27. Februar 2026
Condorcet-Autor Alain Pichard kandidiert noch einmal für den bernischen Grossen Rat

Die Arbeit hier ist noch nicht ganz zu Ende

Es ist selbstverständlich, dass wir unserem Mitbegründer des Condorcet-Blogs, Alain Pichard, der noch einmal für den Grossen Rat kandidiert, hier eine Plattform geben. Ein Gespräch über die Möglichkeiten der Parlamentsarbeit, Prioritäten und sein Motto: Die Schule wieder auf die Füsse stellen.

Redaktion: Lieber Alain, du wagst es also noch einmal und kandidierst für eine 2. Legislatur im bernischen Grossen Rat. Was treibt dich da an? Immerhin bist du schon 70 Jahre alt.

Pichard: Aber immer noch berufstätig. In der Schule braucht man in der Regel zwei Jahre, bis man eine schwierige Klasse so weit hat, dass man mit ihr erfolgreich arbeiten kann. In der Bildungspolitik braucht man in den schwierigen Dossiers zwei Legislaturen, damit man etwas bewirken kann.

Moment mal: Gehen wir zunächst einmal zu den schwierigen Klassen. Eigentlich übernimmst du ja diese Klassen. Wann ist eine Klasse schwierig?

Ich habe in meiner 48-jährigen Karriere als Volksschullehrer Dutzende von Klassen übernommen. Und bei weitem nicht alle waren schwierig. Aber es gab sie. Ständige Lehrerwechsel, soziale Disruptionen, psychisch angeschlagene Schüler, schlechter Unterricht, es gibt viele Gründe, warum eine Klasse als schwierig gilt.

Du sprichst von schwierigen Dossiers. Welche meinst du damit?

Derzeit befinden wir uns in einem Abwehrkampf. Überzogene Vorstellungen von Integration, weltfremde pädagogische Konzepte, verkorkste Reformen, diffuse Kompetenzen und vor allem der schreckliche Lehrkräftemangel haben die Schule in eine Krise gestürzt.

Alain Pichard, Lehrer, Grossrat, Mitglied der Bildungskommission: Wieder mehr der Weisheit der Praxis vertrauen.

Dein Motto im Wahlkampf lautet ja «Die Schule wieder auf die Füsse stellen». Was meinst du damit`?

Zurzeit bedienen Bildungsexperten aus der Allianz von Wissenschaft, Verwaltung und Politik die Schalthebel unserer Bildungszentralen, Leute die den Herausforderungen des Unterrichts fernbleiben. Ich setze auf die Weisheit der Praxis.

Und da kann man im Parlament wirklich etwas ausrichten?

Es ist uns gelungen, die Mehrheit des Parlaments davon zu überzeugen, dass man mehr in die Praxis investieren muss. Und wir konnten einige Entwicklungen aufhalten oder bremsen.

Werden wir mal konkret: Was habt ihr für die Praxis erreicht?

Die Klassenlehrer erhalten 300 Fr. pro Monat als Zulage für die Klassenführung. Damit wird die eminent wichtige Funktion des Klassenlehrers gestärkt. Die Seminarabgänger, die immer noch 10% Stufenabzug erhielten, können jetzt mit einer einfachen Nachdiplomierung den korrekten Lohn erhalten. Mit den Klassenassistenzen haben wir eine solide Grundlage geschaffen, die Lehrtätigkeit zu entlasten.

Die GLP-Fraktion unterstützte diese Anliegen immer. Vor allem mein Mitstreiter, Michael Ritter, Gemeinderat in Burgdorf, geht in vielen – nicht allen – Punkten völlig mit mir einig und setzt sich für pragmatische Lösungen im Bildungswesen ein.

Und wo siehst du Erfolge beim Abwehrkampf?

Michael Ritter, Gymnasiallehrer, Gemeinderat und Grossrat der GLP im Kanton Bern.

Wir haben eine Überprüfung des Frühfranzösisch gefordert. Und als diese nicht kam, haben wir die Verschiebung des Frühfranzösisch in die 5. Klasse beantragt. Dieser Entscheid wird in der nächsten Legislatur gefällt. Wir konnten die Abschaffung der schriftlichen Prüfungen in der Berufsbildung verhindern, wir verlangten einen Bericht über die explodierenden Kosten im Bereich des Spezialunterrichts und wir haben eine Motion überwiesen, welche den Wildwuchs bei den Nachteilsausgleichen und den Fördermassnahmen beenden soll. Ausserdem waren wir die kritischste Fraktion in der Affäre MBA (Maturitäts- und Berufsschulamt), als es um die verfehlte Aufsichtspflicht im BBZ-Biel ging. Übrigens: Etwas Parteienwerbung muss sein, die GLP-Fraktion unterstützte diese Anliegen immer. Vor allem mein Mitstreiter, Michael Ritter, Gemeinderat in Burgdorf, geht in vielen – nicht allen – Punkten völlig mit mir einig und setzt sich für pragmatische Lösungen im Bildungswesen ein.

