Die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept im Kanton Basel-Landschaft vermittelt den Anschein einer wissenschaftlichen Analyse. Vielmehr erscheint sie faktisch als Absicherung des bestehenden Fremdsprachenkonzepts an den Primarschulen. Trotz demotivierter Schüler/-innen und seit Jahren ausbleibendem Lernerfolg im Fach Französisch beantwortet der Bericht die entscheidende Frage nicht: Kann Frühfranzösisch unter den realen schulischen Rahmenbedingungen überhaupt funktionieren? Für die erhoffte Wirksamkeit von Frühfranzösisch gibt es bis heute keine belastbare wissenschaftliche Grundlage.
Klare Resultate, trotzdem keine Konsequenzen
Die Ausgangslage ist unmissverständlich: Die im Bericht präsentierten Zahlen zeigen deutlich, dass Schüler/-innen in Englisch wesentlich bessere Leistungen erzielen als in Französisch.
Gleichzeitig ist die Motivation für Französisch erheblich tiefer. Französisch ist für viele Primarschulkinder zum Frustfach geworden, da der Lernerfolg ausbleibt. Es ist daher wenig überraschend, dass die Akzeptanz von zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe gering ausfällt.
Ein solches Fazit nach über zehn Jahren Erfahrung müsste zwingend eine grundlegende Kurskorrektur auslösen. Doch genau an diesem Punkt bleibt der Bericht auffallend zahnlos. Die negativen Resultate werden zwar benannt, ihre Tragweite jedoch systematisch relativiert und verharmlost. Kritische Bemerkungen bleiben die Ausnahme, und wenn sie auftauchen, werden sie in ein Geflecht von Bedingungen und Einschränkungen eingebettet, sodass ihre Brisanz weitgehend verpufft.

Warum eine grundlegende Infragestellung des Fremdsprachenkonzepts ausbleibt
In der Verwaltung sitzen seit Jahren Entscheidungsträger/-innen, die das Frühfranzösisch-Konzept aktiv eingeführt und politisch vertreten haben. Ein grundlegendes Infragestellen dieses Modells würde bedeuten, anzuerkennen, dass die damaligen Entscheidungen Fehlentscheidungen waren. Entsprechend gross ist die Versuchung, am eingeschlagenen Weg festzuhalten und Probleme nicht als systemisch, sondern als optimierbar darzustellen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb der Bericht kritische Schlussfolgerungen nur zurückhaltend zieht.
Diese Zurückhaltung zeigt sich im Bericht an einigen Stellen. So räumt er ein, dass das Einstiegsalter für den Erwerb einer Fremdsprache nicht isoliert wirkt. Das bedeutet, dass der frühe Beginn für sich allein keinen entscheidenden Vorteil bringt.
Damit verschiebt sich die Argumentation weg von der Frage, ob Frühfranzösisch grundsätzlich sinnvoll ist, hin zur Frage, unter welchen idealen Bedingungen nachweisbarer Mehrwert geschaffen würde. Genau darin liegt die Schwäche der Analyse, da sie von einem Modell ausgeht, das im Schulalltag völlig unrealistisch ist.
Statt diese Analyse ernst zu nehmen und die dringend erforderlichen Konsequenzen zu ziehen, wird die Aussage umgehend relativiert: Der Bericht hält fest, dass ein früher Beginn unter bestimmten Bedingungen Vorteile bringen könne, etwa bei ausreichend Lernzeit, konsequenter Verwendung der «Zielsprache» und passenden Rahmenbedingungen. Damit verschiebt sich die Argumentation weg von der Frage, ob Frühfranzösisch grundsätzlich sinnvoll ist, hin zur Frage, unter welchen idealen Bedingungen nachweisbarer Mehrwert geschaffen würde. Genau darin liegt die Schwäche der Analyse, da sie von einem Modell ausgeht, das im Schulalltag völlig unrealistisch ist.
Mit zwei bis drei Wochenlektionen lässt sich kein «Sprechbad» realisieren, das für einen nachhaltigen Spracherwerb notwendig wäre. Dafür wären mindestens zehn Wochenlektionen erforderlich, die konsequent auf Französisch gehalten werden – und zwar durch Lehrpersonen mit entsprechend hohen Sprachkompetenzen.
