15. August 2026
Eine Antwort auf das Interview mit Frau Maag-Merki

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Frau Maag Merki, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich, ist eine unermüdliche Kämpferin für Inklusion, Abschaffung der Selektion und Chancengleichheit. Ihr Thesen durfte sie kürzlich in einem Interview in der Migros-Zeitung darlegen. Condorcet-Autor Felix Schmutz hat das weitgehend unkritische Gespräch gelesen und schreibt der Professorin eine Antwort.

Liebe Frau Maag-Merki

Im Migros Magazin dieser Woche äussern Sie sich im Interview zur Untersuchung des LCH über die schulische Integration. Dabei ist die Standhaftigkeit, mit der Sie ein offensichtlich pädagogisch wenig erfolgreiches Unterfangen nach wie vor verteidigen, bewundernswert. Fast scheint es, Sie sähen sich in der Rolle von Galileo Galilei: «Und sie bewegt sich doch!»

Mit dem Unterschied, dass Galilei die Realität mit den Augen und dem Wissen des Wissenschaftlers sah, während Ihre Vorstellungen von philosophischen Überzeugungen, Theorien und Dogmen geprägt sind, die an die Argumente der päpstlichen Kommission erinnern, die Galilei zur Aufgabe seiner Erkenntnisse führen sollte: «Es kann nicht sein, was nicht sein darf.»

Die Probleme mit der Reformkaskade, bei der die integrative Schule nur ein Beispiel ist, sind derart offensichtlich, dass ein grundsätzlicheres Nachdenken erforderlich wäre.

Felix Schmutz, BL:
Eine starre Rezeptologie, Gebote und Verbote sind der falsche Weg.

Mangelnde Ressourcen – bei einem mit Mitteln fürstlich ausgestatteten Bildungssystem -, zu wenig Professionalität – bei an PHs mit jeglichen Kreditpunkten jahrelang ausgebildetem Personal – sind wohl eher Ausreden als wirklich überzeugende Argumente.

Exakte Wissenschaftler würden jedenfalls an ihren Annahmen zweifeln, wenn sie feststellten, dass eine mathematische Formel falsch ist, dass die Photosynthese auf dem Mars nicht nachzuweisen ist, dass die Lichtgeschwindigkeit trotz schwarzen Löchern nicht übertroffen werden kann. Erziehungsdozentinnen hingegen glauben im übertragenen Sinn hartnäckig weiter, dass die Erde eine Scheibe ist, auch wenn alle Indizien dagegen sprechen. Mehr Ressourcen und bessere Lehrkräfte werden es einst beweisen, meinen sie.

Ich kann hier nicht auf alle Dogmen eingehen, denen Sie erliegen. Ich beschränke mich auf eines, das jüngst Mathias Brodkorb und Klaus Zierer in ihrem Buch «Tyrannei der Gleichheit» Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft (2026) überzeugend dargelegt haben: den Begriff «Chancengleichheit».

Viele Reformideen beruhen auf dem Gedanken der «sozialen Gerechtigkeit». Die Schulen sollen soziale Ungleichheiten durch ihre Angebote und Organisation ausgleichen, um allen Kindern und Jugendlichen gerechte Lebenschancen zu vermitteln. Hier verbergen sich drei falsche Vorstellungen:

  1. Alle Kinder werden mit den gleichen Anlagen geboren, werden aber durch die Umwelt unterschiedlich gefördert. Die Schule soll diese Unterschiede ausgleichen.
  2. Die jetzige Schule mit Leistungszügen (genannt Selektion), Noten, Frontalunterricht, Aufgaben, Gymnasien, etc. verhindern den sozialen Ausgleich.
  3. Zu wenige Kinder aus der Grundschicht schaffen es ans Gymnasium. Ihnen werden Lebenschancen verwehrt.

 

Frau Maag-Merki in der Migros-Zeitung

Ad 1: Kinder sind von Anfang an verschieden. Nicht nur wachsen sie in sozial und kulturell unterschiedlichen Verhältnissen auf, sie unterscheiden sich schon als Dreijährige im Wortschatz, im Weltwissen, etc. Sie tragen in sich ein familiär bedingtes genetisch zusammengesetztes Würfelspiel an Aussehen, körperlichen Merkmalen, Charaktereigenschaften, praktischen und kognitiven Anlagen, Krankheiten, etc. Sie haben von allem Anfang an nie «gleiche Chancen». Und so ungleich kommen sie in die Schule. Die Idee, dass die Schule alle diese Unterschiede «ausgleichen» könne, sind absurd. Vielmehr wäre die Aufgabe der Schule, möglichst jedes in seinen Qualitäten und Anlagen bestmöglich zu fördern, was zwar Chancen eröffnet, aber eben gerade nicht für alle dieselben.

Die Ansicht, nur das Gymnasium eröffne die besten Lebenschancen, gilt schon lange nicht mehr. Die Tertiärstufe bietet heute unzählige Möglichkeiten der Aus- und Fortbildung, die zu vielfältigen Betätigungen und glücklicher Existenz führen können.

Ad 2: Damit spielen Fragen der Organisation, der Beurteilung, der Art der Förderung eine untergeordnete Rolle: Welcher Unterricht fördert jedes Kind und jeden Jugendlichen am besten bei entsprechend begrenzten staatlichen Möglichkeiten wäre die entscheidende Frage. Die Antwort auf diese Frage wird vernünftigerweise lauten: Soviel als sinnvoll dasselbe für Alle, soviel als nötig und effizient für Einzelne oder entsprechende Gruppen. Alles Praktische (Unterrichtsform, Grad der Führung, Noten, Aufgaben) muss sich im Alltag bewähren, sollte nicht ideologisch verteufelt oder propagiert werden.

Ad 3: Das Gymnasium ist gedacht für Leute mit den besten kognitiven Fähigkeiten (rund 20% der Bevölkerung). Diese Fähigkeiten zeigen sich früh. Sie sollten von den Primarlehrkräften erkannt werden. Bei sozial benachteiligten Eltern war früher die Haltung verbreitet: «Nichts für dich. Wir können nicht helfen». Heute hat dies bei einigen Eltern einer Anspruchshaltung Platz gemacht. Dass aber Akademikerkinder häufiger am Gymnasium landen, hängt mit den kulturellen und kognitiven Voraussetzungen dieser Kinder zusammen und ist nicht a priori ungerecht. Die Ansicht, nur das Gymnasium eröffne die besten Lebenschancen, gilt schon lange nicht mehr. Die Tertiärstufe bietet heute unzählige Möglichkeiten der Aus- und Fortbildung, die zu vielfältigen Betätigungen und glücklicher Existenz führen können.

 

Mit freundlichen Grüssen, Felix Schmutz

 

Ehemals tätig auf der Sekundarschulstufe I als Lehrer für Deutsch, Englisch und Französisch und zeitweilig als Didaktikdozent, in der Lehrpersonenausbildung und in zahlreichen Fachkommissionen. Wirkte mit an einer grossen Lehrplanreform in den Siebziger- und Achtzigerjahren sowie an der Basler Schulreform der 90-er Jahre mit der Umstellung auf Gesamtschulen und dem vorprogrammierten Scheitern derselben.

 

 

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