Es ist Donnerstagnachmittag, zehn Minuten vor Schulschluss. Am Ende der Englischstunde müssen die Sekundarschüler das Klassenzimmer aufräumen. Das verläuft harzig. Niemand hilft freiwillig einem Mitschüler. Ich bitte Mohammed, einen schlaksigen Türken, einen Besen in die Hand zu nehmen. Das bringt ihn an die Grenzen seiner Frustrationstoleranz. Er beginnt zu maulen.
«Das nächste Mal sage ich es jemand anderem», antworte ich ruhig, aber bestimmt. «Nimm den Besen: Wenn du nicht trödelst, bist du in einer Minute fertig.»

Widerwillig beginnt er zu kehren. Ein Mitschüler, der zwischen zwei Bankreihen einen Schritt rückwärts macht, touchiert ihn leicht an der Schulter.
«Alter, geh weg, du Hurensohn!», schreit Mohammed durchs Zimmer.
Ich verfüge über null Tage Ausbildung als Lehrer und habe darum auch nie eine Instruktion erhalten, wie man in solchen Situationen verfahren soll. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Steuerzahler mich nicht bezahlt, damit ich im Schulzimmer Wörter wie «Hurensohn» ignoriere. Und ich habe auch keine Lust darauf. Ich fixiere Mohammed eine Sekunde lang mit meinem Blick. Dann tue ich etwas, das, wie ich später erfahren werde, gegen alles verstösst, was im Pädagogiekanon von heute heilig ist.
«Du bist so gross!»
Aber beginnen wir von vorne. Ich bin Ende 30, verheiratet und habe drei Kinder im Vorschulalter. Nach einem BWL-Studium machte ich Controlling in verschiedenen grösseren Firmen, zuletzt bei einer Handelskette. Die machte dann wieder mal eine Restrukturierung, und ich war draussen.
Ich fand drei Monate nichts Neues und landete so letzten Frühling auf dem RAV. Keine besonders tolle Erfahrung. Während meines ersten Bewerbungskurses lernte ich über einen Kontakt eine Juristin kennen, die gerade die Quereinsteigerausbildung zur Sekundarlehrerin machte. Sie erzählte mir, wie akut der Lehrermangel im Kanton Zürich wäre.
Die Idee, als Lehrer zu arbeiten, reizte mich. Meine Frau meinte, dass das passen könnte – umso mehr, als ich eine «soziale Ader» hätte.
Warum also nicht? Auf der Website des Volksschulamtes gibt es Stellenanzeigen en masse.
Zwei Stunden nachdem ich mein CV abgeschickt habe, erhalte ich einen Anruf von Sarah, der Schulleiterin. Ob ich noch heute vorbeikommen könne?
Ich entdecke ein Vikariat an der Sek eines Nachbardorfs: Für fünf Wochen zehn Wochenlektionen, und zwar für die Fächer «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (Geschichte und Geografie), «Bewegung und Sport» (Turnen) und Englisch.
Zwei Stunden nachdem ich mein CV abgeschickt habe, erhalte ich einen Anruf von Sarah, der Schulleiterin. Ob ich noch heute vorbeikommen könne? Ich kann.
Am späten Nachmittag stehe ich in Sarahs Schulleiterbüro. Mein CV hängt an einem Whiteboard. Sarah ist etwa fünfundvierzig, rothaarig, Business Attire. Schön, dass ich Interesse habe, meint sie. Sie bittet mich, eine Schlüsselquittung zu unterschreiben. Auf mein CV kommt sie nicht zu sprechen, und auch einen Strafregisterauszug verlangt sie nicht. Dafür schaut sie zu mir hinauf, lächelt und stellt mit sonderbarer Befriedigung fest: «Du bist so gross! Wie gross bist du, Beni?»
Ich bin 1 Meter 93 gross und darüber hinaus ziemlich gut in Form. Aus meinem CV kann man zudem rauslesen, dass ich relativ viel Zeit im Militär verbracht habe. Genau so jemanden will Sarah, denn sie ist ein Profi. Aber das weiss ich alles noch nicht.
Sarah übergibt mich an Jay. Jay heisst eigentlich Jasmin, lässt sich aber «Jay» nennen. Sie ist 26 und hat vor einem Jahr die Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich abgeschlossen. Nun ist sie teilkrankgeschrieben. Es sind ihre Lektionen, die ich übernehmen werde, und sie muss mich nun instruieren.
«Ich glaube nicht ans Strafen»
Jay sieht aus wie die Karikatur einer Queerfeministin: Piercings, pink gefärbte Haare, schwarzer Lippenstift, der Laptopdeckel voll mit Frauenstreikstickern in Genderdeutsch.
Jay wiederholt immer wieder, wie toll es sei, Lehrerin zu sein. Schnell wird mir klar: Sie erzählt das nicht mir, sondern sich selbst. Denn zwischen den Liebeserklärungen an den Beruf lädt sie Horrorerlebnisse von querulantischen und respektlosen Schülern bei mir ab, die ihr ganz offensichtlich zu schaffen machen.
Ich will wissen, wie sie jene bestraft, die sich grob danebenbenehmen. Sie glaube nicht ans Strafen, antwortet sie. Ihr Ansatz sei mehr so der positive über Loben und Ermutigung.
Ich frage mich, ob das ihre persönliche Idee ist oder ob man solchen Stuss an der PH lernt. Und ich denke, dass sie keine drei Jahre als Lehrerin durchhalten wird. Aber ich sage mir auch, dass ich erst mal zu unterrichten beginnen sollte, bevor ich zu (ver)urteilen anfange.
«Sie glaube nicht ans Strafen, antwortet sie. Ihr Ansatz sei mehr so der positive über Loben und Ermutigung.»
Gibt es auch in «meiner» Klasse solche Disziplinarprobleme? Eigentlich nicht, meint Jay. Einer habe ein unbehandeltes ADHS, der steige manchmal während der Stunde auf Tische und mache Tierlaute. Und Rico, ja, der sei schon ein wenig mühsam. Er brülle manchmal rum, wenn es ihm langweilig sei, und störe halt öfters mal den Unterricht, diskutiere rum, befolge Anweisungen nicht. Aber eigentlich sei er ein Gescheiter.
