12. Oktober 2026
Replik auf Peter Rothenbühlers flammenden Appell in der Weltwoche: Rettet das Frühfranzösisch

Lieber Peter Rothenbühler

Condorcet-Autorin Christine Staehelin antwortet auf den flammenden Appell des Journalisten Peter Rothenbühler (Weltwoche), der das Frühfranzösisch retten will.

Ihr Plädoyer für das Französisch hat mich sehr gefreut! Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass man sich in unserem mehrsprachigen Land gegen das Erlernen einer Landessprache als erste Fremdsprache ausspricht? Gibt es auch nur einen einzigen Grund, warum wir uns hierzulande in einer Sprache verständigen sollten, die für alle eine Fremdsprache ist?

Christine Staehelin, Primarlehrerin, Mitglied des baselstädtischen Bildungsrates:

Sprache ist weit mehr als Wörter: Sie trägt Kultur, Geschichte, Werte und Denkweisen. Gerade in unserer mehrsprachigen Schweiz ist gegenseitiges Verständnis unverzichtbar – nicht nur als Mittel zur Information, sondern als Grundlage für Respekt, Miteinander und Anerkennung unserer Verschiedenheit.

Dennoch ist es eine Tatsache, dass nur rund die Hälfte der Deutschschweizer Schülerinnen und Schüler die Grundkompetenzen in Französisch erreicht. Wie konnte es so weit kommen?

Im HarmoS-Konkordat von 2007 wurde festgelegt, dass in der Primarschule zwei Fremdsprachen unterrichtet werden: die erste ab der 3., die zweite ab der 5. Klasse. Wer Kindern bereits mit acht oder neun Jahren eine Fremdsprache zumutet, ignoriert die kognitive Entwicklung: Zu diesem Zeitpunkt fehlen ihnen die Fähigkeiten, abstrakte Grammatikregeln zu verstehen oder Lernstrategien gezielt anzuwenden. Die Entwicklungspsychologie zeigt, dass Kinder erst ab etwa 11 Jahren Sprachen bewusst, systematisch und strategisch lernen können, weil sie dann abstrakte sprachliche Konzepte erfassen. Ein früheres Einführen erschwert den Erwerb grundlegender Sprachkompetenzen – und dies war bereits 2007 bekannt.

Das Ignorieren entwicklungspsychologischer Tatsachen und didaktischer Prinzipien sind die wesentlichen Gründe für das Scheitern des Frühfranzösisch ab der 3. Klasse.

Dazu kam, dass man in den Passepartout-Kantonen, in denen Französisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird, ein vollkommen untaugliches Lehrmittel verwendete. Das Ignorieren entwicklungspsychologischer Tatsachen und didaktischer Prinzipien sind die wesentlichen Gründe für das Scheitern des Frühfranzösisch ab der 3. Klasse.

Peter Rothenbühler, Journalist. Verfechter des Frühfranzösisch.

So unüberlegt, wie man vor zwanzig Jahren zentrale pädagogische Fakten ignorierte und damit den Misserfolg vorprogrammierte, so unüberlegt reagiert man nun auf das Scheitern des frühen Französischunterrichts. Man streicht ihn auf der Primarstufe kurzerhand – ganz nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn. Das Problem scheint damit verschwunden, Verantwortung für das Scheitern? Überflüssig. Ursachenforschung? Unnötig. Was bleibt, ist der Verlust – und auch darüber scheint man sich erstaunlich wenig Gedanken zu machen.

Deshalb ist es an der Zeit, Konsequenzen zu ziehen: Französisch muss als erste Fremdsprache an der Primarschule ab der 5. Klasse unterrichtet werden – nicht später, nicht optional, sondern systematisch. Nur so würdigen wir die Mehrsprachigkeit der Schweiz, fördern gegenseitiges Verständnis und stärken die Anerkennung unserer Vielfalt. Vive le français!

Mit freundlichen Grüssen

Christine Staehelin

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Hans Joss, Bern, ist ehemaliger Sekundarlehrer, studierte Psychologie und war jahrelang wissenschaftlicher Leiter «Langzeitfortbildungen bei der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern». Er ist eingeschriebenes Mitglied der Berner SP und sieht besonders die bei uns immer noch vorhandene Selektion der Schülerinnen und Schüler sehr kritisch. Sein Beitrag, den er uns zur Verfügung gestellt hat, ist zuerst in der Zeitschrift “vpod-bildungspolitik” (nr. 214) erschienen.

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