15. Oktober 2026
Rettung statt Belehrung

Helden der Lüfte vs. Luftibusse

Die LCH-Befragung zur «inklusionsorientierten Schule» dokumentiert die Folgen eines dysfunktionalen Systems: Lehrpersonen und Klassen tragen die Last eines Modells, dessen zentrale Gelingensbedingungen vielerorts nicht einmal annähernd erfüllt sind. Statt diese Realität ernst zu nehmen, erklären die Hochschule für Heilpädagogik (HfH), Bildungsforscher und die Beratungsindustrie den Praktikern mit bemerkenswerter Nonchalance die Welt.

Welche Non-Profit-Organisation steht seit Jahren im Swiss Reputation Ranking unangefochten an der Spitze der Rangliste? Die Rettungsflugwacht, kurz Rega. Sie geniesst hohes Ansehen, weil sie rettet, wenn es zählt – schnell, präzis und professionell. Egal, ob Frühchen, Herzinfarktpatient oder Skifahrer: Die Rega rettet dank Hightech und Manpower – verlässlich und bescheiden. Auffällig: Die Geretteten werden nicht kritisiert, unabhängig davon, ob sie selbst schuld sind oder einfach Pech hatten.

Von der Berg- zur Bildungslandschaft: Man stelle sich eine Lehrperson vor, die mit ihren Schülerinnen und Schülern zu einer anspruchsvollen Bergtour aufbricht, ohne die Route zu rekognoszieren, Eventualitäten zu berücksichtigen oder für verlässliches Begleitpersonal zu sorgen. Käme es zu einem Unfall, hätte sie vor Gericht einen schweren Stand.

Philipp Loretz, Lehrer Sekundarstufe 1,Präsident des lvb:

Umso erstaunlicher, dass die Verantwortlichen bei der Einführung der Integrativen Schule, bildlich gesprochen, Tausende von Wanderteams auf riskante Bergtouren geschickt haben – ohne Ausrüstung, ohne ortskundige Sherpas. Noch erstaunlicher ist, dass unser Dachverband dies damals unter der Formulierung illusorischer Gelingensbedingungen mitgetragen hat.

Nun könnte man meinen, dass im Lichte der ernüchternden Ergebnisse der LCH-Umfrage zur inklusionsorientierten Schule die Erkenntnis reift, die in Bergnot geratenen Teams – Lehrpersonen und Klassen – schnellstmöglich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Doch Fehlanzeige: Die Hochschule für Heilpädagogik (HfH) kommt nämlich zum Schluss, dass Lehrpersonen einfach mehr Fachwissen benötigen, und nutzt die Umfrageresultate, um ihre Angebote zu bewerben – verbunden mit der Botschaft, es brauche «mehr Kooperation» in «multiprofessionellen» Teams. Eine Anfrage des LVB in Hogwarts ergab, dass seitens der HfH noch keine Bestellung für den Hut, aus dem sich immense Zeit- und Personalressourcen zaubern liessen, eingegangen sei.

Doch damit nicht genug: Exponenten der sogenannt evidenzbasierten Sozialforschung zweifeln die Einschätzungen von über 10’000 Praktikerinnen und Praktikern, die sich täglich an den Folgen einer unausgegorenen Reform aufreiben, mit bemerkenswerter Nonchalance an. Die Befragung von gfs.bern habe mit Wissenschaft nichts gemein; es seien lediglich «Gefühle» abgefragt worden.  Andere «Experten» rücken Praktiker, welche die offensichtlichen Elefanten im Raum beim Namen nennen, in eine kinderfeindliche Ecke und werfen ihnen vor, mit «Halbwahrheiten» und Zerrbildern zu hantieren.

Die dritte Kategorie der selbsternannten Helden der pädagogischen Lüfte ist die Berater-Armada. Oft sind es Leute, die aus dem Lehrberuf geflüchtet sind, nun aber ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zeigen wollen, wie gelingt, woran sie als Lehrpersonen selbst gescheitert sind.

Kurz: Die sendungsbewussten Elfenbeinturmbewohner, die der Berufspraxis tunlichst fernbleiben, rufen den in Bergnot getriebenen Teams aufmunternd zu: «Stellt euch auf beide Beine, mit der richtigen Haltung erreicht ihr den Gipfel; ein Extrembergsteigerkurs hätte euch gutgetan; seid mutig, Angst ist nur ein irreales Gefühl; atmet tief durch, Sauerstoffflaschen braucht ihr keine; stellt euch vor, ihr wärt Alpakas, dann tragen sich eure Rucksäcke wie von alleine.»

Die dritte Kategorie der selbsternannten Helden der pädagogischen Lüfte ist die Berater-Armada. Oft sind es Leute, die aus dem Lehrberuf geflüchtet sind, nun aber ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zeigen wollen, wie gelingt, woran sie als Lehrpersonen selbst gescheitert sind: Unterrichten in maximal heterogenen Klassen, von Kindern mit massiven Verhaltensauffälligkeiten über unbegleitete Minderjährige aus Kriegsgebieten bis hin zu hochbegabten Überfliegern.

Die selbstinszenierten Retter empfehlen den Verunfallten etwa, das Problem nicht bei den Umständen, sondern bei sich selbst zu suchen. Sie müssten in sich hineinhören und klären, was Beschimpfungen, Respektlosigkeit und Zeitdruck mit ihnen machten. Nach getaner «Intervention» verlassen sie den Unfallort, stehlen sich aus der Verantwortung, überlassen die Bergsteigerteams, denen die Luft ausgeht, ihrem Schicksal und betonen, wie schön doch die Schweizer Berglandschaft sei.

Nicht so die Rega. Sie birgt Verunglückte aus unmöglichsten Lagen, fliegt sie aus der Gefahrenzone, stellt die fachmännische Versorgung am richtigen Ort sicher – und rettet damit oft Leben. Eigeninteresse, Besserwisserei oder Hochmut liegen den Rega-Profis fern. Insgeheim wünschen sie sich aber, dass gefährliche Touren gemieden werden, Teams nur mit der erforderlichen Ausrüstung aufbrechen und bei schwierigen Verhältnissen rechtzeitig umkehren dürfen.

Doch selbst die Rega kann nicht überall retten. Die Crew fliegt nur, wenn Höhe, Wetter, Gelände und Sicherheitsreserven dies zulassen.

Und an der Schule? Die LCH-Befragung zeigt: Nicht einzelne Lehrpersonen versagen an der Betriebsgrenze – das System Integrative Schule operiert vielerorts längst darüber. Statt weiterhin waghalsige Manöver zu erzwingen, müssten die Verantwortlichen endlich dafür sorgen, dass solche Einsätze gar nicht mehr nötig sind.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der September-Ausgabe 2026 des «lvb inform», der Verbandszeitschrift des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland LVB.

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