24. April 2024

Wer steuert eigentlich das Bildungsboot?

Und wieder sind sie unterwegs, die Bildungspropheten und Bildungsrevolutionäre. In vielen Medien propagieren sie ungehemmt radikale Strukturreformen. So wollen sie den Defiziten, die sie mitverursacht haben, entfliehen. Ein Aufruf zu mehr Wirksamkeit von Condorcet-Autor Carl Bossard.

Es ist die Stunde der grossen Worte: “Bildungsrevolution – jetzt!”, heisst es beim privaten Zürcher Unternehmen “Intrinsic”. Das “Netzwerk für angewandte Bildungsrevolution”, will damit “zu neuen Ufern aufbrechen […] und mit einer radikal neuen Lernkultur Bildung revolutionieren”.[i] Bildung müsse sich endlich modernisieren! Wieder einmal wird Bildung mit ihrer Reform gleichgesetzt. Doch auf das Wie wird nicht verwiesen, lediglich auf neue Strukturen. Negiert wird auch die Evidenzfrage und damit der Wesenskern des Unterrichts: Worin zeigt sich das Wirksame dieser Reformen? Und worin erkennt man das Gelingen der Innovationen?

Reformen an der Oberfläche

Eine Art Strukturrevolution propagieren auch der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) und ihr umtriebiger Präsident Thomas Minder. Ultimativ verlangen sie die Abschaffung jeder Selektion in den ersten neun Schuljahren, dazu die Elimination der Noten[ii] und der Hausaufgaben. Und der VSLCH setzt dominant auf “Lernlandschaften”, auf das selbstorientierte Lernen SOL der Kinder und eine forcierte Digitalisierung.

Wenn es nach dem Schweizer Schulleiter-Verband geht, sind Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr Pädagogen, sondern nur noch Coachs und Lernbegleiter. Die Bildungsforschung aber kann nachweisen: Das ist Oberflächenkosmetik mit wenig bildungsqualitativer Tiefenwirkung.

Orchestrierte Pressekampagne?

In die gleiche Richtung zielt die oberste Lehrerin der Schweiz, Dagmar Rösler. Auch für die Präsidentin des Verbands Deutschschweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) sind “Schulnoten […] nicht mehr zeitgemäss”, wie sie im grossen Blick-Interview verrät.[iii] Und wer die Medienberichte zu Schulfragen der vergangenen Wochen durchgeht, stösst auf viel Paralleles, auf Kongruenz unter Bildungsreformern, als gliche das Ganze einer orchestrierten Pressekampagne. Da erklärt beispielsweise “Bildungsexpertin” Rahel Tschopp in der SonntagsZeitung anhand von 26 Stichworten, was sich alles ändern müsse, damit wir eine zeitgemässe Schule erhielten.[iv]   

Carl Bossard, Condorcet-Autor und Bildungsexperte

Und wieder trifft man auf die fast identischen Kennzeichen, wie sie auch der VSLCH postuliert und wie sie in Teilen der LCH-Präsidentin Dagmar Rösler wichtig sind: Da ist von Abschaffung der Noten und Zeugnisse und damit der Selektion die Rede, da wird die Auflösung des Klassenverbandes gefordert und damit das Ende des Unterrichts im Kollektiv, da wird die Digitalisierung forciert.[v] Die Stossrichtung ist die gleiche. Die Tamedia-Presse aber unterschlägt die Tatsache, dass Bildungsprophetin Rahel Tschopp mit ihrem Institut “Denkreise” Schulentwicklungsprojekte anbietet und im IT-Bereich tätig ist. Schulreformen um des eigenen Gewinns wegen?

Reformpädagogische Wunschvorstellungen

Thomas Minder und sein Verband VSLCH wie auch die oberste Lehrerin der Schweiz, Dagmar Rösler vom LCH, wenden sich mit ihren Thesen an die Öffentlichkeit. Sie zeigen keine Scheu, “Reformen” zu forcieren, die in vielen Teilen an der Bevölkerung vorbeigehen und reformpädagogische Wunschvorstellungen bedienen. Eine”notenfreie Schule” beispielsweise ist höchst umstritten. Auch viele Schulleiter wollen sie nicht.

