3. März 2024
Lehrkräftemangel

Berner Schulen müssen sich neu aufstellen

Wenige Wochen vor dem Schuljahresstart sind im Kanton Bern noch 160 unbefristete Lehrpersonenstellen ausgeschrieben. Das zwingt zum Umdenken. Wir bringen einen Artikel der Tamedia-Journalistin Mirjam Comtesse, der zuerst im BUND erschienen ist.

Manchmal habe er schlaflose Nächte, sagt Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung. “Der derzeitige Lehrpersonenmangel ist die grösste Herausforderung, die ich in meiner Funktion bisher erlebt habe.” Auf den Schuljahresbeginn im August sind noch immer 160 unbefristete Stellen nicht besetzt.

Mirjam Comtesse, Journalistin bei Tamedia.

Das entspricht zwar ungefähr der Situation im Vorjahr zum selben Zeitpunkt, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Schon damals setzte man alle Hebel in Bewegung und stellte auch Nicht-Diplomierte ein, damit keine Klasse ohne Lehrperson dasteht. Das Potenzial ist heute also weitgehend ausgeschöpft.

Die Unsicherheit belastet nicht nur den Amtsvorsteher, sondern auch Schulleitungen, Lehrerkollegien, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler. So sagt beispielsweise ein Vater aus der Verwaltungsregion Emmental-Oberaargau: “Mein Sohn wird nach den Sommerferien einer neuen Klasse zugeteilt, bei der noch nicht klar ist, wer sie unterrichten soll.” Er ärgert sich über die spärlichen Informationen dazu. Und sein Sohn sei so beunruhigt, dass er nach vielen Jahren plötzlich wieder im Bett der Eltern schlafen wolle.

Der Kanton versucht mit verschiedenen Massnahmen, Schulen zu helfen. So hat er unter anderem 2020 die Fachstelle Stellenbesetzung gegründet. Sie bringt am Unterrichten Interessierte und nach Lehrpersonen suchende Schulleitungen zusammen. Gleichzeitig finden manche Schulen selbst kreative Antworten. St. Stephan, Lauterbrunnen, Pieterlen und Bümpliz/Höhe machen es vor.

Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Amts für Kindergarten, Vorschule und Beratung, hat schlaflose Nächte wegen des Lehrpersonenmangels. (Foto: Franziska Rothenbühler)

Altersdurchmischte Klassen

39 Kinder und 2 Lehrerinnen sitzen im Raum der Primarschule St. Stephan im Obersimmental. Es ist kurz vor der Pause – und trotzdem überraschend ruhig. Konzentriert hören die Schülerinnen und Schüler zu, was die Lehrerinnen sagen. Erst als es heisst: “Jetzt könnt ihr in die Pause”, stürmen alle mit Gebrüll los.

Seit einem Jahr unterrichten Martina Kammacher und Leonie Aschwanden die vierte, fünfte und sechste Klasse in St. Stephan im Teamteaching. Sie beide klingen begeistert, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählen: “Es ist abwechslungsreicher als vorher und doch auch entspannter, weil wir uns die Verantwortung teilen können”, sagt Leonie Aschwanden. “Statt Polizistinnen sind wir nun eher Lerncoachs”, bestätigt Martina Kammacher. Denn anstatt frontal zu unterrichten, begleiten sie die Schülerinnen und Schüler individuell oder in kleinen Gruppen.

“Wir legten die vierte bis sechste Klasse zusammen und setzten zwei Klassenlehrerinnen ein.”

Tobias König, Schulleiter St. Stephan BE

 

Ursprünglich war diese Lösung kein Wunschszenario, sondern sie wurde aus der Not geboren. Als Schulleiter Tobias König vor einem Jahr erkannte, dass es schwierig werden würde, eine ausgebildete Lehrperson für die sechste Klasse zu finden, überlegte er sich eine Alternative: “Wir legten die vierte bis sechste Klasse zusammen und setzten zwei Klassenlehrerinnen ein.”

Mütter und Väter reagieren positiv

Weil das aber nicht reichte, um alle Lektionen abzudecken, schrieb er zusätzlich eine Stelle für eine Quereinsteigerin oder einen Quereinsteiger aus. “Dank des Hinweises, dass die Person nie allein unterrichten würde, war es einfacher, jemanden zu finden.” Gleichzeitig konnte er so den typischen Problemen vorbeugen, die bei Nicht-Diplomierten drohen: Überforderung, Unruhe in der Klasse, Belastung der erfahreneren Kolleginnen und Kollegen, weil sie aushelfen müssen.

Bei den Müttern und Vätern kommt das Konzept gut an. Sie zeigten sich bei einer Elternbefragung diesen Frühling mit der Schule insgesamt sehr zufrieden und gaben ihr 3,9 von 4 möglichen Punkten. Auch die Kinder wirken fröhlich und engagiert. Ein Mädchen sagt beim Besuch in St. Stephan stolz: “Ich bin in der Vierten und kann manchmal den Sechstklässlern Aufgaben erklären.”

Individualisiertes Lernen in gemischten Gruppen wie in St. Stephan ist ein typisches Konzept von sogenannten Mosaik-Schulen. Amtsvorsteher Erwin Sommer nennt Mosaik-Schulen denn auch explizit als Möglichkeit, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Das ist nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt eine Option: Im Schulkreis Breitenrain-Lorraine sowie im Schulhaus Munzinger in Bern wird schon seit längerem in alters- und niveaudurchmischten Klassen unterrichtet.

