15. Juli 2024
Buchbesprechung

Tonio Schachingers Schul-und Gesellschaftsroman “Echtzeitalter”: “Eine unschuldige und dennoch gnadenlose Simulation”

Unschuldig ist sie nicht, diese Welt des Wiener Elitegymnasiums Marianum, in der sich der pubertierende Till Kokorda auf möglichst unauffällige Weise versucht durchzuwursteln. Eher gnadenlos. Und wenn es im schulischen Alltag mit dem sadistisch-elitären Klassenlehrer Dolinar nicht mehr auszuhalten ist, gibt es zum Glück noch die Unschuld der Echtzeit-Strategiespiele “Age of Empires 2”, wo es Till bis in die globale Spielerelite schafft. Für dieses mit viel Spott und Einfühlsamkeit entworfene Sittengemälde, das unspektakulär traditionell erzählt wird, hat der 31-jährige österreichische Schriftsteller zu Recht den Deutschen Buchpreis 2023 erhalten.

“Till geht am russischen Siegesdenkmal vorbei und entscheidet sich, einen Umweg über den Karlsplatz zu nehmen. Alles ist gut. Till ist glücklich. Er muss nie wieder in die Schule, nie wieder von Felis Seite weichen. Er weiss nicht, dass es keine Happy Ends gibt. Dass Menschen, die sich lieben, wie Punkte im Universum sind, so klein, dass sie eigentlich keine Fläche haben, so klein, dass man glaubt, sie wären einander nahe, obwohl zwischen ihnen Platz für unendlich viele weitere Punkte ist, zwei Punkte, die sich in Bewegung setzen, zur Linie werden, zu zwei Linien, wenn man hineinzoomt, zwei parallelen Linien, die sich im Verlauf der Zeit als nicht parallel erweisen, auseinanderdriften, mit jeder Veränderung des Winkels oder der Geschwindigkeit, mit jeder fremden Linie, die sie kreuzen, jeder Widrigkeit und jeder Chance.”

Georg Geiger, pensionierter Gymnasiallehrer, Basel-Stadt

Was für ein lebenskluges, weises Ende dieser Geschichte, deren letzter Satz aber nochmals klarmacht, dass es keine vorschnelle Versöhnung und keine Verklärung der Vergangenheit gibt, was die unsägliche Zeit in diesem ummauerten Elitegefängnis anbetrifft: “Spinnst du?, sagte Till. Es war die Hölle, du Idiot!”

Seltsamerweise wird sowohl in der Laudatio der Buchpreis-Verleihung wie auch in einigen Rezensionen (vgl. etwa Adam Suboczynski in der ZEIT vom 16.3.2023) der Eindruck erweckt, dass sich der Held wegen des Schul-Drills, den Problemen mit seiner Mutter und dem frühen Tod des Vaters in die Gamer-Welt flüchte, was aber in keiner Weise zutrifft. Beide Welten, die Schule wie das digitale Strategiespiel, nehmen ihre Legitimation aus den Regeln, die es zu befolgen gilt, will man unbeschadet oder vielleicht sogar mit Erfolg aus der Sache herauskommen, wie es Philipp Bovermann in der SZ vom 15.4.2023 klug referiert.

Der Autor entgeht der Gefahr, auf plumpe Weise die analoge Welt gegen die digitale auszuspielen. Lesen oder gamen?, das ist nicht die passende Frage, denn: “Entweder man liest gerne, oder man spielt gerne Games. So oder so verpasst man etwas.” (S.256) Und das Gamen eröffnet Till eine ganze berufliche Zukunft: “Und er sieht ein neues Licht am Horizont, die Hoffnung auf Turniere, Sponsoren, eine Renaissance von AOE2, die ihm, genau zum richtigen Zeitpunkt, ermöglichen könnte, von dem zu leben, was er am liebsten macht, auch wenn das eher ein Gedanke für Tagträume ist als einer für die Berufsberatung.” (S.154)

“Mit Georg im Informatiksaal entdeckte er, dass das, was er sich immer gewünscht hatte, eine unschuldige und dennoch gnadenlose Simulation, eine Möglichkeit, sich nicht nur heroisch zu fühlen, sondern es innerhalb einer ästhetisch stimmigen Fiktion von Krieg auch tatsächlich zu sein, längst existierte: als PC-Spiel, das im Jahr seiner Geburt erschienen war.”

