Bob Dylan sagte über Phil Ochs einmal: „Ich kann mit Phil einfach nicht mithalten – und er wird immer besser.“ Wie auch Dylan, kam der 1940 in El Paso, Texas als Philip David Ochs geborene Folksänger Anfang der Sechzigerjahre nach New York City. In der Manhattaner Künstlerenklave Greenwich Village machte er sich mit seinen scharfzüngigen Songtexten, die oft auf aktuelle Themen Bezug nahmen, rasch einen Namen.
Schon bald avancierte Ochs zu einem der prominentesten Protestsänger Amerikas, der auch dann noch politische Lieder schrieb und sang, als sich Dylan schon längst von der Aktivistenszene verabschiedet hatte. Und wie es der Zeitgeist vorgab, huldigte Ochs brav dem Kommunismus, Mao und dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro. So wurde Ochs zu der politischen Stimme des jungen Amerika, die viele gerne in Bob Dylan gesehen hätten.

Ochs verstand sich als singender Journalist. In seinen Songs verarbeitete er Nachrichten und Meldungen, die er zuvor in der Zeitung gelesen hatte. Und weil einiges von dem, wogegen Ochs seinerzeit angesungen hat, auch bei uns heute wieder passiert – nur unter umgekehrtem (politischem) Vorzeichen –, klingt so mancher seiner Songtexte, wie etwa „Knock on the Door“ (Das Klopfen an der Tür) oder „I Ain’t Marching Anymore“ (Ich marschiere nicht mehr), bemerkenswert aktuell.
50 Phil Ochs Fans können nicht irren
1967 überraschte Ochs seine Fans mit dem Album „Pleasures of the Harbor“, auf dem er sich teils mit Kammerorchester, teils im Dixieland-Sound präsentierte. Im darauffolgenden Jahr nahm er mit seinem Antikriegslied „The War Is Over“ den Slogan vorweg, mit dem John Lennon drei Jahre später seine berühmte Kampagne gegen den Vietnamkrieg lancieren sollte. Der große Erfolg blieb jedoch aus, und Ochs geriet allmählich aus dem Blick der Öffentlichkeit.
Das spiegelte sich auch in den Titeln seiner nachfolgenden Alben wider, die sich etwa „Rehearsals for Retirement“ (Proben für den Ruhestand) oder sarkastisch „Greatest Hits“ nannten, obwohl er nie einen Hit hatte. Auf dessen Cover posiert Ochs im goldenen Elvis-Anzug. Hieß es beim King jedoch „50,000,000 Elvis Fans Can’t Be Wrong“, ließ Ochs auf die Rückseite der Hülle seines „Greatest Hits“-Albums selbstironisch „50 Phil Ochs Fans Can’t Be Wrong!“ drucken.
Mit dem Abebben der Friedensbewegung, sank auch die Nachfrage an Protestsängern. Phil Ochs geriet zum Auslaufmodell einer sich wandelnden Kulturindustrie. Immer häufiger überkamen ihn depressive Zustände, die er im Alkohol zu ertränken versuchte. Schließlich ließ auch die Kreativität nach. Ochs hörte auf, Songs zu schreiben. Das finale Lied auf seinem letzten Studioalbum trug dann auch den Titel „No More Songs“ (Keine Lieder mehr).
Verwirrt und verwahrlost
Der Szenestar, der noch ein paar Jahre zuvor tausende von Zuschauern bei seinen Konzerten begeistert hatte, verarmte zusehends und landete schließlich in der Gosse. Verwirrt und verwahrlost streifte der einstmalige „König des Protestsongs“ (Sing Out! Magazine) als Obdachloser durch die Straßen von New York. Zu allem Übel erkrankte er auch noch an einer dissoziativen Identitätsstörung und bildete sich ein, den echten Phil Ochs ermordet zu haben.
Letzten Endes nahm ihn seine Schwester Anfang 1976 bei sich in Far Rockaway im New Yorker Stadtteil Queens auf. Ochs begab sich in psychiatrische Behandlung, wodurch sich sein Zustand zu bessern schien. Die Medikamente, die er verschrieben bekam, setzte er jedoch heimlich ab. Die nächste depressive Episode traf ihn dann mit voller Wucht. Am 9. April 1976, im Alter von fünfunddreißig Jahren, erhängte sich Phil Ochs im Haus seiner Schwester.
„Wenn ich nicht mehr da bin, kann ich nicht mehr lauter als die Kanonen singen“, sang Ochs in „When I’m Gone“ https://www.youtube.com/watch?v=Gts_fsmdy4Y&list=RDGts_fsmdy4Y&start_radio=1 von seinem 1966er Live-Album „Phil Ochs in Concert“. Trotz des verstolperten Gitarren-Intros gehört das Lied für mich zu den schönsten Balladen seiner Frühphase. Es ist ein inständiges Plädoyer dafür, das Leben in allen seinen Facetten im Hier und Jetzt auszukosten, und nicht damit zu warten, bis es zu spät ist.
P.S. Es sei an dieser Stelle noch auf den Song „Phil“ von Tom Paxton verwiesen, den er geschrieben hat, als er durch einen Zeitungsartikel vom Freitod seines Freundes und Musikerkollegen erfuhr, sowie auf das Stück „Phil Ochs“ der britischen Band Latin Quarter.
Dieser Artikel erschien zuerst bei der Achse des Guten (www.achgut.com), wo Hans Scheuerlein sein Erschrecken über die Tatsache verarbeitet, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.

