Sie sind ganz vertieft in ein Gespräch. Der 13-jährige Knabe im blauen Hoodie spricht fast akzentfrei Englisch. Der ältere Mann im grauen Jackett hört aufmerksam zu, stellt Rückfragen. Es ist eine ungewöhnliche Begegnung auf dem Pausenplatz der Zürcher Sekundarschule Hans Asper: ein Schüler aus der Schweiz und John Hattie, 76, Bildungsforscher aus Australien. Hattie gilt als der wohl einflussreichste Pädagoge der Gegenwart. Seit Jahrzehnten wertet er Studien aus, immer mit derselben Frage im Fokus: Was bringt Schüler beim Lernen tatsächlich voran? Der Mann auf dem Pausenplatz hat das Denken über Unterricht weltweit geprägt.
Die Jugendlichen sind vorbereitet auf den Besuch. Hattie sei “wie ein Cristiano Ronaldo für die Lehrer”, hat jemand erzählt. Der Junge ist beeindruckt – weniger wegen des Rufs des Besuchers. “Wir spielen dasselbe Instrument”, berichtet er. Auch Hattie wird später von der Begegnung erzählen: Sie beide spielten Klarinette – und der Schüler habe ihn bei der Aussprache seines Vornamens korrigiert.

John Hattie, in Neuseeland geboren, war zunächst selbst Lehrer. Er habe diesen Beruf gewählt, sagt er, weil die Ausbildung staatlich finanziert gewesen sei – “und es für mich die beste Möglichkeit war, aus meinem kleinen Heimatort wegzukommen”.
Später wurde er Forscher. Als Statistiker begann er, Studien zum Lernen systematisch auszuwerten – nicht einzelne, sondern Tausende Metastudien, die wiederum bereits viele Studien zusammenfassen. Daraus entstand sein Werk: eine Art Rangliste von Faktoren, die den Lernerfolg beeinflussen – von stark positiv bis negativ. Mehr als 400 solcher Einflussgrössen hat Hattie inzwischen zusammengetragen. Und wer in der Bildungslandschaft etwas auf sich hält, beginnt seine Aussagen oft mit “gemäss Hattie”, um ihnen Nachdruck zu verleihen.
So komplex und umfangreich Hatties Auswertungen sind – seine Botschaften klingen an diesem Tag erstaunlich einfach. Er schafft es, Zahlen und Statistiken in eine Geschichte zu verpacken, in der sich viele wiederfinden, die aber auch zu Kontroversen führt. Es ist eine Geschichte über Erwartungen, Beziehungen und Erfolg.

Was das heisst, zeigte sich diesen Morgen bei seinem Schulbesuch im Schulhaus Hans Asper in Zürich. Es ist das erste Mal überhaupt, dass Hattie in offizieller Mission in der Schweiz weilt, zuvor sei er schon ein paar Mal ferienhalber hier gewesen, erzählt er im Verlaufe dieses Tages, der ihn mit Akteuren des Schweizer Bildungswesens zusammenbringen wird: vom Schüler am Morgen bis zur Bildungsdirektorin des Kantons Zürich, Regierungsrätin Silvia Steiner, am Abend.
Unsicherheiten zeigen
“Wie viele Fussbälle passen auf ein Fussballfeld?”, fragt Lehrer Alex Labhardt seine Sekundarschüler. “Schreibt zuerst eine Schätzung auf, danach versucht ihr die Zahl zu berechnen.” Labhardt trägt einen kleinen Sender um den Hals, der seine Worte direkt auf die Hörgeräte mehrerer hörbehinderter Kinder überträgt. Neben ihm steht auch eine Heilpädagogin im Raum, die auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder eingehen kann – nicht nur derjenigen, die kaum hören, sondern auch der Regelschüler.
John Hattie sitzt zuhinterst im Zimmer. Auch er trägt Hörgeräte. Er beobachtet den Unterricht, schaut den Kindern über die Schultern, lässt sich zwischendurch von einer Lehrerin an seiner Seite etwas übersetzen. Nun arbeitet die Klasse an einer Flächenberechnung: Wie viel Farbe braucht es, um eine Turnhalle innen neu zu streichen? Labhardt fragt in die Runde: “Wer ist noch unsicher mit der Aufgabe?” Mehrere Hände gehen in die Höhe. Diese Kinder verlassen den Raum mit der Heilpädagogin, um den Stoff im Nebenraum zu vertiefen. Die anderen arbeiten selbständig weiter.
Die Schüler hätten keine Angst gezeigt, Fehler zu machen oder sich zu exponieren – eine Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt stattfinden könne.
“Das hat mich sehr berührt”, sagt Hattie später. Die Schüler hätten keine Angst gezeigt, Fehler zu machen oder sich zu exponieren – eine Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt stattfinden könne. Besonders aufgefallen sei ihm, wie sich die Schüler zwischendurch Aufgaben gegenseitig erklärten. “Die Schüler waren wirklich bei der Sache, niemand ist abgeschweift.”
Hattie besucht die Klasse auf Einladung der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, die seinen Aufenthalt in Zürich organisiert hat. Gezeigt wird im Schulhaus Hans Asper keine Durchschnittsschule, sondern eine spezielle, in der Integration als besonders gelungen gilt: Hier werden Jugendliche aus der Schule für Hör- und Kommunikationsbeeinträchtigte SEK3 gemeinsam mit normal Hörenden unterrichtet. Die zusätzliche Unterstützung durch Heilpädagoginnen kommt dabei allen Kindern zugute.

