Mit einer gut begründeten Kritik an den gescheiterten Schulreformen haben sich Mitglieder des Komitees «Wendepunkt Bildung» an einer Medienkonferenz an die Öffentlichkeit gewandt. Das schockierende Deutschdebakel, der endlose Frühfranzösisch-Leerlauf, die überzogene Integration und die Überfülle des Lehrplans habe bereits einen erheblichen Schaden an der Schule angerichtet. Das seit Jahren praktizierte Wegschauen der Politik bei den aktuellen Schulbaustellen könne nicht länger hingenommen werden.

Die Referate der Komiteemitglieder überzeugten durch ihre Nähe zum Schulalltag und die anschauliche Prägnanz ihrer Kommentare. Das lag daran, dass alle Sprechenden neben ihrer spezifischen Ausbildung, sei es in den Erziehungswissenschaften oder in Führungsfunktionen, über eine reiche Schulerfahrung verfügten. Völlig einig war man sich, dass die nötige Kurskorrektur eine bessere Wirksamkeit des Unterrichts zum Ziel haben muss. Was offensichtlich schiefgelaufen oder konzeptionell falsch angelegt ist, dürfe nicht durch zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen in die nächste Runde hinübergerettet werden.
Die Schulpraxis entscheidet über den Erfolg von Reformen
Bei der Kurskorrektur gehe es um wesentliche pädagogische Anliegen und nicht um neue Schulprogramme oder gar Hauruck-Übungen mit massiven Strukturänderungen. Die überzogenen gesellschaftspolitischen Ansprüche an die Schule und die theoretischen Konzepte aus den Pädagogischen Hochschulen müssten einer stärkeren pädagogischen Innensicht Platz machen. Was Schülerinnen und Schüler bewegt, wo ihre Lerninteressen liegen und wie die Inhalte am wirkungsvollsten vermittelt werden können, sei von der Schulpraxis her zu beantworten. In ideologischer Verblendung seien abgehobene Reformen auf Biegen und Brechen durchgeführt worden, die letztlich auf Kosten vieler Schülerinnen und Schüler gingen. Dabei spielte eine Verschiebung der pädagogischen Deutungshoheit weg von der Schulpraxis eine fatale Rolle beim Sinkflug der Volksschule. Pädagogische Hochschulen und einflussreiche Bildungsverwaltungen hätten trotz gegenteiliger Beteuerungen dem Dialog auf Augenhöhe mit der Lehrerschaft kaum nachgelebt.
Die Lehrerbildung steht im Brennpunkt
In der angeregten Fragerunde zeigte sich, dass die Rolle der Pädagogischen Hochschulen als zentral bei der Fehlentwicklung der Schule erachtet wurde. Mehrfach wurde nachgehakt, um von den Referenten präzise Antworten zur Umgestaltung der Lehrerbildung mit mehr Praxisnähe zu erhalten. Dabei schälte sich heraus, dass die PH mit ihrer akademischen Forschungsarbeit einen stark von der Praxis losgelösten Diskurs untereinander führen. Anerkennung als Dozent verdiene man sich primär in einem internen Wissenschaftskreis, nicht in der vertieften Auseinandersetzung mit den herausfordernden Anliegen der Lehrerschaft.

