Die Gehörlosen- oder Hörgeschädigtenpädagogik ist als Fachrichtung der Sonderpädagogik ein Nischengebiet der Pädagogik, weil die Entwicklungsschritte, die sie behandelt, normalerweise bei Schuleintritt abgeschlossen sind und deshalb wie selbstverständlich vorausgesetzt werden. Wer wissen möchte, was es alles braucht, damit das schulische Lernen überhaupt möglich wird, erfährt von dieser Fachrichtung Grundlegendes zur menschlichen Entwicklung.
Ciwa Griffiths hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bahnbrechende Erkenntnisse im Bereich der Hörbildung und der Sprachanbahnung gewonnen und dabei die gleichzeitig stattfindende rasante Entwicklung der Hörgerätetechnologie innovativ und gegen grosse Widerstände angewandt. Mit ihrer Hilfe erhielten „Taubstumme“ erstmals Chancengleichheit gegenüber Hörenden. Lesen Sie den spannenden Bericht von Peter Aebersold.
Massnahmen wie der Nachteilsausgleich oder die Lernzielanpassung sind Instrumente einer Art “Schonpädagogik”. Man versucht zu ver-hindern, dass sich negative Selbstkonzepte entwickeln, die Lernende entmutigen und sozial ausgrenzen. Die löbliche Absicht führt leider dazu, dass die Wahrheit über das eigene Leistungspotenzial verschleiert wird. Früher oder später werden “geschonte Lernende” brutal mit der Realität ihrer Defizite konfrontiert, sei es durch die Beobachtung des Könnens von Klassenkameraden, durch despektierliche Kommentare im Klassenzimmer oder durch die Anforderungen der Berufsausbildung, des Berufslebens, des gesellschaftlichen Lebens. Deshalb die Frage: Wäre es nicht besser, statt “Schonung” ein realistisches Selbstbild aufzubauen, das hilft, Schwächen zu akzeptieren, jedoch ermutigt, die eigenen Möglichkeiten wenigstens voll auszuschöpfen? Etwas, was auf dem Gebiet des Sports oder der Kunst selbstverständlich ist: Nicht jeder Tennisspieler ist ein Federer, aber er kann sich trotzdem innerhalb seiner Möglichkeiten verbessern.
Mut zur Konzentration auf wesentliche Kompetenzziele
Es rächt sich nun, dass im neuen Lehrplan in allen Fächern breite Grundanforderungen festgelegt sind. Das Schweizer Frühsprachenkonzept ist das beste Beispiel, dass mit zu viel Breite die notwendige Tiefe verloren geht. Unsere Sechstklässler sollen sich gleich in drei Sprachen ausdrücken können. Der Schulalltag zeigt jedoch, dass bei einem grossen Teil der Schüler die Kenntnisse in der zweiten Fremdsprache und leider auch im wichtigen Deutsch sehr bescheiden sind. Man kann von den Lehrpersonen nicht erwarten, dass sie das vorgegebene Mammutprogramm der vielen Bildungswünsche in den heterogenen Klassen mit allen Kindern einfach durchziehen können. Wenn 45 OO0 Schüler von Lernzielen befreit werden müssen und bei den schweizweiten Abschlusstests ein Fünftel aller Sekundarschüler völlig ungenügend im Fach Deutsch abschneidet, steht unser Haus des Lernens ziemlich schief. Wir können es uns nicht länger leisten, dass einer so grossen Zahl von Jugendlichen die Zukunft verbaut wird. Eine inhaltliche Kurskorrektur mit mehr Mut zu vertretbaren Lücken und einer Konzentration auf wesentliche Kompetenzziele ist darum überfällig.