehrkräfte in ein enges Korsett. Statt der gesetzlich vorgeschriebenen Lektionenzahl pro Fach wird die Lernzeit auf kurze Inputlektionen und Arbeit im Lernbüro verteilt. Diese organisatorische Massnahme nimmt keine Rücksicht darauf, welcher Inhalt vermittelt werden soll und welche Zeit dieser in Anspruch nimmt. Alles muss in passgenaue Päckchen genormt werden. Das Organisatorische überwiegt das Inhaltliche und den lerntechnisch erforderlichen Zeitrahmen. Die Folgen sind vorhersehbar: Die Schere zwischen privilegierten Jugendlichen und Schwächeren wird weiter auseinandergehen. Will man das?

 

(1) https://www.srf.ch/news/wirtschaft/patentweltmeisterin-schweiz-e-zigarette-bis-laborgeraet-ueberraschendes-zu-schweizer-patenten

 

(2) Niggli, A. & Kersten, B. (1999) Lehrerverhalten und Wochenplanunterricht. Wirkungen auf Mathematikleistungen und nicht-kognitive Merkmale von Lernenden. Bildungsforschung und Bildungspraxis, 3, 272-291.

 

(3) Reichenbach, Roland (2025) Die Pädagogik der Privilegierten, Ein Essay Stuttgart.

 

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2 Kommentare

  1. Hätte man einer Aktivistengruppe vor gut 40 Jahren die Aufgabe gegeben, die Volksschule in der Schweiz (und auch in anderen westeuropäischen Ländern) nachhaltig zu zerstören, es hätte genau so laufen müssen.
    Deshalb bin ich der Überzeugung, dass dies alles mit Absicht passiert – und zwar NICHT mit einer guten Absicht.

  2. Ich finde der Artikel trifft es genau und ich bin einfach nicht mehr gerne Lehrerin. Das Ganze hat so etwas Entwürdigendes, dass die Rolle der Lehrpersonen, was sie kann und leistet, zu zergliedern und anzugreifen. Kleinere Klassen, eine fachlich und pädagogisch geschulte Lehrperson, ein paar Bücher, Hefte und Bleistifte und etwas Raum zum Wirken, das ist alles, was es braucht für guten Unterricht. Aber so einen Unterricht darf man heute ja gar nicht mehr machen oder wollen. Meine grösste Hoffnung liegt darin, dass Sparmassnahmen bewirken, dass es keine iPads mehr pro Schüler gibt.

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