Es erstaunt und irritiert, dass diese radikalen Innovationen als professionelle Forderung daherkommen und der LCH wie der VSLCH so tun, als gäbe es keine Politik und keine öffentliche Meinung.

 

Verschwiegen wird, dass in einem wertschätzenden Umfeld, in einer fehlerfreundlichen Atmosphäre Noten nicht das Problem sind, sondern eine Hilfe sein können, die Klarheit schafft. Entscheidend ist das lernfördernde Feedback – im Sinne der Artikulation der Differenz zwischen Sein und Sollen in Bezug auf die Sache, den Lernprozess und die Selbstregulation. Dafür müssten Lehrerinnen und Lehrer im Alltag Zeit haben. Das wären Reformen mit Tiefenwirkung. Die empirische Bildungsforschung weist sie nach.[vi]

An der Bildungspolitik vorbei

Es erstaunt und irritiert, dass diese radikalen Innovationen als professionelle Forderung daherkommen und der LCH wie der VSLCH so tun, als gäbe es keine Politik und keine öffentliche Meinung. Dabei ist im Luhmann’schen Spiel der Subsysteme die Schule der Politik unterstellt. Da liegt das Problem: LCH wie der VSLCH und teilweise auch die Pädagogischen Hochschulen, die das mitttragen oder gar initiieren, stellen sich über die Politik und schaffen Fakten. Die Bildungspolitik und mit ihr die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK nehmen das kommentarlos hin und schweigt. Sie werden getrieben, statt zu steuern.

Strukturreformen von Seiten der Universität

Ein Paradebeispiel dazu ist das Tagesgespräch auf SRF I mit der Bildungsforscherin Katharina Maag Merki, Universität Zürich.[vii] Sie ortet zwei gravierende Probleme: Da ist einerseits die Tatsache, dass 25 Prozent der Schweizer Schülerinnen und Schüler mit Blick auf das Leseverständnis als leistungsschwach eingestuft werden. Um die hohe Rate funktionaler Analphabeten wissen wir aber längst; und PISA 2022 hat das Defizit erneut verdeutlicht.

Und da ist anderseits das Auseinanderdriften der Schere zwischen Kindern aus bildungsfreundlichem Elternhaus und solchen aus bildungsdistanzierterem «Milieu». Konkret: die bedrohte Chancengerechtigkeit.

Doch statt diese beiden Problemfelder zu analysieren und nach den Gründen für den Einbruch zu fragen, verlangt Maag Merki dezidiert die Abschaffung der Noten und der Selektion und damit die Aufhebung leistungsunterschiedlicher Klassen nach sechs Schuljahren: Auch sie plädiert, ohne vertieft zu begründen, ultimativ für Strukturreformen!

Wenn Eltern mithelfen müssen

Die Bildungsexpertin Maag Merki verliert kein Wort, warum unsere Schulen an diesem Defizit leiden. Kein Wort zu den überfüllten Lehrplänen, zu den beiden Fremdsprachen auf der Primarschule und der fehlenden Übungszeit, der forcierten Integration und der entsprechenden Unruhe im Schulzimmer. Auch die Moderatorin fragt nicht danach. Kein Wort, warum selbst intelligente Kinder am Ende der Primarschule in den Grundfertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens oft grosse Lücken aufweisen.

Ein kleiner universitär-akademischer Zirkel hat – im Verbund mit einer starken Bildungsbürokratie – die Dominanz über die Schulen errungen.

Und wenn sie diese Grundlagen beherrschen, dann stehen nicht selten engagierte Eltern oder private Nachhilfeinstitute dahinter. Auch das wissen wir. Hier fände sich doch der Schlüssel zur Bildungsgerechtigkeit: Darum wäre dafür zu sorgen, dass jene Kinder, die keine Impulse oder nur wenig Hilfe aus dem Elternhaus kennen, nicht benachteiligt sind. Chancengleichheit entsteht im Klassenzimmer – über gute, vital präsente, am Wohl des Kindes interessierte Lehrpersonen und einen wirksamen Unterricht.

