7. September 2026
Schullektüre für 1. Klässler

Eine Wikingergeschichte – voll im Zeitgeist

Ein neues Kinderbuch des Tulipan-Verlags zielt mehr auf die korrekte Gesinnung unserer heranwachsenden Schülergeneration als auf eine historische Abenteuergeschichte.

“Verkehrte Welt bei den Wikingern: Die Wikingerin Freyja sticht mit den anderen Kriegerinnen in See, um reiche Beute zu machen. Ihr Mann Sigurd bleibt zu Hause: Dort kümmert er sich um die Kinder Frida und Aki, bestellt den Acker und versorgt die Tiere. Doch auch Sigurd und die anderen Männer möchten einmal mit auf grosse Fahrt. Als sie eines Tages wilde Berserker aus dem Dorf vertreiben können, beginnen sie an der bisherigen Rollenverteilung zu zweifeln. Aber wollen tatsächlich alle Männer in den Kampf ziehen? Und sind denn alle Frauen zur Kriegerin geboren? Warum macht eigentlich nicht jeder einfach das, was er am besten kann? So bewirbt der Tulipan-Verlag sein neustes Kinderbuch.”

Unser Chefhistoriker Benjamin Hart in der Condorcet-Redaktion erklärt, dass es bei den Wikingern tatsächlich im Vergleich zu anderen Volksgruppen der damaligen Zeit beachtenswerte Frauenrechte gab, zum Beispiel das Recht auf Scheidung. Und auch eine berühmte Kriegerfrau soll es gegeben haben. Ihr Name war Lagertha. Ihre Existenz ist allerdings etwas umstritten.

Lathgertha tritt – so beschreibt der dänische Geschichtsschreibe Saxo Grammaticus – zu der Zeit in das Rampenlicht der Geschichte, als der schwedische König Frø (Frö, altnordisch Freyr) in Norwegen einfällt, den dortigen König Sywardus erschlägt und die Frauen von dessen Hof in ein Bordell schickt, um sie zur Prostitution zu zwingen. Der Enkel des erschlagenen Norwegerkönigs, Regner, zieht daraufhin mit einer Streitmacht nach Norwegen, um Sywardus zu rächen. Viele der gedemütigten Hoffrauen finden sich nicht mit ihrem Schicksal ab, sondern sammeln sich bewaffnet und in Männerkleidung zur Gegenwehr und verhelfen den Norwegern und Norwegerinnen zu einem  Sieg über Frö, der im Kampf fällt.[7Quelle ist Wikipedia.

Wir stellen fest: Mutige Kriegerinnen auf Beutezug stechen, massakrieren und köpfen ihre Opfer genauso wie die Männer. Lathgertha, die in erster Reihe streitet, sticht unter den Kämpfenden als besonders hart hervor.

Aber diesen Teil der Geschichte will man den 1. Klässlern sicher nicht zumuten. Denn schliesslich geht es ja nicht um Historie, sondern um die korrekte Gesinnung.

 

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Es war einmal: Georges Lüdi und seine Erkenntnis

Inmitten der Diskussionen über Sinn und Unsinn des Frühsprachenerwerbs wollen wir an eine Erkenntnis des Professors George Lüdi erinnern, der sich seinerzeit stark für das Frühsprachenkonzept engagiert hatte. Er wurde vom Saulus zum Paulus und war einer der wenigen, welche die Grösse hatten, einen Irrtum öffentlich einzugestehen.

Zitat der Woche: Hannah Arendt

Hannah Arendt diagnostizierte die Einsamkeit und Isolation der Menschen als Bedingung dafür, dass totalitäre Herrschaft überhaupt Akzeptanz und Zuspruch gewinnt. Für den Durchschnittsmenschen ist oft nichts schwerer zu ertragen als das Gefühl, keiner größeren Gruppe zuzugehören. Selbst wenn man einer Ansicht eher kritisch gegenübersteht, zieht man es doch oft vor, ihr nicht zu widersprechen, sobald man dadurch riskiert, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden. Man konnte, wie Erich Fromm 1941 in „Die Furcht vor der Freiheit“ schrieb, damals beobachten, wie vielfach auch Menschen, die keine Nazis waren, den Nazismus gegen Kritik verteidigten, weil sie das Gefühl hatten, dass ein Angriff auf den Nazismus ein Angriff auf Deutschland war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert