20. Juni 2024

Vergesst Horizon 2020!

Schweizer Wissenschaftler und Politiker halten die Teilnahme am EU-Forschungsprogramm für überlebenswichtig. Dabei ist das ein bürokratischer Käfig, der vom Denken ablenkt, schreibt unser Gastautor Mathias Binswanger. Der Artikel ist zuerst im Nebelspalter erschienen.

Die Situation ist untragbar. Uni-Rektoren alarmiert» – so lautete eine Schlagzeile im Januar. Es ging um das World Economic Forum, das WEF, in Davos, wo sich auch die Rektoren der wichtigsten Universitäten der Schweiz treffen durften. Der Rektor der Universität Zürich, Michael Schaepman, liess dort verlauten: «Wenn es so weitergeht, nehmen wir in Kauf, dass wir im internationalen Ranking tauchen.» Denn wenn die Schweiz weiterhin keinen vollen Zugang zum europäischen Forschungsprogramm «Horizon» habe, würden die hiesigen Universitäten schlechter beurteilt.

Schleichende Aufgabe der Eigenständigkeit

Volkswirtschaftler Mathias Binswanger, Gastautor

Tatsächlich ist die Situation untragbar, aber in einem ganz anderen Sinn als von den Rektoren dargestellt. Es ist untragbar, dass sich die Schweizer Forschung von der EU-Förderung abhängig und damit erpressbar gemacht hat. Diese schleichende Aufgabe der Eigenständigkeit ist ein Armutszeugnis und spricht nicht für den Forschungsstandort Schweiz. Die Schweiz ist Teil der EU-Forschungsbürokratie geworden, welche wesentlich dazu beiträgt, aus Forschern fleissige Antragsschreiber und Berichtverfasser für Projekte zu machen, auf deren Resultate niemand gewartet hat.

Akademiker sollten eigentlich zu den intelligentesten Mitgliedern einer Gesellschaft gehören. Das zumindest vermuten viele Leute ausserhalb des Wissenschaftsbetriebes. Doch gleichzeitig müssen sich Akademiker de facto wie kleine Kinder behandeln lassen, wenn es um die Überprüfung ihrer Leistungen geht. Jahr für Jahr versuchen sie, Artikel um Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen, Projektanträge zu schreiben, Berichte zu verfassen oder Dokumente für Akkreditierungen zu erstellen, um so bei internen und externen Ratings und Beurteilungen gut dazustehen. Und dann sollten sie auch noch so tun, als ob ihnen all diese Tätigkeiten ein grosses Anliegen wären.

Es ist untragbar, dass sich die Schweizer Forschung von der EU-Förderung abhängig und damit erpressbar macht.

Hinter vorgehaltener Hand beklagen sich zwar viele Akademiker über diese Gängelung. Doch die Mehrheit fügt sich brav den Anforderungen der Forschungsbürokratie. In deren Zentrum steht der quantitativ messbare Input oder Output der Forschung. Wichtig ist die Zahl der Publikationen, der Zitationen, Impact-Faktoren, H-Index, i10-Index, G-Index . . . Die Liste an Kennzahlen zur quantitativen Erfassung von Forschungsleistungen wird immer länger.

Zuckerbrot und Peitsche

Inzwischen gibt es eine eigene «Wissenschaftsdisziplin», die sich ausschliesslich mit dem richtigen Messen von wissenschaftlichen Leistungen beschäftigt: die Szientometrie. Auf diese Weise wird eine bürokratische Tätigkeit – das Messen von Forschungsleistungen – selbst zur Wissenschaft und erhält den Anstrich objektiver Notwendigkeit.

Engt sich der Blick des Wissenschaftsbetriebs durch die Forschungsbürokratie ein?

Wie ist es aber möglich, dass Akademiker zu willfährigen und (selbst)disziplinierenden Vollstreckern eines Systems geworden sind, das ihnen oft die Freude an ihrer Tätigkeit raubt? Die Antwort ist einfach: Zuckerbrot und Peitsche. Eine Karriere als Akademiker ist heute nur möglich, wenn man entsprechend Artikel publiziert, Projekte akquiriert und, das gehört heute auch dazu, sich stets politisch korrekt verhält. Wer das fleissig tut, der wird belohnt und steigt in der Wissenschaftshierarchie nach oben.

Politisch korrekter Output

Wer hingegen keine messbare Leistung erbringt, endet schnell auf einem akademischen Abstellgleis oder muss sich aus dem System verabschieden. So ist etwa die Anzahl der von einem Forscher veröffentlichten Zeitschriftenartikel zum wichtigsten Anliegen, aber auch zur grössten Sorge unter vielen Akademikern geworden. Wo man veröffentlicht hat, ist wichtiger, als was in einer Arbeit steht. So kann man bei informellen Diskussionen mit Kollegen sich oft stundenlang darüber unterhalten, welche Artikel jetzt gerade wo veröffentlicht werden, welche in der Pipeline sind und mit welchen Co-Autoren weitere wichtige Arbeiten geplant sind. Nur über den eigentlichen Inhalt erfährt man kaum etwas.

Wo man veröffentlicht hat, ist wichtiger, als was in einer Arbeit steht.

Das ganze Controlling führt zu einer Standardisierung von Forschung und Lehre. Immer mehr an die Norm angepasste Forscherinnen und Forscher produzieren immer mehr standardisierten, berechenbaren und in Sozialwissenschaften auch politisch korrekten Forschungsoutput.

Ein System, das Qualität belohnen will, verwandelt sich in ein System, das Qualität behindert.