Ungewöhnliche Personalsuche

Einen ganz anderen, aber nicht weniger innovativen Weg hat die Schule Lauterbrunnental eingeschlagen. In einer Randregion gelegen und mit verteilten Standorten in Lauterbrunnen sowie den beiden autofreien Dörfern Mürren und Wengen, verlangt sie Lehrpersonen einiges an Flexibilität ab. Deshalb ist die Suche nach genügend Personal seit Jahren ein Thema.

Eine der ersten Massnahmen war es, örtliche Spielgruppenleiterinnen als künftige Lehrerinnen zu rekrutieren. Sie können sich nun auf Gemeindekosten weiterbilden, sodass sie später auf der Basisstufe unterrichten dürfen – die Basisstufe verbindet den Kindergarten und die ersten beiden Schuljahre. “Dies hat das Problem deutlich entschärft”, sagt Schulleiter Rolf Possel. Derzeit seien drei ehemalige Spielgruppenleiterinnen als Lehrerinnen angestellt.

Schulleiter Rolf Possel sucht auch in Deutschland nach geeigneten Lehrpersonen. (Foto: Christian Pfander)

Zudem beschäftigt die Schule neu einen Biologen ohne pädagogische Ausbildung, im nächsten Schuljahr kommt ein Physiker dazu. “Wir haben sie explizit ermutigt, bei uns zu arbeiten”, sagt Rolf Possel. Beide verfügen über das nötige Fachwissen. Mentorate und Unterstützung von ihren Kolleginnen und Kollegen sollen ihnen ermöglichen, auch die pädagogischen Herausforderungen zu bewältigen.

Gleichzeitig hat die Schule Lauterbrunnental gezielt in den deutschsprachigen Nachbarländern nach Personal gesucht. “Dort hat es Leute mit Potenzial, denen aber die Ausbildung fehlt und die deshalb in ihrer Heimat nicht unterrichten dürfen”, sagt Rolf Possel. Seine Umtriebigkeit hat sich gelohnt: Für das kommende Schuljahr konnte er alle Stellen besetzen.

Am Schulstandort Bümpliz/Höhe in Bern sucht man ebenfalls auf ungewöhnlichen Wegen nach Fachkräften. Co-Schulleiter Martin Cappis setzte dieses Jahr unter anderem Whatsapp, Facebook und Instagram ein, um die offenen Stellen möglichst breit bekannt zu machen. Er gestaltete auch Inserate mit Fotos vom Schulhaus und liess diese in den pädagogischen Hochschulen aushängen.

Sie sollten aber zumindest Erfahrung haben im Führen von Kindergruppen wie etwa bei der Pfadi oder einem Sportverein.

In den Ausschreibungen ermutigte er explizit Personen ohne pädagogischen Abschluss, sich zu bewerben. Sie sollten aber zumindest Erfahrung haben im Führen von Kindergruppen wie etwa bei der Pfadi oder einem Sportverein. Nach zahlreichen Gesprächen mit unterschiedlichsten Bewerberinnen und Bewerbern hat es Martin Cappis nun Mitte Juni geschafft: Alle Pensen des Regelunterrichts werden im August mit ausgebildeten Lehrpersonen abgedeckt sein.

Attraktive Anstellungsbedingungen

In Pieterlen im Seeland konnte die Schulleitung nach einigen Schwierigkeiten ebenfalls alle Stellen im Klassenbereich besetzen, allerdings zum Teil mit Quereingestiegenen. Die unmittelbare Nähe zum Kanton Solothurn macht hier die Personalsuche besonders schwierig. Ennet der Kantonsgrenze verdienen erfahrene Lehrpersonen bis zu 1000 Franken mehr im Monat.

Unter dem Titel “Schule neu denken” setzt Pieterlen deshalb auf Innovation und will so zusätzliche Lehrpersonen anziehen. Am Montagabend informierten die Zuständigen die Eltern, wie ihre Vision aussieht.

Im Kindergarten sowie in den ersten beiden Primarschuljahren wird unter anderem eine Ankommenszeit von 10 bis 15 Minuten eingeführt, während der die Schülerinnen und Schüler eintrudeln können. Hinzu kommen für alle Stufen vermehrtes individuelles Lernen sowie Projektarbeiten. Dazu gehört, dass die starren 45-Minuten-Lektionen zugunsten grösserer Lerneinheiten aufgebrochen werden. Und anstatt einzelner Klassenlehrerinnen und -lehrer soll es Teams geben, die gemeinsam eine Klasse führen.

Kreative Ansätze sind bitter nötig. Denn in den kommenden Jahren dürfte sich der Lehrpersonenmangel sogar noch verschärfen.

Bereits im August beginnen verschiedene Klassen mit der Umsetzung, andere folgen später. “Wir wollen keine kurzfristigen Lösungen, sondern uns längerfristig als attraktive Schule aufstellen”, sagt Schulleiter Marc Cavin.

Kreative Ansätze wie in Pieterlen, St. Stephan, Lauterbrunnen und Bümpliz/Höhe sind bitter nötig. Denn in den kommenden Jahren dürfte sich der Lehrpersonenmangel sogar noch verschärfen. Die Gründe sind bekannt: Viele Babyboomer gehen in Pension, die Anzahl Schülerinnen und Schüler nimmt zu, und der Lehrplan 21 hat zu mehr Lektionen geführt.

Volksschulamtsleiter Erwin Sommer rechnet erst ab 2027 mit einer allmählichen Entspannung. Dennoch will er optimistisch bleiben: “Wenn wir den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass wir diese Krise gemeinsam bewältigen, dann können wir Kreativität, Widerstandskraft und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.”

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Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB) erschienen (Dezemberausgabe 2019).

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