Die Referenten blieben die konkreten Antworten nicht schuldig. Sie forderten übereinstimmend eine grundlegende Revision der Lehrerbildung. Fachdidaktiker an den PH müssten sich über eine mehrjährige erfolgreiche Tätigkeit auf der entsprechenden Schulstufe ausweisen können. Der gegenwärtige Zustand mit den in der Regel ungenügend schulerfahrenen Dozierenden sei unhaltbar. Kompetente Volksschullehrkräfte müssten den Auftrag erhalten, ihre reiche Erfahrung im erfolgreichen Unterrichten direkt in die Didaktikvorlesungen der Hochschulen einzubringen. Es genüge keinesfalls, didaktische Konzepte den Studierenden einfach so nebenbei in den Unterrichtspraktika zu vermitteln. Die Ausbildungszeit an den PH müsse für die Herausforderungen der Schulpraxis viel besser genützt werden.
Den oft gehörten Vorwurf, man wolle zurück zu einer «Meisterlehre», konterten die Referenten mit der klaren Ansage, dass es für eine umfassende Lehrerbildung eine hohe fachliche und didaktische Kompetenz brauche. Um sich das nötige Wissen in den einzelnen Fächern zu erwerben, sei man nach wie vor auf akademisch ausgebildete Dozenten angewiesen. Diese hätte die Aufgabe, die Studierenden in wirklich schulnahen Themen gründlich zu fördern.
Entsprechend gehöre zur Förderung der Lehrerpersönlichkeit eine bessere Ausbildung in der Erzählkunst, ein breites Repertoire an geeigneten didaktischen Möglichkeiten und grundlegendes Fachwissen für einen gehaltvollen Unterricht.
Die Lehrerrolle ist eine vielseitige Führungsaufgabe
Im Zusammenhang mit einem praxisnäheren Ausbildungskonzept kamen auch die veränderte Lehrerrolle und die ganze Systematik des Lernens ausführlich zur Sprache. Die Rolle des Lernbegleiters als Hauptfunktion einer Lehrkraft wurde als ungeeignet taxiert. Das Führen eines dynamischen Klassenverbands verlange eine gut sichtbare und hörbare Lehrerin im Klassenzimmer und nicht eine hinter einem Bildschirm sich versteckende Person. Entsprechend gehöre zur Förderung der Lehrerpersönlichkeit eine bessere Ausbildung in der Erzählkunst, ein breites Repertoire an geeigneten didaktischen Möglichkeiten und grundlegendes Fachwissen für einen gehaltvollen Unterricht.
Mit der Umwandlung der ehemaligen Lehrerseminare zu Pädagogischen Hochschulen haben sich diese eine eigene akademische Welt geschaffen, die sich einer politischen Kontrolle weitgehend entzogen hat.
Man war sich einig, dass die Lehrerbildung im Hinblick auf die Anforderungen einer erfolgreichen Schulpraxis einer tiefgreifenden Reform bedarf. Weit schwieriger erwies sich die Frage, wie die Pädagogischen Hochschulen zu einem praxisnäheren Kurs verpflichtet werden könnten. Mit der Umwandlung der ehemaligen Lehrerseminare zu Pädagogischen Hochschulen haben sich diese eine eigene akademische Welt geschaffen, die sich einer politischen Kontrolle weitgehend entzogen hat. Bildungsdirektionen hüten sich in der Regel, den Hochschulen bei den Ausbildungskonzepten dreinzureden. Doch in der gegenwärtigen Krise werde man sich zusammenraufen müssen, damit endlich ein echter Dialog zwischen Schulpraxis und den PH erreicht wird. Es dürfe nicht mehr passieren, dass unausgegorene Reformen von oben durchgedrückt und trotz offensichtlichem Scheitern nie abgebrochen werden.
Kurze Zusammenfassungen der Referate
In den Statements der gehaltvollen Medienkonferenz setzten die Referentinnen und Referenten deutliche Akzente. In der nachfolgenden Zusammenstellung werden die Kernaussagen in den einzelnen Referaten hervorgehoben.

Dr. Beat Kissling, Erziehungswissenschafter und Lehrer
Der Referent übernimmt die Aufgabe, die Beweggründe für die Gründung von «Wendepunkt Bildung» zu erläutern. Die nicht als Verein handelnde Gruppe hat sich aus einer gemeinsamen Sorge über die offensichtlich ungünstige Entwicklung der Volksschule zusammengeschlossen. Es geht dabei keinesfalls darum, dass Rad der Zeit zurückzudrehen oder parteipolitisch Profit zu schlagen. Reformen, die sich als erfolgreich erwiesen haben, sollen weitergeführt werden. Doch in manchen Fällen sei eine Rückbesinnung auf pädagogisch Bewährtes der bessere Weg. Generell sehen alle Mitglieder das Volksschulschiff auf einem falschen Kurs, der von der Politik trotzdeutlicher Warnzeichen aus der Schulpraxis noch immer nicht korrigiert wird. Dieser Umstand hat die Gruppe veranlasst, gemeinsam an die Öffentlichkeit zutreten.

