Zahl des Monats: 45’000

Rund 45 000 Schülerinnen und Schüler erhalten in einzelnen Fächern keine Schulnoten – Tendenz steigend. Das entlastet sie zwar kurzfristig, führt aber zu Problemen in ihrem Leben als Erwachsene.

NZZ am Sonntag, 12.12.20

Das Schweizer Bildungssystem hat ein Problem: Rund 45 000 Kinder und Jugendliche erhalten in einem oder mehreren Fächern keine Noten, Tendenz leicht steigend. Im Jargon nennt sich das individuelle Lernzielanpassung. Bei einem Teil der Kinder ergibt das Sinn, weil sie wegen Behinderungen dem Lehrplan nicht folgen können. Bei einem grossen Teil aber ist der Fall nicht so klar.

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Hans Joss, Bern, ist ehemaliger Sekundarlehrer, studierte Psychologie und war jahrelang wissenschaflticher Leiter „Langzeitfortbildungen bei der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern“ Er war Präsident des Vereins „Lesen und Schreiben“ und ist ein versierter Kenner des finnischen Schulsystems. Immer wieder besucht er dieses Land und leitet auch Reisegruppen ins Herz des finnischen PISA-Wunderlands. Mit Hingabe kämpft er gegen den Illetrismus in der Schweiz, den er als eigentlichen Skandal bezeichnet. Hans Joss ist eingeschriebenes Mitglied der Berner SP.
In seinem Beitrag seziert er das Papier des Verbands der schweizerischen Volkshochschulen zum Thema „Erwerb und Erhalt von Grundkompetenzen Erwachsener“ Das Papier ist am 30. März 2019 veröffentlicht worden. Hans Joss zeigt uns auf, warum der Kampf gegen den Illetrismus in der Schweiz nicht vorwärtskommt.

2 Kommentare

  1. Massnahmen wie der Nachteilsausgleich oder die Lernzielanpassung sind Instrumente einer Art “Schonpädagogik”. Man versucht zu ver-hindern, dass sich negative Selbstkonzepte entwickeln, die Lernende entmutigen und sozial ausgrenzen. Die löbliche Absicht führt leider dazu, dass die Wahrheit über das eigene Leistungspotenzial verschleiert wird. Früher oder später werden “geschonte Lernende” brutal mit der Realität ihrer Defizite konfrontiert, sei es durch die Beobachtung des Könnens von Klassenkameraden, durch despektierliche Kommentare im Klassenzimmer oder durch die Anforderungen der Berufsausbildung, des Berufslebens, des gesellschaftlichen Lebens. Deshalb die Frage: Wäre es nicht besser, statt “Schonung” ein realistisches Selbstbild aufzubauen, das hilft, Schwächen zu akzeptieren, jedoch ermutigt, die eigenen Möglichkeiten wenigstens voll auszuschöpfen? Etwas, was auf dem Gebiet des Sports oder der Kunst selbstverständlich ist: Nicht jeder Tennisspieler ist ein Federer, aber er kann sich trotzdem innerhalb seiner Möglichkeiten verbessern.

  2. Mut zur Konzentration auf wesentliche Kompetenzziele

    Es rächt sich nun, dass im neuen Lehrplan in allen Fächern breite Grundanforderungen festgelegt sind. Das Schweizer Frühsprachenkonzept ist das beste Beispiel, dass mit zu viel Breite die notwendige Tiefe verloren geht. Unsere Sechstklässler sollen sich gleich in drei Sprachen ausdrücken können. Der Schulalltag zeigt jedoch, dass bei einem grossen Teil der Schüler die Kenntnisse in der zweiten Fremdsprache und leider auch im wichtigen Deutsch sehr bescheiden sind. Man kann von den Lehrpersonen nicht erwarten, dass sie das vorgegebene Mammutprogramm der vielen Bildungswünsche in den heterogenen Klassen mit allen Kindern einfach durchziehen können. Wenn 45 OO0 Schüler von Lernzielen befreit werden müssen und bei den schweizweiten Abschlusstests ein Fünftel aller Sekundarschüler völlig ungenügend im Fach Deutsch abschneidet, steht unser Haus des Lernens ziemlich schief. Wir können es uns nicht länger leisten, dass einer so grossen Zahl von Jugendlichen die Zukunft verbaut wird. Eine inhaltliche Kurskorrektur mit mehr Mut zu vertretbaren Lücken und einer Konzentration auf wesentliche Kompetenzziele ist darum überfällig.

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