Statt das System zu hinterfragen, wird die Umsetzung in den Vordergrund gerückt
Besonders deutlich wird dies beim Thema Unterrichtsqualität. Der Bericht hält fest, „mehr zielsprachlicher Input geht mit besseren Ergebnissen einher“. Diese Erkenntnis ist didaktisch unbestritten. Sprachen werden durch Anwendung gelernt, nicht durch abstrakte Vermittlung. Doch genau hier entsteht ein grundlegender Widerspruch: Wenn eine hohe Lektionendotation entscheidend ist, müsste das System so ausgestaltet sein, dass diese auch tatsächlich stattfinden können.
In der Praxis zeigt sich jedoch das Gegenteil. Mit zwei bis drei Wochenlektionen lässt sich kein «Sprechbad» realisieren, das für einen nachhaltigen Spracherwerb notwendig wäre. Dafür wären mindestens zehn Wochenlektionen erforderlich, die konsequent auf Französisch gehalten werden – und zwar durch Lehrpersonen mit entsprechend hohen Sprachkompetenzen. Ein solches Setting ist jedoch illusorisch.
Der Bericht deutet also eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg an, die unter den gegebenen Bedingungen gar nicht erfüllbar ist, ohne diese konkret einzufordern. Stattdessen wird die Verantwortung indirekt auf Lehrpersonen, Unterrichtsgestaltung und Rahmenbedingungen verlagert. Ein strukturelles Problem wird so zu einem Umsetzungsproblem umgedeutet. Damit werden die Lehrpersonen zu Sündenböcken für ein Problem gemacht, das im Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Verwaltung entstanden ist.
Damit wird die Beweislast umgekehrt: Nicht die Wirksamkeit muss belegt werden, sondern das Scheitern des Konzepts.
Ein Bericht ohne Alternativen
Auffällig ist zudem, dass grundlegende Alternativen kaum aufgezeigt werden. Zwar wird die Komplexität des Sprachenlernens betont, doch die Möglichkeit, den Zeitpunkt des Beginns grundsätzlich zu hinterfragen, wird nicht in Erwägung gezogen. Stattdessen hält der Bericht fest, der wissenschaftliche Beirat sehe «keine wissenschaftlichen Argumente gegen einen frühen Beginn […]“. Diese Formulierung ist bezeichnend. Es wird nicht gesagt, dass Frühfranzösisch wirksam ist, sondern lediglich, dass es an eindeutigen Gegenargumenten fehle. Damit wird die Beweislast umgekehrt: Nicht die Wirksamkeit muss belegt werden, sondern das Scheitern des Konzepts.
Eine solch dünne Argumentation reicht bei weitem nicht aus, um ein derart komplexes und kostspieliges Fremdsprachenkonzept zu rechtfertigen, dessen erhebliche Schwächen längst offensichtlich sind.
Fazit
Der Bericht zeigt Schwächen auf, relativiert sie jedoch zugleich. Er benennt Voraussetzungen für einen erfolgreichen Spracherwerb, ohne zu prüfen, ob diese im bestehenden System überhaupt realisierbar sind. Damit bleibt er widersprüchlich: Er beschreibt zwar die Probleme, zieht daraus aber keine griffigen Konsequenzen, nicht zuletzt aus Rücksicht auf jene Verantwortlichen, die das Frühfranzösisch-Konzept eingeführt haben und um jeden Preis daran festhalten wollen. Statt überfällige Korrekturen anzustreben, begnügt er sich mit der Optimierung des Status quo.
Genau darin liegt der gravierende Konstruktionsfehler des Berichts: Wer das Problem erkennt, kommt kaum darum herum, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit des Frühfranzösisch-Konzepts in seiner heutigen Form zu hinterfragen. Diesen Schritt vollzieht der Bericht nicht und wird damit seinem eigenen Anspruch nicht gerecht. Das Team des Sekretariats der Starken Schule beider Basel bewertet diesen Bericht folgerichtig mit der Note «ungenügend».

