10. August 2022

Wissenschaftsorientierung als Spezifikum des Gymnasiums

Der renommierte Pädagogikprofessor Volker Ladenthin gehört zu den vehementesten Kritikern der Kompetenzorientierung und hat dies in unserem Blog schon mehrfach dargelegt. In diesem Beitrag beschäftigt sich er sich mit dem grassierenden Wissenschaftsskeptizismus, der seiner Meinung nach auch der Kompetenzorientierung geschuldet ist.

Professor Volker Ladenthin: Lernen bereitet auf Wissenschaft vor.

Die Corona-Zeit hat eine Aufgabe freigelegt, die von der Schulpädagogik in letzter Zeit vernachlässigt worden war: Die Wissenschaftsorientierung (besonders) der gymnasialen Bildung.

Diese krisenhafte Situation zeigt sich einerseits in den öffentlichen Statements der Verwaltungen und Regierungsstellen, die mit fehlerhaften Statistik-Interpretationen („exponentielle Steigerung“) oder Trivial-Aussagen (AHA-Regel: Abstandhalten-Händewaschen-Atemmasken tragen) einen Bildungsgrad bei der Bevölkerung vorauszusetzen schien, der über KiTa-Niveau nicht hinausgeht. Und andererseits demonstrierte ein nicht geringer Teil der Bevölkerung, dass sie gegen wissenschaftliche Aufklärung immunisiert sei. Daraufhin schlug das großzügige Angebot kostenfreier Impfungen um in Impfplicht-Drohungen:  Zwang statt Überzeugung.

Der Bedeutungsverlust wissenschaftlicher Bildung

Beide Erscheinungen sind Symptome des gleichen Defizits, das hier an die Oberfläche durchbricht: Ein erschreckend unzulängliches, ein falsches oder sogar fehlendes Verständnis von Wissenschaft.

Dies zeigte sich auch in den zahllosen Talk-Shows, in denen sich Wissenschaftler bereitwillig einer Art Verhör aussetzten, anstatt schlicht auf Zahlen zu verweisen und konsequent auf Einsicht zu insistieren. Wissenschaftliche Aussagen wurden nun wie Meinungen behandelt; Virologen saßen plötzlich gleichrangig neben Bloggern, Aktivisten neben Intensivmedizinern. Sie durften ihre ungleichen Argumente austauschen, als sei Wissenschaft nur eine Möglichkeit unter vielen Meinungen. Als ließe Wissenschaft die freie Wahl, was zu akzeptieren sei oder nicht.

Beide Erscheinungen sind Symptome des gleichen Defizits, das hier an die Oberfläche durchbricht: Ein erschreckend unzulängliches, ein falsches oder sogar fehlendes Verständnis von Wissenschaft.

Talk-Show: Virologen sassen plötzlich gleichrangig neben Bloggern, Aktivisten neben Intensivmedizinern.

Statt Wissenschaft und den zwanglosen Zwang des Beweises zu erklären, wurden öffentlich Meinungen ausgetauscht, so als könne man individuell darüber entscheiden, ob 2×2 gleich vier sei. Statt Vorschläge und Konzepte auf Begründungen hin zu prüfen, wurde einfach eine andere Meinung dagegengesetzt – und wenn mutige Wissenschaftler dann doch zu einer Begründung anhoben, wurden sie von den Moderatoren hart und unfair unterbrochen. Sorgfältige Argumentation stört nur den Klamauk, das ist natürlich richtig.

Wissenschaft ist Wissenschaft, weil ihre Begründungen intersubjektiv gültig sind. Wo das nicht der Fall ist, kann man von Hypothesen, aber nicht von Erkenntnissen sprechen. Mit Hypothesen sollte man sich zurückhalten und schon gar keine Politik betreiben. Ludwig Wittgensteins Satz gilt auch hier: Worüber man nicht begründet reden kann, sollte man schweigen.

Wissenschaft ist begründeter Konsens: Wenn es unterschiedliche Auffassungen gibt, sollte man diese intern in den wissenschaftlichen Foren klären – nicht aber in Unterhaltungsshows.

Die Berechnung der Isolation hängt aber nicht davon ab, ob Lernende die Berechnung gut oder schlecht finden, verstehen oder nicht: Sie gilt, weil sie begründbar ist.

