8. August 2026
Fall in Mecklenburg-Vorpommern

“Viel zu viele Schüler, die gemessen an ihren Fähigkeiten gar nicht ans Gymnasium gehören”

Eine Schülerin beschimpft wegen hoher Abi-Durchfallquoten wüst ihre Lehrer: Der Fall zeigt drastisch den Niedergang der einstigen Bildungsnation Deutschland. Dabei spielen auch die Anspruchshaltung von Schülern und ein verheerender Autoritätsverlust eine Rolle, wie Hannah Bethke in einem WELT-Beitrag schreibt.

Group of students in a classroom taking notes; a young woman in a gray sweater holds her head with a worried expression as others write nearby.

 

Mitten in den Sommerferien steht das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern massiv unter Druck. Das Schuljahr war Anfang Juli verstörend zu Ende gegangen. Am Robert-Stock-Gymnasium in Hagenow sind laut Staatlichem Schulamt Schwerin mehr als 35 Prozent des Jahrgangs durch die Abiturprüfungen gefallen. In ihrer Rede bei der Abschlussfeier erging sich eine Schülerin, die die Prüfungen selbst nicht bestanden hatte, daraufhin in wüsten Beschimpfungen über die Lehrer.

Das wäre ein lokales Ereignis geblieben, würde es die sozialen Medien nicht geben. Eine Videoaufnahme der Rede machte schnell die Runde, und plötzlich erregte der Fall bundesweite Aufmerksamkeit.

Hannah Bethke, Redaktorin bei der WELT

“Ist es hier wichtig, dass Schüler stolz auf sich sind, oder doch eher, dass die Lehrer die Traumata ihrer Schulzeit an den Schülern auslassen, anstatt in Therapie zu gehen?”, fragt die Schülerin dort und erntet dafür Jubelrufe und lauten Applaus. Für sie steht außer Zweifel, dass die Schüler keinerlei Schuld trifft. Ständige Lehrerwechsel, schlechter Unterricht, altes Arbeitsmaterial, fehlende Förderung “einzelner Individuen” gehören in ihrer Abrechnung noch zu den harmloseren Kritikpunkten.

“Wie kann es sein, dass völlig inkompetente Lehrer eingestellt werden?”, empört sich die Schülerin. “Höhöhöhö”, tönt es daraufhin unter den Anwesenden, darunter auch Eltern. Doch die Schülerin ist noch längst nicht am Ende: “Und an die, die unserem Jahrgang die Durchfallquote gönnen: Ganz ehrlich, fickt euch einfach nur alle.” Das Publikum johlt, jubelt, applaudiert.

“Am Ende des Tages können wir so oder so alle stolz auf uns sein”, befindet die Schülerin in ihrer Rede – was nach einer nicht bestandenen Prüfung eine erstaunliche Aussage ist.

 

Der Fall zeigt auf drastische Weise, was aus der einstigen Bildungsnation Deutschland geworden ist. Die strukturellen Missstände an den Schulen sind das eine. Seit Jahren werden Lehrermangel, chronische Unterfinanzierung, Integrationsprobleme und systemische Überforderung beklagt, ohne dass sich nennenswert etwas ändern würde. Das andere aber – und davon ist weitaus seltener die Rede – sind Ton, Selbstverständnis und Anspruchshaltung von Schülern (und teilweise von ihren Eltern). “Am Ende des Tages können wir so oder so alle stolz auf uns sein”, befindet die Schülerin in ihrer Rede – was nach einer nicht bestandenen Prüfung eine erstaunliche Aussage ist.

Überall Defizite, nur nicht bei den Schülern

Im Nachgang fragte der NDR die “Bildungsexpertin” Silke Müller, ob die Rede ein „Hilfeschrei“ gewesen sei. Es bräuchte noch “mehr von diesen Aufschreien”, antwortete Müller. So kommt es wieder einmal zu dem für Bildungsdebatten üblichen Verteidigungsmanöver, das überall Defizite identifiziert, nur nicht bei den Schülern.

Niemand hingegen sagt: Das war kein Hilfeschrei. Das war eine Unverschämtheit. Keine noch so großen Strukturprobleme und erst recht nicht persönliche Frustration rechtfertigen Beschimpfungen und Respektlosigkeit. Dass die Schülerin für ihre Tiraden von den Anwesenden gefeiert wurde, bestätigt einen Trend, der sich in der Gesellschaft schon vor geraumer Zeit festgesetzt hat: die systematische Entwertung von Bildung und der dadurch bedingte Autoritätsverlust von Lehrern.

Die Datierung (der Evaluation; Anmerkung der Red.) dürfte der rot-roten Landesregierung zupasskommen, denn ein explosives Bildungsthema, das in ihrer Verantwortung liegt, könnte den Wahlkampf erheblich erschweren.

 

Selbst das Staatliche Schulamt kann sich nicht zu einer richtigen Distanzierung entschließen. Zwar sagte eine Sprecherin auf Anfrage von WELT AM SONNTAG, die Schülerin habe in ihrer Rede “Beschimpfungen und Verunglimpfungen” geäußert. Doch die Schulbehörde fügt geradezu entschuldigend hinzu: “Dies war sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass sie die Abiturprüfung nicht bestanden hatte.”

