26. August 2026
Röstigraben in der Berufslehre

In der Romandie sind Stella und Esteban Aussenseiter: “Eine Lehre gilt als Verzicht auf den Erfolg”

Im Kanton Genf beginnen 15 Prozent der Jugendlichen eine Berufslehre, in Bern und Zürich sind es 70 Prozent. Warum? Viele Romands kennen die duale Ausbildung gar nicht. Dieser Beitrag ist zuerst in den Tamedia-Medien erschienen.

 

In Kürze:

  • In der Westschweiz machen deutlich weniger Jugendliche eine Berufslehre als in der Deutschschweiz.
  • Unwissen über Berufsoptionen sowie elterliche Vorurteile gelten als Hauptgründe für die tiefe Lehrlingsquote.
  • Der Kanton Waadt wirbt via Tiktok und Instagram gezielt bei Jugendlichen für die Berufslehre.
  • Laut Bildungsforschenden führt der hohe Gymnasiumsandrang in der Westschweiz zu einem Teufelskreis.

 

Benno Tuchschmid
Anna Luna Frauchiger

“Es ist schon eine Umstellung”, sagt Esteban Martinez und lacht. Seit er vor wenigen Tagen seine Berufslehre als Automatiker mit Berufsmatur begonnen hat, steht er um 5.40 Uhr auf.

Seine ehemalige Klassenkollegin Stella Tille kommt etwas später aus den Federn. Sie muss spätestens um 8.50 Uhr in der städtischen Filiale der Waadtländer Kantonalbank eintreffen. Im Blazer. Sie strahlt, wenn sie von ihrer Bankenlehre erzählt: “Ich bin endlich in der wirklichen Welt angekommen. Ich sitze nicht mehr einfach auf einem Stuhl und höre einem Lehrer zu.” Zumindest nicht mehr oft: Auch sie absolviert parallel die Berufsmatur.

Er sagt: “Ich erwecke Maschinen zum Leben, das ist total faszinierend.”

Die Lehre ist in der Romandie weniger verbreitet

Esteban Martinez (15) und Stella Tille (15) sind in der Minderheit: Sie sind Romands und machen eine Berufslehre. Das ist in der französischen Schweiz deutlich weniger üblich als in der Deutschschweiz. Im Kanton Genf waren im Schuljahr 2024/25 nur knapp 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler unter 20 zu Beginn einer mehrjährigen Ausbildung Lernende und im Kanton Waadt 34,5 Prozent, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen.

 

 

Zum Vergleich: In den Kantonen Zürich und Bern waren in der gleichen Gruppe gegen 70 Prozent Lehrlinge und in Glarus – der schweizweite Spitzenreiter in Sachen Berufsbildung – über 83 Prozent.

Der Hauptgrund: Unwissen.

Diejenigen Jugendlichen, die keine Lehre machen, haben die Option oft gar nie in Betracht gezogen, wie eine Umfrage zeigt, die der Kanton Waadt beim Forschungsinstitut GFS Bern in Auftrag gegeben hat: “Es gibt grossen Bedarf bei der Aufklärungsarbeit”, sagt Susana Camarda, Leiterin des kantonalen Amts für Berufs- und Weiterbildung. “Viele Jugendliche kennen nur die gängigsten Berufslehren – wie das KV und die medizinische Praxisassistenz. Sie wissen nicht, welche Berufe ihnen offenstehen und zu ihnen passen würden.”

Hinzu komme der Einfluss vieler Eltern, die Vorurteile gegenüber der Berufslehre hegten, so Camarda weiter: “Sie befürchten zum Beispiel, dass die Kinder später weniger gut verdienen.”

“Meine Eltern waren froh über meine Entscheidung”, sagt Stella Tille, die eine Banklehre macht. (Foto: Odile Meylan)

Stellas älterer Bruder hat auch eine Banklehre gemacht: “Deshalb waren meine Eltern sehr froh über meine Entscheidung.” Auch Esteban musste keine Überzeugungsarbeit leisten. Bei anderen in ihrer früheren Klasse sah das anders aus: Von 24 Schülerinnen und Schülern machen gerade einmal 5 eine Lehre. Stella Tille sagt, dass bei vielen Eltern das Gymnasium immer noch als Königsweg gesehen werde: “Man sieht eine Lehre zwar nicht unbedingt als etwas Schlechtes, aber doch irgendwie als Verzicht auf ein Studium und damit auf den persönlichen Erfolg.”

