14. September 2026
Leistungsverfall

Die versteckte Wahrheit der Pisa-Studie

Der Journalist und ehemalige Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD), kommentiert mit reichlich viel Widerwillen die Ergebnisse der neusten PISA-Studie. Er nimmt sich dabei vor allem ein Teil des “Erklär-Bingos” der zahlreichen BIldungsexperten vor: Die mangelnde Bildungsgerechtigkeit.

Ehrlich gesagt: Ich kann von den Pisa-Studien nicht mehr hören und will sie auch nicht mehr lesen. Das liegt nicht an den Daten, sondern an deren Interpretation. Daten können nicht selbst sprechen. Man muss sie immer zum Sprechen bringen. Aber genau an dieser Stelle öffnet sich ein Einfallstor für politische Ideologien.

Sowohl die nationalen als auch die internationalen Forscher verbreiten für die Pisa-Studie 2025 folgende Hauptbotschaften: 1. Die Schüler werden immer dümmer. 2. Deutschlands Bildungssystem ist katastrophal ungerecht. Und 3.: Mit Migration hat das alles nichts zu tun. Ich halte alle drei Thesen für falsch. Und das folgt kurioserweise aus den Daten selbst.

Mathias Brodkorb, SPD: Migration ist kein Problem, wenn sie gesteuert wird.

In Pisa 2025 standen die Naturwissenschaften im Vordergrund. Die Wahrheit ist aber, obwohl in den letzten Tagen das Gegenteil behauptet wurde: Deutschland ist in diesem Bereich gegenüber 2022 nicht schlechter geworden. Warum die Pisa-Forscher selbst dazu beitragen, das gegenteilige Gerücht zu verbreiten, ist mir ein Rätsel. Vielleicht liegt das einfach daran, dass die öffentliche Bedeutung eines Wissenschaftlers umso größer ist, je schlechter seine Botschaften ausfallen. Auch Wissenschaftler sind am Ende agonale Lebewesen.

In der deutschen Pisa-Studie jedenfalls steht schwarz auf weiß geschrieben: „Auch zwischen 2022 und 2025 setzt sich die negative Entwicklung fort, wenngleich die Veränderung statistisch nicht signifikant ist.“ „Statistisch nicht signifikant“ meint in diesem Fall: Ein echter Leistungsabfall ist gegenüber 2022 wissenschaftlich nicht nachweisbar. Die Botschaft hätte folglich eher lauten müssen: Schon im Jahr 2022 waren die Leistungsdaten katastrophal. Und sie sind im Durchschnitt nicht besser geworden. Wir sind also nicht erst seit 2025 schlecht. Das war schon vorher so. Ein Grund zur Freude ist das freilich nicht.

Lernbegierige Kinder am Fortkommen hindern

Am meisten beschäftigt die Öffentlichkeit aber die Frage nach der Bildungsgerechtigkeit. Auf der ganzen Welt ist es so, dass Kinder aus armen Familien durchschnittlich schwächere Leistungen aufweisen als solche aus Familien mit hohen Einkommen. Daraus wird häufig geschlussfolgert, Geld sei die wesentliche Ursache von schulischer Leistung und Intelligenz.

Der Zusammenhang ist in einer Wettbewerbsgesellschaft aber umgekehrt: Kluge Eltern können ihren Kindern beim Lernen helfen und haben zugleich durch ihre Klugheit hohe Einkommen. Die Klugheit ihrer Kinder ist ebenso eine Folge ihrer eigenen Klugheit wie die Höhe ihrer Einkommen. Nicht Geld erzeugt Bildung. Nur Bildung kann Bildung erzeugen.

Im internationalen Vergleich weisen die ärmsten Kinder gegenüber den reichsten bei Pisa einen Lernrückstand von 85 Punkten auf. Das sind immerhin drei Schuljahre. In Deutschland aber sind es sogar 125 Punkte und damit vier Schuljahre. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass Deutschlands Bildungssystem besonders ungerecht sei. Blickt man näher in die Daten, ist diese Behauptung unhaltbar.

Unsere Klugen sind klüger als die Klugen anderswo

Pisa unterteilt die Schüler für Gerechtigkeitsanalysen in vier Gruppen nach deren „sozio-ökonomischem Status“. Schon diese Bezeichnung ist irreführend. Zwar geht auch das Einkommen der Eltern in diese Analyse ein, aber ebenso deren Bildungsstand und berufliche Position. Und das Einkommen ist, wie bereits gesagt, selbst eine Folge des Bildungsgrades der Eltern. Wer klug ist, bekommt auch gute Jobs mit hohen Einkommen. Beim „sozio-ökonomischen Status“ dominiert in Wahrheit also Bildung und nicht das Geld.

Sieht man sich nun an, wie Deutschlands vier Schülergruppen von arm zu reich bei den Leistungen im Vergleich zum OECD-Durchschnitt abschneiden, wird es interessant. Nur die ärmsten deutschen Schüler weisen geringere Leistungen auf als der internationale Durchschnitt. Die nächsten beiden Gruppen sind besser als im Ausland. Und die reichsten deutschen Schüler schneiden sogar deutlich besser ab. Ganze 75 Prozent des Unterschieds zwischen Arm und Reich erklären sich in Deutschland so.

Das liegt an schlechteren Kenntnissen der nationalen Bildungssprache, bei uns also Deutsch. Wer nicht gut Deutsch spricht, trägt in allen Fächern eine zusätzliche Last auf seinen Schultern.