Das Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern kündigte nach einer Sondersitzung des Bildungsausschusses des Landtags Mitte Juli eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge an. Bildungsministerin Simone Oldenburg von der Linkspartei verweist auf nun beauftragte “interne” und “externe” Evaluationen, deren Ergebnisse voraussichtlich Ende Oktober vorlägen – also rund einen Monat nach der Landtagswahl, die am 20. September stattfindet. Die Datierung dürfte der rot-roten Landesregierung zupasskommen, denn ein explosives Bildungsthema, das in ihrer Verantwortung liegt, könnte den Wahlkampf erheblich erschweren.

“Wenn eine Vier ausreicht, um aufs Gymnasium zu wechseln …”

Gegenüber WELT AM SONNTAG widerspricht das Schulamt der Darstellung der Schülerin, es habe in ihrem Jahrgang ständig Lehrerwechsel gegeben: “Für die Qualifikationsphase des diesjährigen Abiturjahrgangs ist festzustellen, dass in den Fächern Mathematik, Deutsch und Geschichte kein Lehrerkräftewechsel stattgefunden hat.” Die Unterrichtsversorgung sei sichergestellt worden.

Überraschend sind die Ergebnisse für die betroffenen Schüler offenbar auch deshalb gekommen, weil sie nach Auskunft der Rednerin vor den Abiturprüfungen bessere Noten hatten und in den meisten Fällen nichts darauf hindeutete, dass sie die Prüfungen, die im Zentralabitur von der obersten Schulbehörde landeseinheitlich vorgegeben werden, nicht bestehen könnten. Es liegt daher der Verdacht nahe, dass der Unterricht unter dem Niveau der Prüfungsanforderungen lag oder die Lehrer zu gute Noten vergeben haben. Eine Anfrage an die Schulleitung blieb unbeantwortet.

Torsten Renz, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, sieht das Problem noch grundsätzlicher. “Die Zugangsvoraussetzungen fürs Gymnasium müssen dringend verschärft werden”, sagt er im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. “Es gibt einfach viel zu viele Schüler, die gemessen an ihren Fähigkeiten und Leistungen dort gar nicht hingehören.”

Das Robert-Stock-Gymnasium in Hagenow im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern (Quelle: https://www.lehrer-in-mv.de/)

Kürzlich ist in Mecklenburg-Vorpommern eine neue Versetzungsordnung in Kraft getreten. Bisher konnten zum Beispiel mangelhafte Noten in den Fächern Deutsch, Mathematik sowie in der ersten und zweiten Fremdsprache untereinander ausgeglichen werden. Mit einer Fünf konnte man also trotzdem versetzt werden und aufs Gymnasium gehen. Das soll künftig nicht mehr möglich sein.

Renz überzeugt das nicht: “Das ist ein Ablenkungsmanöver der Linkspartei. Eigentlich geht es um die Zugangsvoraussetzungen zum Gymnasium. Die Anforderungen sind immer noch zu lasch; wenn eine Vier ausreicht, um aufs Gymnasium zu wechseln, ist das doch nicht leistungsorientiert!”

Traurige Vorreiterin bei der Durchfallquote

Der CDU-Politiker vermutet zwar, dass die “exorbitant hohe” Durchfallquote am Robert-Stock-Gymnasium mit sehr spezifischen Gründen an dieser Schule zu tun hat. Dennoch fürchtet er, das könnte in seinem Bundesland schon bald kein Einzelfall mehr sein. “Wir haben einen Bildungsnotstand in Mecklenburg-Vorpommern”, sagt Renz. Unter der rot-roten Landesregierung sei mit einer weiteren Entwertung der gymnasialen Schulform zu rechnen.

Tatsächlich ist Mecklenburg-Vorpommern schon seit Jahren im Vergleich der Bundesländer trauriger Vorreiter bei der Durchfallquote von Abiturienten, wie Zahlen der Kultusministerkonferenz zeigen: 2025 lag der landesweite Durchschnitt nicht bestandener Prüfungen bei 8,3 Prozent und damit weit vor allen anderen Bundesländern. In den vergangenen zehn Jahren variierte der Anteil zwischen knapp sechs und knapp acht Prozent; stets blieb aber die Quote in Mecklenburg-Vorpommern am höchsten. Immerhin liegt das Bundesland im Bildungsmonitor 2025 noch auf Platz neun, bildet also nicht das Schlusslicht.

Der Fall in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wohin strukturelle Versäumnisse samt einer eindimensionalen Schülerzentrierung führen können. Eine Trendwende ist gleichwohl nicht in Sicht.

 

Die Durchfallquote bei den Abiturprüfungen am Robert-Stock-Gymnasium lag dagegen schon in den vergangenen Jahren höher als im Landesdurchschnitt. Das veranschaulichen Zahlen aus dem Staatlichen Schulamt Schwerin, die WELT AM SONNTAG vorliegen. So betrug die Durchfallquote in den Jahren 2018 bis 2020 zwischen zehn und 11,8 Prozent, 2022 stieg sie sogar auf 18,8 Prozent, 2024 lag sie bei 9,5 Prozent.

Das Schulamt verweist auf weitere Details und offene Fragen, die im Zuge der Aufarbeitung untersucht werden sollen. Fraglich ist, ob die Ursachen der Bildungskrise tatsächlich erkannt werden. Knapp 25 Jahre nach dem ersten Pisa-Schock steht das Land schlechter da als je zuvor. Der Fall in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wohin strukturelle Versäumnisse samt einer eindimensionalen Schülerzentrierung führen können. Eine Trendwende ist gleichwohl nicht in Sicht.

 

Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.

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