Die Westschweizer Kantone legen keine Obergrenze fest, wie viele Jugendliche jedes Jahr ans Gymnasium dürfen. Während sich die Maturitätsquote in den Deutschschweizer Kantonen durchschnittlich zwischen 15 und 25 Prozent bewegt, liegt sie im Kanton Waadt bei über 32 Prozent und im Kanton Genf je nach Berechnung sogar bei fast 50 Prozent.

Die Lehre hat in der Westschweiz ein Imageproblem.

 

 

Das liege auch am frankofonen Einfluss auf die Region, sagt Susana Camarda vom Waadtländer Berufsbildungsamt: Wer in Frankreich ohne “baccalauréat” – dem Pendant zur Matur – ins Berufsleben einsteigen wolle, habe es schwer. Das verunsichere in Kantonen wie Genf und der Waadt.

Laut Bildungsforscher Lorenzo Bonoli von der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB) führt der hohe Andrang ins Gymnasium in der Westschweiz zu vielen Schulabbrüchen. “Wer den Anforderungen nicht gewachsen ist, wechselt oft erst spät in eine Berufslehre.” Im Kanton Genf etwa liegt das Durchschnittsalter beim Eintritt in die Lehre bei 20 Jahren.

Hinzu kommt: “Wenn sich vor allem leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler für eine Lehre entscheiden, sind auch die Betriebe nicht immer gleich zufrieden”, so Bonoli weiter. Die Unternehmen seien deshalb weniger gewillt, in Ausbildungsplätze zu investieren – und das Lehrstellenangebot schrumpfe.

Werbung für die Berufslehre auf Tiktok und Instagram

Gleichzeitig bietet das Westschweizer System laut dem Bildungsforscher mehr Wahlfreiheit: Jugendliche in der Romandie können nicht nur zwischen Gymnasium und dualer Berufslehre wählen, sondern sich alternativ auch für eine Vollzeit-Berufsfachschule entscheiden. Diese seien viel verbreiteter als in der Deutschschweiz. Dahinter steckt laut Bonoli auch ein Mentalitätsunterschied: “Viele Leute in der Romandie empfinden es als problematisch, dass die Lernenden manchmal eher als Arbeitskräfte statt als Auszubildende behandelt werden.”

Will seinen Lehrlingslohn anlegen: Automatiker Esteban Martinez. (Foto: Odile Meylan)

Der Kanton Waadt will dafür sorgen, dass mehr Jugendliche direkt nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehrstelle antreten. Dafür hat die Regierung 2022 bereits den zweiten Massnahmeplan verabschiedet. Auf Tiktok und Instagram versuchen die Behörden die Jugendlichen direkt zu erreichen: mit Videos von Lernenden, die ihren Job vorstellen und Einblicke ins Berufsleben geben.

“Das Ziel ist, dass alle Jugendlichen den Weg wählen, der am besten zu ihnen passt. Auch das Gymnasium sollte eine wohlüberlegte Entscheidung sein”, sagt die Leiterin des Berufs- und Weiterbildungsamts, Susana Camarda. Auch beim Bund sieht man Handlungsbedarf. Im Frühling sagte Bundespräsident Guy Parmelin: “Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit die Eltern verstehen, dass die Berufsbildung unter Umständen der bessere Weg ist.”

Romandie versucht die Lehrlingsquote zu steigern

Mit dem Projekt “Go Apprentissage” versuchen auch die Genfer Behörden seit 2016, den Übergang in die betriebliche Berufsausbildung zu vereinfachen, seit 2019 steigt die Zahl der Lernenden im Kanton leicht – wenn auch auf sehr tiefem Niveau. Ein erster Erfolg zeichnet sich auch in der Waadt ab: Der Abwärtstrend bei der Lernendenquote ist gestoppt.

Stella Tille und Esteban Martinez sehen bei der Berufslehre eigentlich nur einen Nachteil: weniger Ferien.

Dafür verdienen die beiden nun Geld. Stella Tille kriegt im ersten Jahr 1000 Franken, Esteban Martinez 730 Franken. Sie möchte sich einen Töff und ein besseres Objektiv für ihre Kamera kaufen. Fotografieren ist ihr Hobby. Er möchte sein Geld anlegen. “Ich hole mir dann bei Stella ein paar Tipps.”

 

Legende Beitragsbild: «Endlich in der wirklichen Welt angekommen»: Stella Tille und Esteban Martinez sind glücklich mit ihrer Lehre. (Foto: Odile Meylan)

 

Benno Tuchschmid berichtet als Westschweiz-Korrespondent aus Lausanne.

Anna Luna Frauchiger ist Volontärin und absolviert die Diplomausbildung Journalismus am MAZ. Sie arbeitet in verschiedenen Ressorts des “Tages-Anzeigers” und der Tamedia-Zeitungen.

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