7. Januar 2026
Replik auf den Artikel «Der Anspruch ist hoch: Schule soll nicht länger primär Wissen vermitteln, sondern Denk-, Urteils- und Handlungskompetenzen systematisch stärken.»

Es bleibt beim Anspruch ohne Grundlage

Condorcet-Autorin Christine Staehelin reagiert auf den Artikel ““Der akademische Abschluss wird künftig weniger wert sein” (2.1.26), in welchem wieder einmal gefordert wird, anstatt Wissen mehr Denkkompetenzen zu lehren. Und genau diese Aussage analysiert die Autorin in ihrem Beitrag: Was sind Denkkompetenzen, und wie soll man sich diese erwerben?

«Der Anspruch ist hoch:
Schule soll nicht länger primär Wissen vermitteln, sondern Denk-, Urteils- und Handlungskompetenzen systematisch stärken.»

Dieser Satz beweist an sich schon die Höhe des Anspruchs: Mir scheint es an sämtlichen darin erwähnten Kompetenzen ganz grundlegend zu fehlen, denn trotz unzähligen Versuchen gelingt es mir nicht, diesen zu verstehen.

Ich scheitere schon an den Begriffen Denkkompetenz, Urteilskompetenz, Handlungskompetenz.

Christine Staehelin, Primarlehrerin in Basel, Mitglied des Bildungsrates: Kann man “denkinkompetent” sein?

Kann man denn denkinkompetent sein? Würde das bedeuten, dass man gar nicht denkt? Und wäre das tatsächlich möglich? Und wäre man dann gedankenlos? Was wäre dann diese Gedankenlosigkeit? Hätte man dann keine Gedanken? Oder die falschen? Oder würde das bedeuten, dass man nicht über das Denken oder das Gedachte nachdenkt? Oder über sich selbst? Oder über die andern? Bedeutet Denkkompetenz, dass man grundsätzlich über das eigene Denken verfügen kann, sich also auch entscheiden könnte, das eigene Denken zu verbessern? Und wie würde man dann entscheiden, welche Gedanken wie weiterzuentwickeln wären? Können Denkkompetente selbst darüber entscheiden, gedankenlos zu sein? Kann man etwas anderes denken als das, was einem gedanklich gerade beschäftigt? Führen unsinnige Gedanken zu Denkinkompetenz? Kann man gleichzeitig widersprüchliche Gedanken haben und dennoch kompetent sein? Hat Denkkompetenz Ziele? Können solche für das je eigene Denken festgelegt werden? Sollten alle die gleiche Denkkompetenz erwerben? Wie würde diese dann aussehen und wie würde man diese dann bewerten?

Genauso herausfordernd ist der Begriff der Urteilskompetenz. Kann man urteilen, ohne zu wissen? Kann man urteilskompetent sein und falsche Urteile fällen? Was wären denn richtige und falsche Urteile? Was wären wahre Urteile? Wie würde man diese kompetent unterscheiden? Und wie würde man entscheiden, was ein Urteil ist? Was würde das Urteil von der Meinung unterscheiden? Würde Urteilsinkompetenz bedeuteten, dass man gar nicht urteilen könnte? Also weder, ob das Wetter schön, noch ob Holz brennbar, noch ob Schnee weiss ist? Oder ist das Gegenteil von Urteilskompetenz gar nicht Inkompetenz? Sondern Urteilsschwäche oder gedankenloses Urteil oder Fehlurteil? Gibt es ein Denken ohne Urteilen oder ist Urteilen die Voraussetzung für das Denken? Oder ist es genau umgekehrt? Wären es tatsächlich Kompetenzen, in welcher Reihenfolge würde man sie erlernen? Gibt es Urteile, die universell gelten und die Voraussetzung bilden für das Fällen weiterer Urteile oder kann man mit angemessener Urteilskompetenz auch alles neu beurteilen?

Was unterscheidet das gute vom schlechten, das richtige vom falschen Handeln? Inwiefern beeinflussen das Wissen, das Denken und das Urteilen das Handeln?

Mit dem Begriff der Handlungskompetenz verhält es sich sehr ähnlich wie mit den bereits erwähnten. Ist Handeln eine Kompetenz oder eine Tätigkeit? Kann man handlungskompetent werden? Können wir auch nicht handeln oder sind wir an sich schon immer handelnd? Was unterscheidet das gute vom schlechten, das richtige vom falschen Handeln? Inwiefern beeinflussen das Wissen, das Denken und das Urteilen das Handeln? Würde sich das kompetente Handeln einer denk- und urteilskompetenten Person unterscheiden vom Handeln einer in diesen Bereichen inkompetenten Person? Inwiefern liesse sich dieses Handeln unterscheiden? Was würde die Kompetenz des Handelns auszeichnen? Ist diese nur von anderen zu beurteilen oder kann man sie selbst beurteilen? Und wie kann man die Handlungskompetenz verbessern? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Handlung und Entscheidung? Gibt es Handlungen ohne vorangehendes Urteil? Wie würde man dann entscheiden?