Nicht Kreativität, sondern Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sind wichtig, denn nur so lassen sich Forschungsanträge schreiben, bei denen man über Jahre hinaus jeden Teilschritt schon im Vornhinein angeben kann. In den Artikeln entwickelt sich ein standardisierter Aufbau und ein normierter Schreibstil, bei dem die Individualität der einzelnen Forscher möglichst wenig zum Ausdruck kommt.

Auch was Methoden, Modelle, Verfahren und Inhalte betrifft, fügen sich Wissenschaftler in die momentan gerade vorherrschende Norm ein. Je mehr Forscher aber durch Regeln und Standards eingeschränkt werden, umso mehr neigen sie dazu, auf Nummer sicher zu gehen und nachzuahmen, was andere getan haben – sogenanntes gap-spotting.

Quantitativ messbarer Output verdrängt den Inhalt.

Unerwartete, neue oder herausfordernde Ideen werden dadurch seltener. Ein System, das eigentlich die Qualität messen und belohnen will, verwandelt sich so in ein Kontrollsystem, welches Qualität zunehmend behindert. So entsteht ein ständiger Strom von Artikeln, die von immer mehr Akademikern als sinnlose, uninteressante technische Übungen beurteilt werden und inhaltlich kaum einen Beitrag leisten. Die Artikel dienen in erster Linie dazu, sich in entsprechenden Rankings zu verbessern. Quantitativ messbarer Output verdrängt den Inhalt. Und die intrinsische Motivation der Forscher, oder wie Robert Merton es nannte: der «Taste of Science», wird verdrängt durch extrinsische Motivation oder einen taste for publications and projects.

Wissenschaftliche Fleissarbeiter ohne Geist

Doch es geht nicht nur um die Optimierung von Prozessen, sondern auch um eine Optimierung der in Forschung und Wissenschaft tätigen Menschen selbst. Rein äusserlich scheint die Freiheit an Hochschulen grösser zu werden. Man kann im Home-Office arbeiten, Online-Veranstaltungen machen, neue Lernformen erproben oder sich weltweit mit anderen Wissenschaftlern vernetzen. Aber gleichzeitig macht die Hochschulbürokratie immer mehr Druck und zwingt Akademiker dazu, messbaren und der Norm entsprechenden politisch korrekten Output zu produzieren.

Immer mehr Druck für politisch korrekten Output.

Aus diesem Grund treffen wir im akademischen Umfeld verstärkt wissenschaftliche Fleissarbeiterinnen und -arbeiter ohne Geist an. Diese sind intelligent, clever und beherrschen ihr Handwerk. Aber sie sind opportunistisch und an Inhalten letztlich nicht interessiert.

Kein Wunder, dass unter solchen Bedingungen immer mehr Wissenschaftler immer weniger originelle Beiträge liefern. Eine im Januar 2023 publizierte Untersuchung in der Zeitschrift Nature unter dem Titel «Papers and patents are becoming less disruptive over time» zeigt: In den letzten Jahrzehnten ist der Umfang neuer wissenschaftlicher und technologischer Erkenntnisse exponentiell gestiegen.

Rückgang der Vielfalt

Im Gegensatz dazu deuten verschiedene Beobachtungen aber darauf hin, dass sich der Fortschritt verlangsamt. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass Veröffentlichungen und Patente mit der Vergangenheit in einer Weise brechen, die Wissenschaft und Technologie in neue Richtungen lenkt. Und genau das wäre die Idee von wissenschaftlichem Fortschritt oder, neudeutsch: von disruptiver Veränderung.

Es wird immer unwahrscheinlicher, dass Veröffentlichungen und Patente mit der Vergangenheit in einer Weise brechen, die Wissenschaft und Technologie in neue Richtungen lenkt.

Eine mögliche Erklärung ihrer Resultate sehen die Autoren in der Zunahme des Publikationsdrucks. Wissenschaftler und Erfinder konzentrieren sich verstärkt auf die Verfeinerung von Details und Modellen aus früheren Arbeiten, um aus einer Idee oder einem Modell möglichst viele Publikationen herauszuholen. Die Autoren beobachteten auch einen Rückgang der Vielfalt der zitierten Arbeiten, was wiederum ein Hinweis darauf ist, dass sich die heutige Wissenschaft mit immer engeren Ausschnitten des vorhandenen Wissens befasst.

Bleibt der wissenschaftlich offene Geist zunehmend in der Flasche?

Dieser Rückgang der Vielfalt geht einher mit einer Zunahme des Anteils an Zitaten des einen Prozents der am häufigsten zitierten Arbeiten. Im Laufe der Zeit zitieren Wissenschaftler zunehmend die gleichen «exzellenten» früheren Arbeiten, wodurch auch die neu publizierten Arbeiten sich thematisch immer ähnlicher werden. Mit andern Worten: Wissenschaft wird zur Fleissarbeit ohne Geist!

 

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen.

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Ein Kommentar

  1. Lieber Herr Binswanger

    Sie mischen auf wissenschaftliche Weise Chruut und Rüebli durcheinander. Dass falsche Metriken im Wissenschaftsbetrieb zum zwanghaften «Publish or Perish» führen, hat mit Horizon 2020 überhaupt nichts zu tun. Ohne Horizon 2020 wird der Zwang nur noch heftiger. Die Wissenschaftsbürokratie in unseren Hochschulen ist noch blödsinniger als diejenige amerikanischer Förderungsprogramme und eben Horizon 2020. Denn unsere Bürokraten verstehen von gar nichts etwas. In Brüssel und Washington hat man bedeutend bessere Chancen

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