Für meine Grünhornohren klingt das unglaublich.
Um die Unterrichtsplanung muss ich mir erst mal keine Gedanken machen. In «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG) soll die Klasse noch zwei Doppelstunden ein Plakat zum Thema Gewerkschaften gestalten, und zwar in Gruppen. Im Englisch habe die Klasse «überhaupt keine Lust». «Mach einfach mit dem Lehrmittel weiter. Wenn sie nicht arbeiten, schau halt einen Film mit ihnen oder mach ein Spiel.» Im Sport habe ich zwanzig Jungs, «die wollen eh nur Fussball spielen».
Das klingt alles mehr nach Hort als nach Schule und vor allem nicht nach dem teuersten Bildungssystem der Welt. Aber mir soll’s recht sein. Schwieriger ist die Frage, wie ich vor die Klasse treten soll. Ich beschliesse, mich so zu geben, wie die Lehrer waren, die ich in bester Erinnerung habe: wohlwollend, engagiert – und streng.
«gewerckschafter waren Ehrenmänner»
Meine erste Lektion ist eine Doppelstunde RZG. Der Auftrag ist simpel: Gemäss Jays Instruktion muss ich die Schüler, die 90 Minuten an ihren Plakaten arbeiten werden, «begleiten». Will heissen: rumgehen, eventuelle Fragen beantworten und «bei der Recherche unterstützen».
Ich schliesse das Schulzimmer auf, schreibe meinen Namen an die Wandtafel und warte. Langsam tauchen die Schüler auf. Niemand kommt mich begrüssen oder fragt nach meinem Namen. Eine Minderheit sagt «Grüezi». Als es klingelt, sind etwa zwei Drittel der Klasse im Zimmer. Die andern schlendern nach und nach rein, schwatzend. Nach drei Minuten schliesse ich wortlos die Türe, stehe vor die Tafel und sage: «Guten Nachmittag zusammen. Mein Name ist Herr Iten. Ich werde ab sofort in gewissen Fächern Frau Messmer vertreten. Es gibt bei mir genau eine Regel: Ihr werdet euch anständig verhalten, und zwar ausnahmslos.»
«Als es klingelt, sind etwa zwei Drittel der Klasse im Zimmer. Die andern schlendern nach und nach rein, schwatzend»
Betretene Blicke, aber keine Fragen oder Opposition. Offenbar kann sich jeder und jede eine Vorstellung davon machen, was mit «anständig verhalten» gemeint ist. Umso besser.
Ich gehe von Gruppe zu Gruppe, schaue mir die einzelnen Plakate an. Eine Mädchengruppe hat in den letzten beiden Doppelstunden ein ausgestaltetes Plakat hingekriegt, das nach Sekundarschule aussieht. Die anderen Plakate sind praktisch leer, gestalterisch auf Kindergartenniveau und schwindelerregend halbanalphabetisch.
«Die Gewerkchaften wollten dass die löhne mehr fair verteilt sind»
«Es gab auch eine christlichen Gewerkschaft»
«Gewerkschaften Kämpfen für die rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter.»
«gewerckschafter waren Ehrenmänner»
Ich gebe mein Bestes, um meine Überraschung zu verbergen. Mein Schulhaus arbeitet mit sogenannten niveaudurchmischten Klassen. Sek-, Real- und Oberschüler (Neusprech für A-, B- und C-Schüler) werden zusammen unterrichtet. In meiner Klasse sind gut zwei Drittel A-Schüler, der Rest ist B. Gerade mal 4 von 19 Schülern reden zu Hause nicht Deutsch.
In einem Jahr sollten die eine KV-, Informatik- oder Polymechanikerlehre im Sack haben.
Echt jetzt?
«Ich ficke deine Kinder!»
Der Vorfall mit Mohammed findet in meiner zweiten Schulwoche statt. In der Sekunde, in der ich ihn wortlos anstarre, kommt mir nichts in den Sinn, das dagegenspricht, genau so zu reagieren, wie ich finde, dass eine derartige Wortwahl gebietet. «Hast du Fieber?», herrsche ich ihn in einer Lautstärke an, die nur knapp unter dem Level Kaserne liegt. «Das hast du das erste, das letzte und das einzige Mal gesagt! Das nächste Mal kannst du was erleben!»
Ich sehe, dass er protestieren will, aber ich unterbreche ihn sofort. «Ich will nichts mehr von dir hören! Nimm den Besen und wisch dein Zeug, verstanden?»
Nicht nur Mohammed, sondern die ganze Klasse räumt in bemerkenswert sachlicher Stimmung auf, und es wird das einzige Mal bleiben, dass ich in dieser Klasse das H-Wort höre.

Gemessen an der Wirkung war meine Reaktion also ein Erfolg. Gemessen an den geltenden pädagogischen «Best Practices» hingegen reagierte ich, wie ich noch erfahren werde, völlig falsch. Im grossen Ganzen gibt es in Bezug auf Autorität heute nämlich zwei Camps in der Pädagogik. Das eine lehnt Autorität per se ab und redet nicht mehr von Lehrern, sondern von «Lerncoachs» und «Lernbegleitern». Das andere Camp ist das der sogenannten «Neuen Autorität». Dieses Camp hält Autorität als solche zwar nicht für überholt, erachtet das Zeigen von Emotionen aber als deplatziert. Zum Ideallehrer der «Neuen Autorität» gehört, dass er immer ruhig bleibt.
Nachdem ich die Klasse entlassen habe, gehe ich ins – sehr stilvoll möblierte und üppig ausgestattete – Lehrerzimmer. Es ist leer. Als ich mich mit einem Espresso auf ein Sofa niederlasse, kommt Veronika rein. Veronika ist etwa gleich alt wie Sarah und Fachlehrerin für Natur und Technik.