Die Selbstaufgabe der Wissenschaft

Die Wissenschaftstheorie der Postmoderne hat es freilich solchen ergebnislosen Debatten und zirzensisch gestimmten Moderationen sehr leicht gemacht: Es gebe keine Wahrheit, bestenfalls Wahrheiten – und diese würden durch Akzeptanz bestimmt. So lautet eine der postmodernen Maximen. So, als ob wissenschaftliche Beweise von faktischer Zustimmung abhingen.  Die Berechnung der Isolation hängt aber nicht davon ab, ob Lernende die Berechnung gut oder schlecht finden, verstehen oder nicht: Sie gilt, weil sie begründbar ist. Gegebenenfalls bekommt er einen Stromschlag: Dann war der Schraubenzieher nicht isoliert.

John Dewey, 1859 – 1952, amerikanischer Philosoph und Pädagoge: Irrtümer können sehr beliebt sein.

Auch der Erfolg ist kein Kriterium für Wahrheit, wie der Pragmatismus (John Dewey) meinte: Denn auch Irrtümer können sehr beliebt und langlebig sein, ohne hierdurch zu Wahrheiten zu werden.

Argumente als beliebig zu bewerten, weil die Begründungsart lediglich durch Macht erzwungen sei – wie es Michel Foucault darzulegen versuchte – vergisst, dass dann auch genau diese Argumentation durch Macht erzwungen worden sein muss und als Aussage damit hinfällig.

Zudem: Auch wer diskursive Macht ausüben kann, wird niemanden davon überzeugen können, dass Mörikes Frühlingsgedicht Er ist’s die Beschreibung eines Mordes enthalte. Auch bei der Textauslegung gelten Gründe, nicht aber Machtstrukturen. Die Gegenstände beugen sich nicht den gewünschten Konventionen. Auch als man glaubte, die Erde sei ein Scheibe, fiel niemand an deren Rand ins Nichts.

 

 

Unproduktive Relativierung

Sicherlich kann die Suche nach Wissen aus aktuellen Interessen entstehen, aber diese entscheiden nicht darüber, ob das Erkannte richtig oder falsch ist. Genese und Geltung muss man unterscheiden.

Zusammengenommen haben diese überaus populären Fehlformen der Wissenschaftstheorie diejenigen unproduktiv verunsichert, die systematisches Denken als sozial exkludierend empfanden:  Ob es den Holocaust gab oder nicht, hängt aber nicht von heterogenen und gleichberechtigten Meinungen im Diskurs ab, sondern von intersubjektiven Belegen. Ob Impfungen wirken oder nicht, hängt nicht von Vermutungen und Überzeugungen ab, sondern erweist sich nachprüfbar durch empirische Studien. Wenn es diese nicht gäbe, sollte man beidseitig schweigen.

Dass sich augenblicklich nahezu 20% der medizinisch nicht qualifizierten Bevölkerung berechtigt fühlen, ihre Meinungen als den Aussagen gleichwertig anzusehen, die von den Wissenschaften belegt werden, zeigt eine Krise der wissenschaftlichen Bildung. Leider muss man deren Ursachen auch in der Schulpolitik suchen.

Die Ganztagsschule diente ja erklärtermaßen der sozialpolitisch gewünschten Reduktion der Aufsichtszeiten der Eltern – nicht aber der fachlichen Qualifikation.

Die Sozialpädagogisierung der Schule fördert die Wissenschaftsunlust.

Die Sozialpädagogisierung der Schule

Zwei Ursachen für die aktuelle Wissenschaftsabstinenz großer Teile der Bevölkerung wird man in der staatlich verantworteten Schulpädagogik aufspüren können: Zum einen in der Sozialpädagogisierung der Schule, in der statt sachhaltiges Wissen gelernt soziale Kompetenzen erprobt werden sollen. Die Ganztagsschule diente ja erklärtermaßen der sozialpolitisch gewünschten Reduktion der Aufsichtszeiten der Eltern – nicht aber der fachlichen Qualifikation. Kinder sollten immer länger sozialpädagogisch betreut, nicht aber intensiver fachkundig qualifiziert werden. Bildungspolitik sei Sozialpolitik hieß der Slogan.