Ist die Handlungskompetenz abhängig von der Entscheidungskadenz? Oder führt mehr Handlungskompetenz zu besseren Entscheidungen? Können folglich handlungskompetente Menschen die Folgen ihres Handelns besser abschätzen? In Bezug worauf? Gibt es auch gedankenloses Handeln? Wäre das dann eine Form von Handlungsinkompetenz? Muss man handlungskompetenten Menschen weniger oft verzeihen? Wäre das ein Kriterium für deren Beurteilung?

Was also genau müsste die Schule «systematisch stärken»? Was bedeutet systematisch? Worauf bezieht es sich? Auf Kompetenzsysteme? Bauen die Handlungs-, Denk- und Urteilskompetenz folglich aufeinander auf? Oder haben sie einen je eigenen Aufbau? Wie sieht dieser jeweilige Aufbau aus? Gibt es entsprechende Kompetenzstufen?

Bauen die Handlungs-, Denk- und Urteilskompetenz aufeinander auf?

Was also genau müsste die Schule «systematisch stärken»? Was bedeutet systematisch? Worauf bezieht es sich? Auf Kompetenzsysteme? Bauen die Handlungs-, Denk- und Urteilskompetenz folglich aufeinander auf? Oder haben sie einen je eigenen Aufbau? Wie sieht dieser jeweilige Aufbau aus? Gibt es entsprechende Kompetenzstufen?  Wenn man diese Kompetenzen stärken muss, gibt es sie in einer jeweils schwächeren Form? Oder wäre es möglich, dass sie gar nicht vorhanden sind? Wenn sie als Kompetenzen nicht vorhanden sind, sind sie dann als Tätigkeiten dennoch vorhanden? Kann man überhaupt nicht denken, nicht urteilen, nicht handeln? Würde man diese Frage verneinen, was würde diese Tätigkeiten von den entsprechenden Kompetenzen unterscheiden? Also kann man denken ohne Denkkompetenz, urteilen ohne Urteilskompetenz, handeln ohne Handlungskompetenz?

Was soll das Denken befragen, wenn nicht das Wissen? Kann man denken, ohne zu wissen?

Da gleichzeitig erklärt wird, dass Schule «nicht länger primär Wissen vermitteln» soll, stellt sich ausserdem die grundsätzliche Frage, auf welche Inhalte sich dann das Denken, Urteilen und Handeln beziehen soll?
Was soll das Denken befragen, wenn nicht das Wissen? Kann man denken, ohne zu wissen? Wie kann man Neues denken, wenn man nicht Bestehendes befragt? Worauf soll sich das Denken beziehen, wenn noch nichts gewusst wird? Kann man wissen, ohne zu denken? Wäre das gedankenloses Wissen?
Wie verhält sich das Urteilen zum Wissen? Kann man richtig urteilen, ohne zu wissen, oder führt Nichtwissen zwangsläufig zu falschen Urteilen oder Gedankenlosigkeit? Setzen allgemein gültige Urteile Wissen voraus, und kann man sie dennoch kritisch befragen? Kann ausgehend vom Wissen allein ein Urteil wahr oder richtig sein, oder ist zusätzlich Richtigkeit im Sinne des verantwortlichen Urteilens erforderlich? Wie unterscheidet sich diese Verantwortung beim Urteilen vom reinen Wissenserwerb? Ist der reine Wissenserwerb in Bezug auf Urteilsfähigkeit tatsächlich nicht entscheidend? Könnte darin die Begründung liegen, dass die Schule nicht mehr primär Wissen vermitteln soll? Inwiefern ist das Urteilen auf unterschiedliche Perspektiven angewiesen, die wiederum auf Wissen beruhen? Wie hängt die Fähigkeit zum Urteilen mit erweitertem Denken zusammen, das Wissen aus verschiedenen Perspektiven reflektiert?
Wie handle ich, ohne zu wissen? Worauf beziehen sich meine Entscheidungen, wenn nicht auf Wissen? Auf Intuition, Gewohnheit, Zufall? Führt Nichtwissen zwangsläufig zu falschem oder unbedachtem Handeln? Kann man Verantwortung für Handlungen übernehmen, wenn die Grundlage des Wissens fehlt? Ist sinnvolles oder zielgerichtetes Handeln ohne Wissen möglich? Inwiefern ist das Handeln ausserdem auf Denken und Urteilen angewiesen?

