Derzeit sind die Vorzeichen für die Regulierungswünsche an die Adresse der grossen Social-Media-Produzenten[1] alles andere als erfolgsversprechend:
- Der Digital Service Act auf EU-Ebene zeigt beispielhaft, dass die Absicht[2] für ein Zurückbinden der Technologieunternehmungen im Social-Media-Segment einen schweren Stand hat. Das damit verbundene, erpresserische Verhalten der gegenwärtigen US-Regierung zeigt, dass die Bereitschaft praktisch inexistent ist, sich dem Thema überhaupt anzunehmen. Stattdessen wird weiter an der Drohkulisse gebaut.
- Selbst in den USA versucht ein Anwalt von über 1’500 Familien gerichtlich gegen die Techgiganten und Plattformbetreiber vorzugehen. Bei der Forderung geht es um den Umbau der Plattformen und um das Ausschalten der suchterzeugenden Algorithmen[3].
- Hierzulande will man mit einer Internetinitiative[4] die Techkonzerne in die Pflicht nehmen und gegen deren Rücksichtslosigkeit vorgehen. Unterstützt wird die parteiübergreifende Volksinitiative durch den Kinderschutz Schweiz, den Lehrerverband und die Stiftung für Konsumentenschutz. Ziel der Initiative ist der Schutz im digitalen Raum.

www.nord-waerts.com
Die Aufzählung ist nicht abschliessend. Sie zeigt jedoch die Herausforderung, um das Beharrungsvermögen der Tech-Firmen aufzuweichen. Für sie gilt die reine Marktmechanik: Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Das ist auch in der digitalen Welt das Prinzip. Die Strategie, Techkonzerne zu verpflichten, Anpassungen bei ihren lukrativen Plattformdesigns vorzunehmen, ist grundsätzlich richtig. Sie muss jedoch zeitlich absehbar sein und zu einem Ergebnis führen. Wenn diese Erfüllungsfaktoren nicht gegeben sind und die Absicht lediglich von Hoffnung genährt wird, dann nennt sich das «Aussitzen».
Was heisst es, selbst aktiv zu werden?
Wir müssen – in Ergänzung zum strategischen Vorgehen – den operativen Weg wählen und «im eigenen Haus» proaktiv gegen die immer drastischeren Auswirkungen im Digitalbereich[5] vorgehen. Stattdessen diskutieren wir rund um das sorgenvolle Medienverhalten unserer Kinder; sei es in den Schulen und in den Familien. Trotz vieler Studien und Forschungsergebnisse aus Medizin und Wissenschaft, die sich mit den problematischen Auswirkungen der sozialen Medien befassen, wollen wir diese nicht wirklich erkennen und verhalten uns mehrheitlich passiv. Zudem gibt es nach wie vor die influencer-ähnlichen Smartphone-Befürworter, die das kleine, digitale Taschengerät als wichtig und unverzichtbar für die Medienkompetenzentwicklung unserer Kinder propagieren; dies obwohl mittlerweile alle Volksschulen für genau dieses Ziel infrastrukturell ausgerüstet sind. Oft wird auch vergessen, dass in den Schulen das Lernen immer noch zur Kernaufgabe gehört und auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht neu erfunden werden muss. Digitale Medien können einen mehrwertigen Zusatzbeitrag leisten, mehr nicht.
Die Probleme liegen insbesondere bei der sorgenvollen Zunahme von Schülerinnen und Schülern mit medizinisch-diagnostizierten Beeinträchtigungen. Sie strapazieren das Schulsystem über die Grenze des Zumutbaren hinaus. Es sind die stark steigenden Fälle, die durch den unkontrollierten Medienkonsum der Kinder verursacht werden.
Die aktuellen Kernprobleme in den Volksschulen?
