28. Januar 2026
Kommentar zur Kehrtwende des LCH

Verantwortung beginnt, wo die Ausrede endet.

Die Attitüde des «Ich habe es ja gesagt», geht Condorcet-Autor Alain Pichard ab, obwohl wir von der Redaktion ihm diese Aussage des Öfteren hätten unterschieben wollen. Der erfahrene Lehrer wählt einen anderen Ansatz: Die integrative Schule ist eine Fiktion. Und Integration ist keineswegs gescheitert. Man muss nur ehrlich sein. Alain Pichard reagiert auf ein Interview, das der NZZ-Journalist mit der LCH-Präsidentin Dagmar Rösler geführt hat (https://condorcet.ch/2026/01/integrative-schule-am-ende-sogar-die-feurigste-verteidigerin-scheint-den-glauben-verloren-zu-haben-und-verzichtet-auf-den-begriff/)

Zu Beginn muss ich meinem verehrten Journalisten der NZZ, Sebastian Biellmann, in seiner Einschätzung der Wirkungsmacht der LCH-Präsidentin widersprechen. Dagmar Rösler hatte nie eine grosse Wirkungsmacht. Sie kommt nicht annähernd an das Niveau ihres Vorgängers Beat W. Zemp heran. Bei aller Euphorie für den Lehrplan 21 und die Reformen hatte Herr Zemp kaum in den Medien in der Art Stellung bezogen, dass er später zurückkrebsen musste. Und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Anzahl Interviews nicht gleichbedeutend mit Wirkungsmacht ist. Da müssten die Inhalte schon etwas mehr hergeben.

Die bekennende «woke» LCH-Präsidentin Rösler hingegen handelt nach dem Prinzip «Drei Schritte vor, einen zurück». Im Moment sind es sogar zwei Schritte und der dritte Schritt zurück wird nur deshalb nicht bemerkt, weil man den Sprach-Code ständig wechselt. Doch davon später.

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, GLP-Grossrat im Kt. Bern und Mitglied der kantonalen Bildungskommission: Das kann ich euch nicht verzeihen.

Frau Rösler und ihre Entourage waren für eine Schule ohne Selektion, für die Abschaffung der Noten, für das Frühfranzösisch, für den Kindergarten ab 4 Jahren, für die Inklusion, für den Lehrer als Coach usw. Sie begrüssten fast alle Reformeingriffe, die eine ausser Rand und Band geratene Allianz von Politik, Verwaltung und Wissenschaft in der Schule zu implementieren versuchte. Die Rezeption dieser frivolen Litanei an der Basis interessierte wenig. In der Frage der Selektion freilich streckte man den Kopf mal kurz über den Balkon, atmete etwas Wirklichkeit und veranlasste eine Umfrage unter den Mitgliedern. Die Ergebnisse wurden nicht veröffentlicht (der Condorcet-Blog hat darüber berichtet), aber bewogen die lokalen Sektionen immerhin dazu, die Initiativen, welche eine Abschaffung der Selektion verlangten, nicht zu unterstützen.

Dagmar Rösler, LCH-Präsidentin:Es ist selten so, dass man Neuigkeiten erfährt, wenn man Selbstgespräche führt.

Es ist selten so, dass man Neuigkeiten erfährt, wenn man Selbstgespräche führt. Deshalb soll es nun wieder eine Umfrage geben. Diesmal zur Frage der Integration in unseren Schulen. Ob die Resultate dieser Mitgliederbefragung wiederum nicht veröffentlicht werden, hängt vermutlich vom Ergebnis ab.

Dass es mit der Integration nicht so läuft, wie sich dies Frau Rösler vorgestellt hat, geben heute sogar die euphorischsten Befürworter zu. Natürlich ist so ein Zugeständnis nicht gratis, wird der Ball doch nicht den Heilspropheten aus den Laboren der Integrationstheoriestätten zugespielt, sondern den Behörden, die eben die Gelingensbedingungen nicht erfüllt hätten. Und dreimal darf geraten werden, was denn diese Gelingensbedingungen sind: Mehr Geld! Kleinere Klassen, Mehrheilpädagoginnen.

Christine Häsler, Bildungsdirektorin des Kantons Bern: 77 Mio Nachkredite.

Die arme Regierungsrätin im Kanton Bern, Christine Häsler, musste dem Parlament während der Budgetdebatte im November 2025 eröffnen, dass bereits in den Jahren 2022 bis 2024 im besonderen Volksschulbereich rund 150 zusätzliche Klassen eröffnet wurden. Für das Schuljahr 2025/26 kam es zu weiteren 35 Klasseneröffnungen. Sie beantragte daher einen Nachkredit von 77 Mio Fr. Die Finanzkommission stellte lapidar fest: Der Bildungsbereich zählt zu den grössten Treibern des Ausgabenwachstums im Kanton Bern.

Und noch eine Aussage der bernischen Bildungsdirektion muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: «Im Schuljahr 2024/25 ist für rund 80 % aller Schülerinnen und Schüler im Kanton Bern das ordentliche Regelschulangebot ausreichend. Ungefähr 15 % der Schülerinnen und Schüler erhalten im Rahmen der Regelschule zusätzliche Unterstützung in Form von sogenannten «einfachen sonderpädagogischen Massnahmen. 5% werden separativ beschult.»

