- “Liebe Frau Meier, Mama Kaninchen hat heute Nacht Junge bekommen. Die Aufregung können Sie sich vorstellen. Der Kleine war völlig überdreht, und Lara-Mara hat nur noch von den herzigen Chüngeli geredet. Es ist leider spät geworden gestern, und ich habe sie deshalb schlafen lassen. Ich schicke sie um 10 in die Schule. Liebe Grüsse, N.”
Jetzt stehen sie wieder in Scharen auf den Perrons, stürmen die Badis und stürcheln lustlos durch Museen. Es ist heiss, und Schulzimmer sind nicht klimatisiert. Viele Lehrerinnen und Lehrer zeigen Erbarmen und gehen mit ihrer unkonzentrierten und überdrehten Rasselbande auf die Schulreise, ans Wasser und dorthin, wo es kühler ist.

Es ist ein letzter Liebesdienst an ihren Schutzbefohlenen, bevor die langen Sommerferien anbrechen. Beim Anblick der brüllenden, kreischenden und kichernden Horden werfen nicht wenige Passanten einen mitleidigen Blick auf die Pädagogen: “Lieber ihr als ich”, lautet die stumme Botschaft. Einen vergänglichen Augenblick lang erhalten die Lehrerinnen und Lehrer die Anerkennung, die sie verdienen.
Laut der jüngsten Befindlichkeitsbefragung des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) lieben die allermeisten Pädagogen ihren Beruf. Die integrative Schule, der Personalmangel und die Bürokratie drücken ihnen zwar auf das Gemüt, doch im Schnitt geben sie ihrer eigenen Zufriedenheit die Note 4,2. Der Wert hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum geändert.
Gute Bereitschaft zur Zusammenarbeit
Doch etwas ist neu. Laut der Befragung hat sich das Verhältnis zwischen Lehrerinnen, Lehrern und Eltern entspannt. Im Schlussbericht steht: “Der Langzeitvergleich offenbart gar, dass noch nie so viele Lehrpersonen wie bisher den Eltern eine gute Bereitschaft zur Zusammenarbeit attestieren. Das in den Kommentaren immer wieder kolportierte Bild, dass die Kooperation der Erziehungsberechtigten nachlasse, muss daher korrigiert werden.”
- “Liebe Petra und Sonja, Lena kann heute nicht ins Turnen. Ihr läuft seit gestern die Nase, und vom ewigen Reiben ist sie ganz wund und tut ihr weh. Ich behalte sie heute zu Hause. Liebe Grüsse, V.”
Das Fazit ist erfreulich. Denn allgemein herrscht der Eindruck, dass viele Eltern wegen jeder ungenügenden Note ihrer Sprösslinge reklamieren und bei einer nicht bestandenen Gymiprüfung den Anwalt einschalten.
Inflationäre Kontaktaufnahme per Telefon oder Mail
Doch der Eindruck täuscht. Offenbar ist das Verhältnis zwischen Erziehern und Erziehungsberechtigten so vertrauensvoll wie nie zuvor. Jedenfalls wird zwischen Schul- und Elternhaus kommuniziert, was das Zeug hält:
- “Weil es so schönes Wetter war, haben wir gestern Abend am Waldrand ein Picknick gemacht. Als wir zurückkamen, war Mia zu müde für die Hausaufgaben. Sie bringt Ihnen dafür eine Vogelfeder, die sie gefunden hat.”
Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer finden die neue Lust an der Kommunikation nur gut. Laut einer Umfrage des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland stört sich jede zweite Lehrperson an “inflationärer Kontaktaufnahme per Telefon oder Mail”.
- “Lieber Herr Müller, Björn Alexander fühlt sich von Luca zunehmend unterdrückt und hat das Gefühl, dass er nicht sagen kann, was er denkt. Könnten Sie für ein Setting sorgen, in dem Björn Alexander seinen Gefühlen gegenüber Luca in angstfreier Atmosphäre Ausdruck geben kann?”
- “Lieber Herr Müller, es stimmt nicht, dass mein Sohn Björn Alexander gehauen hat. Björn Alexander hat Luca gehauen!”
Schulreisen und Badibesuche mit verschwitzten und überdrehten Schulkindern verdienen unsere Anerkennung, der tägliche Unterricht sowieso. Die wahre Meisterleistung liegt aber woanders: Dass sich das Verhältnis zwischen Schul- und Elternhaus in den vergangenen zehn Jahren entspannt hat, liegt eindeutig an den Pädagogen. Denn an den Eltern kann es nicht liegen.
- Jede Ähnlichkeit mit echten E-Mails von lebenden Personen ist rein zufällig.
Legende Beitragsbild: Für Lehrerinnen und Lehrer sind Schulreisen anstrengend – die wahre Herausforderung ist aber eine andere. (Foto: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

