Alle sollen einen gleichen Zugang zu Lebenschancen haben (…). Dieser harmlos klingende Satzlöst die grössten theoretischen Schwierigkeiten aus?
Was soll das eigentlich sein, “Chancengleichheit” für alle? Und wie soll man sie messen? Die Antwort ist einfach. Es geht nicht. Dazu muss man sich nur die ersten sechs Lebensjahre zweier junger Menschen vorstelle, die in völlig unterschiedlichen Familien aufwachsen. Die sie betreffenden Einflussfaktoren sind so zahlreich, dass man niemals herausfinden könnte. an welchen Stellschrauben im konkreten Einzelfall gedreht werden müsste, um echte Chancengleichheit zwischen beiden herzustellen.
Sechs Jahre sind mehr als 2000 Tage. Beschäftigen sich Eltern und Kinder täglich drei Stunden miteinander, sind das mehr als 6000 Stunden. In dieser Zeit wird vorgelesen – oder auch nicht. Das eine Kind hat einen Bruder, der mit ihm regelmässig spielt und so die Kompetenzen des Geschwisterkindes unbewusst fördert – das andere nicht. Das eine wird gesund ernährt – das andere ungesund. Bei dem einen Kind sind die Grosseltern schon verstorben und stehen nicht als Unterstützungssystem bereit – beim anderen schon. Das eine Kind hat ein eigenes Kinderzimmer und Ruhe bei seinen Lernaufgaben – das andere nicht. Das eine Kind wächst in einem Stadtteil mit überdurchschnittlicher Gewalt und Kriminalität auf – das andere nicht: Die Einflussfaktoren auf die Entwicklung eines Menschen nähern sich zahlenmässig der Unendlichkeit an. Hinzu kommt das Problem, dass diese Einflussfaktoren auch noch bei jedem Menschen unterschiedlich relevant sein können.
Es ist daher nicht nur völlig unmöglich, Chancengleichheit wissenschaftlich zu messen. Es ist zugleich unmöglich, jedem Menschen “die gleichen Starchancen zu geben”. Man müsste hierzu die Welt in einen komplizierten Automaten verwandeln können, der Zugriff auf alle Stellschrauben der Weltgeschichte und alle Lebensregungen aller Menschen hätte. “Echte Chancengleichheit ist ein illusorisches Ideal, und jeder Versuch, es konkret zu realisieren, ist geeignet einen Albtraum hervorzurufen” (Friedrich August Hayek).
Auszug aus dem Buch Tyrannei der Gleichheit S. 46-47.