Dr. phil. Carl Bossard, ehemaliger Rektor und Hochschuldozent Der Referent kritisiert den Verlust des systematischen Lernens. Als Folge eines ausufernden Lehrplans verzettle man sich beim Erwerb unzähliger Kompetenzen, da die nötige Übungszeit fehle. Zu früh werde Selbständigkeit beim Lernen gefordert, ohne abzuwarten, bis das Fundament vorhanden ist. Eng damit verbunden ist die Entkoppelung von Lehren und Lernen. Der Referent erachtet die Abwertung des Lehrens mit der funktionalen Schwächung der Lehrperson als einen Verlust an Orientierung in den Lernprozessen.

Christine Staehelin, Primarlehrerin und Erziehungsrätin:
Die Referentin stellt fest, dass Lehrerinnen und Lehrer immer mehr an Präsenz im Schulzimmer einbüssen und ihr bildungspolitisches Engagement in der Öffentlichkeit als Folge eines Drucks mancher Behörden stark abnimmt. Sie verzichten im Unterricht auf direkte Instruktion, sie wagen es nicht mehr, eine Geschichte selber zu erzählen und sich verstecken sich hinter Bildschirmen. Sie schaffen es so weit weniger, die Schüler für wesentliche Bildungsinhalte zu begeistern. Sie ziehen es vor, den Unterricht in Lernlandschaften zu organisieren und beschränken sich auf die Lernbegleitung. Dieser Rückzug aus der unmittelbaren Lehrerfunktion führt zu einem erheblichen Verlust an pädagogischer Wirkung. Die Referentin spricht zusammenfassend von einem «Verschwinden der Lehrer».

Prof. Dr. Allan Guggenbühl, Jugendpsychologe:
Der Referent stellt den jungen Menschen mit seinem Denken und Fühlen ins Zentrum seiner Überlegungen. In der Schule gehe es um Menschenführung. Es spiele eine zentrale Rolle, dass Jugendliche für Lerninhalte gewonnen werden und ihre Motivation zum Lernen gestärkt werde. Zu viele Lehrpersonen als Bezugspersonen, wie sie heute in vielen Klassenzimmern anzutreffen sind, wirkten auf viele Kinder verwirrend und erschwerten die pädagogische Arbeit. Mit noch mehr Lehr- und Hilfspersonal in einer Klasse schaffe man keine erfolgreiche Lernkultur. Zum Grundauftrag der Schule gehöre es, den Schülern das Selbstwertgefühl zu stärken. Leichtfertig ausgestellte Diagnosen über Schwächen aller Art fixierten die Schüler auf Defizite, was alles andere als hilfreich sei. Statt negativer Zuschreibungen würden identitätsstiftende Rückmeldungen eines ermutigenden Klassenlehrers eine Schullaufbahn weit mehr beeinflussen.

Philipp Loretz, Sekundarlehrer und Bildungsrat:
Der Referent hält fest, dass der Schule in den letzten Jahren immer neue Aufgabenbereiche zugewiesen wurden. Gesellschaftliche Probleme, die nicht gelöst werden konnten, wurden zur Aufarbeitung an die Schule delegiert. Entsprechend breit präsentiert sich unterdessen der erweiterte Fächerkatalog des neuen Lehrplans. Doch dieses Abschieben hat seinen Preis. Der Kernauftrag der Volksschule, die Unterrichtssprache Deutsch gründlich zu vermitteln, hat ziemlich gelitten. Der Referent fordert ein Ende der inhaltlichen Überfrachtung der Primarschule. So ist eine frühe Fremdsprache genug, dafür soll deutlich mehr Zeit für das Erarbeiten der Unterrichtssprache eingesetzt werden. Ein unzumutbarer Belastungsfaktor für viele Klassen ist die Integrative Schule. Diese ist in ihrer radikalen Ausgestaltung gescheitert. Um die zunehmende Zahl erschöpfter Klassenlehrpersonen durch das Integrative Modell zu verhindern, sind pragmatische Lösungen mit Förderklassen unumgänglich.