Das ist ja alles nicht sehr gestalterisch…

(Lacht) In der  Tat und zeitweise überaus frustrierend, sich immer wieder hinzustellen und gegen hehre Bildungsziele zu argumentieren, die dir immer wieder das Blaue vom Himmel versprechen, von denen man aber weiss, dass sie wirkungslos, teuer und mitunter auch kontraproduktiv sind.

Und du von deinen Gegnern auch noch  als «old school» diffamiert wirst.

Interessant ist, dass viele unserer Erfolge gegen die explizite Haltung des kantonalen Lehrerverbandes erfolgt sind.

Aber einen Punkt auf meiner Bildungsagenda ist natürlich der Elefant im Bildungsraum, nämlich der Skandal, dass rund ein Viertel unserer Schülerinnen und Schülern die Schule nach neun Schuljahren verlässt, ohne richtig lesen und schreiben zu können.

Hast du schon Ziele, wenn du wieder gewählt werden solltest?

In erster Linie kommt jetzt die Debatte um das Frühfranzösisch. Aber einen Punkt auf meiner Bildungsagenda ist natürlich der Elefant im Bildungsraum, nämlich der Skandal, dass rund ein Viertel unserer Schülerinnen und Schülern die Schule nach neun Schuljahren verlässt, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Man kann sich kaum vorstellen, was man diesen Menschen damit antut. Und die meisten von denen kommen aus den unterprivilegierten Schichten.

Das kann man allerdings nicht in einer Legislatur ändern…

… und auch nicht nur im Parlament.

Sind die Migrantenkinder das Problem, wie es das SVP-Bildungspapier suggeriert?

Nichts ist falscher! In den Kindern unserer Migranten steckt ein riesiges Potential. Mit falschen Prioritäten wie Frühfranzösisch, mit schwurbligen Thesen zum selbstorganisierten Unterricht oder naiven Vorstellungen von Leistungsabbau werden wir dieses Problem nicht lösen.

Sondern?

Mit einer klaren Prioritätensetzung. Deutsch lernen, Schreiben lernen. Lesen und Schreiben ist zwar nicht alles, aber ohne Lesen und Schreiben ist alles nichts.

 

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2 Kommentare

  1. Leider wurden schon bei über 30 Lehrberufen in der Schweiz die schriftlichen Abschlussprüfungen abgeschafft.
    Die Lehrpersonen die das Praxiswissen mitbringen werden nicht mit ins Boot genommen.
    Sie werden nicht befragt, bzw. es findet event. eine Pseudobefragung statt.
    Entschieden wird in irgendwelchen Gremien, die mit der Umsetzung und dem Arbeiten in der Praxis dann nichts am Hut haben.
    Diese Entwicklung finde ich extrem schade und auch kontraproduktiv.

  2. Alain Pichard gibt in einer Antwort ungenau wieder: “Wir konnten die Abschaffung der schriftlichen Prüfungen in der Berufsbildung verhindern, …”. Er meint wohl die vom SBFI in der Vernehmlassung vorgeschlagene Abschaffung der schriftlichen Abschlussprüfung Allgemeinbildung. Es ging bei der Revision nur um die Allgemeinbildung. Durch den grossen Einsatz von vier nicht parteigebunden Personen aus dem Kanton Zürich konnte erreicht werden, dass sich schwergewichtig verschiedene Nationalrätinnen und – räte aus mehreren Parteien für den Beibehalt der schriftlichen ABU-Abschlussprüfung einsetzten. Gut eidgenössisch entschied dann das SBFI, dass die Abschlussprüfung ABU beibehalten wird und jeder Kanton selbst bestimmen kann, ob er mündlich oder schriftlich prüfen will. Stand Oktober 2025: 24 Kantone entschieden sich für schriftlich, Neuenburg für mündlich und Freiburg war damals noch ungeklärt.
    Meines Wissens gab es im Grossen Rat des Kantons Bern eben auch einen Vorstoss auf kantonaler Ebene dazu – diesen meint wohl A. Pichard.
    Beistimmen kann ich H. Wegmüller in seiner grundsätzlichen Einschätzung. Ich nehme an, dass sich seine Aussage zu den 30 Lehrberufen auf die Berufskunde bezieht und auch auf die Prüfung der berufskundlichen Fächer der Berufsschule. Falls dies so ist, dann wäre dies ein weiteres Indiz (man kann es auch so formulieren: “ein weiterer Sargnagel”), dass Leistung und Qualität unwichtig werden.

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