Zum Schluss stellt sich die Frage nach dem Sollen, denn die Schule «soll nicht länger primär Wissen vermitteln». In jenem Zusammenhang, in welchem der Satz formuliert ist, wird von einer Zukunftsvorstellung ausgegangen, nämlich von den enormen Herausforderungen, mit welchen die Menschheit durch die künstliche Intelligenz konfrontiert ist. Das stellt dieses Sollen vor Probleme. Einerseits inhaltlich, denn wenn die Schule nicht mehr in erster Linie Wissen vermitteln soll, dann stellt sich die ganz grundsätzliche Frage, womit sie sich dann überhaupt beschäftigen soll. Denken, Urteilen und Handeln können sich nicht auf nichts beziehen; sie bedürfen eines Gegenstandes. Wird das Wissen als primärer Bezugspunkt aufgegeben, bleibt unklar, woran diese Tätigkeiten eingeübt, überprüft oder verantwortet werden sollen.

Ein Sollen, das sich auf eine solche Zukunft stützt, läuft Gefahr, Erwartungen zu formulieren, ohne die Bedingungen ihres Gelingens zu kennen. Damit verliert es seine Orientierungskraft und wird zu einer normativen Setzung ohne tragfähige Grundlage.

Andererseits ist dieses Sollen zeitlich problematisch. Es richtet sich auf eine Zukunft, deren konkrete Gestalt unbekannt ist und die gerade im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz von Unsicherheit, Beschleunigung und Unvorhersehbarkeit geprägt ist. Ein Sollen, das sich auf eine solche Zukunft stützt, läuft Gefahr, Erwartungen zu formulieren, ohne die Bedingungen ihres Gelingens zu kennen. Damit verliert es seine Orientierungskraft und wird zu einer normativen Setzung ohne tragfähige Grundlage.

Hinzu kommt ein institutionelles Problem. Schule ist kein Ort der Zukunft im strengen Sinne, sondern ein Ort der Überlieferung, der Vermittlung und der Auseinandersetzung mit bereits bestehendem Wissen, mit überlieferten Denkformen, Urteilen und Handlungsweisen. Wenn sie sich von diesem Auftrag löst, um sich primär an antizipierten zukünftigen Anforderungen auszurichten, droht sie ihren eigenen Sinn zu untergraben. Denn nur auf der Grundlage des Bestehenden kann Neues verstanden, beurteilt und verantwortet werden.

Schliesslich stellt sich auch eine normative Frage: Wer bestimmt, was die Schule sollen soll, und auf welcher Grundlage? Wenn das Sollen nicht mehr aus dem Bildungsauftrag selbst, sondern aus prognostizierten Entwicklungen abgeleitet wird, verschiebt sich der Massstab von Bildung zu Anpassung. Das Sollen verliert dann seinen bildenden Charakter und wird zu einer Reaktion auf vermutete Bedürfnisse der Zukunft. Gerade dadurch aber wird fraglich, ob die Schule ihrer Aufgabe noch gerecht werden kann, nicht nur auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten, sondern Urteilskraft zu bilden, die auch das Zukünftige kritisch befragen kann.

Nun, «der Anspruch ist hoch». Wie eingangs erwähnt, bezieht sich dies aus meiner Sicht schon auf das Verstehen des daran anschliessenden Satzes, der mir bis jetzt unverständlich erscheint. Aber er ist auch hoch in Bezug auf das «Sollen», das er beinhaltet und mit welchem er auf ein Handeln verweist, das nun eintreten soll – die Schule soll jetzt etwas tun. Gleichzeitig stellt sich die Frage, worauf sich dieses Handeln beziehen soll, wenn die Schule nicht mehr primär Wissen vermittelt. Können Denken, Urteilen und Handeln ohne Bezug auf Wissen, Verstehen und Urteilen verantwortbar stattfinden? Handeln mag möglich sein, doch nur mit reflektierendem Denken, kritisch prüfendem Urteilen und Verstehen wird es verantwortbar und zurechenbar. Das normative Sollen der Schule bleibt problematisch, solange unklar ist, welche Massstäbe oder Grundlagen dieses Handeln bestimmen und wer sie festlegt.

Letztlich wird deutlich, dass das Sollen der Schule nur dann Sinn ergibt, wenn zuvor geklärt ist, worauf Denken, Urteilen und Handeln beruhen – andernfalls bleibt es ein Anspruch ohne Grundlage.

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Condorcet-Autorin Christine Staehelin, GLP-Mitgled im baselstädtischen Bildungsrat und Primarlehrerin, warnt in ihrem Beitrag davor, mit überfrachteten Kompetenzerwartungen eine Ideologisierung von Unterricht zu betreiben.

2 Kommentare

  1. Postmoderner Pädagogik und Didaktik, vertreten durch Sogenanntexperten, die genau dieser akademischen Kaste entspringen, die sich selber abschafft, da sie inhaltlich nichts mehr repräsentiert, ist nicht mit Logik beizukommen. All die Expertisen fussen weder auf Sachkenntnis noch auf fundiertem Denken – all das ist lediglich ideologisches Blablabla. Wertlos.

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