«Kommst du zurecht?», fragt sie mich, ehrlich interessiert.
«Ja, danke. Nur hat grad einer ‹Hurensohn› gesagt vorhin – unglaublich.»
«Hat er es zu dir gesagt?»
«Natürlich nicht», lache ich.
Dann erst realisiere ich, dass sie wohl nicht umsonst fragte. Ob es denn vorkomme, dass ein Schüler so was zu einem Lehrer sage, erkundige ich mich.
Sie nimmt ihren Tee und setzt sich ebenfalls.
Jeder dieser «Siechä» kriege hundert Chancen, bis etwas passiere. Aber allgemein sei es an dieser Schule okay, an ihrem letzten Arbeitsort sei es schlimmer gewesen.
Sie arbeite seit gut zwei Jahren an dieser Schule. Ich sei der elfte oder zwölfte Vikar für diese Klasse in neun Monaten. Einer sei gegangen, nachdem ihm Schüler ins Gesicht gefurzt hätten. Im Januar habe ein Drittklässler einer Französischlehrerin «Ich ficke deine Kinder!» gesagt, als sie ihn wegen einer Sachbeschädigung zur Rede stellte. Der habe dann für zwei Wochen einen Schulverweis bekommen. Der Lehrerin gehe es nicht mehr so gut.
Ebenfalls in dieser Klasse habe ein Schüler einen anderen krankenhausreif geschlagen. Die Polizei habe den gleich im Unterricht geholt, richtig ruppig, das sei super gewesen. Der sei dann in die Sek im Nachbarsort umgeschult worden. Und Jay habe die Mehrheit ihrer Stunden ja auch schon wieder abgegeben, obwohl sie erst seit dem Sommer hier sei.
Schon vor Corona sei es mühsam gewesen, aber seither sei es einfach nur noch bedenklich und werde immer schlimmer. Es komme natürlich auch auf die Schulleitungen an, aber die meisten schauten einfach nur zu. Jeder dieser «Siechä» kriege hundert Chancen, bis etwas passiere. Aber allgemein sei es an dieser Schule okay, an ihrem letzten Arbeitsort sei es schlimmer gewesen.
Ich sage, was ich denke: «Für solche Ausfälligkeiten sollte man einem Schüler eine runterhauen können.»
Veronika nimmt einen Schluck Tee. «Ja, vielleicht nicht grad eine runterhauen …», entgegnet sie. Aber ihr Protest ist matt, pro forma.
«Mit diesem Scheiss kannst du nicht unterrichten»
In den ersten drei Wochen verläuft der Unterricht eher harzig. Die Klasse begehrt zwar nicht auf, aber ich merke, dass sie nicht gerne zu mir kommt. Und wenn ich mit dem Geschichtslehrmittel in der Hand ihnen irgendwas zu vermitteln versuche, dann sehe ich: Die meisten wissen nicht, was ich will. Sie hängen ab. Als mich die Schulleitung in der fünften Woche fragt, ob ich noch zwei Monate weitermachen wolle, sage ich dennoch mit Freude zu. Denn inzwischen sind zwei entscheidende Dinge passiert.
Dass dieses Lehrmittel unbrauchbar ist, ist offenbar Konsens. Werner – knapp sechzig, weisser Schnauz, Kurzarmhemd, Vollblutreallehrer – schaut von seinem Tupperware auf und drückt es wie folgt aus: «Mit diesem Scheissdreck musst du auch nicht meinen, unterrichten zu können.»
Zum einen habe ich das Geschichtslehrmittel längst in den Schrank verstaut. Noch in der dritten Woche klage ich nämlich mal an einem voll besetzten Mittagstisch, dass es mir schwerfalle, «Gesellschaften im Wandel» sinnvoll zu verwenden. Ich erhoffe mir Tipps, ernte aber bloss mitleidige Blicke. Dass dieses Lehrmittel unbrauchbar ist, ist offenbar Konsens. Werner – knapp sechzig, weisser Schnauz, Kurzarmhemd, Vollblutreallehrer – schaut von seinem Tupperware auf und drückt es wie folgt aus: «Mit diesem Scheissdreck musst du auch nicht meinen, unterrichten zu können.» Ich frage in die Runde, wie es denn mit den übrigen Lehrmitteln aussehe. Das einzige Lehrmittel, das einen bedingungslosen Tauglichkeitsstempel erhält, ist das für Mathematik. Auch ich werde es noch schätzen lernen.
Den Rest der Mittagspause verbringe ich in Werners Klassenzimmer. Er erklärt mir mit dem Feuer eines Menschen, dem daran liegt, jeden Tag sein Bestes zu geben, sein eigenes Geschichtsmaterial. Es basiert auf Frontalunterricht und der Schauspielkunst des Lehrers. Das Ziel ist, die Geschichte anhand von Bildern und Erzählungen zum Leben zu erwecken.
Ich versuche seine Methode. Ich bereite mich gründlich (und viel aufwändiger, als eigentlich verlangt wäre) vor, halte fünfzehn-, zwanzigminütige Vorträge, gestikuliere mit Stimme und Körper. Wie viel die Schüler lernen, kann ich nicht abschätzen. Aber sie geniessen die Zeit des Zuhörens sichtlich, und sie haben immer eine Menge Fragen. Und die Beziehung zu mir verbessert sich. Kinder und Jugendliche – das wird einem jeder Lehrer bestätigen – sind Meister darin, zu spüren, wer wie viel Energie in seinen Unterricht steckt. Und je mehr man reinsteckt, desto grösser ist die Wertschätzung, die man zurückbekommt.
«Achtung, Grenadier!»
Noch wichtiger dafür, dass die Schüler und ich einander schon nach wenigen Wochen ein wenig ans Herz gewachsen sind, ist aber ein Moment im Turnunterricht. In der dritten Woche heisse ich sie zu Beginn der Stunde ein wenig gedankenabwesend: «Kommt einmal ins Daher!»
