Studiere, Kind, damit etwas aus dir wird! Dieser uralte Elternrat stößt gerade an seine Grenzen. Erstmals seit sehr langer Zeit nämlich melden sich bei den deutschen Arbeitsvermittlungen immer mehr Akademiker. Auch und gerade im industriellen Musterländle des Südwestens entlassen Fabriken und Zulieferer der Autobranche hoch ausgebildete und studierte Fachkräfte. In einem Interview in der “Zeit” schilderte die staatliche Vermittlerin für Akademikerberufe, dass solche Ingenieure und IT-Spezialisten erst überrascht, dann beschämt und später enttäuscht reagieren. Die meisten wollten kein Arbeitslosengeld, weil das ihrem Selbstbild und Status widerspricht.
Dennoch sind Einschnitte auch bei erfolgreicher Jobsuche unvermeidlich. Die Mittelständler, die noch Akademiker suchen, fordern mehr, verlangen Deutschkenntnisse – und sie zahlen weniger. Ist es also endgültig vorbei mit dem empirisch begründeten Rat, dass sozialer Aufstieg am ehesten über einen Universitätsabschluss, noch besser mit einem Doktortitel, gelingt?

Um den Epochenbruch zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte der europäischen Akademiker. Als um das Jahr 1100 in Bologna und Paris die ersten Universitäten entstanden, um für die Kanzleien des Papstes und des französischen Klerus theologisch sattelfeste Beamte auszubilden, schafften es tatsächlich sehr bald zum ersten Mal ehrgeizige und begabte Kandidaten in Positionen als Bischof, Kanzler, Finanz- oder Gutsverwalter. Natürlich gingen viele Konkurrenten den herkömmlichen Weg und waren über ihre adlige Herkunft in der Gesellschaftspyramide automatisch oben einsortiert.
Doch gleichzeitig etablierte sich in Liedern und Erzählungen der Typus des armen, oft liederlichen Studenten, der in den Universitätsstädten für soziale Unruhe sorgt, aufständische Reden schwingt und seine Rechnungen nicht bezahlt. Genau betrachtet ist diese Arroganz des mehr oder weniger Gebildeten gegenüber dem Rest bis 1968 – und letztlich bis heute – ganz ähnlich geblieben.
Die Frau Winzerin und die Frau Doktor
Wer studierte, gehörte lange sogar rechtlich zu einer eigenen Kaste und konnte sich sogar als armer Schlucker leisten, die Kaufleute und Handwerker, sogar die Obrigkeit und die Professoren zu verhöhnen. Denn alle wussten: Mit einem halbwegs bestandenen Examen war ein Student die Sorgen los und konnte sich in der Administration der entstehenden Territorialherrschaften einen guten Posten aussuchen. Wo sogar Lesen und Schreiben für das Führen von Steuerregistern oder Inquisitionsakten gegenüber der wehrlosen Mehrheit von Analphabeten ausreichte, konnte eine akademische Arroganz aufblühen.
Das schlug sich sogar in der Namensgebung nieder. Nur über die selbst definierte Höherstellung des Studierten lässt sich der Titelzusatz im Pass überhaupt rechtfertigen. Heute findet sich die Gesellschaft damit ab, dass es eine Frau Doktor und einen Herrn Professor gibt (in Österreich gar eine Frau Magister), aber keinen Herrn Bäckermeister oder eine Frau Winzerin. Die gar nicht so dumme Frage, ob eine Gesellschaft besser ohne Brot und Wein oder ohne Finanzrichter oder Genderprofessorin auskäme, stellte sich über Jahrhunderte nicht, weil sie nicht gestellt werden durfte.
Neben unleugbarer Nutzanwendung und Fortschritten etwa in Medizin, Maschinenbau und dem weiten Feld der Naturwissenschaften ist das Studium eben immer auch eine Herrschaftstechnik gewesen.
Die antike Verachtung gegenüber Handarbeit hat in der akademischen Rangordnung wundersam überlebt. Wer Papier mit Chroniken beschreibt, Urteile fällt oder von der Kanzel die Gemeinde belehrt, steht schlicht himmelweit über denen, die das Feld beackern, die Straßen kehren oder die Steine klopfen. Neben unleugbarer Nutzanwendung und Fortschritten etwa in Medizin, Maschinenbau und dem weiten Feld der Naturwissenschaften ist das Studium eben immer auch eine Herrschaftstechnik gewesen. Noch die wilden 1968er, die sich ihre verlotterte Pseudorevolution hinterher mit gut dotierten Beamtenposten belohnen ließen, konnten darauf zählen, dass es ihnen als Sozialarbeitern, Volkshochschuldozenten, Lehrern und erst recht als Professoren und Lektoren ökonomisch erheblich besser gehen würde als ihren Eltern, die beim Wirtschaftswunder oft in den Fabriken und auf den Baustellen geschuftet hatten.
Studieren, kassieren, regieren?
Natürlich kann man die Geschichte auch anders schreiben, nämlich wenn man das Studium im humanistischen Sinn als Wert an sich und nicht als Mittel fürs Kassieren und Regieren betrachtet. Emmanuel LeRoy Ladurie hat in seinem faszinierenden Werk über die Karriere der Professoren aus der Familie Platter (Vater und Sohn) den Aufstieg eines alpinen Kuhhirten zum bewunderten Griechischprofessor im 16. Jahrhundert erzählt. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die aus vitaler Neugier, aus Liebe zum Fach, aus Leidenschaft studiert haben, doch waren sie wohl immer in der Minderheit.