Mit anderen Worten: Ein Fünftel aller Schüler hat irgend einen ausgewiesene psychische Diagnose!

Offensichtlich war die ganze Debatte um die integrative Schule eine Fatamorgana. In Wirklichkeit hat die separative Beschulung nie aufgehört, trotz aller Schalmeienklängen aus dem Bildungsapparat.

Zur Erinnerung: In den 70er Jahren betrug der Anteil der Sonderschüler im Kanton Bern um die 5%. Und das galt damals bereits als besorgniserregend.

Annakatharina Zenger, Sekretärin von Bildung Bern, versuchte die bestürzten Grossräte mit folgender Erklärung zu beschwichtigen: Die “Kostenexplosion” hängt damit zusammen, dass der Bedarf gestiegen ist, dass mehr Kinder in die besonderen Volksschulen überwiesen werden. Der Anteil der Kinder, die separativ beschult werden, entspricht nun in etwa dem schweizerischen Durchschnitt von rund 5%. Mehr Kinder verursachen mehr Kosten.»

Offensichtlich war die ganze Debatte um die integrative Schule eine Fatamorgana. In Wirklichkeit hat die separative Beschulung nie aufgehört, trotz aller Schalmeienklängen aus dem Bildungsapparat. Sie befindet sich auf dem gleichen Stand wie in den 70er-Jahren. Nur nennt man diese Klassen nicht mehr Kleinklassen, sondern Aquarien, Förderklassen, Lernateliers, Klassen mit besonderem Bildungsbedarf, Sonderpädagogische Klassen, Sprachförderklasse, Lernförderklassen, Verhaltensunterstützende Klassen, Entlastungsklassen, Aufnahmeklassen (v. a. für neu zugewanderte Kinder), Time-out-Klassen (zeitlich befristet), Entlastungsklassen.

Diese Sprachcode-Transformation erinnert uns an die Bichselsche Glosse «Ein Tisch ist ein Stuhl». Am Schluss soll niemand eigentlich mehr wissen, um was es geht.

Zugenommen haben dagegen die Befunde: 15% werden in sogenannten «Integrativen Settings» (was für ein Begriff!) im Regelunterricht zu beschulen versucht. Und auch hier gibt es wunderbare Wortschöpfungen wie Integrative Förderung (IF), Integrative Sonderschulung (ISS), Integrierte sonderpädagogische Massnahmen. Massnahmen sind unter anderem, dass ein Heer von Heilpädagoginnen die zu unterstützenden Kids aus dem Unterricht holt und in kleinen Gruppenräumen irgendetwas mit ihnen macht.

Aus Sicht eines Finanzdirektor könnte man sarkastisch hinzufügen: Zum Glück gibt es viel zu wenig Heilpädagoginnen, denn sonst wäre das Ganze noch teurer. Aus Sicht der Kinder ist es hingegen ein Desaster. So werden die armen Kinder von Quereinsteigerinnen, Floristinnen, gelernten Kellnerinnen und Hausfrauen betreut oder von ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet, die nicht mehr in der Lage sind, vor einer ganzen Klasse zu stehen.

Zudem haben wir heute einen Dschungel an Diagnosen und Massnahmen, begleitet von einer Abklärungsarmee und implodierenden Fachstellen, die immer mehr Geld benötigen. Die Übersicht hat kaum jemand.

Nötig wäre die Reduktion der Lehrpläne, gute ausgebildete Lehrkräfte im Teamteaching und ein guter Unterricht. Und zu tun, was man versteckt bereits macht: Massvoll separativ beschulen.

Ist die Integration gescheitert?

Die Integration ist grundsätzlich nicht gescheitert. Die Schule von heute war noch nie so durchlässig, die Klassen noch nie so offen für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Gescheitert ist die ideologische Wunschprosa der PH-Experten , der Märchenerzähler wie Herr Lafranchi oder der Funktionäre der Lehrpersonalverbände. Und gescheitert ist eine Umsetzung, die die Praxis mit ständig neuen Verordnungen, Reglementen und Vorgaben überzieht. Es ist keine Frage: Es gibt heute mehr Kinder mit Förderbedarf, es gibt die Spätfolgen von Corona, es gibt die Einwanderung und die Folgen des Medienkonsums. Die Lösung wäre hier nicht die Atomisierung des Lehrkörpers, schrille Vorstellungen von einem Selbstorganisierten Unterricht, die Umfunktionierung des Klassenzimmer als Durchgangsbahnhof und die Degradierung der Lehrperson als Coach. Das ist sehr oft kontraproduktiv und enorm teuer. Nötig wäre hingegen die Reduktion der Lehrpläne, gute ausgebildete Lehrkräfte im Teamteaching, mehr Ruhe und ein guter Unterricht. Und zu tun, was man versteckt bereits macht: Massvoll separativ beschulen. Damit könnte man nicht alle Probleme lösen, aber sie erheblich reduzieren. Wir müssen ehrlicher werden, weniger Ausreden suchen und Verantwortung übernehmen.

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Dieser Beitrag ist zuerst in der NZZ erschienen: https://www.nzz.ch/meinung/lehrer-in-der-schweiz-wie-der-beruf-wieder-attraktiver-wird-ld.1700669

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