Natürlich weiss niemand, was das ist. Ich erkläre, dass es ein Ausdruck aus dem Militär sei, und werde mit grossen Augen gefragt, ob ich in der Armee gewesen sei. Ja, sage ich und werde damit augenblicklich zum Exotikum. Einer will wissen, wo ich dann gewesen sei. Bei den Panzergrenadieren, antworte ich.

Am nächsten Tag bildet sich vor dem Unterrichtsbeginn eine Traube Jungs um mein Pult. Die Panzergrenadiere, das seien ja Special Forces, meint einer, er habe das im Internet nachgeschaut. Sie haben Fragen über Fragen. Mit welchen Waffen darf man schiessen? Lernt man da auch Nahkampf? Ist es hart?
Ich frage, wen es interessiere. Die meisten Jungs strecken auf und sogar zwei Mädchen. Also streiche ich die erste Viertelstunde der Lektion und gebe Auskunft. Nicht über Sturmgewehrtypen, sondern über den Dienst, das Dienen, über die Erfüllung, die man spürt, wenn man eine schwierige Aufgabe meistert. Und ich lasse durchblicken, dass ich es für ein Privileg halte, in der Schweiz zu leben, dass ich grundsätzlich ein sehr positives Verhältnis zu meinem Land habe und der Meinung sei, dass die Schweiz für die meisten Leute immer noch unglaublich viele Möglichkeiten biete – dass man hier etwas machen und etwas werden könne, wenn man denn wolle.
Ab dieser Stunde ist der Unterricht merklich anders. Die Schüler erlauben sich immer noch viel weniger als bei anderen Lehrern, aber es ist nun weniger aus Angst oder aus ablehnender Passivität als aus positiver Anerkennung meiner Autorität. Wenn ich über den Pausenplatz gehe, machen sich einige einen Spass daraus, «Achtung, Grenadier!» zu rufen. Sie provozieren damit, aber ich spüre, dass es keine feindselige Provokation ist, im Gegenteil. Sie suchen die Bindung. Manchmal lache ich, manchmal winke ich, manchmal rufe ich: «Hiiiiiier!»

Die Schulleitung und die meisten Lehrerinnen und Lehrer mögen mich. Meine Autorität ist ein Asset für den ganzen Trakt. Wenn ich die Treppe hochkomme, wird es gleich ein wenig leiser und gesitteter. Bei der Klasse, die ich unterrichte, nehmen Regelverstösse ab, und auch das Verhalten der Schüler untereinander wird ein wenig zivilisierter. Warum das so ist, darüber sind sich die erfahrenen Lehrer einig: «Du nimmst sie ernst, du bereitest dich vor, du hast eine klare Linie und du hast einen Plan für sie. Genau darauf kommt es an.»
Nach drei Monaten ist Schluss. Jays Teilkrankschreibung endet. In der letzten Schulstunde lasse ich die Klasse anonym Feedback zu mir und zu meinem Unterricht geben. Viele lobende Worte erhalte ich unter anderem von Mohammed (ich kenne seine Schrift mittlerweile). Als ich einen Tag später mein Notebook und meinen Schlüssel zurückbringe, kommt Kevin über den Pausenplatz zu mir. Er ist das grösste Sorgenkind der Klasse. Der Vater in Südamerika, die Mutter mit wechselnden Partnern lebend, Alkohol ein grösseres Thema. Er selbst hat schon einen schriftlichen Verweis kassiert. Manchmal ist er bereits morgens sichtlich bekifft.
Nun sagt er, er finde es so schade, dass ich gehe, und eigentlich habe er mir noch ein Geschenk geben wollen. Ich weiss einen Moment gar nicht, was ich sagen soll. «Du musst mir kein Geschenk geben», antworte ich dann väterlich. «Das grösste Geschenk für mich ist, wenn du dein Zeug machst und eine gute Lehrstelle findest.»
«Wie willst du denn eine einzelne Klasse überhaupt noch kontrollieren?»
Der Lehrerberuf lässt mich nicht los. Nach den Sommerferien melde ich mich für ein dreiwöchiges Vikariat in einer grösseren Gemeinde im Limmattal. Es ist eine Sek und eine sogenannte QUIMS-Schule. «QUIMS» ist die Abkürzung für «Qualität in multikulturellen Schulen» und steht in der Kantonalzürcher Bildungsbürokratie für «Ghetto». QUIMS-Schulen haben ein Einzugsgebiet mit überdurchschnittlich vielen Nichtmuttersprachlern, Ausländern, «Bildungsfremden», Kindern von Sozialhilfebezügern etc.
An dieser Schule gibt es sogenannte «Lernateliers». Klassenzimmer sind abgeschafft. Es gibt nur noch «Input-Zimmer», in denen die Schüler kurz beschult werden zu einem Thema. Den Rest der Zeit sind sie in den «Ateliers», wo sie selbstständig weiterarbeiten sollten.
Ich soll einer dritten Sek (ebenfalls niveaudurchmischt) Deutsch, Englisch und «Religionen, Kulturen, Ethik» geben. An dieser Schule gibt es sogenannte «Lernateliers». Klassenzimmer sind abgeschafft. Es gibt nur noch «Input-Zimmer», in denen die Schüler kurz beschult werden zu einem Thema. Den Rest der Zeit sind sie in den «Ateliers», wo sie selbstständig weiterarbeiten sollten. Pro Atelier, in dem etwas vierzig Schüler aus verschiedenen Klassen arbeiten, haben jeweils zwei Lehrpersonen «Atelierdienst». Das heisst: Sie stehen am Eingang des Zimmers an Stehpulten und spielen Aufpasser.
In den Lernateliers wird nichts gelernt. Etwa 80 Prozent der Schüler vertrödeln sich die Zeit mit Musikhören, Schwatzen und gegenseitigem Piesacken. Ich frage eine Lehrerin – etwa 35, ehemalige Journalistin eines sehr linken Medienhauses, nun in der Seklehrer-Ausbildung –, was der Sinn dieser Ateliers sein soll.
