Gruppenarbeiten

“Arbeitsverweigerung der Lehrkraft”: Pädagoge rechnet mit beliebter Unterrichtsmethode ab

Kaum eine Sache im Unterricht polarisiert Schülerinnen und Schüler so wie eine Gruppenarbeit. Lehrkräfte erklären, wieso sie wichtig ist. Dieser Beitrag ist zuerst in der “Frankfurter Rundschau” erschienen.

Two children sit at a shared classroom desk, writing in notebooks as a pink-clad classmate speaks nearby (blurred foreground).

 

“Guter Frontalunterricht ist immer die beste Option”, schreibt eine Person im Onlineforum Reddit. Der Nutzer, offenbar selbst Lehrer, hält Gruppenarbeit in der Klasse für überflüssig und zeitverschwendend. Er “kriege einfach die Krise, wenn ich sehe, dass dieser Blödsinn immer noch und sogar immer häufiger benutzt wird”. Der Nutzer bemängelt, dass bei Gruppenarbeiten selten die Arbeitsanforderungen gerecht aufgeteilt würden. Oft sehe die Arbeitsteilung so aus: Ein Schüler diktiere, ein anderer würde schreiben – und der Rest der Gruppe würde nur “Däumchen drehen”. Anschließend würden die “mickrigen” Ergebnisse präsentiert.

FR-Redaktorin Sophia Sichtermann

Stationenlernen sei für den Nutzer die “endgültige Kapitulation”. Die Schülerinnen und Schüler würden dabei wenig lernen, da sie ihr eigenes Tempo bestimmen dürften. Bei der Vermittlung von Wissen und “harten Fakten” sei hingegen immer eine Lehrkraft gefragt. Gruppenaufgaben und größere Projekte halte der Nutzer für sinnvoller. Diese könnten statt Hausaufgaben bearbeitet werden und so gestellt sein, dass die jeweilige Leistung individuell benotet werden könne. Zusammengefasst bezeichnet die Person Gruppenarbeit und Stationenlernen als “schlichte Arbeitsverweigerung der Lehrkraft”.

Pädagoge: Schüler profitieren von sozialem Austausch

Mit den Aussagen löst der Nutzer eine Diskussion auf Reddit aus. Viele erinnern sich an ihre eigenen Erfahrungen als Schülerinnen und Schüler zurück und meinen ebenfalls, dass sie bei Gruppenarbeiten nie “ernsthaft etwas gelernt” hätten: “War wirklich immer die größte Zeitverschwendung”. Andere Pädagogen widersprechen dem Ansatz. “Eine gute Mischung ist entscheidend”, schreibt eine Person. Besonders ruhigeren Schülern könne es helfen, sich im Gespräch mit Mitschülerinnen und Mitschülern stärker zu beteiligen. Sie würden sich eher in einer kleineren Gruppe als vor der ganzen Klasse äußern. Auch eine weitere Person schreibt, dass kooperatives Lernen sowohl die Motivation als auch den Wissenserwerb fördern könne.

Studien zeigen, dass sich bei gemeinsamer Arbeit die Wellenlängen in bestimmten Hirnarealen angleichen.

 

Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, erklärt, dass Gruppen- und Projektarbeit im Hinblick auf Kommunikation, Kooperation und Kollaboration in der Unterrichtsforschung gut untersucht seien und eine sinnvolle Ergänzung zum Frontalunterricht: “Schule ist ein sozialer Raum, und viele Kinder gehen wegen des sozialen Austauschs dorthin”, sagt Zierer der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Es gebe sogar Studien, die zeigten, dass sich bei “gemeinsamer Arbeit die Wellenlängen in bestimmten Gehirnarealen angleichen”. Soziale Kompetenzen wie “Kommunikation, Kritikfähigkeit, Solidarität und Wertebewusstsein” bezeichnet der Pädagoge zudem als zentral.

Klare Rollen und Verantwortung sind Schlüssel für gute Gruppenarbeit

Es gibt messbare positive Effekte auf Lernleistung und Motivation, “wenn Gruppenarbeiten didaktisch sauber umgesetzt werden”, heißt es in einem weiteren Kommentar einer Lehrkraft auf Reddit. Der neuseeländische Pädagoge John Hattie zeigte in einer Meta-Studie die Erfolgsfaktoren für Gruppenarbeiten unter Schülerinnen und Schülern.

Hattie wertete dafür mehr als 800 Studien aus und kam zu dem Ergebnis, dass kooperatives Lernen grundsätzlich wirkt – allerdings nur, wenn es gut strukturiert ist. Entscheidend sind dabei klare Rollen in der Gruppe, eine faire Aufgabenverteilung und sichtbare individuelle Verantwortung. Erst wenn jedes Gruppenmitglied aktiv eingebunden ist und Feedback bekommt, zeigen sich deutliche Lernfortschritte. Zudem sei es wichtig, dass die Schüler selbst über den Lernprozess reflektierten. Unstrukturierte Gruppenarbeit hingegen bliebe tatsächlich oft wirkungslos.

(Quellen: Reddit, Hattie-Studie, eigene Recherche)

 

Legende Titelbild: Gruppenarbeit ist ein bewährtes pädagogisches Konzept – einige finden sie trotzdem nicht sinnvoll. (Symbolbild © IMAGO / Pond5 Images)

 

Sophia Sichtermann ist Redakteurin bei FR X. Ihre Leidenschaft gilt besonders den Themen Arbeit, Bildung und Erziehung, Gleichberechtigung, sowie digitalen Entwicklungen. Sie hat Medienwissenschaft in Berlin und Kiel studiert.

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1 Kommentar

  1. “Guter Frontalunterricht ist immer die beste Option”, schreibt angeblich eine Lehrperson. Ich pflichte bei, dass ein guter Lehrvortrag als Einstieg zu einem Thema oder als Vertiefung eines solchen wichtig und sinnvoll ist. Trotzdem habe ich während meiner Lehrtätigkeit oft auch Gruppenarbeiten eingesetzt. Das Erfolgsrezept führt über Qualitätsmerkmale, die erfüllt sein müssen. Ohne die Anwendung und Beachtung derselben lässt man es am besten sein. Es gibt vier Merkmale, die für eine erfolgreiche Gruppenarbeit bedeutsam sind und die ich stets beachtet habe:

    – Kooperation: Wirkliche Zusammenarbeit statt blosser Arbeitsteilung.
    – Kommunikation: Aktives Zuhören und respektvoller Austausch.
    – Ergebnisorientierung: Ein sichtbares, gemeinsames Endprodukt.
    – Reflexion: Die Gruppe bewertet im Nachgang nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Weg dorthin. Oder: Der Weg ist auch ein Ziel.

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