Ungerechtigkeit läge hier nur dann vor, wenn die Ursache für den Abstand zwischen ärmeren und reicheren Kindern im Versagen des Bildungssystems läge. Tatsächlich liegt die verdrängte Ursache aber außerhalb desselben. Unsere ärmsten Schüler sind tatsächlich leicht schwächer als im Durchschnitt der OECD. Bei Pisa 2022 war das in Mathematik noch anders. Damals erklärten sich die Unterschiede zwischen Deutschland und dem Durchschnitt der OECD ausschließlich über das Viertel der reichsten Schüler. Warum hat sich das verändert? Das ist die alles entscheidende Frage.

Hier kommt die Migration ins Spiel. Davon aber wollen die Pisa-Forscher nichts wissen. In Deutschland haben 28 Prozent aller Schüler einen Migrationshintergrund. Im Durchschnitt der OECD oder Europas sind es nur 14 bzw. 16 Prozent. Schüler mit Migrationshintergrund sind in der Schule aber zuverlässig schlechter als die anderen. Das kann nicht überraschen. Das liegt an schlechteren Kenntnissen der nationalen Bildungssprache, bei uns also Deutsch. Wer nicht gut Deutsch spricht, trägt in allen Fächern eine zusätzliche Last auf seinen Schultern. Mit Ausnahme des Fachs Sport vielleicht.

Die Pisa-Forscher hingegen behaupten, Migration sei kein relevanter Faktor zur Erklärung von Bildungsproblemen. Das widerspricht nicht nur dem gesunden Menschenverstand, sondern auch der Erfahrung von Lehrern, die Klassen mit einem Migrationsanteil von 80 Prozent oder mehr unterrichten. Aber warum sollen diese Lebenserfahrungen alle völlig falsch sein?

Die Schweiz und Kanada steuern ihre Migration höchst selektiv. In Kanada dominieren Zuwanderer aus Asien mit hoher Bildungsneigung. In der Schweiz Europäer.

Migration ist kein Problem, wenn sie gesteuert ist

Erstes Argument dafür: Es gibt mit Kanada und der Schweiz Länder, die einen noch höheren Migrationsanteil unter den Schülern aufweisen als Deutschland – bei zugleich besseren Leistungen. Also könne Migration gar kein Problem sein.

Dieses Argument ist grotesk. Die Schweiz und Kanada steuern ihre Migration höchst selektiv. In Kanada dominieren Zuwanderer aus Asien mit hoher Bildungsneigung. In der Schweiz Europäer. In beiden Fällen wandern vor allem hochgebildete Fachkräfte zu. Die Bildung dieser Eltern erzeugt auch in diesem Fall die Bildung ihrer Kinder. Nach Deutschland hingegen wandern bekanntermaßen nicht überwiegend „high potentials“ ein. Das ist die Folge einer völlig ungesteuerten Migration.

Zweites Argument: Die Pisa-Forscher haben eine Kontrollrechnung durchgeführt. Sie gingen ungefähr folgender Frage nach: Schneiden Kinder mit Migrationshintergrund besser in der Schule ab, wenn sie zu Hause Deutsch sprechen? Das nicht überraschende Ergebnis: Natürlich ist das so. Die Schlussfolgerung der Forscher: Migration und schlechte Schulleistungen haben nichts oder zumindest kaum etwas miteinander zu tun. Es komme stattdessen auf die Sprache an.

Diese Argumentation erinnert an einen Taschenspielertrick: Natürlich würde niemals jemand mit Verstand behaupten, dass Migranten ein Gen innewohnte, das sie per se weniger klug machte als Deutsche. Das Argument lautete vielmehr immer: Migranten haben in der Regel Probleme mit der Bildungssprache Deutsch – mit Konsequenzen für ihr allgemeines Leistungsniveau in fast allen Fächern. Und selbstverständlich haben Migranten, die keine Probleme in Deutsch haben, weil ihre Eltern gebildet sind, dieses Problem nicht. Alles hängt immer von der Bildung ab und nicht von der Herkunft oder vom Geld.

Die Argumentation der Pisa-Forscher beweist folglich nicht, dass Migration kein Problem für Schule sei. Sie beweist, dass sie dort kein Problem ist, wo Integration funktioniert. Potzblitz: Was für eine Überraschung! Aber das hat eben auch mit der Frage zu tun, wieviel Migration ein Schulsystem ohne Schaden für die durchschnittliche Leistung überhaupt bewältigen kann. Nicht das Bildungssystem ist in Wahrheit in der Krise, sondern das Umfeld. Unsere Gesellschaft überfordert Schule durch politische Fehlentscheidungen und wundert sich anschließend über die betrüblichen Ergebnisse.

Der neue deutsche Pisa-Chef, Samuel Greiff von der Technischen Universität München, sagte gegenüber dem „Spiegel“ dennoch: „Diese angebliche Erklärung“, Migration sei in Deutschland zumindest zum Teil für den anhaltenden Leistungsverfall verantwortlich, „stimmt einfach nicht.“ Sein Kollege Olaf Köller, Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), widerspricht dieser Behauptung auf Anfrage: „Meines Erachtens bilden sich in der Zunahme der sozialen Ungleichheiten sehr stark die sehr geringen Leistungen der ersten Generation der Zugewanderten ab.“ Die Art und Weise, wie man Migration organisiert, macht also doch einen Unterschied.

Diese naheliegende Wahrheit wurde bei PISA 2025 national wie international einfach „weggerechnet“. Die Wirklichkeit aber lässt sich nicht wegrechnen. Sie bleibt trotzdem die Wirklichkeit. Und deshalb verliere ich langsam auch die Lust, Pisa-Studien überhaupt noch zu lesen. Daten sprechen nicht von selbst zu uns. Was da zu uns spricht, ist Ideologie.

 

Mathias Brodkorb ist Journalist und war Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern für die SPD. In diesem Jahr erschien bei Matthes & Seitz sein gemeinsam mit dem Bildungsforscher Klaus Zierer geschriebenes Buch „Tyrannei der Gleichheit: Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft“.

 

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