«Wie willst du denn eine einzelne Klasse überhaupt noch kontrollieren?», fragt sie zurück. «Das geht doch gar nicht mehr. Darum wurde das so gelöst.»
Es ist die einzige Schule, die ich sehen sollte, die einen Lehrkörper mit klarem Linksdrall hat. Und den Grund dafür muss ich nicht lange suchen: Es reicht, der Reggae-Musik zu folgen, die auf dem Korridor zu hören ist. Diese dringt aus dem Schulleiterbüro, dessen Türe immer geöffnet ist. Und in diesem Büro sitzt Urs, wohl kurz vor der Pensionierung, untersetzt, Hawaiihemd, Sandalen und in irgendeinem Hippie-Traum hängengeblieben. Mein sechsjähriger Sohn hätte keinen Respekt vor ihm, und ich könnte es ihm nicht übelnehmen.
«Mit dem Imam haben wir es jetzt u lässig»
Nach einigen weiteren Kurzvikariaten entdecke ich ein Inserat, in dem ab sofort eine Vertretung für einen Klassenlehrer einer siebten «B» gesucht wird. Ich soll alle Fächer ausser Kochen und Musik unterrichten, «bis auf Weiteres». Der Arbeitsort: eine jener Gemeinden zwischen Zürich und Baden, in die kein Westler mehr freiwillig hinzieht. Schulhaus natürlich QUIMS.
Ich rufe bei der Schulleitung an und erfahre durch die Blume: Die Klassenlehrerin, eine gewisse Frau Heller, ist krankgeschrieben und wird sicher vier, fünf Monate nicht mehr erscheinen. Dass ich keine Lehrerausbildung habe und kein Französisch spreche, stört die Schulleiterin nicht. Im Gegenteil: Sie würde sich freuen, wenn ich möglichst rasch vorbeikäme. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie «begehrt» die Stelle ist. Meine Referenzen sind gut. Ich weiss, dass ich nur Ja sagen muss, um angestellt zu werden.
Vor dem Vorstellungsgespräch habe ich ergoogelt, dass die Schulleiterin bei den Grünen Lokalpolitik macht. Dementsprechend behutsam erkundige ich mich, wie es denn aussehe mit Gewalt, Diskriminierung, Homophobie, Antisemitismus, Respektlosigkeiten. Und gibt es Probleme mit dem Islam?
Sie antwortet, dass sie eine Nulltoleranzpolitik fahre in Bezug auf Gewalt (was, wie sich herausstellt, gelogen ist), es keine Probleme mit Frauenfeindlichkeit gebe (gelogen), auch nicht mit Schwulenhass (gelogen) und Antisemitismus (gelogen) sowie respektlosem Verhalten (gelogen).

In puncto Islam, sagt sie, habe es in den vergangenen Jahren immer ein paar gegeben, die «ein wenig provozieren» wollten, besonders während des Ramadans. Sie weigerten sich zu singen, verlangten, dass keine Musik abgespielt werde im Schulhaus, dass nichtmuslimische Schüler ebenfalls nichts ässen. Sie begannen während der Pause in den Gängen des Schulhauses zu beten, vereinzelt sogar während des Unterrichts.
Aber seit sie jetzt mit dem Imam der örtlichen albanischen Moschee zusammenarbeite, sei es «u lässig». Der sage ihr nämlich, was die Schüler wirklich müssten während des Ramadans und was «eine extremistische Auslegung des Korans» sei. Und auf den Imam hörten eben die meisten Schüler und auch die Eltern. Darum habe sie jetzt so einen Leitfaden gemacht für die Lehrpersonen, ich könne den auch haben. Dort stehe auch drin, für welche islamischen Feste die Muslime schulfrei erhielten.
Es gibt im Kanton Zürich keine einzige staatlich anerkannte islamische Gemeinde. Islamische Gemeinden stehen damit ordnungspolitisch auf derselben Stufe wie ein Modellflugzeugverein. Wieso kommt es einer Behörde in den Sinn, für Ramadan und was weiss ich Schuldispense zu gewähren? Aber das frage ich nicht, sondern lächle nur freundlich – die Schulleiterin ist wie gesagt bei den Grünen.
«Ja, klar», sage ich. «Könnten Sie Frau Heller bitte fragen, ob sie nicht genau so streng sein könne wie Sie? Ich lerne bei Ihnen viel besser.» Ich bin gerührt und verspreche, es zu tun.
«Ich lerne bei Ihnen viel besser»
Ich werde insgesamt fünf Monate an dieser Schule sein. Von den achtzehn Schülerinnen und Schülern sind drei Schweizer, zehn Albaner beziehungsweise Kosovaren, zwei Türken, ein Afghane, ein Brasilianer und ein Schüler aus der Dominikanischen Republik. Die meisten sind schulisch extrem schwach, aber schulische Schwäche – das lerne ich hier – hat nichts mit der Fähigkeit zu tun, Menschen einzuschätzen. Zuerst – ganz wie in meiner ersten Schule – hassen sie mich, weil sie spuren müssen. Doch sobald sie merken, dass ich nicht aus Sadismus handle, sondern im Gegenteil, weil ich sie mag und will, dass aus ihnen was wird, wird ihre Haltung mir gegenüber positiv. Ins Bildnerische Gestalten am Freitagnachmittag nehme ich manchmal meine vierjährige, extrem kontaktfreudige Tochter mit, die alle amüsiert. Statt Psychologenblabla in den Klassenstunden gehe ich mit ihnen mal eine Wurst bräteln in den nahen Wald (die wenigsten wissen, wie man ein Feuer macht).