Etwas gut meinen ist besser, als etwas gut wissen.

In den Friday for Future-Demos wird die wissenschaftsskeptische Auffassung ein Massenphänomen nun auch in der neuen Generation, weil (auch von der Politik) der freiwillige Verzicht auf Qualifikationszeiten als  Gewinn an moralischem Bewusstsein gelobt wurde: Etwas gut meinen sei besser als etwas gut wissen. Statt die Kenntnisse über die Klimazusammenhänge freitagnachmittags zu erweitern, wurde der zufällig erreichte Kenntnisstand am Ende der Sek. I als ausreichend und endgültig angesehen, um zu Taten zu schreiten, – zu Taten allerdings, die auch nicht das Klima verbesserten. Sie sollten die eigene Moralität demonstrieren. Bekenntnis statt Erkenntnis.

Statt Wissenschaftsorientierung nun Kompetenzschulung, wobei niemand erklärte, wie sich die ausgewiesenen Kompetenzen überhaupt systematisch (und d.h. wissenschaftlich) begründeten.

Abkehr von der Wissenschaftsorientierung

Die zweite Ursache des öffentlichen Wissenschaftsskeptizismus ist die Abkehr der staatlich legitimierten Lehrpläne vom Wissenschaftsprinzip – eine Forderung, die das Ende des Gymnasiums in Kauf nahm …oder beabsichtigte?

Kompetenzschulung: Der status quo wird zum Ziel erklärt.

Statt Wissenschaftsorientierung nun Kompetenzschulung, wobei niemand erklärte, wie sich die ausgewiesenen Kompetenzen überhaupt systematisch (und d.h. wissenschaftlich) begründeten: Warum diese und nicht andere? Sozial- und Ich-Kompetenz sind den Sachkompetenzen gleichgestellt? Hoffentlich liegt man dann nie bei einem Chirurgen auf dem Operationstisch, dessen reichhaltige Sozial- und Ich-Kompetenzen bei der Einstellung mangelnde Sachkompetenz zu kompensieren vermochten.

Kompetenzen wollen, so die Selbstaussage, faktische Teilhabe an der faktischen Gesellschaft ermöglichen. Der status quo wird zum Ziel erklärt. Wissenschaftsorientierte Qualifikationen hingegen fördern das Denken als Voraussetzung von Teilhabe und Veränderung. Der zweite Schritt sollte aber laut Kompetenztheorie vor dem ersten erfolgen: Mitreden können, ohne zu wissen, was Sache ist.

Die Folgen dieser wissenschaftsfeindlichen Konzepte zeigten sich sehr schnell und für jeden sichtbar schon bald nach der Umstellung, zuerst an den Universitäten: In allen MINT-Fächern müssen inzwischen an den Unis Brücken- und Stützkurse eingeführt werden, weil die schulisch vermittelten Kompetenzen in diesen Fächern keine Studierfähigkeit mehr gewährleisten. Das Gymnasium wird faktisch funktionslos – die Öffnung der Universitäten für Nichtabiturienten entwertete den gymnasialen Bildungsgang weiter.

Diese Marginalisierung des Gymnasiums verstärkt insgesamt die Abkehr von der Wissenschaftsorientierung der Gesellschaft – paradoxerweise einer Gesellschaft, die ausschließlich von der Wissenschaft lebt und keine besseren erneuerbaren Rohstoffe hat als ihre Wissenschaften. Die ersten Folgen durchleben wir gerade – Verschwörungstheorien statt guter Kenntnisse, Werbekampagnen auf Vorschulniveau: „Impfen hilft. Auch allen, die du liebst.“

Was heißt Wissenschaftsorientierung?

Wissenschaftsorientierung hat drei Grundsätze:

Erster Grundsatz: Nichts darf an Schulen gelehrt werden, was den Wissenschaften widerspricht. (Das muss selbst für KiTas gelten.)