Hatties Besuch fällt in eine Zeit, in der in der Schweiz heftig darüber gestritten wird, wie Schule funktionieren soll. Politische Vorstösse von rechts verlangen eine Abkehr vom integrativen Unterricht, von links wird die frühe Selektion nach der Primarschule kritisiert. Die Pisa-Studie zeigt sinkende Leistungen in Rechnen und Lesen. Und mit der künstlichen Intelligenz entstehen neue Unsicherheiten.
Lernen ist wichtiger als Lehren
Diese Themen sind auch im Schulhaus Hans Asper präsent. In der Bibliothek sitzt die Lehrerin Anna Fähndrich an einem Tisch, vor sich Notizen. Es sind die Fragen, die sie und ihre Kollegen umtreiben. Jetzt kann sie sie direkt stellen: “Was ist der grösste Fehler, den die Schulen machen?” Hattie zögert nicht. “Dass sie glauben, ihre Aufgabe sei es, zu unterrichten”, sagt er, und seine hellblauen Augen leuchten auf. Es ist der Einstieg in die Geschichte, die er immer wieder erzählt. Lehrer müssten nicht lehren. “Ihre Aufgabe ist es, den Kindern beim Lernen zu helfen.”
Im Kindergarten seien noch 95 Prozent der Kinder bereit, das zu lernen, was die Lehrerin vermittle. In der neunten Klasse nur noch 37 Prozent.
Die Lehrerbildung hingegen fokussiere zu stark auf das Unterrichten – und zu wenig aufs Lernen. Die Folge sei, dass die Begeisterung der Kinder im Verlaufe der Schulzeit dramatisch abnehme, sagt der Bildungsforscher. In seinen Vorträgen zeigt er dazu eine einfache Grafik: Im Kindergarten seien noch 95 Prozent der Kinder bereit, das zu lernen, was die Lehrerin vermittle. In der neunten Klasse nur noch 37 Prozent. Weitere Zahlen, die er immer wieder nennt: Lehrpersonen redeten während 89 Prozent des Unterrichts und stellten täglich 150 bis 200 Fragen, deren Antworten sie bereits kennen. Schüler hingegen ganz wenige. Eine davon: “Darf ich auf die Toilette?”
Auch in der Schweiz wird den Pädagogischen Hochschulen immer wieder vorgeworfen, zu wenig praxisnah auszubilden. Hattie schaut Anna Fähndrich in der Bibliothek an und sagt: “Ich möchte, dass Sie sich ständig fragen: Was bedeutet es für meine Schüler, gute Lerner zu sein? Und bringe ich ihnen diese Fähigkeit überhaupt bei?”
Social Media verbannen
Ein anderes Thema, das die Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt: Social Media und künstliche Intelligenz. “Was halten Sie davon, Mr. Hattie?”
Der Australier richtet sich im Stuhl auf, legt die Finger auf die Tischkante. “Ich wünschte mir, unsere Gesellschaft hätte schon vor zehn Jahren eine Diskussion über Leitplanken für Social Media geführt.” In seinem Land wurde kürzlich deren Nutzung für unter 16-Jährige verboten. “Und wissen Sie was? Messungen zeigen nun: Der Lärm in den Schulhöfen ist seither um Faktor elf gestiegen, das ist enorm.” Offensichtlich spielten die Kinder wieder miteinander.