Als Frau Heller nach fünf Monaten wieder einsteigt, ist mir die Klasse richtig ans Herz gewachsen. Und ich zumindest einem Teil von ihr auch. Zum Abschied kommen zwei der grössten Angeber zu mir, die ich am Anfang am meisten schleifen musste. Sie würden mich vermissen, sagen sie mir, und bedanken sich für die Zeit. Wieder bin ich etwas sprachlos. Aber noch viel mehr aus dem Konzept bringt mich Lorina, eine stille, fleissige Albanerin, deren Ziel es ist, in die Sek A zu wechseln. Sie passt mich im Gang ab, als niemand in der Nähe ist: «Sie, kann ich Sie etwas fragen und Sie sagen es niemandem in der Klasse weiter?» «Ja, klar», sage ich. «Könnten Sie Frau Heller bitte fragen, ob sie nicht genau so streng sein könne wie Sie? Ich lerne bei Ihnen viel besser.» Ich bin gerührt und verspreche, es zu tun.
Im Schulzimmer ergab sich, wie gesagt, schon bald so etwas wie Normalität und dann sogar viel Positives. Aber das kann über das Unerwartete, Extreme und Alarmierende nicht hinwegtäuschen, das ich in diesen Monaten erlebt habe. Ein Element ist die Islamisierung. «Offiziell» ist die Schweiz ja auch in dieser Hinsicht eine Insel der Glückseligen. Wer Politik und Medien hört, der weiss: Zustände wie in Deutschland, Frankreich und so weiter gibt es bei uns nicht. Wer an Schweizer Schulen arbeitet, weiss hingegen: In fünf oder zehn Jahren wird die Sache ganz anders aussehen. Muslimische Familien haben mehr Kinder als westliche. In der schulischen Verwaltungssoftware lässt sich einsehen, wer wie viele schulpflichtige Geschwister hat. Bei den Schülern mit Schweizer Namen ist es selten mehr als eines. Bei den Albanern und Türken sind drei oder vier Kinder die Norm. Aus diesem Grund wird sich das Problem automatisch verschärfen, ohne dass irgendjemand dafür aktiv etwas tun muss.

Gerade der albanische Islam galt lange als gemässigt; im Kosovo sind Kopftücher an Schulen verboten. Aber in der Diaspora sieht es zunehmend anders aus. Niemand isst Schweinefleisch, die meisten fasten am Ramadan, viele Familien sind freitags in der Moschee.
Diese Art Religiosität ist nicht mit der christlichen vergleichbar. Gläubige Christen kennen die Bibel – diese Jugendlichen hingegen haben keine Ahnung von den Inhalten ihres Glaubens. Wer ist Allah? Wer war Mohammed? Was steht im Koran? Sie können allenfalls bruchstückhafte Antworten geben. Aber sie können lange, auswendig gelernte Beschreibungen hersagen, welche Frucht im Paradies wie schmeckt, wenn man in sie reinbeisst. Und sie reden dann mit derselben Sicherheit, mit der man feststellt, dass Wasser nass ist.
Noch genauer als über das, was im Paradies sein wird, wissen sie aber, wie es auf Erden läuft. Der Islamische Staat? Eine Verschwörung gegen die Muslime. 9/11? Ebenfalls. Der blutigste Krieg der Weltgeschichte? Der «Genozid» in Gaza. Israel? Dreckige Juden, die Muslime töten wollen. (Ich sehe bei verschiedenen muslimischen Schülern, wie sie Hefte und Blätter fast schon unbewusst mit Palästinaflaggen und irgendwelchen arabischen Schriftzeichen vollkritzeln.) Homosexualität? Gibt es nur bei den verdorbenen Ungläubigen.
Er ist nicht etwa der einzige SVP-Wähler im Lehrerteam, sondern das einzige noch verbleibende SP-Mitglied.
Und Frauen? Was sie über Frauen denken, darüber reden sie am wenigsten. Aber es wird auch so klar. Man muss als Lehrer nur mit einer Lehrerin im Gang stehen und warten, bis Pause ist. Früher oder später wird ein Moslem an einem vorbeigehen und einem freundlich die Hand reichen, um zu grüssen – während er die Lehrerin keines Blickes würdigt. Und wie es mit den Lehrerinnen ist, so ist es mit den Schülerinnen.
Ein Werklehrer, der dreissig Jahre Unterricht hinter sich hat, sagt mir unter vier Augen auf den Islam bezogen: «Das wird uns alles noch um die Ohren fliegen.» Er ist nicht etwa der einzige SVP-Wähler im Lehrerteam, sondern das einzige noch verbleibende SP-Mitglied.
«Islam seeeeehr wichtig für sie»
Ich mag die Klasse bis auf zwei Sonderfälle. Der erste ist Ali, ein afghanischer «Flüchtling». Er ist sicher drei Jahre älter als der Rest der Klasse und hat ein klitzekleines Problem mit Mädchen. Es macht ihm Spass, auf sie zuzugehen, die Faust aufzuziehen und so zu tun, als schlage er ihnen ins Gesicht. Wenn sich die Mädchen dann wegducken, lacht er. Eine Eskalation zwischen mir, der das nicht dulden will, und der Schulleiterin, die mir was über seine «Fluchtgeschichte» doziert, bahnt sich an. Die Sache löst sich auf, indem Ali verhaftet und bis zu meinem Weggang nicht wiedergesehen wird.
Eine wirkliche Eskalation gibt es dann mit den Eltern von Fatima, einem türkischen Mädchen. Fatima kommt eines Tages plötzlich mit dem Kopftuch zur Schule, und ein paar Tage später weigert sie sich morgens, mir die Hand zu geben, weil der Koran ihr das verbiete. Ich versuche es mit Vernunft und frage sie: «Was ist, wenn die Bibel mir verbietet, dir faire Noten zu geben?» Es nützt nichts. Sie bleibt stur. Ich schicke sie nach Hause.
Das wiederum bringt die Eltern auf den Plan. Sie gehen zur Schulleitung, und die Schulleiterin nimmt für die Eltern Partei. Wieso, erklärt man mir im Lehrerzimmer: Sie hat Angst vor renitenten Eltern – vor allem, wenn sie aus dem Balkan oder südlich davon kommen.
Jedenfalls wird ein Elterngespräch verabredet: Neben der Schulleiterin und mir soll auch der Schulische Heilpädagoge (SHP) der Klasse und die Schulische Sozialpädagogin teilnehmen. Dies darum, weil Fatima eine sogenannte IF-Schülerin ist und zudem null Impulskontrolle hat.