Und wenn man als Leser oder Leserin über diese Welt, in der gemäss dem Anbieter “über 1000 Jahre Menschheitsgeschichte, 35 Zivilisationen und mehr als 200 Stunden Spielspass” steckten, genau so wenig weiss wie Tills Eltern, dann liefert der Roman interessante Hinweise, worin denn die ganze Faszination dieser Sache besteht: “Mit Georg im Informatiksaal entdeckte er, dass das, was er sich immer gewünscht hatte, eine unschuldige und dennoch gnadenlose Simulation, eine Möglichkeit, sich nicht nur heroisch zu fühlen, sondern es innerhalb einer ästhetisch stimmigen Fiktion von Krieg auch tatsächlich zu sein, längst existierte: als PC-Spiel, das im Jahr seiner Geburt erschienen war.” (S.343)

Mit unserem Dünkel in den Senkel gestellt

Tills Eltern und wir alle, die wir bildungsbürgerlich geprägt natürlich der Literatur einen höheren Stellenwert beimessen als dem Echtzeit-Strategiespiel von Xbox Game Studio, werden auf sympathische und überzeugende Weise mit unserem Dünkel in den Senkel gestellt: “Sie sprechen über Computerspiele, wie jemand, der nicht lesen kann, über Bücher spricht, und ihre Sorgen unterscheiden sich kaum von den Sorgen derjenigen, die zur vorletzten Jahrhundertwende ins Kino gingen und fürchteten,  der Zug könne aus der Leinwand über sie hinwegrollen.” (S.37)

Wir Lehrer*innen werden noch viel direkter in eine Reihe mit den Gamern gestellt, was durchaus unironisch verstanden werden kann und soll: “Vielleicht besteht kein so grosser Unterschied darin, ob man Streamer ist oder Sportreporter oder Lehrer. Ob man Elbisch lernt oder Finnisch, ob man die Geschichte von Westeros studiert oder die von Westfriesland. Tristan spricht zu Menschen, die jünger sind als er, und versucht, ihnen etwas beizubringen. Tristan kennt sich nur mit seinem Beruf aus, mit Videocontent und Age of Empires 2, während er von allem anderen erstaunlich wenig weiss. Er eint ein Publikum, indem er als Projektionsfläche für ihren Spott herhält, er interveniert, wenn es ihm zu viel wird, mahnt einen freundlicheren Umgangston an und lässt einzelne Störefriede von seinen Mods sperren, damit das, was Age of Empires besonders macht, die relative Freundlichkeit der Community, erhalten bleibt.” (S.79)

Eine weiterer Dimension des Lebens

Es gibt dann aber im Roman-Geschehen schon noch einen Moment, wo Till seine Gamer-Welt gegen die Echtzeit zwischenmenschlicher Begegnung austauscht. Dann nämlich, als er sich in Feli verliebt. Und das Verliebtsein eröffnet Till neben der sinnlosen schulischen Quälerei und der Omnipotenz, vom Sofa aus mit AOE Weltgeschichte zu kreieren, noch eine weitere Dimension des Lebens: “Wenn man nach einer langen Zeit eine körperliche Grenze überschreitet und einen neuen Menschen kennenlernt”, und dabei ein völlig neues Zeitgefühl erlebt. Das ist dann das ultimative Gegenstück zur Kurzformel des Nihilismus, wie sie das Leben von Till in dieser achtjährigen Schulzeit gnadenlos bestimmt hat: “Es vergeht eine Woche voller Referate und Zwischentests, Haus- und Schulübungen, eine Woche, in der keine Rede davon sein kann, dass Till auf sein nächstes Wahlpflichtfach wartet, denn er wartet ja nicht, sondern ist mit all den Sachen beschäftigt, die sein Leben ausmachen und ihm gar nichts bedeuten.” (S.165)

 

Tonio Schachinger: Echtzeitalter. Roman. Hamburg 2023. Rowohlt Verlag

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