Fokus auf den Kern der Schule richten

Elementar wäre doch eines: endlich die vielen Baustellen – wie beispielsweise die vergessene Deutschkompetenz – aufräumen, bevor neue Gruben aufgerissen werden. Doch es ist eben leichter, den zahlreichen Schadstellen zu entfliehen und sich neuen “Reformen” zuzuwenden. Und es sind immer Strukturreformen, die gefordert werden! Dabei ist längst bekannt: Humane Energie kommt aus Personen, nicht aus Strukturen. Da hinein, in die Mikroprozesse des Lehrens und Lernens, müsste eine verantwortungsbewusste Bildungspolitik zoomen, in den gefährdeten Kern der Schule.

Die Definitionsmacht über die Schule gehört der Bildungspolitik

Wir brauchen eine Volksschule, die nicht in der Definitionsmacht der Verbände und auch nicht der Pädagogischen Hochschulen liegt. Ein Diskurs ist heute schwierig geworden. Ein kleiner universitär-akademischer Zirkel hat – im Verbund mit einer starken Bildungsbürokratie – die Dominanz über die Schulen errungen. Sie bestimmen, was gelehrt und wie unterrichtet werden muss – oft auch gegen die Praktiker. Das bedeutetet eine Marginalisierung der Praxisempirie. Hier müsste die Bildungspolitik gegensteuern. Leidtragende sind immer die Kinder.

 

[i] https://www.intrinsic.ch/ [abgerufen am 22.03.2024]

[ii] Vgl. https://www.srf.ch/audio/forum/sind-schulnoten-noch-zeitgemaess?id=12449418 [abgerufen am 21.03.2024]

[iii] Lisa Aeschlimann, «Schulnoten sind nicht mehr zeitgemäss», in: Blick, 25.02.204.

[iv] Vgl. Ursina Haller, Die Schule der Zukunft. Ein Glossar, in: SonntagsZeitung. Das Magazin 03.02.2024, S. 8ff.

[v] Schweden hat die Digitalgeräte auf der Primarstufe verboten und kehrt zur Papierform zurück. Auch Dänemark verbiete sie; der dänische Bildungsminister entschuldigte sich gar für die negativen Folgen, die eine forcierte Digitalisierung der Schulen verursacht habe; vgl. https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=2061 [abgerufen am 21.03.2024]

[vi] John Hattie & Klaus Zierer (2017), Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. 2. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 137ff.; dazu: John Hattie (2023), Visible Learning: The Sequel. A Synthesis of Over 2’100 Meta-Analyses

  Relating to Achievement. London, New York: Routledge, p. 224ff.

[vii] https://www.srf.ch/audio/tagesgespraech/katharina-maag-merki-an-den-schulen-rumpelt-es-wie-noch-nie?id=12559295 [abgerufen am 20.03.2024]

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4 Kommentare

  1. Alle diese Superexperten sollten die Verantwortung für den Schlamassel in der Schule auch finanziell tragen. Da werden sie sicher ganz schnell Ihr grosses Mundwerk halten. Schon über 30 Jahren kapieren sie überhaupt nicht, dass ihre Konzepte schwachsinnige Ergebnisse erbringen. Die müssen ihre Rezepte selbst kosten, denn anders kapieren die gar nichts.

  2. Danke,
    Herr Bosshard,
    für Ihre treffende Analyse.
    Wie Sie sehen, haben Sie mich zum Nachdenken und Schreiben gebracht.
    Lieber Gruss
    Beni Diener