IF bedeutet «individuelle Förderung». Fatima ist sogar in dieser schwachen B-Klasse unfähig, mitzuhalten. Ihr Leseverständnis ist auf dem Niveau eines Drittklässlers. Sie ist demotiviert, kommt sehr häufig zu spät und macht die Hausaufgaben meistens nicht. Obwohl sie in der Schweiz geboren ist, kann sie im Deutschunterricht den Unterschied zwischen den verschiedenen Wortarten nicht verstehen.
Das System Volksschule deckt dieses Problem mit «Ressourcen» zu, das heisst mit Geld. Für Fatima und noch drei weitere IF-Schüler ist der Klas Für Fatima und noch drei weitere IF-Schüler ist der Klasse ein Schulischer Heilpädagoge zugeteilt, der neun Lektionen pro Woche anwesend ist und mit den Schülern quasi privat übt. Er ist besser bezahlt als der Klassenlehrer selbst: In der Sekundarschule kriegen die SHP den Schulleiterlohn, das heisst im Kanton Zürich je nach Erfahrung zwischen 112 000 und 182 000 Franken pro Jahr.se ein Schulischer Heilpädagoge zugeteilt, der neun Lektionen pro Woche anwesend ist und mit den Schülern quasi privat übt. Er ist besser bezahlt als der Klassenlehrer selbst: In der Sekundarschule kriegen die SHP den Schulleiterlohn, das heisst im Kanton Zürich je nach Erfahrung zwischen 112 000 und 182 000 Franken pro Jahr. Und weil Fatima auch noch deutliche Defizite im Sozialverhalten hat – so schmeisst sie zum Beispiel bei Frustration mit Dingen um sich und kann wie eine Fünfjährige zu kreischen beginnen –, ist neben dem SHP auch noch eine Schulische Sozialpädagogin (SSP) involviert, die mit Fatima im 1:1 an ihrer sozialen Entwicklung arbeitet. (Dazu kommt: Vor allem weiblichen Lehrern sind neben den SHP in B-Klassen auch oft noch männliche Klassenassistenten zugeteilt. Diese sind kommunal angestellt und verdienen weniger als Lehrer. Ihre Aufgabe besteht neben der administrativen Unterstützung der Lehrerin oft auch einfach darin, Präsenz zu markieren.)
Das Gespräch findet im Büro der Schulleitung statt, auf Wunsch der Eltern um 17.30 Uhr. Was die arbeiten, frage ich Andrea, die SSP. Die Antwort: Nichts. Der Vater war mal auf dem Bau, jetzt bezieht er IV; zusätzlich kriegen sie Sozialhilfe. Neben dem SHP, der SSP und mir muss die Schulleiterin auch eine Übersetzerin aufbieten. Der Vater redet gebrochen Deutsch, die Mutter gar nicht.
Der Vater ist ein kleines, hageres Männlein mit buschigen Augenbrauen, das nach Zigarettenrauch stinkt. Die Mutter ist dick und laut, aber – für mich überraschend – ohne Kopftuch. Kaum eröffnet die Schulleiterin das Gespräch, wird sie von der Mutter unterbrochen, die zu keifen und zu gestikulieren beginnt. Die Übersetzerin hat keine Chance, den Redeschwall irgendwie zu übersetzen.
Offenbar will die Mutter klarstellen, dass sie nicht wegen Fatimas Problemen hierhergekommen sei, sondern wegen mir. Und nur über mich wolle sie reden. In der Schweiz herrsche Religionsfreiheit; ich als Christ hätte kein Recht, ihrer Tochter das Christentum aufzuzwingen, und wenn Fatima Probleme habe, dann sei das nur wegen Lehrern wie mir. Die Schulleiterin ist überfordert, will beschwichtigen, aber das gelingt ihr nicht. Der Vater beginnt nun auch noch, auf sie einzureden: «Fatima is Müslimin. Islam seeeeeehr wichtig für sie. Wenn wegen Islam Probleme, wir sofort müsse komme!»
Ich schaue die SSP an. Sie versteht meinen Blick genau richtig: Sie soll für mich reden, denn ich will schweigen. Dies darum, weil ich innerlich derart koche, dass, würde ich meinen Mund auftun, etwas im Stil von «Schnauze halten» und «sich verpissen» rauskommen würde.
Das Gespräch endet, wie es enden muss. Die Schulleiterin kapituliert, Fatima muss mir die Hand nicht mehr geben, aus «Verhältnismässigkeitsgründen».
Andrea und ich gehen zusammen zum Parkplatz. Ich bin aufgebracht. Mir will nicht in den Kopf, warum sich die Schule so etwas gefallen lässt und warum sie sich so etwas gefallen lassen sollte. Andrea ist keine Freundin der Schulleiterin und ihren islamophilen Anwandlungen, im Gegenteil. Trotzdem nimmt sie sie nun etwas in Schutz. Die Sache ist die, dass Schüler nicht ausgeschult werden können. Wenn man sie von der Regelschule ausschliesst, dann muss ihnen der Steuerzahler einen Platz an irgendeiner Sonderschule bezahlen, der sehr schnell hohe fünfstellige Beträge pro Jahr kosten kann. Und wenn sich der Schüler in der Sonderschule so danebenbenimmt, dass er sogar dort untragbar wird, dann muss man Einzelunterricht mit ihm machen. Es gebe nichts, erklärt mir die SSP, mit dem ein Schüler sein Recht auf neun Jahre Unterricht an der Volksschule verspielen könne. «Das heisst, es lohnt sich, möglichst querulantisch zu sein?», frage ich. «Genau das heisst es», bekomme ich als Antwort.