Es gebe nichts, was man in den Schulen nicht ohne Handy erledigen könne, sagt Hattie. Viele der zunehmenden Verhaltensprobleme führt er auf Social Media zurück. “Wir haben zu lange gewartet mit der Regulierung”, sagt er. “Und ich befürchte, dass wir bei KI denselben Fehler machen.”
Ein Verbot von KI hält er jedoch für wenig zielführend. Entscheidend sei vielmehr, dass die Schüler den Umgang damit lernen. Und da stehe und falle alles mit ihrer Fähigkeit, gute Fragen zu stellen: “Wir müssen ihnen beibringen, wie man fragt. Und wie man nachhakt.” Doch wie soll das gelingen, wenn die Lehrer selber ständig Fragen stellen?
Wenn John Hattie spricht, wirkt vieles einfach. Für ihn gibt es keine Meinungen, nur Studien, Auswertungen, Statistiken. “Das ist, was die Daten sagen” und “Dafür gibt es keine Belege” sind Sätze, die in seinen Ausführungen immer wieder fallen. Diese Klarheit hat ihren Preis.
Klassengrösse ist unwichtig
“Oh no!”, ruft er und verdreht die Augen, als ihn die Lehrerin auf das Thema Klassengrösse anspricht. Er weiss, dass er sich in diesem Punkt in der Bildungswelt kaum Freunde macht. Während nämlich aus den Schulen der Ruf nach kleineren Klassen und mehr Ressourcen lauter wird, sagt seine Forschung: “Klassengrösse hat kaum einen Einfluss auf Schulerfolg.” Was für viele Lehrer wie ein Affront klingt, kommentiert er nüchtern mit: “Das ist, was die Daten zeigen.”
Er sei ja auch nicht dafür, dass Klassen grösser werden. Es gehe ihm bloss um einen nüchternen Blick auf die Effekte. Diese seien nun einmal sehr klein, wenn die Schülerzahl reduziert wird. Warum ist das so? “Wenn Klassen von 30 auf 15 verkleinert werden, sprechen Lehrpersonen mehr, es gibt weniger Feedback und weniger Gruppenarbeiten.” Etwas ändern würde sich erst dann, wenn sie ihre Unterrichtsweise den kleineren Klassen anpassten. “Aber das passiert nicht.” Genau darin liege das Problem.

