Mit diesem Absturz war zu rechnen. Viele haben ihn vorausgesehen. Etliche hätten ihn verhindern können. Alle haben zugeschaut.
Die aktuellen Pisa-Ergebnisse sind für das vermeintliche Land der Dichter, Denker und Ingenieure peinlich und beschämend. Theoretisch zumindest. Praktisch hat man sich an schlechte Nachrichten aus den Klassenzimmern in Deutschland längst gewöhnt. Hier eine kleine Reform, dort ein Projekt – und beim nächsten Pisa-Test scheitern sie dann doch wieder, die Kinder und Jugendlichen.
In keiner Pisa-Erhebung der vergangenen 25 Jahre haben die 15-Jährigen in Deutschland im Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften so schlecht abgeschnitten wie in jenem Vergleichstest, der heute vorgestellt wurde. Jeder dritte Neuntklässler erreicht in Mathe und beim Lesen nicht die Mindestanforderungen. Auch die Zahl der Leistungsstarken nimmt ab.

Routinemäßig beginnen jetzt die Ausreden. Sendezeit fürs Erklär-Bingo:
Die vielen Schüler, die kaum Deutsch sprechen. Die vielen Kinder, die regelmäßig austicken und den Unterricht unmöglich machen. Die vielen Eltern, die ihre Kinder zu Hause vor der Konsole parken. Von neuen Kraftanstrengungen werden Politiker sprechen und dabei schwach aussehen. Davon, dass kein Kind zurückbleiben darf, obwohl doch längst so viele verloren gehen. Sie werden auf Programme und Initiativen verweisen, deren Wirkung sich (noch) nicht zeigt.
Allein im Lesen haben die Neuntklässler im Vergleich zum Stand vor zehn Jahren den Lernfortschritt von ungefähr zwei Schuljahren verloren. Wie muss man sich das vorstellen? Jugendliche, die zwei Jahre in der Schule sitzen, aber nichts hinzulernen?
Ausgerechnet dort, wo sich die Misere anbahnt, aufbaut und schließlich entlädt, im Klassenzimmer unzähliger deutscher Schulen, im Zentrum von Bildung und Lernen, bleibt man nach jedem neuerlichen Tiefpunkt seltsam unbeteiligt.
Man würde gern wissen: Was sagen all jene zum aktuellen Pisa-Desaster, die täglich vor den Klassen stehen, deren Job es ist, ihren Schülern möglichst viel beizubringen? Glauben sie, das habe auch etwas mit ihnen zu tun? Wie dramatisch der Leistungsverlust auch ist: Schulleiter und Lehrkräfte schweigen. Befragt man sie, zeigen sie aufs Ministerium.
Es ist ein merkwürdiges Verständnis von Verantwortung, das sich hier zeigt: stets auf die Politik zu verweisen, auf das ominöse »System«. Dabei haben doch gerade die Pädagogen irre viel Verantwortung!
Ausgerechnet dort, wo sich die Misere anbahnt, aufbaut und schließlich entlädt, im Klassenzimmer unzähliger deutscher Schulen, im Zentrum von Bildung und Lernen, bleibt man nach jedem neuerlichen Tiefpunkt seltsam unbeteiligt. Dabei müssen auch die Schulen eine Antwort auf die Frage finden, warum unsere Kinder nicht mehr ausreichend lernen: Was ändern sie jetzt?
Die Politik verwaltet den Niedergang. Und die Schulen? Wirken merkwürdig unbeteiligt
Unbestritten: Man muss diese Fragen jetzt auch Karin Prien stellen, der CDU-Bildungsministerin. Herrn Söder aus Bayern und Frau Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern – all den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, die sich so festklammern an der Bildungshoheit der Länder, aber selten Kluges über Bildung zu sagen haben. Die in wechselnder Besetzung den Niedergang verwalten.
Aber: Die Frage muss endlich auch Herr Baumann aus Bremen beantworten, der dort Mathe unterrichtet. Oder Frau Weber aus Wuppertal, deren Fünftklässler keinen geraden Satz schreiben können.
Beste Bildung für jedes Kind, ganz unabhängig davon, woher es kommt: Das ist der Anspruch, dem man fast nirgends in diesem Land gerecht wird, auch das offenbart Pisa erneut auf dramatische Weise. Die Abhängigkeit zwischen Schulerfolg und Herkunft ist in Deutschland noch einmal größer geworden. In kaum einem Land werden die Kompetenzen eines Kindes so stark davon beeinflusst, welcher sozialen Schicht es angehört. Seit 25 Jahren kennt Deutschland diese schmerzhafte Schwachstelle seines Bildungssystems. Und nimmt dann doch weitgehend achselzuckend hin, dass der Schulbesuch die Zukunftsaussichten eines Kindes kaum verbessert.

Dabei kann der einzelne Lehrer so viel ausrichten. Durch Zuhören, echtes Interesse, durch einen Unterricht, der auf den Einzelnen eingeht. Ein Lehrer, der hinsieht, wie sich ein Kind entwickelt und was es für sein Lernen braucht, kann Schicksale verändern. Aber Bildungswissenschaftler stellen fest, dass individualisierter Unterricht mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen hierzulande kaum stattfindet. Dass es dem deutschen Lehrer an Autonomie fehlt, er sich zu wenig traut, das Richtige und Notwendige zu tun. Dass es zu wenig Teamarbeit gibt. Was auch bedeuten kann: Neue Ideen bleiben stecken, Schule verändert sich nicht.
Dass Kinder nicht gut lesen und rechnen können, nicht nach der vierten, nicht nach der neunten Klasse, und es möglicherweise im späteren Leben nicht mehr lernen – natürlich ist das eine Schande. Aber nicht weniger schlimm erscheint es (man könnte es auch vollkommen verrückt nennen), dass dafür niemand die Verantwortung übernimmt.
Fast die Hälfte der Schüler hat demnach den Eindruck, sie sei ihren Lehrern nicht sonderlich wichtig.
Die Schule sollte ein Ort der Zukunft sein, an dem Gleichgültigkeit nichts zu suchen hat.
Niemand verlangt von Lehrern, über Belastungsgrenzen zu gehen, weniger Ferien zu machen, auf Privilegien zu verzichten, niemand stiftet hier zum Lehrerbashing an. Aber wenn nur 56 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Pisa-Befragung sagen, dass ihre Lehrkraft Interesse am Lernen jedes einzelnen Schülers hat, dann ist das viel zu wenig. Denn fast die Hälfte der Schüler hat demnach den Eindruck, sie sei ihren Lehrern nicht sonderlich wichtig.
Spätestens morgen sollte jedes Lehrerkollegium in Deutschland eine Konferenz einberufen, um sich endlich zu fragen: Was hat Pisa mit uns zu tun?
Beitragsbild: © Eike Dingler für DIE ZEIT