    Seit über dreissig Jahren wird die Schule mit Trends “genudged”. Neu entstandene Stellen glauben ihre Notwendigkeit mit Neuerungen beweisen zu müssen. Wenn ein Team dahinter steht und Änderungen mit Engagement beharrlich ausprobiert und über die Jahre anpasst, kann dies ein Segen sein – vorerst für die entsprechende Schuleinheit. Schuleinheiten sind aber empfindliche Biotope. Was im Biotop A erfolgreich läuft, scheitert im Biotop B – trotz/wegen Vorgaben, Konzepten und Schulungen. Der Traum der Bildungs-Visionäre ist es darum, möglichst genormte Lehrpersonen (der unpersönliche Begriff passt) in die Klassenzimmer zu setzen. Das gelingt nicht schlecht, da gestiegene Anforderungen im Schulalltag und ein neues Verständnis der Begriffe “Work”, “Life” und “Balance” vielen Lehrerinnen und Lehrern die Lust auf eigenes Gestalten dämpfen. Darum sind Reformen, mit triggernden Verheissungen wie z.B. Chancengerechtigkeit oder müheloses Lernen klug verbunden, heutzutage leichter umzusetzen. Dies führte aber in den letzten Jahren weder zu gefeierten Lernerfolgen der Schülerinnen und Schüler noch zu Höhenflügen bei der Berufszufriedenheit der Lehrkräfte.
    Jede Lehrerin, jeder Lehrer startet (hoffentlich) mit dem Traum, einen Unterschied auszumachen und im Beruf (echten) Spass zu haben. Eine riesige, schlummernde Energie, ein Lebensentwurf. Wie in jeder Kunst oder in jedem Sport erfordert der Traum stetigen Einsatz und langsames Wachsen an Erfolgen und vor allem Misserfolgen. Ein solcher – individueller Weg ist aber immer weniger verlangt; die Konzepte sind vorgegeben, Lektionen und Tests vorfabriziert, vollständige Ausbildungen nicht mehr erfordert; gute und schlechte Lehrer haben den gleichen Status.
    Und so ist nach der Reform auch vor der nächsten Reform.
    Die Grundenergie vieler Lehrkräfte wird verschwendet. Interne Weiterbildungen und Rückmeldungen in der MAB genügen nicht für die Entwicklung der Persönlichkeit, den Aufbau der Selbstsicherheit und den Glauben daran, die einzelne Lehrkraft den entscheidenden Unterschied ausmachen kann.
    Lehrerinnen und Lehrer brauchen mehr Musse: Zeit zur freien Reflexion, zum freien Austausch und zur freien Weiterbildung.

  3. Als ICT-Pädagoge habe ich die Diskussion um die richtige (Schul-)Kultur mit grossem Interesse verfolgt und festgestellt, dass man sich bei allem, was man darüber liest, nie ganz sicher sein kann, was wirklich stimmt. Das scheint auch bei diesem Artikel der Fall zu sein.
    In den Fussnoten unter (v) schreibt C. Bossard folgenden Satz:
    “Schweden hat die Digitalgeräte auf der Primarstufe verboten und kehrt zur Papierform zurück.” Das gleiche schreibt er auch auf seiner Webseite journal21.ch (Nach dem Pisa-Schock)

    Schweden hat gemäss Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Schweden#:~:text=Die%20normale%20Schullaufbahn%20besteht%20aus,Zeit%20umfasst%20meist%20sieben%20Stunden.)
    keine Primarschule wie in der Schweiz, sondern eine Grundschule – die “Primarstufe” dauert in Schweden bis am Ende des 9. Schuljahres. In Schweden sollen jedoch “….Kinder unter 10 Jahren ganz vom digitalen Unterricht wegkommen […] und dafür will die Regierung neue Richtlinien ausarbeiten.

    https://www.srf.ch/news/international/tablets-in-klassenzimmern-schweden-bremst-die-digitalisierung-an-schulen#:~:text=In%20Schweden%20sollen%20Kinder%20unter%20zehn%20Jahren%20ganz%20vom%20digitalen%20Unterricht%20wegkommen.&text=Das%20wird%20in%20Schweden%20anders,Bibliothek%20mit%20gedruckten%20B%C3%BCchern%20erhalten.

    Digitale Geräte scheinen also nicht verboten zu werden, sondern die Digitalisierung soll nur nicht mehr gefördert werden.

    Siehe dazu auch diesen Artikel
    https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail&newsid=1991#:~:text=Die%20Regierungen%20machen%20v.a.%20die,Wir%20dokumentieren%20diese%20Entwicklung.&text=Die%20schwedische%20Regierung%20machte%20ihre,mit%20digitalen%20Ger%C3%A4ten%20auszustatten%2C%20r%C3%BCckg%C3%A4ngig.

    Was stimmt jetzt?

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