Wer den langen Studiengang der Medizin wählt, wird gewiss nicht glücklich sein, in der Arbeitslosigkeit wenigstens über Blutkreislauf und die Ethik des Todkranken Bescheid zu wissen. Und wer Maschinenbau oder Informatik büffelt, will nicht in der Dachkammer an Dampfmaschinen oder Computerprogrammen basteln, bevor er oder sie aufs Amt geht, um Bürgergeld zu beantragen. Ob Passion für den Mitmenschen oder pure Berechnung – allzeit gehörte zum Akademikertum das Bewusstsein, nach abgeschlossenem Studium ordentlich zu verdienen und fürs bürgerliche Dasein mit Eigenheim und Limousine bestens abgesichert zu sein.
Heute tagen im ganzen Land die Familienräte bürgerlicher Sippen, um herauszufinden, welche Karrieren für die Enkelkinder denn noch “KI-sicher” sind. Plötzlich sind Anwälte und Ärzte, Börsenmakler und Architekten, Komponisten und Mathematiker, Werbetexter und promovierte Steuerberater mit der Aussicht konfrontiert, dass artifizielles Rechnen und Denken ihr Metier bedroht, ja dass sie höchstpersönlich und ganz konkret bald überflüssig im gesellschaftlichen Getriebe werden. Und die Journalisten, die schaudernd und schwarzmalend vor dieser Entwicklung warnen, dürften eh längst durch KI ersetzt worden sein.
Noch hat offenbar das Umdenken nicht eingesetzt. Immerhin handelt es sich um eine bald tausendjährige Tradition, dass die Universität als Abschussrampe zum Wohlstand und nicht als Auffangbecken Minderbemittelter betrachtet wird.
Dabei lässt sich die Liste von Berufen, die einstweilen nicht von Künstlicher Intelligenz weggefegt werden, recht leicht eröffnen. Kranken- und Altenpflege, Fliesenleger und Dachdecker, Schornsteinfeger und Klempner, Elektriker und Kfz-Mechatroniker, Kellner und Müllentsorger – das alles sind ehrwürdige Gewerbe, denen gerade in Zeiten des Arbeitskräftemangels eine goldene Zukunft bevorstehen könnte. Auch Bus-, Lastwagen- und Taxifahrer, an denen es allerorten mangelt, können nach derzeitigem Stand noch nicht durch selbstfahrende Automobile verdrängt werden. Der Haken dabei: Das alles sind – so unersetzlich sie auch sein mögen – Professionen, denen der elegante Habitus des Akademikers eben nicht eignet. Und die deswegen für bürgerliche Karrieren nicht infrage kommen – oder jedenfalls kamen.
Noch hat offenbar das Umdenken nicht eingesetzt. Immerhin handelt es sich um eine bald tausendjährige Tradition, dass die Universität als Abschussrampe zum Wohlstand und nicht als Auffangbecken Minderbemittelter betrachtet wird. Es gibt indes historische Beispiele, dass Studieren nicht immer mit Reüssieren einhergeht. Im ländlich geprägten Süditalien ging vor zwei, drei Generationen die Verachtung der Handarbeit noch so weit, dass Eltern sich bis ins Grab lieber verschuldeten und den Filius als arbeitslosen Anwalt durchschleppten, um nicht auf den gesellschaftlichen Aufstieg qua Akademikertum zu verzichten.
Keine Gewähr fürs bequeme Leben
Denn eine Schwemme von Anwälten und Unidozenten gibt es notgedrungen, wenn eine ganze Generation von Arbeitern ihre Kinder auf die Universitäten schickt, ohne dass es für die Absolventen nennenswerten Bedarf gäbe. Auch der jüdische Humor zeugte lange vom festen Glauben an den Aufstieg qua Bildung. Da zeigt die Oma in den Kinderwagen mit den Zwillingen und verkündet: Der Rechte ist der Arzt, der Linke ist der Anwalt. Dieses Vertrauen der Nichtstudierten ins Universitäre hat der Welt immerhin zahllose Genies geschenkt. Doch welche Großmutter würde heute noch so reden?
Gut möglich, dass nun nicht nur in Stuttgart, dem Detroit des Schwabenlandes, mit der Deindustrialisierung und dem grünen Degrowth eine Umkehrung des gesellschaftlichen Habitus erfolgt: Gesegnet und belohnt, wer einen Trecker über den Acker fahren kann oder in einem ehrbaren Handwerk den Meisterbrief erwirbt. Verflucht, wer aus der Entwicklungsabteilung der Fabrik oder der Kanzlei hinausfliegt und nun partout keinen Job mehr findet. Möglicherweise ist auch die auffällige Privilegierung staatlicher und politischer Jobs via Unkündbarkeit, Gehaltsanstieg, Pensionenerhöhung ein Anzeichen, dass man sich im herrschenden Bürgertum sehr wohl der Bedrohung bewusst ist. Ein Studium allein ist keine Gewähr mehr fürs bequeme Glück. Für ein richtig gutes Leben sollte es schon eine Verbeamtung sein, ein Posten in Diplomatie oder Ministerium oder besser noch ein Sitzplatz im Parlament.
Ein namhaftes Segment unserer Gesellschaft immerhin kann von der Arbeitslosigkeit und dem damit einhergehenden Ansehensverlust der Akademiker nur profitieren. Das sind die Universitäten. Nicht auszudenken, wie sich das Niveau schlagartig heben wird, wenn sich dort tatsächlich nurmehr Studenten einschreiben, die an den Fächern, ihren Inhalten, ihren Fortschritten und ihrer Ethik aus freien Stücken interessiert sind – und dafür den gesellschaftlichen Abstieg liebend gern in Kauf nehmen. Dann erst kann der akademische Humanismus im Sinne der Platters und der Grimms, der Schlegels und der Humboldts wieder auferstehen.