Und weil es sich lohnt, querulantisch zu sein, ist Beschwichtigung und das Zudecken von Problemen mit Geld nur allzu oft die valabelste Strategie für das Schulsystem. Zu den Klassenassistenzen, SHP, SSP, Schulsozialarbeitern und zig externen Präventions- und Interventionsstellen können im privaten Bereich noch Sozialarbeiter, Beistände, Familiencoachs, Jugendcoachs und was weiss ich noch alles dazukommen. Das ist auch darum so, weil es offenbar einen gut belegten Zusammenhang zwischen der Einstellung der Eltern gegenüber der Schule und jenem der Schüler gibt. Kooperieren die Eltern, kann man fast jeden Schüler auf die Spur bringen. Blockieren die Eltern, eskaliert das Verhalten des Schülers regelmässig.
Dieselbe stramme Rechtsbürgerlichkeit herrscht, wenn es um Themen wie Anstand, Benehmen, Sorgfalt, Fleiss, Rücksichtnahme, Medienkonsum oder Handygebrauch geht. Niemand hat irgendwas übrig für Kuschelpädagogik. Regeln, Grenzen, Struktur – das ist es, was Kinder brauchen!
«Die PH ist eine Sekte»
Geht es um den Islam und die Einwanderung, staune ich immer wieder: Selbst von Lehrerinnen und Lehrern, die gendern und Tesla fahren, höre ich regelmässig Aussagen, die ich bis anhin nur von Hardcore-SVPlern erwartet hätte. Mit der Islamisierung müsse «Schluss sein»; denen müsse man «zeigen, wo der Hammer hängt»; es herrsche hier «eine christliche Kultur»; «wem es nicht passt, der soll abhauen, die Grenzen sind offen» – und überhaupt: «Geht es uns eigentlich noch mit dieser ständigen Nachgeberei?» Berichten die Medien über Ausländerkriminalität, können an Lehrerzimmertischen durchaus Ausdrücke wie «Pаck», «Gfotz» und «Gesindel» fallen.
Dieselbe stramme Rechtsbürgerlichkeit herrscht, wenn es um Themen wie Anstand, Benehmen, Sorgfalt, Fleiss, Rücksichtnahme, Medienkonsum oder Handygebrauch geht. Niemand hat irgendwas übrig für Kuschelpädagogik. Regeln, Grenzen, Struktur – das ist es, was Kinder brauchen! In mehreren Schulhäusern höre ich von Lehrern, die das Ohrfeigenverbot umgehen, indem sie outsourcen: Sie sagen Schülern, zu denen sie einen guten Draht haben, durch die Blume, dass, sollten sie einen bestimmten Flegel auf dem Schulweg ein bisschen drannehmen, es sein könne, dass der Vorfall nirgends rapportiert würde. Und die Schüler verstehen, was gemeint ist.
Je weiter das Thema aber von ihrem Berufsalltag entfernt ist, desto linker sind viele Lehrer (noch). Der Klimawandel ist bei vielen ziemlich weit oben auf der Sorgenliste. Grosskonzerne haben einen schweren Stand, ebenso wie die USA, der Kapitalismus oder die Autobahnen (obwohl viele Lehrer mit dem Auto in die Schule kommen und gerne in die Ferien fliegen).
Neben der politischen Verortung vieler Lehrer gibt es eine zweite Sache in Bezug auf ihre Weltsicht, die mich überrascht. Es ist ihre Haltung zur PH. Wenn ich sage, dass achtzig Prozent der Lehrer eine dezidiert ablehnende Haltung gegen die PH und deren Lehrgänge haben, dann untertreibe ich wahrscheinlich. Das Standardurteil ist: Die PH ist pseudowissenschaftlich, weltfremd, bürokratisch, ideologisch verbrämt und sie bereitet einen keinesfalls auf die Realität an den Schulen vor. An einem Teamtag sagt ein etwa dreissigjähriger Junglehrer: «Die PH ist eine Sekte!» Er erhält rundherum Zustimmung.
Was bleibt?
Auf der persönlichen Ebene schaue ich mit ein wenig Wehmut auf meine Zeit an der Volksschule zurück. Viele Schüler sind mir ans Herz gewachsen; ich habe mehr Verständnis und Achtung für den Lehrerberuf, als das vorher der Fall war.
Auf der politischen Ebene ist mir erstens bewusst geworden, welch ein zentraler Ort die Volksschule für unsere Zukunft ist. Zweitens bin ich in migrationspolitischen Fragen – und vor allem, was den Islam betrifft – deutlich nach rechts gerutscht. Vorher war ich mir nicht sicher, ob die SVP übertreibe. Nun finde ich, sie gehe nicht weit genug.
Drittens sollten die Pädagogischen Hochschulen ins Fadenkreuz jeder auch nur halbwegs bürgerlichen Partei und Organisation genommen werden. Bildung ist unsere einzige Ressource, und wer ist zentraler in der Vermittlung von Bildung als Lehrer? Ich verstehe nicht, wie es in einem bürgerlichen Land passieren konnte, dass eine so wichtige Institution von Linksextremen und Sektierern gekapert wurde.
Viertens und letztens muss irgendwo auf der kulturellen Ebene ein gewaltiger Ruck durchs Land gehen. Ich weiss nicht wie, aber es muss geschehen. Denn wenn es so weitergeht, wird sich die Gesellschaft mittelfristig vollkommen auflösen. Es kann nicht sein, dass sich Querulantentum weiterhin lohnt. Wenn ausländische Taugenichtse, die zu faul sind, eine Landessprache zu lernen, einen steuergeldfinanzierten Übersetzer für Tiraden gegen ihr Gastland benutzen können und ihnen nichts passiert, dann wird die Mauer zwischen Recht und Unrecht niedergerissen, und ohne diese Mauer gibt es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Und ganz ehrlich: Ein wenig verstehe ich die vielen Integrationsverweigerer, Querulanten und Machos. Denn wie attraktiv kann es sein, sich als Schweizer zu identifizieren, wenn sich die Schweiz derart schwach, wehrlos und ehrlos gibt?
Namen und einige weitere Details in diesem Text wurden verändert, um Rückschlüsse auf Personen zu verunmöglichen.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Schweizermonat.