Zweiter Grundsatz: Lernen bedeutet Erkennen, das heißt wissenschaftsanaloge, methodisch angeleitete Einsicht. Das Entscheidende am Lernstoff sind die fachlichen Begründungen, nicht nur die Ergebnisse.  Nicht psychometrisch messbare Ergebnisse, sondern der konsequent abprüfbare Weg zu ihnen muss Inhalt schulischen Unterrichts sein. Dieser zweite Grundsatz muss für alle Schulreformen gelten. Andernfalls hängt man Teile der Bevölkerung von der Wissenschaftsentwicklung ab. Das ist, wie eingangs erwähnt, bereits passiert.

Dritter Grundsatz: Lernen bereitet auf Wissenschaft vor und erprobt kontrolliert wissenschaftliche Methoden bis hin zum forschenden Lernen. Diese, früher einmal Wissenschafts-Propädeutik genannte Orientierung des Unterrichts ist das Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums – oder sollte es sein. Sozialpädagogik können andere Schularten auch.

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie brüchig, ja gespalten eine Gesellschaft wird, die den Boden wissenschaftsorientierter Qualifikationen verlassen hat: Jeder ist irgendwie kompetent; keiner weiß etwas genau. Alle haben Recht.

Das Spezifikum des Gymnasiums

Wenn das Gymnasium sich nicht auf seine – ihm von den meisten Schulgesetzen vorgeschriebene – Aufgabe konzentriert und stattdessen lebensweltlich begründete Teilhabekompetenzen schult, löst es sich (vielleicht nicht als Gebäude aber) faktisch auf. Es verliert seine Identität – und die Gesellschaft insgesamt verliert jene Gruppe, die weiß, wie man Wissenschaft betreibt. Und die erklären kann, wozu Wissenschaft gut ist.

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie brüchig, ja gespalten eine Gesellschaft wird, die den Boden wissenschaftsorientierter Qualifikationen verlassen hat: Jeder ist irgendwie kompetent; keiner weiß etwas genau. Alle haben Recht.

Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 5/22 von PROFIL ist mein Aufsatz erschienen.

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3 Kommentare

  1. Das Misstrauen gegen Wissenschaftsorientierung hat tatsächliche weite Teile der schulischen Bildung (nicht nur der Gymnasien) erfasst. Das wird im Artikel einleuchtend dargestellt. Anderseits darf Wissenschaft nicht mit “Wahrheit” gleichgesetzt werden. 1. Nicht alles ist so exakt wie 2 x 2 = 4 und damit intersubjektiv immer wahr. Oft decken wissenschaftliche Resultate nur den Ausschnitt eines Problems ab und lassen das andere offen. Sie erklären Teile, jedoch nicht das Ganze, wie es einem menschlichen Bedürfnis nach Orientierung und Sinngebung zu entsprechen scheint. 2. Nach Popper ist eine wissenschaftliche Erkenntnis so lange richtig, als sie nicht begründet widerlegt werden kann. Damit ist Wissenschaft stets “Suche nach Wahrheit mit vorläufigen Ergebnissen”. Die Tatsache, dass sich manche wissenschaftliche Erkenntnisse als vorläufig und korrigierbar erwiesen haben, mag zur Skepsis in der breiten Bevölkerung beigetragen haben. Umso wichtiger ist es deshalb, in der Schule zwischen den Möglichkeiten und Grenzen des wissenschaftlichen Vorgehens bei Problemlösungen und dem undurchsichtigen Nebel an Meinungen, Spekulationen, Annahmen klar zu unterscheiden.

    1. Ein sehr komischer Kommentar, der einmal mehr irgend welches Wissen hervorklaubt und so an der Sache vorbei philosophiert. Wir verarbeiten unsere Erlebnisse.Vieles ist so wie es ist. Dem können wir nachdenken und Entdeckungen machen, ohne einer möglichen Wahrheit nachzuträumen.

    2. Ich stimme fast zu. Allerdings passt die Falsifikationsregel nicht auf die technischen Wissenschaften: Die erkannten Gesetze im Bauwesen, nach denen die Pyramiden gebaut wurden, gelten wohl immer. Auch Autos fahren, wenn sie sachgemäss bediet werden , nicht nur vorläufig. In den Geisteswisschenachaften gelten hingegen die uralten hermeneutischen Regeln weiterhin, da gibt es wohl Irrtümer, aber keine Widerlegungen.
      Soweit erstenmal. V. L.

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