Über Mittag gibt es an diesem sonnigen Märztag Salatbuffet und Barbecue auf dem Pausenplatz. Auf dem Grill liegen Würste und Steaks, die Schüler stehen Schlange. John Hattie sitzt an einem der Tische, den Teller vor sich, neben ihm Lehrerinnen und der Schulleiter. Das Gespräch mäandriert zwischen Profession und Privatem und führt zur Frage, ob man heute nochmals Kind sein wolle. Hattie schüttelt den Kopf. “Eher nicht”, sagt er und verweist auf Social Media und Internet, die das Kindsein erschweren. Einer am Tisch sagt, dafür seien die Schulen heute inklusiver und individueller. Hattie nickt.
Zwei Stunden später, einige Kilometer weiter nordwestlich, in Zürich-Oerlikon. Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik ist ein nüchterner Bürobau, mit einem siloartigen Treppenhaus. Im Innern bunt, hell und offen. Hier hat Hattie am Abend seinen Auftritt vor Bildungsfachleuten, Lehrern, Politikern. Bis es so weit ist, darf er sich in einem Ruheraum mit grossem Fenster und grünem Kunstledersofa ausruhen. Doch dem Mann ist es nicht nach Ruhe zumute. “I love that”, sagt er auf die Frage, ob er ein paar Bildungsthemen diskutieren möchte.
Selektion abschaffen
Schnell kommt das Gespräch auf die “schwierigen Schüler”. “Ja, sie sind ein Problem für die Lehrer”, sagt Hattie. Gerade in grösseren Klassen liege darin die eigentliche Herausforderung – und nicht in der Zahl der Schüler. Doch eine Separation, wie sie derzeit in der Schweiz politisch vermehrt gefordert und in einigen Kantonen wieder verstärkt wird, ist für ihn keine Lösung. “Auch schwierige Schüler sind Teil der Gesellschaft. Wir müssen ihnen beibringen, mit anderen zu leben – und den anderen mit ihnen.” Wenn man sie aussondere, entstünden später hohe Kosten für alle.
Noch grundsätzlicher wird Hattie bei der Frage der Selektion der Kinder in verschiedene Schulstufen nach der sechsten Klasse. “Ich wundere mich immer wieder, wie man wissen will, wie sich Zwölfjährige in den nächsten zwanzig Jahren entwickeln werden”, sagt er mit Blick auf den frühen Richtungsentscheid in der Schweiz. In Australien und Neuseeland gibt es keine solche Selektion. “Ich selbst habe die Mathematik erst mit 15 entdeckt”, sagt Hattie. In einem stark separativen System wäre das für ihn kaum mehr möglich gewesen.
Dass Schüler in homogenen Klassen mehr Fortschritte machten, sei Unsinn. Die Daten zeigten genau das Gegenteil: Selbst die Besten würden in durchmischten Klassen besser vorankommen.
Warum das selektive System in der Schweiz dennoch verteidigt wird, erklärt er sich so: “Viele der Entscheidungsträger in der Schweiz sind selbst durch das Gymnasium gegangen. Sie schützen, was sie kennen.” Doch der Preis sei hoch: “Zahlreiche Menschen werden um die Chance auf eine breitere Bildung gebracht – aufgrund von Entscheiden, die im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren getroffen werden.” Dass Schüler in homogenen Klassen mehr Fortschritte machten, sei Unsinn. Die Daten zeigten genau das Gegenteil: Selbst die Besten würden in durchmischten Klassen besser vorankommen.
Keine Labels für Kinder
An der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik dürfte Hattie mit seiner Kritik an der Selektion und seiner Verteidigung der Integration auf offene Ohren stossen. Nahtlos fügt er sich in dieses Milieu dennoch nicht. Im Gespräch sagt er auch, dass Prüfungen und Noten in der Schule wichtig seien – allerdings weniger für die Schüler, die meist wissen, wo sie stehen. Entscheidend sei, was Lehrpersonen aus solchen Tests lernten: “Es geht darum, dass Lehrer an Prüfungen erkennen, wie sie unterrichtet haben – was sie gut vermittelt haben und was nicht.”
Und er warnt vor einem Reflex, der gerade in der Schweiz weit verbreitet ist: Kinder mit Etiketten zu versehen. Die Auswertung der weltweiten Studien zeige klar: Bezeichnungen wie ADHS, lernschwach oder sprachgestört hätten einen stark negativen Effekt auf den Lernfortschritt, so Hattie. Solche Labels senkten die Erwartungen – bei Lehrern, Eltern und oft auch bei den Kindern selbst. Doch in der Schweiz ist die Tendenz klar: Es gibt immer mehr Kinder mit Diagnosen, Förderbedarf und integriertem Sonderschulstatus. Nicht zuletzt deshalb, weil die Schulen dadurch mehr Stellenprozente für Lehrkräfte erhalten – für Heilpädagoginnen oder Schulassistenzen.

Es ist Abend geworden. Früh füllen sich der Hauptsaal der Hochschule, in dem Hattie auftreten wird, sowie die beiden Nebensäle, in die sein Vortrag übertragen wird. Hattie spricht frei wie ein Wanderprediger. Oft sind es Sätze, die er an diesem Tag schon mehrmals gesagt hat. Es ist diese Geschichte, die er immer wieder erzählt: von Schulen, die sich auf wissenschaftliche Grundlagen abstützen statt auf Meinungen. Die sich vor allem darum kümmern, wie die Kinder am besten lernen. Von solchen, die von den Besten lernen wollen. Dafür müsse man nicht nach Finnland oder Singapur schauen. Jedes Land habe gute Schulen, jede Schule gute Lehrpersonen – man müsse sie nur finden. Einen von ihnen habe er heute Morgen in der Hans-Asper-Schule gesehen. Alex.
“Doch im Grunde genommen”, so John Hattie auf seiner Zürcher Bühne, “geht es gar nicht so sehr darum, was Lehrer tun.” Den grössten Effekt habe nämlich, wie Lehrer denken. “Hohe Erwartungen bringen die grössten Lernfortschritte”, sagt Hattie. Das gelte sowohl für die Erwartungen der Kinder und Jugendlichen selbst als auch jene ihrer Eltern und vor allem der Lehrerinnen und Lehrer.

René Donzé ist stellvertretender Ressortleiter Inland, Report und Debatten bei der “NZZ am Sonntag”.