Das Volksschulsystem leidet an Zusatzaufgaben, die nichts mit dem Unterrichtsauftrag zu tun haben. Die Probleme liegen insbesondere bei der sorgenvollen Zunahme von Schülerinnen und Schülern mit medizinisch-diagnostizierten Beeinträchtigungen. Sie strapazieren das Schulsystem über die Grenze des Zumutbaren hinaus. Es sind die stark steigenden Fälle, die durch den unkontrollierten Medienkonsum der Kinder verursacht werden. Hierbei gehören die erwähnten Social-Media-Apps zu den problematischen Programmen. Dazu paaren sich Deepfakes[6], die gleichsam zur Bedrohung werden. Ihr Verführungs- und Abhängigkeitspotenzial führt zu den bekannten Symptomen, an denen die Kinder heute leiden: Aufmerksamkeitsdefizite, Schlafmangel, Ängste, Depressionen, auffälliges bis agressives Verhalten, schlechtere Schulleistungen, soziale Isolierung, Kurzsichtigkeit[7] und vieles mehr. Die weitere Sorge besteht darin, dass die Z-Generation[8] als heranwachsende Eltern selbst Opfer des ungezügelten Digitalverhaltens sind und dieses eins-zu-eins ihrem Nachwuchs weitergeben. Wenn hierzu keine Bewusstseinsbildung und Musterbrechung passiert, werden die Folgen weiter zunehmen.
Und dann gibt es noch die (Helikoper-)Eltern, welche die Erreichbarkeit ihrer Sprösslinge rund um die Uhr[9] fordern. Dass es für dieses Bedürfnis so genannte Dumbphones[10] gibt, wird erst zögerlich bekannt.
Fazit
Es ist zum einen richtig und notwendig, die grossen Techfirmen in die Pflicht nehmen zu wollen; im Wissen allerdings, dass sich diese nicht – oder zumindest nicht in absehbarer Zeit – wirkungsvoll disziplinieren lassen. Australien als Beispiel versucht den Kampf gegen diese Windmühlen, die dortigen Jugendlichen jedoch finden Schlupflöcher, um das Social-Media-Verbot zu umgehen. Hierzulande – und dies zum andern – können wir uns unter anderem von den erwähnten Problemen bei unseren Kindern und Jugendlichen befreien, wenn die Volksschule smartphone-frei wäre. Der Umgang mit diesen Geräten gehört im Übrigen auch nicht zu den Aufgaben der Lehrpersonen, deren Kernauftrag das Unterrichten ist und nicht das Regeln von Nebenschauplätzen.
Das Hauptproblem im Umgang mit den gesundheitsgefährdenden Social-Media-Apps liegt jedoch im Elternhaus und nigendwo anders. Wer Jugendliche schützen will, muss die Erziehungsberechtigen in die Pflicht nehmen.
[1] Weltweit führende Technologiefirmen mit ihren teilweise problematischen Social-Media-Plattformen: Meta (USA) mit Facebook, Instagram und
WhatsApp; Alphabet (USA) mit YouTube; ByteDance (China) mit TikTok; X-Corp. (USA) mit X (vormals Twitter) und Grok; Snap Inc. (USA) mit
Snapchat. Dazu paaren sich diverse KI-Portale.
[2] Die Regulierungsabsicht betrifft viele Themen: Das Programmdesign der Social-Media-Apps, die Algorithmen, welche zu suchtartigem Verhalten
der User führen, die Themen Sexualisierte Gewalt und Cyber- und Pädokriminalität, etc.
[3] Quelle: NZZ 14.2.2026, S. 55.
[4] Quelle: Der Bund, 4.3.2026.
[5] Der Jahresbericht 2025 von https://www.jugendschutz.net/ ist vorallem eines: Eine deutliche Warnung an Eltern, Schulen und Politik.
[6] Deepfakes sind mit KI erstellte Fälschungen von Bildern, Sprachaufnahmen oder Videos. Opfer sind u.a. Kinder, deren Bilder für KI-gestützte
Nacktdarstellungen und Kinderpornos genutzt werden.
[7] siehe hierzu: https://condorcet.ch/2026/03/kurzsichtigkeit-durch-smartphone-konsum-oder-was-bremst-den-trend/
[8] Zu der sog. Z-Generation gehören 1995 bis 2010 Geborene. Sie sind heute zwischen 15 und 30 Jahre alt.
[9] Smartphones und Smartwatches lassen sich mittels Tracking überwachen. Man weiss jederzeit, wo sich das Kind befindet.
[10] Der Kaufpreis eines Dumbphones bewegt sich unter Fr. 100.00. Es funktioniert mit einer Prepaid-SIM-Karte oder einem (Familien-)Abonnement.
Es hat keine Internetfunktion.