Yasmine Bourgeois, Primarlehrerin und Schulleiterin
Für die Referentin stehen die Belastungen der Schule durch das Integrative Modell, die gesellschaftlichen Ansprüche und die vielen bürokratischen Regelungen im Rahmen des Schulbetriebs im Fokus. Sie wehrt sich gegen die Vorstellung, die Schule müsse alles reparieren, was in unserer Gesellschaft nicht rund läuft. Auch manche Projekte, die durchaus wünschenswert seien, müssten vermehrt zurückgestellt werden, um der Schule mehr Zeit für ihren Kernauftrag zu geben. Viele Schulteams seien dermassen mit Absprachen untereinander, mit Berichten über verhaltensauffällige Schüler und mit wenig ergiebigen Diskussionen über Schulprogramme beschäftigt, dass die so wichtige Unterrichtsvorbereitung oft zu kurz käme. Es brauche weniger administrativen Leerlauf, damit die Schulleitungen ihren Grundauftrag, den Lehrkräften beste Rahmenbedingungen zum Unterrichten zu schaffen, wieder erfüllen können.

Foto: Dominik Plüss
Roland Stark, langjähriger Förderklassenlehrer und bekannter Basler Politiker
Der Referent hält die Vorstellung, alle stark verhaltensauffälligen oder sehr lernschwachen Kinder könnten in einer Integrierten Schule aufblühen, für eine ideologische Verblendung. Diese Kinder brauchen mehr Zeit und eine engere Führung als Schüler ohne grosse Auffälligkeiten. Nur in Förderklassen mit begrenzter Schülerzahl könne dieser erfolgversprechende Betreuungsaufwand geleistet werden. Die meisten Schüler gingen wieder gern zur Schule, wenn sie in einer Kleinklasse den starken Rückhalt durch eine engagierte Lehrkraft spüren. Sie trauerten den oft als demütigend empfundenen Sonderförderungen im Rahmen einer Regelklasse in keiner Weise nach. Das Kommen und Gehen des Förderpersonals habe heute in vielen Klassen ein Ausmass erreicht, das den Schulbetrieb ganz erheblich stören könne. Der Referent erachtet die Negierung dieser leistungshemmenden Entwicklung vonseiten der Integrationsbefürworter als eine unverantwortliche Vogel-Strauss-Politik.

Res Schmid, Bildungsdirektor des Kantons Nidwaldens
Der Regierungsrat hält in einer prägnanten Zusammenfassung die Gründe für den Sinkflug der Volksschule fest. Er sieht die einstigen Reformer als die heutigen Bremser einer dringend nötigen Kurskorrektur. Aus Gründen politischer Abhängigkeiten fehle in vielen Fällen der Mut, gescheiterte Reformen abzubrechen und Bewährtes wieder einzuführen. Dazu zähle an erster Stelle das Integrationsmodell, welches den Schulbetrieb vielerorts schwer beeinträchtige. Auch das selbstorganisierte Lernen hält der Referent in der Volksschule für ungeeignet, da die meisten Schüler mit dieser Methode überfordert seien Der Referent fordert eine Fokussierung auf die für das Leben wichtigen Grundkompetenzen. Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen sei die Kernaufgabe der Volksschule. Die Schülerleistungen müssten mit Noten bewertet werden und unsinnige Lehrmethoden wie das Schreiben nach Gehör hätten keinen Platz in unserer Volksschule.
Eine grosse Herausforderung sieht der Regierungsrat in einem stärker auf die Praxis ausgerichteten Umbau der Lehrerbildung. Die Förderung der Lehrerpersönlichkeit in der Ausbildung und den Verzicht auf ideologischen Ballast zugunsten von mehr fachlicher Kompetenz erachtet er als vorrangig. Sein Statement mündet im Aufruf an Politik, Verwaltung und Hochschulen, die notwendige Kurskorrektur in der Volksschule jetzt mutig auszuführen.

